| Regie | Ang Lee |
| Kinostart | 03.09.2009 |
Eine der wichtigsten dramaturgischen Setzungen jedoch ist die konsequente Verweigerung, das eigentliche Konzertereignis zu bebildern, meint Robert Zimmermann. "Authentizität behauptet der Film zudem durch einen anderen Kniff: Wie Michael Wadleighs mythosbegründende Dokumentation Woodstock von 1970, erzählt auch Lee seinen Film teilweise in Split-Screens und stellt sich so ästhetisch in einen unmittelbaren Kontext zu den offiziellen Bildern. Taking Woodstock (
) ist ein fröhlicher Film, ein zeitgenössischer Trip zum vermeintlichen Gefühl einer ganzen Generation, drogenfrei konsumierbar und dennoch von rauschhafter Wirkung. Und mit Sicherheit nach Michael Wadleighs oscarprämiertem Dokumentarfilm ein weiterer amtlicher Woodstock-Film, der den Mythos am Leben hält."
Dies ist kein Woodstock-Film, konstatiert Jörg Lau. "Aber hier geht es im Grunde, wie so oft bei Ang Lee, um die Lebenswege einiger nicht ganz normaler Individuen, die vom Wind des Wandels erfasst werden. Diesmal ist es kein Eissturm, der Menschen von ihrem Weg abbringt und ihre Beziehungen zertrümmert – wie in dem gleichnamigen Film. ... Es macht Spaß, sich die Rückseite des berühmten Festivals von Ang Lee ausmalen zu lassen. Aber hier liegt auch ein Problem des Films: Im Vergleich zu Ang Lees großen Melodramen wie Eissturm, Brokeback Mountain oder Gefahr und Begierde (
) wirkt Taking Woodstock (
) irgendwie spannungslos. Und das ist ausgerechnet bei diesem Thema dann doch misslich."
Daniel Sander entdeckt den Reiz des Film: keine besondere dramatische Fallhöhe zu besitzen. "Woodstock steht eben für die Abwesenheit aller Konflikte, für Spaß und Frieden und freie Liebe, und das ist es auch, was Ang Lee im Sinn hat. Taking Woodstock (
) besteht aus kleinen, unaufgeregten Episoden, die ganz beiläufig den Geist einzufangen versuchen, der damals diese Generation junger Menschen prägte. Elliot Teichberg (der später als Elliot Tiber mit seinen Memoiren die Vorlage für Taking Woodstock (
) lieferte) mag nicht die wichtigste Person sein, die damals dabei gewesen ist. Wichtig ist, dass er dabei war und wie und warum dieses Ereignis sein Leben verändert hat."
Jan Schulz-Ojala stellt fest: "Umhauen will Ang Lee, Regisseur von Taking Woodstock (
), wohl niemanden; lieber berührt, verführt, verzaubert er – und verändert so das Publikum auf seine Weise. Auch konkurriert er in seiner Woodstock-Hommage bewusst nicht mit dem Wadleigh-Film, der seine Kraft aus der dokumentarischen Aufzeichnung des historischen Augenblicks und vor allem aus dem Zentrum des Geschehens gewann."
Laut Michael Kohler feiert der Film den Hippietraum und nimmt das böse Erwachen in den Zwischentönen bereits vorweg. "Obwohl dem Publikum sämtliche Festivalhöhepunkte vorenthalten werden, fehlt einem beinahe nichts. Taking Woodstock (
) bezaubert durch seinen Reichtum an Charakteren, durch die Lebensfreude, die er nicht nur darstellt, sondern in beinahe jeder Einstellung transportiert. Und nicht zuletzt erzählt der Film in seiner Hauptfigur davon, dass, auch wenn die gesellschaftliche Revolution nicht stattfand, sie doch das Leben jedes einzelnen veränderte."
Linksammlung zum Film.
Anstatt eine Rekonstruktion des Festivals zu leisten, weicht Ang Lee auf eine mild komische Familiengeschichte aus, die im Tonfall an seine frühen taiwanischen Filme erinnert, schreibt Dominik Kamalzadeh. "Im Mittelpunkt steht ein etwas unsicherer junger Mann, der das Festival mitinitiiert, ohne dessen Tragweite zu erahnen. Auch der Reiz von TAKING WOODSTOCK (
) liegt darin, dass er ein historisches Ereignis eher umläuft, als es von innen zu deuten: Nur einmal ist die Bühne zu sehen, wabernd wie eine Insel im bunt schillernden Meer."
Als beschwingte Komödie bezeichnet Andreas Borcholte den Film. Die Bewunderung des Regisseurs für "das Event, das er als 14-Jähriger in Taiwan nur über Medienberichte miterlebte, durchwirkt jede Minute des Films, der mit Split-Screen-Einstellungen und körnigen Bildern auch der berühmten Dokumentation von Michael Wadleigh die Ehre erweist. Fast beiläufig und mit viel Sinn für die komischen Momente des Zusammenpralls von entspannten Hippies mit den konservativen Landbewohnern erweist Ang Lee einem geschichtlichen Moment seine Reverenz, in dem das Wort Freiheit keine Floskel war, sondern sich auf alles anwenden ließ: Auf die sexuelle Orientierung, auf das Tragen von Kleidung - oder auf das Veranstalten eines freien Konzerts."
Anke Westphal hätte gern etwas mehr erwartet. "TAKING WOODSTOCK (
) ist eine liebevolle und unterhaltsame, aber irgendwie auch unnötige Hommage, die dem Zuschauer nichts Neues mitteilt, auch nicht im ästhetischen Sinn: Ang Lee setzt in seinem Spielfilm eben jene Splitscreens ein, die schon in Michael Wadleigh berühmter Dokumentation über das Woodstock-Festival aus dem Jahr 1970 die Vielfalt und Lebendigkeit des Geschehens spiegelte. TAKING WOODSTOCK (
) wirkt ein wenig wie ein kleines Museum, dessen Steine Ang Lee auch pflichtbewusst verbaut hat."
Sonnig nennt Jan Schulz-Ojala den Film. In diesem "liebevollen nachgetragenen Beitrag zum Loveand-Peace-Weltereignis von 1969 treten unter anderem auf: Elliott (Demetri Martin), seine hinreißend resolute Mutter (Imelda Staunton), sein hinreißender Pantoffelheld von Vater (Henry Goodman), das heruntergekommene Motel der Familie – und ganz, ganz viele bis ins wallende Schamhaar liebevoll ausstaffierte Statisten-Hippies."
Daniel Kothenschulte ist eher über das Publikum enttäuscht, als über den Film. "Dass aus dem "Coming of age" (der wahre Elliot war damals bereits 34) auch noch ein Coming out wird, mag Fans des Regisseurs von BROKEBACK MOUNTAIN nicht wundern. Tatsächlich aber reagierte das Publikum in Cannes eher gelangweilt auf den höchst elegant inszenierten Film, der vom meinungsbildenden Branchenblatt "Variety" als "inkomplett" verrissen wurde. Dabei sind die Auslassungen gerade der Coup."
Michael Sennhauser ist begeistert. Der Film ist randvoll mit goldenen Momenten und Querverweisen. "Rund um den Film werden unweigerlich die Vorwürfe auftauchen, dass Ang Lee den Dreck, den Mangel an sanitären Anlagen, die Unterversorgung und die massiven Sicherheitsprobleme des dreitätigen Konzertes herunterspiele. Aber das trifft nicht wirklich zu, denn der Film lebt davon, dass er allen durchaus gezeigten Widrigkeiten zum Trotz seine Figuren nie aufgeben lässt, dass er eigentlich in einer Schlüsselszene sogar genau diese Magie beschwört, von der man heute nicht mehr weiss, ist sie Legende oder enspricht sie den Tatsachen."