DAS WEISSE BAND

film-zeit Film: DAS WEISSE BAND
Regie Michael Haneke
Kinostart 29.11.2009

Inhalt • DAS WEISSE BAND

Ein Dorf im protestantischen Norden Deutschlands. 1913/14. Vorabend des Ersten Weltkriegs. Die Geschichte des vom Dorflehrer geleiteten Schul- und Kirchenchors. Seine kindlichen und jugendlichen Sänger und deren Familien: Gutsherr, Pfarrer, Gutsverwalter, Hebamme, Arzt, Bauern - ein Querschnitt eben. Seltsame Unfälle passieren und nehmen nach und nach den Charakter ritueller Bestrafungen an. Wer steckt dahinter?

Pressespiegel • DAS WEISSE BAND

23. Mai 2009 | 

Cristina Nord mag die Widerstands-Bilder. "Die Ernsthaftigkeit der mise en scène steht dabei manchmal in einem merkwürdigen Kontrast dazu, dass den Geheimnissen, die unter der Oberfläche der Wohlanständigkeit lauern, etwas Vorhersehbares eignet. Beeindruckend geraten Michael Haneke vor allem die Bilder des Widerstands: Aus Wut auf den Baron verwüstet ein Bauernbursche mit der Sense ein Kohlfeld; die Tochter des Pfarrers tötet dessen Wellensittich mit einer Schere. Die Leiche des Vogels ordnet sie zusammen mit der Schere auf dem Schreibtisch des Vaters so an, dass ein Kreuz entsteht."

23. Mai 2009 | 

Fotografiert in klinischem Schwarzweiß, gibt sich Michael Hanekes neues Lehrstück in seiner Lesart laut Daniel Kothenschulte "früh zu erkennen: Zwei Jahrzehnte später wären diese bösen Kinder erwachsene Nazis. Doch die Reduzierung der Figuren auf wenige, exemplarische Eigenschaften führt zu einer unglücklichen Holzschnitthaftigkeit. ... Vor allem aber lassen die gleichwohl faszinierenden zweieinhalb Stunden den Zuschauer diesmal ohne Geheimnis zurück. Ein Eindruck, den das überscharfe technisierte Schwarzweiß - zumindest in der digitalen Projektion beim Festival - noch schmerzlich verstärkt."

22. Mai 2009 | 

Anke Westphal sah einen sehr ernsthaften Versuch, etwas über das deutsche Wesen zu erzählen und das in einer angemessen klaren Form. "Michael Haneke entwirft weniger das Bild einer Gemeinschaft als das eines geschlossenen autoritären Systems, das auf der Grundlage permanenter Strafandrohung beruht. Die Kinder des Dorfs und deren Erziehung zu "Sitte und Anstand" stehen im Mittelpunkt. Haneke macht quälend deutlich, wohin eine solche Erziehung führt, wenn sie nicht von Liebe getragen ist und auch nicht auf Herzensbildung aus ist - sie führt zu Böswilligkeit, Neid, Stumpfsinn und Apathie. Sie bereitet den Faschismus vor."

22. Mai 2009 | 

Tobias Kniebe ist der Geschichte gern gefolgt und "hofft die ganze Zeit, die vielen bösen Miniaturen mögen sich zu einem zwingenden Thema verdichten. Aber das passiert nie, und am Ende fallen die Einzelteile, die auch in der Tonalität wild zwischen Vorkriegspathos, Bierbichler-Grummelei und Rückfällen ins Psychodrama der Gegenwart schwanken, recht folgenlos auseinander."

22. Mai 2009 | 

So subtil wie zuletzt CACHÈ kommt der Film laut Jan Schulz-Ojala nicht daher. "Vieles spricht dafür, dass in diesem engen Dorf-Universum die Jugendlichen sich anonym an ihren Herren rächen und die Kleineren ihren protestantisch gefütterten Sünden-Sadismus an den Schwächsten auslassen. Und allzu leicht lässt sich die behäbig ausgepinselte Gesellschaft vom Baron bis zum Bauern, vom Pastor bis zur Hebamme als Metapher auf den noch einmal böse funkelnden, aber historisch bereits untergehenden Spätestfeudalismus deuten."

22. Mai 2009 | 

Das Allerwenigste wird hier ausagiert - um so mehr angedeutet, als Symptom beschrieben, entdeckt Dominik Kamalzadeh. "Michael Haneke inszeniert mit einer gravitätischen Strenge, er findet Bilder, in denen Figuren wie hinter Glas agieren, oft in gespenstischer Stille. Stilistisch schließt der Film an eine Tradition von Literaturverfilmung an (das Buch ist jedoch von Michael Haneke selbst), als gelte es, diese Form nochmals zu radikalisieren. Das wirkt bei aller Präzision und Raffinesse oft auch ein wenig museal."

22. Mai 2009 | 

Hanns-Georg Rodek hat sich nicht ganz überzeugen lassen. "Nun ist das obrigkeitsstaatliche Denken als Erklärung für den Ersten (und Zweiten) Weltkrieg bei weitem nicht neu, vom DER UNTERTAN bis zu IM WESTEN NICHTS NEUES; allerdings haben wir dies kaum je so auf die kleinsten Einheiten der Dorf- und Familiengemeinschaft heruntergebrochen gesehen. Dem Film fehlt allerdings die hypnotische Kraft der besten Michael Hanekes, dessen Art des Filmemachens bei begrenzten Ensembles besser zu funktionieren scheint als bei großen Tableaux."

22. Mai 2009 | 

Protestantischen Terror hat Rüdiger Suchsland ausgemacht. "Mit hoher historischer Genauigkeit hat Haneke einen Film über die autoritäre Gesellschaft gemacht. Es ist eine Welt, wie sie - für die Stadt und für andere Klassen - Schnitzler, Thomas Mann, Bernhard von Brentano und viele andere beschrieben haben, nur noch etwas strenger und repressiver, denn die Verhältnisse sind halt weniger gebildet. ... Vor allem aber erzählt der Katholik Michael Haneke, der einen Teil seiner Kindheit in Schweden verbrachte, von Protestantismus und den Abgründen eines protestantischen Pfarrhauses - im Stil der ruhigen, präzisen Schwarzweiß-Bilder erinnert das oft an die Schuld und Sühnedramen Ingmar Bergmans."

21. Mai 2009 | 

Michael Sennhauser ist sich noch nicht ganz klar darüber, ob das nun ein beeindruckend kontrollierter Film ist, oder ein ganz grosses Meisterwerk. "Das ist ein Michael Haneke-Film, wenn auch mit einer neuen (oder alten?) aufdringlichen Zurückhaltung gefilmt, die mitunter an Michael Hanekes Landsmann Ulrich Seidl erinnert. Allerdings sind die einzelnen Szenen hier ungleich kontrollierter, strenger und auch hinterhältiger gestaltet als bei Ulrich Seidl. Und die beiden sprachlichen Ebenen, jene der Figuren und die des Erzählers, hetzen sich mitunter gegenseitig, auch wenn der Film unglaublich ruhig bleibt, angesichts der Ungeheuerlichkeiten, die er erzählt."

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