| Regie | Alain Resnais |
| Kinostart | 22.04.2010 |
Birte Lüdeking lobt den Regisseur. "Unter der artifiziellen, verspielten Oberfläche verbirgt sich aber ein wirklichkeitsnaher, melancholischer Kern über das Wesen von Sehnsucht und Vorstellungen. Darüber, wie bereits ein einzelnes Bild die Imagination ankurbelt und einen Erwartungsprozess in Gang setzt. Für Georges ist es Marguerites Pilotenschein, für den Zuschauer von Vorsicht Sehnsucht kann es die erste Einstellung des Films sein. Beide müssen sich auf Unerwartetes gefasst machen. "Nach dem Kino kann einen nichts überraschen, alles ist möglich", meint Georges einmal. Alain Resnais’ abenteuerfreudiges Werk ist hierfür ein schöner Beleg."
Für Kerstin Decker ist VORSICHT SEHNSUCHT (
) ein perfektes Zusammenspiel zwischen Schauspielern und Regisseur: "Wie der alte Georges ist auch der alte Alain Resnais ein Mensch mit großer Phantasie. Man geht alle Ab- und Irrwege gern mit ihm, wohl ahnend, dass es 99 Möglichkeiten gibt, dieses hoch zarte Sujet – nach einem Roman von Christian Gailly – zu verderben und nur eine des Gelingens."
Katja Nicodemus bewundert die Perfektions eines Meisters: "Es gehört zur schönen Dialektik dieses Projekts, dass sich solche "Krautigkeiten" nur ein Film leisten kann, der mit geschmeidiger Meisterschaft gemacht wurde. Zusammengehalten wird Vorsicht Sehnsucht (
) durch das boulevardeske Spiel von Alain Resnais’ Lieblingsdarstellern André Dusollier und Sabine Azema. Es herrscht eine virtuose Überzogenheit des Ausdrucks, eine trotz des Liebesernstes heitere Atmosphäre der Künstlichkeit. Licht und Farben verbinden sich zu einem weich ausgeleuchteten studiohaften Kino-Ambiente."
Auch bei VORSICHT SEHNSUCHT (
) staunt Daniel Kothenschulte wieder über Alain Resnais' Genauigkeit im Absurden. "Genau darin versteht der bald 88-jährige Alain Resnais das Geheimnis des Kinos so viel besser als alle Nostalgiker: Man kann es nicht vermitteln, wenn man nur von seinen Klassikern, dem Kanon des Bekannten, spricht. Das Glück im Kino ist immer ein Finderglück, nicht ein Kennerglück. Deshalb kann man diesen wunderbaren Filmemacher Alain Resnais auch viel besser entdecken, wenn man sich statt des Klassikers LETZTES JAHR IM MARIENBAD an einen kleinen Film hält: "Je t´aime, Je t´aime"."
Lukas Foerster erkennt einen würdigen Film des Altmeisters Alain Resnais: "Das eigentliche Genie Resnais' artikuliert sich darin, dass es ihm gelingt, diesen im Sprachlichen noch recht naheliegenden Modus eines gezielten und kontrollierten Verlusts von Kohärenz und von Sinnzusammenhang ins Bildliche zu übersetzen. Wie er auch Kamerafahrten, Montagesequenzen und Farbdramaturgien abschweifen, sich ins Wort fallen, mitten im Satz stocken und wieder neu ansetzen lässt. Wie er dabei auf jedes Netz, jeden doppelten Boden verzichtet und doch nie im strukturlosen Chaos landet."
Gerhard Midding lobt den Altmeister. "Die Montage von Hervé de Luze treibt ein exzentrisches Spiel mit der Verschiebung und dem Insistieren, das an Resnais’ frühes Meisterwerk Muriel oder die Zeit der Wiederkehr erinnert; auch dies eine Geschichte über Liebende, die nicht zusammenfinden können. Vorsicht Sehnsucht knüpft daran an in einem Gestus des entschiedenen Zögerns, der Revision der Gesten. Nur eines scheint gewiss: seine Figuren mögen unentschlossen sein, ihr Regisseur ist es nicht."
Ulrich Kriest ist angetan. "Am Ende dieser letzten Kamerabewegung stellt ein kleines Mädchen eine rätselhafte Frage: das nächste Abenteuer könnte beginnen, aber für heute ist erst einmal Schluss. 103 Minuten lang hat Meister Alain Resnais gezeigt, was man anstellen kann mit Bildern, Tönen und Bewegungen. Im Presseheft schwärmt er von der Musikalität der Vorlage. Greift man diese Idee auf, dann ist VORSICHT SEHNSUCHT (
) eine jazzige Improvisation über einen Jazz-Standard. Kein Free Jazz, aber nicht allzu weit davon entfernt."
Es sind nur laut Thomas Warnecke leider nur "einzelne Momente und Gags, denen gelingt, was Alain Resnais hier wohl ausschließlich will: zu unterhalten. Was aber sentimental und milchig-bunt zugedeckt scheint und den dann doch in Maßen anrührenden Kern des Films ausmacht, ist eine leicht impotente Traurigkeit: Daß da mal etwas war, das Begehren hieß, und daß sich das doch irgendwie einstellen müßte, aber keiner weiß mehr genau, wie das geht. Leiden schafft nur noch der Zahnbohrer."
Als Hommage ans Kino bezeichnet Tamara Danicic den Film. "Als "Filmemacher der Imagination" hat Alain Resnais sich selbst einmal bezeichnet. Insofern lässt sich der Satz, den der kauzige Erzähler anlässlich eines gemeinsamen Kinobesuchs der beiden Filmhelden formuliert, durchaus programmatisch verstehen: "Wenn man aus dem Kino kommt, überrascht einen nichts mehr. Alles kann passieren". Man sollte nur bereit dafür sein. ... Wenn's nach dem französischen Altmeister Alain Resnais geht, dann braucht man mit der Sehnsucht keineswegs vorsichtig umzugehen. Und schon gar nicht mit der Lust am Fabulieren. Wer Lust auf cineastische Abwege hat sitzt hier richtig - für alle anderern gilt: Obacht - Kunst!"
Margret Köhler sah ein romantisches Drama mit geistreichen Dialogen. "Die Stimme des Erzählers lässt vieles ahnen, auch den Tod. Wie aus den absurden Flirtinitativen und irrationalen Handlungen Zorn und Verletzung erwachsen, das zeichnet das romantische Drama in magischen nächtlichen Bildern von Eric Gautier und einer gelungenen Verknüpfung von Charme, Ironie und Melancholie. Die eng an die Vorlage angelehnten Dialoge strotzen vor unterschwelligen Andeutungen, und es macht Spaß, in den filigranen Wortspielen auf unterschiedlichen Ebenen die wahren Bedeutungen und Zeichen zu lesen."
Michael Meyns wünscht sicht, den Film "sehen können, wie man ein Buch liest, mit der Möglichkeit zurückzublättern, die subtil reichhaltigen Voice-Over Kommentare, die zudem von verschiedenen Personen stammen, noch mal zu hören, genau wahrnehmen zu können, zurückzublicken, um visuelle Dopplungen zu erkennen oder einfach um pointierte Dialogszenen noch mal sehen zu können. Ein enorm reichhaltiger Film, von betörender Eleganz, großer Komplexität, wie man sie von einem der letzten ganz großen Meister des Kinos erwartet kann."
Überblick zum Film auf moviepilot.de
Anke Westphal sah "eine eigentlich bezaubernde Studie über Macht wie Verhängnis der Imagination, die dann zu einem banalen Ende findet. Sabine Azéma und André Dussollier spielen zwei wohl situierte Menschen jenseits der Lebensmitte, als sie sich begegnen - sie Single, er verheiratet, aber in der Krise. Ihr wird die Tasche gestohlen, er findet die von Dieben weggeworfenen Papiere. Am Ende schickt Alain Resnais das Ehepaar und die Neue in ein Flugzeug. Ahnen Sie was?"
Daniel Kothenschulte ist begeistert. "Die Geschichte beginnt mit einer Banalität, wie man sie einem guten Geschichtenerzähler als Ansporn zuwerfen könnte, damit er sie in kunstvoller Verve ausschmücke ... genau darin versteht Alain Resnais das Geheimnis des Kinos so viel besser als alle Nostalgiker: Man kann es nicht vermitteln, wenn man nur von seinen Klassikern, dem Kanon des Bekannten, spricht. Vielleicht ist es Alain Resnais' letzter Film, doch welch ein Abschied wäre ihm damit gelungen."
"Die Geschichte ist ungewöhnlich, aber letztendlich nicht immer einfach nachvollziehbar und es gibt ein paar Andeutungen, mit denen Spannung aufgebaut wird, die dann nicht aufgelöst wird. Zuviel soll hier aber nicht verraten werden. Und ganz am Ende gibt es dann noch einen Schlusssatz obendrauf, dessen Bedeutung im Dunklen bleibt. Es besteht die Vermutung, dass diese letzte Szene entweder nur hinzugefügt wurde, um das Publikum zu verwirren, oder dann weil der Satz Alain Resnais so gut gefiel, dass er ihn unbedingt einmal irgendwo und irgendwann in einem Film noch platzieren wollte. Der Mann ist schliesslich schon 87..."
Alain Resnais stellt "unter Beweis, dass er noch immer der Meister der boulevardesken Komödie ist. Originell, hintergründig und farbenfroh geriet ihm die Romanze zwischen dem Finder und der Eigentümerin einer gestohlenen Brieftasche, die beider Welt aus den Fugen geraten lässt."
Der Film fühlt sich laut Michael Sennhauser an "wie ein munterer kleiner Fluss, der unaufhaltsam gluckernd seinen Lauf nimmt. "Es ist ein Schauspielerfilm, wie meist bei Alain Resnais, ein grosses, choreographiertes und sprachlich ausgefeiltes Spiel mit Situationen und Stimmungen, emotionalen Paradoxen und urkomischen Fehlreaktionen. Das Erstaunlichste am ganzen Film ist die Leichtikeit seines Fliessens. Die Kamera ist immer leicht in Bewegung, sei es vom Kran aus oder im Schwenk oder in einem kurzen Travelling. Und die unaufhaltsame Bewegung durch die erzählte Zeit hindurch (unterbrochen durch Flashbacks) wird verstärkt durch den musikalisch eigenwilligsten Score, den ich in den letzten Tagen hier in Cannes wahrgenommen habe."