| Regie | Ang Lee |
| Kinostart | 03.09.2009 |
Eigentlich träumt der junge Elliot Tiber (Demetri Martin) von einer Karriere als Innendesigner. Doch das Motel seiner Eltern läuft alles andere als berauschend, und so hockt er weiter in seinem heimatlichen Kaff und sinnt nach einer Idee, wie er die Geschäfte wieder ins Laufen bringen könnte. Als er aus der Zeitung erfährt, dass einem groß angekündigten Open Air Konzert in New York die Erlaubnis entzogen wurde, wittert Elliot die Chance: Er bietet er den Veranstaltern ganz einfach die Kuhwiese hinter dem elterlichen Grundstück als Austragungsort an ...
Eine der wichtigsten dramaturgischen Setzungen jedoch ist die konsequente Verweigerung, das eigentliche Konzertereignis zu bebildern, meint Robert Zimmermann. "Authentizität behauptet der Film zudem durch einen anderen Kniff: Wie Michael Wadleighs mythosbegründende Dokumentation Woodstock von 1970, erzählt auch Lee seinen Film teilweise in Split-Screens und stellt sich so ästhetisch in einen unmittelbaren Kontext zu den offiziellen Bildern. Taking Woodstock (
) ist ein fröhlicher Film, ein zeitgenössischer Trip zum vermeintlichen Gefühl einer ganzen Generation, drogenfrei konsumierbar und dennoch von rauschhafter Wirkung. Und mit Sicherheit nach Michael Wadleighs oscarprämiertem Dokumentarfilm ein weiterer amtlicher Woodstock-Film, der den Mythos am Leben hält."
Dies ist kein Woodstock-Film, konstatiert Jörg Lau. "Aber hier geht es im Grunde, wie so oft bei Ang Lee, um die Lebenswege einiger nicht ganz normaler Individuen, die vom Wind des Wandels erfasst werden. Diesmal ist es kein Eissturm, der Menschen von ihrem Weg abbringt und ihre Beziehungen zertrümmert – wie in dem gleichnamigen Film. ... Es macht Spaß, sich die Rückseite des berühmten Festivals von Ang Lee ausmalen zu lassen. Aber hier liegt auch ein Problem des Films: Im Vergleich zu Ang Lees großen Melodramen wie Eissturm, Brokeback Mountain oder Gefahr und Begierde (
) wirkt Taking Woodstock (
) irgendwie spannungslos. Und das ist ausgerechnet bei diesem Thema dann doch misslich."
Daniel Sander entdeckt den Reiz des Film: keine besondere dramatische Fallhöhe zu besitzen. "Woodstock steht eben für die Abwesenheit aller Konflikte, für Spaß und Frieden und freie Liebe, und das ist es auch, was Ang Lee im Sinn hat. Taking Woodstock (
) besteht aus kleinen, unaufgeregten Episoden, die ganz beiläufig den Geist einzufangen versuchen, der damals diese Generation junger Menschen prägte. Elliot Teichberg (der später als Elliot Tiber mit seinen Memoiren die Vorlage für Taking Woodstock (
) lieferte) mag nicht die wichtigste Person sein, die damals dabei gewesen ist. Wichtig ist, dass er dabei war und wie und warum dieses Ereignis sein Leben verändert hat."
Als psychedelisch, provinziell und parallel zur Mondmission, bezeichnet Fritz Göttler die ganze Sache. Der Kritiker "sieht in diesem Film, was das für ein Kuhdorf war, in dem das Ufo Woodstock landete. Und was für utopische Momente im Provinziellen stecken in Amerika. Der neue junge trifft den alten amerikanischen Traum - der wird von Imelda Staunton grandios verkörpert, als verkniffene, humpelnde, gehetzte, pogromverschreckte Mutter. Wenn die Jungs, die Woodstock auf die Beine stellen, auf den Weiden um Bethel auftauchen, das ist, wie wenn in arkadischen Landschaften die antiken Götter erste Schritte machen unter den Sterblichen. Ang Lee zeigt die Schönheit dieser Momente, und wo Schönheit ist, das zeigt er auch, ist die Lächerlichkeit nicht weit. Und das Glück ist unzuverlässig und wird nicht dauern."
Der Milieuspezialist Ang Lee hat laut Edo Reents "keinen Film über Rockmusik gemacht, sondern ein Lehrstück kommunaler Politik. Ihn interessieren die finanziellen, logistischen und vor allem psychologischen Voraussetzungen mehr als das Ereignis selbst. Mit ruhiger Hand und sanft-kauziger Komik erzählt er vom Einfall unzähliger Hippies in das Dorf Bethel, von Drogen, Nacktheit und den unvermeidlichen, aber bald überwundenen Anwohneranimositäten, vom Verkehrschaos und dem Freiheitsbegriff, der schließlich im kollektiven Bewusstsein zu keimen beginnt."
Der Regisseur beweist seine Vielseitigkeit, meint Bert Rebhandl. "Da Ang Lee nicht auf originale Filmaufnahmen zurückgreifen wollte, verschwindet Woodstock hier schon in einer Rezeption, die es aussehen lässt wie einen großen Traum. Diese letztendlich sehr idealistische Perspektive nimmt dem Film viel von seiner gedanklichen Schärfe, und die ganze Form der Darstellung kippt in die Karikatur und die Satire. Wäre nicht der sehr gut besetzte Hauptdarsteller Demetri Martin, dies wäre im Grunde eine Freak Show, die in jedem Moment die Vorurteile der ländlichen Bevölkerung gegenüber den Hippies bekräftigt."
Jan Schulz-Ojala stellt fest: "Umhauen will Ang Lee, Regisseur von Taking Woodstock (
), wohl niemanden; lieber berührt, verführt, verzaubert er – und verändert so das Publikum auf seine Weise. Auch konkurriert er in seiner Woodstock-Hommage bewusst nicht mit dem Wadleigh-Film, der seine Kraft aus der dokumentarischen Aufzeichnung des historischen Augenblicks und vor allem aus dem Zentrum des Geschehens gewann."
Laut Michael Kohler feiert der Film den Hippietraum und nimmt das böse Erwachen in den Zwischentönen bereits vorweg. "Obwohl dem Publikum sämtliche Festivalhöhepunkte vorenthalten werden, fehlt einem beinahe nichts. Taking Woodstock (
) bezaubert durch seinen Reichtum an Charakteren, durch die Lebensfreude, die er nicht nur darstellt, sondern in beinahe jeder Einstellung transportiert. Und nicht zuletzt erzählt der Film in seiner Hauptfigur davon, dass, auch wenn die gesellschaftliche Revolution nicht stattfand, sie doch das Leben jedes einzelnen veränderte."
Linksammlung zum Film.
Anstatt eine Rekonstruktion des Festivals zu leisten, weicht Ang Lee auf eine mild komische Familiengeschichte aus, die im Tonfall an seine frühen taiwanischen Filme erinnert, schreibt Dominik Kamalzadeh. "Im Mittelpunkt steht ein etwas unsicherer junger Mann, der das Festival mitinitiiert, ohne dessen Tragweite zu erahnen. Auch der Reiz von TAKING WOODSTOCK (
) liegt darin, dass er ein historisches Ereignis eher umläuft, als es von innen zu deuten: Nur einmal ist die Bühne zu sehen, wabernd wie eine Insel im bunt schillernden Meer."
Als beschwingte Komödie bezeichnet Andreas Borcholte den Film. Die Bewunderung des Regisseurs für "das Event, das er als 14-Jähriger in Taiwan nur über Medienberichte miterlebte, durchwirkt jede Minute des Films, der mit Split-Screen-Einstellungen und körnigen Bildern auch der berühmten Dokumentation von Michael Wadleigh die Ehre erweist. Fast beiläufig und mit viel Sinn für die komischen Momente des Zusammenpralls von entspannten Hippies mit den konservativen Landbewohnern erweist Ang Lee einem geschichtlichen Moment seine Reverenz, in dem das Wort Freiheit keine Floskel war, sondern sich auf alles anwenden ließ: Auf die sexuelle Orientierung, auf das Tragen von Kleidung - oder auf das Veranstalten eines freien Konzerts."
Anke Westphal hätte gern etwas mehr erwartet. "TAKING WOODSTOCK (
) ist eine liebevolle und unterhaltsame, aber irgendwie auch unnötige Hommage, die dem Zuschauer nichts Neues mitteilt, auch nicht im ästhetischen Sinn: Ang Lee setzt in seinem Spielfilm eben jene Splitscreens ein, die schon in Michael Wadleigh berühmter Dokumentation über das Woodstock-Festival aus dem Jahr 1970 die Vielfalt und Lebendigkeit des Geschehens spiegelte. TAKING WOODSTOCK (
) wirkt ein wenig wie ein kleines Museum, dessen Steine Ang Lee auch pflichtbewusst verbaut hat."
Sonnig nennt Jan Schulz-Ojala den Film. In diesem "liebevollen nachgetragenen Beitrag zum Loveand-Peace-Weltereignis von 1969 treten unter anderem auf: Elliott (Demetri Martin), seine hinreißend resolute Mutter (Imelda Staunton), sein hinreißender Pantoffelheld von Vater (Henry Goodman), das heruntergekommene Motel der Familie – und ganz, ganz viele bis ins wallende Schamhaar liebevoll ausstaffierte Statisten-Hippies."
Daniel Kothenschulte ist eher über das Publikum enttäuscht, als über den Film. "Dass aus dem "Coming of age" (der wahre Elliot war damals bereits 34) auch noch ein Coming out wird, mag Fans des Regisseurs von BROKEBACK MOUNTAIN nicht wundern. Tatsächlich aber reagierte das Publikum in Cannes eher gelangweilt auf den höchst elegant inszenierten Film, der vom meinungsbildenden Branchenblatt "Variety" als "inkomplett" verrissen wurde. Dabei sind die Auslassungen gerade der Coup."
Hanns-Georg Rodek ist enttäuscht. "Wir sehen love-ins und entrüstete Altvordere, Geschäftemacherei und Cops mit Blumen im Haar, und wir sehen jede Menge Drogenkonsum (dessen ungeteilt positive Darstellung in einem Film der Jetztzeit die größte Überraschung ist). Ang Lee bekommt das große Panorama in den Griff, obwohl er dem Bild, das von Woodstock in der kollektiven Erinnerung existiert, wenig Neues hinzuzufügen hat. Doch bei den Dutzenden von Figuren, die eine Rolle spielen, und bei den Tausenden, die im Hintergrund zu dirigieren sind, bleibt Ang Lees Stärke auf der Strecke. Nie haben wir zuvor einen Ang Lee gesehen, dessen Charaktere so stereotyp, teilweise sogar Karikaturen ihrer selbst waren."
Suzan Vahabzadeh lobt den Regisseur. "Die Ästhetik der Sechziger (und vor allem der Woodstock-Dokumentation) übernimmt ganz langsam und augenzwinkernd diesen Film, mit Splitscreens und nachgestellten Doku-Sequenzen. Die schönste, aufwendigste ist eine lange und bekifft langsame Fahrt die Straße zum Konzert entlang, vorbei an fröhlichen Polizisten und seligen Blumenkindern, Vietnamdemonstranten und Predigern der freien Liebe. Diese Kamerafahrt, Elliot und überhaupt der ganze Film kommen beim eigentlichen Festival nie an - es bleibt, wie für die meisten Menschen, ein entferntes Leuchten in der Nacht, von dumpfen Klängen untermalt."
Michael Sennhauser ist begeistert. Der Film ist randvoll mit goldenen Momenten und Querverweisen. "Rund um den Film werden unweigerlich die Vorwürfe auftauchen, dass Ang Lee den Dreck, den Mangel an sanitären Anlagen, die Unterversorgung und die massiven Sicherheitsprobleme des dreitätigen Konzertes herunterspiele. Aber das trifft nicht wirklich zu, denn der Film lebt davon, dass er allen durchaus gezeigten Widrigkeiten zum Trotz seine Figuren nie aufgeben lässt, dass er eigentlich in einer Schlüsselszene sogar genau diese Magie beschwört, von der man heute nicht mehr weiss, ist sie Legende oder enspricht sie den Tatsachen."