| Regie | Sacha Baron Cohen |
| Larry Charles | |
| Kinostart | 09.07.2009 |
Brüno - teils Model, teils Celebrity-Reporter und vollständig schwul - macht sich aus Österreich auf, die Vereinigten Staaten und damit auch die Welt zu erobern. Auf seiner internationalen Tour der Provokationen schreckt Brüno vor nichts und niemandem zurück, um sich ins Rampenlicht zu drängeln. Ob mit einem Guerilla-Auftritt im Klettkostüm bei einer Modenschau in Mailand, ob mit kruden Auftritten und Reality-Reportagen oder eben mit seinem schwarzen Adoptivbaby, das man als angesagter Star einfach dabei haben muss.
Claudius Seidl nennt die ganze Sache eine Schweinerei, ein Abgrund, ein Vergnügen, ein Glück. "Es geht um die Schönheit des Moments und die Wahrheit, welche nur ein Witz ans Licht befördern kann. Es geht um das, was Karl Heinz Bohrer (selbstverständlich in hochkulturell wesentlich besser abgesicherten Zusammenhängen) gern Emergenz, gar Epiphanie nennt, es geht um das, was eigentlich immer das Wesen des Kinos war: dass, wenn die Kamera erst einmal läuft, die Dinge und die Menschen ihren Eigensinn entfalten und immer etwas anderes und meistens mehr geschieht als das, was Autor und Regisseur sich so ausgedacht haben."
Der Komiker will der US-Gesellschaft den Spiegel vorhalten, das klappt dann aber nicht, meint Tobias Kniebe. "Den Menschen, die dabei vorgeführt werden - und die natürlich alles tun würden, diese Bilder ungeschehen zu machen - darf dabei auch juristisch keine Einspruchsmöglichkeit mehr bleiben. Ein grausames Verfahren, keine Frage. Man könnte aber argumentieren, dass diese Grausamkeit der einzige Weg ist, den undurchdringlichen Schutzschild unserer Fake-Kultur noch zu durchschlagen. Was vielleicht sogar ehrenwert wäre - wenn man denn wüsste, wozu."
Josef Engels bekam einiges zu sehen. "Bei Sacha Baron Cohen gibt es eben kein falsches Lachen im richtigen. Und einen erhobenen Zeigefinger benutzt er höchstens für sehr ungezogene Dinge. Das lässt seine Satiren als oft schwer fassbar erscheinen. Im Grunde macht er als Stuntman des Humors nichts anderes als jene, die er durch den Kakao zieht. In dieser Ambivalenz liegt allerdings auch der Reiz von BRÜNO (
), diesem von Regisseur Larry Charles inszeniertem Hybrid aus Dokumentar-, Spiel- und Kunst-Performance-Film."
Für Ekkehard Knörer hat der Film "ein paar lustige Stellen, funktioniert insgesamt aber nicht. Das hat strukturelle Gründe. Ohne eine überzeugende Antwort nämlich auf die Frage, was die lustvoll tabuverletzende Brachialkomik von Sacha Baron Cohen bezweckt, wäre diese nicht mehr als eine Nummernrevue, die mit dem Gelingen einzelner Szenen mal steht und mal fällt. Ohne eine solche Antwort wäre, schlimmer noch, die Tabuverletzung nichts weiter als ein Mittel zum Zweck der Belustigung, der dann die Überschreitung aller Geschmacksgrenzen heiligt. Gewiss liegt in aller Überschreitung immer auch ein Moment der Befreiung."
Sophie Albers porträtiert den Komiker.
Laut Lars-Olav Beier und Martin Wolf bricht Sacha Baron Cohen mit BRÜNO (
) die letzten Tabus der Komödie. "Das ist oft pubertär und manchmal schreiend komisch. Doch wenn Brüno für eine TV-Sendung Kleinkinder castet und von den Eltern die Einwilligung erhält, ihren Nachwuchs in Nazi-Uniformen zu stecken, stockt den Zuschauern nicht - wie so oft in BORAT - der Atem. Vielmehr bleibt das schale Gefühl einer Szene, die womöglich nicht vom wirklichen Leben, sondern von cleveren Autoren geschrieben wurde."
Sacha Baron Cohen testet die Grenzen der Political Correctness, meint Jan Kedves. "Auf einer schwulen Sexparty wären spannende Heteros auch nicht unbedingt willkommen. Wo genau liegt hier der Witz? In einer kleinen Nuance: Es wäre unwahrscheinlich, dass Schwule in derselben Situation gleich aggressiv loskollern würden: "Ich bin doch nicht für irgendwelche Heteroscheiße hierher gekommen!" Im Provozieren genau solcher Eruptionen ist Sacha Baron Cohen Meister: Momente, in denen bei ganz normalen Mainstream-Amerikanern die Ressentiments aufbrechen, die sonst von politischer Korrektheit überdeckt werden."
Daniel Kothenschulte entdeckt ein Problem. Es "beginnt in dem Augenblick, wo sich die Klamotte ("Satire" kann den Film nur nennen, wer ihn nicht gesehen hat) mit dem Mäntelchen der Aufklärung schmückt. Die Dramaturgie ist einfach: Im ersten Drittel hält das Publikum - bitte schön - den Atem an vor soviel Unkorrektheit gegenüber grotesk parodiertem schwulen Lifestyle. In der zweiten Hälfte wird dann die Homophobie des konservativen Amerika vorgeführt, und das Publikum lacht plötzlich auf der richtigen, der liberalen Seite."
Markus Keuschnigg sah ein Provokationsparcour als Sittenkomödie vom Schwachsinn im Medienzeitalter. "Sacha Baron Cohens Auftritte docken an die verschobenen Reality-Kategorien der Medienlandschaft an, mit seinen Provokationen und Überschreitungen infiltriert er – durchaus brachial und hinterfotzig – das Königreich der Selbstinszenierungen. Sein (nie öffentlich gemachtes) Ziel ist dabei hoch moralisch und, wenn man so will, edel: Die angewandten Schocktaktiken sollen und müssen den Zusehern die Gemachtheit jedweder medialen Information und Unterhaltung vor Augen führen."
BRÜNO (
) ist kein Film für jeden Geschmack, aber einer, der die Sehgewohnheiten verändert, meint Harald Peters. Ständig ist von Dingen "wie die Kugelsack und Arschwitz die Rede, was nicht umsonst wie Auschwitz klingt. Überhaupt fallen Naziwitze im Minutentakt. Ist das jetzt komisch, befreiend, geschmacklos oder spekulativ? Was Sacha Baron Cohen damit sagen möchte, wird man wahrscheinlich nie erfahren. Konsequent hält er das Publikum in einem Zustand der Unsicherheit, weil es nie so genau weiß, ob der Witz witzig ist oder ob es witzig ist, dass man den mutmaßlichen Witz witzig findet."
Jan Schulz-Ojala hat sieben Gründe, warum die Story um den schwulen Showman nicht so witzig ist, wie sie gerne wäre. "Die Erschütterung, die BORAT für die dumpfe Mentalitätsmittellage nicht nur in Amerika bedeutete, ist der Sketch-Parade eines Komikers gewichen, der sich häuslich in seiner Rolle als Hollywood-Hofnarr einrichtet – mit entsprechend raren Genialitätsfunken von gesellschaftsrelevanter Schärfe. Stark wirkt allein Sacha Baron Cohens Auftritt als schwulenhassender Supermacho in einem Wrestling-Gitterkäfig."
Jedwede nur irgend denkbare Gruppe wird satirisch angepeilt, entdeckt Anke Westphal. "Die Szene, in der sich Brüno von LaToya die Nummer von Michael Jackson erschleicht, wurde übrigens vor dem US-Start des Films herausgeschnitten aus Respekt vor dem toten Popstar. Ein Verlust ist das nicht: Authentizität wird ohnehin nicht garantiert bei diesem teilweise in Guerilla-Manier verfertigten, teilweise aber auch penibel inszeniertem Film. Man nennt solche Fake-Dokumentationen Mockumentaries. Als subversives Medium werden sie vielleicht irgendwann wichtiger sein als Dokumentarfilme."
Laut Stefan Gärtner hat der Film nichts mit Humor, aber viel mit Satire zu tun. "Heiße dieses Verfahren, das der allzumenschlichen Gemeinheit das Sprachrohr hinhält, nun Reality Comedy oder Aktionssatire, wie bei der Titanic: In Zukunft sei bitte nicht mehr von "Realsatire" die lose Rede. Denn Realität gehört halt meistens erst mal freigelegt, idealerweise von rücksichtslosen, die Parodie mit der verdeckten Ermittlung so glücklich verschränkenden Spitzensatirikern wie Sacha Baron Cohen."
Natürlich erweitert Sacha Baron Cohen in dieser Hinsicht wieder einmal die Skala dessen, was bisher unter "Bad Taste" firmierte, schreibt Dominik Kamalzadeh. Es gibt auch "Momente, in denen Cohens eigene jüdische Wurzeln durchscheinen, die in die aufklärerische Stoßrichtung seines Humors hineinragen. Sie mögen auch der Grund sein, warum er den dümmlichen Mode-Experten mit einer österreichischen Herkunft versehen hat. Sie spielt im Film zwar kein allzu prominente Rolle, erlaubt es aber, ein konsonantenreiches Kauderwelsch zu sprechen, in das sich auch immer wieder kleine Seitenhiebe auf die Nazi-Vergangenheit des Landes verstecken - und sei es nur, dass er von einem bestimmten Körperteil als seinem Arschwitz spricht."
Jan Kedves weiß, dass dies die erste Figur ist, die sich Sacha Baron Cohen ausgedacht hat. "Nur zu gerne würde man dabei auch mal eine Doku darüber sehen, wie der gläubige Jude Baron Cohen, der mit Verlobter und gemeinsamer Tochter in Los Angeles lebt, mit einer Armada von eingeweihten Mitstreitern und Fake-Webseiten die Illusion aufrechterhält, es handele sich um ernsthafte Interviewanfragen – bis vor der Kamera die Bombe platzt. So aufwendig jedenfalls ist auch die juristische Nachbereitung seiner Drehs, dass die Summe von 42,5 Millionen Dollar, die Universal Pictures dem Schockhumoristen für die Rechte an BRÜNO (
) zahlte, sofort gerechtfertigt erscheint."
Steve Rose glaubt, dass BRÜNO das letzte Undercover-Comedy-Projekt des Briten Sacha Baron Cohen ist. Er "ein erstaunlicher politischer Provokateur, der es auf geniale Weise schafft, ernsthafte gesellschaftliche Themen anzusprechen und gleichzeitig seinen Exhibitionismus auszuleben. BRÜNO (
) ist am lustigsten, wo er politisch inkorrekt ist. So gibt es eine schwer zu ertragende Szene, in der er vor den Augen eines Hellsehers pantomimisch dem Geist eines verstorbenen Milli Vanilli-Mitgliedes einen bläst, unterbrochen von Bildern extremer homosexueller Sexualpraktiken. Manches davon ist saukomisch. Es fällt allerdings schwer zu sagen, ob Cohen homophobe Einstellungen damit verspottet oder vielmehr perpetuiert."
Tobias Timm entdeckt das Problem des Films. "So goutiert man zwar den Schrecken und die Komik in den dokumentarischen Szenen, etwa, wenn Brüno einen sehr ernsten Mossad-Agenten und einen nicht weniger ernsten palästinensischen Politiker mit der Verwechslung von Hamas und Hummus, der Brei aus Kichererbsen, irritiert. Doch die Witze wiederholen sich, werden lahmer und noch lahmer."
Linksammlung zum Film.
Als deutscher Journalist schlich sich Sacha Baron Cohen bei der Nationalgarde in Alabama ein.
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