| Regie | Pedro Almodóvar |
| Kinostart | 06.08.2009 |
Je künstlicher, desto echter ist die Sache, meint Birgit Glombitza. In der Reihe der Melodramen nimmt der Film einen besonderen Platz ein. "Wegen seiner Künstlichkeit. Wegen seines optischen Perfektionismus, der den Licht- und Schattenspielen des Film noir ebenso nacheifert wie den überhöhenden Lichtkränzen der Vierziger-Jahre-Melodramen oder der wächsernen, flächigen Helligkeit der Studiokomödien. Und schließlich wegen seiner durchkonstruierten Entrückung. Doch wenn Penélope Cruz den Raum betritt, in dem sich ihr Gatte gerade die in Auftrag gegebenen stummen Überwachungsbilder seiner Frau anschaut und wenn sie dann fassungslos beginnt, sich selbst zu synchronisieren, dann bringt der Film alles in einem Augenblick auf den Punkt."
Laut Anke Westphal ist ZERRISSENE UMARMUNGEN (
) eine einzige Hommage an das Kino. Dies "ist ein Melodram, aber auch ein Thriller, ein Film Noir, eine Farce, aber auch eine Romanze, und außerdem ist dies noch eine Übung in Bildtheorie. Das ist wirklich viel für einen einzigen Film, und selbst für so einen exzellenten Regisseur wie Pedro Almodóvar ist es ein wenig viel. Man sitzt im Kino und arbeitet sich zunächst gern ab an den vielen interessanten Bezügen und Verweisen auf andere Seherlebnisse, den ineinander verschachtelten Motiven und geheimen Geschichten, die nach und nach hinter der Hauptgeschichte hervortreten. Aber am Ende fühlt man doch einen schwer zu bestimmenden Mangel, etwas fehlt."
Katja Nicodemus ist begeistert. Sie musste "nur die eine kurze, über den Schneidetisch flimmernde Szene sehen, einen Blick auf das knallige Kleid von Penélope Cruz und das noch knalligere Gemälde dahinter werfen, um zu begreifen, dass hier ein Regisseur seine eigenen Anfänge zitiert. Nicht nur mit diesem kleinen Ausflug in seinen überspannten Filmstil der achtziger Jahre zeigt Pedro Almodóvar, wie sicher er sich seiner ästhetischen Mittel ist. Und wie souverän er zwei Zeitebenen, ein halbes Dutzend Figuren und genauso viele Erzählstränge zu einem Melodram verbindet."
Für Anke Westphal will der Regisseur "sehr viel in seinem Künstler- und Liebesdrama unterbringen, nicht nur das Verhältnis von Leben und Kunst, von Regisseur und Produzent, von einer Geschichte und der Deutungshoheit über sie, sondern auch das Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen. Es kommt dann so, dass der Spanier zwar nie den großen Plan seines souverän konstruierten Films aus den Augen verliert, diesem aber ein wenig die Lebendigkeit fehlt, die einen erst berührt."
Eine verspielte Fahrt durch die Genres hat Jan Schulz-Ojala ausgemacht. "So kompliziert die Story auf dem Papier daherkommt, so ungeheuer leichthändig entwickelt sie sich auf der Leinwand. Im eleganten Wechsel der Zeitschienen entfaltet sich ein Panorama von Liebesverstrickungen, Verzweiflung und Verrat, Schuld und Glück: ein zartes Perpetuum mobile, das keine seiner Figuren je denunziert, so tragikomisch die Situationen auch immer wieder sein mögen. Und alle falschen Fährten, auf die Pedro Almodóvar seine Zuschauer beim sanften Taumel durch Genres auch schicken mag, verwischt er mit berückendster Entspanntheit."
Daniel Kothenschulte entdeckt zwar viele filmhistorische Verweise, aber ein "Großteil der Magie liegt in einer faszinierenden Penélope Cruz, die wieder mit Haut und Haar für Pedro Almodóvars Visionen einsteht. Oder, in einer verspielten Selbstparodie der Frühwerke des Regisseurs, eine hinreißende Träne über eine saftig rote Tomate vergießt. Wirft man noch die lustfeindliche Uhrzeit der ersten Vorführung in Cannes um 8 Uhr 30 in die Waagschale, dürfte man es hier mit dem bislang überragenden Wettbewerbsbeitrag zu tun haben."
Brigitte Kramer berichtet aus Madrid über den Kinostart des Films. "Die Presse ist ganz aus dem Häuschen, und der Film trifft die Stimmung im Land."