| Regie | Michael Glawogger |
| Kinostart | 26.11.2009 |
Gerade die vermeintlichen Seitenpfade bieten immer wieder in sich geschlossene, perfekt abgestimmte Passagen, lobt Sascha Keilholz. "Michael Glawogger beherrscht sein mehrstimmiges Arrangement deshalb so virtuos, weil er einen Blick für Details bewahrt, egal an welchem Ort und auf welcher Zeitebene sich seine Geschichte gerade befindet. Sei es Kostüm, Design oder Architektur – alles ist unaufdringlich stimmig und kann zum Teil dennoch in einzelnen Bereichen als dezent satirische Überzeichnung verstanden werden, etwa im Falle der ministerialen Villa."
Einen Film über Familiensplitter sah Christina Bylow. "Michael Glawogger zwingt in seinem Film Geschichten zusammen, die zwar zusammengehören, aber nicht so, wie er das will. Die indifferente Erzählerstimme des Ratz ist denkbar ungeeignet, die Handlungsstränge miteinander zu verbinden - sie ist nur der fade, gewollt schräge Grundton eines Films, bei dem nicht klar wird, was er sich eigentlich vorgenommen hat. Fragen nach Schuld und Sühne? Der Ur-Konflikt zwischen Vater und Sohn? Das Töten als anthropologische Konstante? Natürlich kann man all dies auch in einer irren Groteske abhandeln. Bei Tabori konnte man das sehen - im Theater, in Wien, das war in den 1980er-Jahren."
Christoph Huber ist üebr die raffinierte Bildsprache verblüfft. "Wäre der Stoff als konventioneller Film umgesetzt, in dem sich alle Puzzleteile ergänzen würden, bliebe am Ende nur ein Haufen Klischees und abgepackter Kommentare zu Schuld und Verdrängung, Medien und Mord, Vergangenheit und Moral. DAS VATERSPIEL (
) lässt sich nicht auf simple Lesarten reduzieren: Es bleibt ein Rest, der nicht einfach abzuschütteln ist. Vieles ist unerklärt oder nicht in ein System einzugliedern: In dieser irritierenden Offenheit und in seinem Porträt der Generationenverhältnisse ist Michael Glawoggers Film auch ein interessanter Gegenentwurf zu Michael Hanekes DAS WEISSE BAND (
), und sowieso die absolute Antithese zum leicht konsumierbaren Kino mit NS-Themen, das in den USA und Deutschland reüssiert."
Isabella Reicher entdeckt das Gefälle zwischen Generationen. "Wesentlich irritierender als die relative Ratlosigkeit des Finales, in dem einander unter anderem ein greiser NS-Kriegsverbrecher und ein milde angeekelter Computernerd gegenübersitzen, sind die unterschiedlichen Tonlagen der einzelnen Akteure: Helmut Köpping - und die übrigen Mitglieder seiner Filmfamilie - reden tendenziell so, wie es dem Österreicher umgangssprachlich über die Lippen kommt. Ulrich Tukur hingegen spricht seine Erinnerungen, als wären sie der Text eines Bühnenmonologs. Auch Sabine Timoteos Schilderungen vergangener Ereignisse im Imperfekt haben etwas Gestelztes. Das ist nicht konturiert genug, um als Kunstgriff durchzugehen."
Hier gibt es laut Julian Hanich Politiker-Schelte und Kritik an falscher Erinnerungskultur. "Abgesehen davon, dass der Film miserabel ausgeleuchtet ist und einige höchst alberne Animationsszenen enthält, gibt sich DAS VATERSPIEL (
) merkwürdig theatralisch, merkwürdig strukturlos, merkwürdig unkonzentriert. Folglich stehen selbst so bewundernswerte Darsteller wie Ulrich Tukur, Sabine Timoteo oder Otto Tausig auf verlorenem Posten."
Wie Lukas Foerster feststellt, kann es "nicht ebensoviele Vergangenheiten wie Gegenwarten geben. Die Tatsache der Judenvernichtung steht nicht zur Diskussion, für keinen der Beteiligten. In einer symptomatischen Szene wird das Aussageprotokoll des Anklägers von mehreren Hauptfiguren gemeinsam verlesen. Was der Film dann aber macht, ist, dass er von diesem einen Fixpunkt aus zahlreiche, oft sehr eigenartige Linien zieht in die Gegenwart und jüngere Vergangenheit. Und was am Ende dieser Linien steht, das reibt sich aneinander und schlägt manchmal ganz sonderbare Funken."
Laut Isabella Reicher hat sich der Regisseur für "eine surrealere Umsetzung entschieden. Olga Neuwirth hat die Musik beigesteuert, die grobkörnig gezeichnete Autofahrten durch wildes Schneetreiben oder durch Stadtlandschaften schräg begleitet und einen immer wieder ein Stück weit aus dem Film hinausweht. Auf den Scheiben der Fahrzeuge wabern Spiegelungen, und die animierten Spielfiguren, die der Computernerd Ratz erfunden hat, kommen ihm auf der Straße in Hundertschaften entgegen."
Cristina Nord wird den Eindruck nicht los, die Details sind beliebig zusammengefügt. "Zu vieles drängt sich auf zu engem Raum, und zu heterogen ist das, was der Regisseur ins Feld schickt: nächtliche Autofahrten durch Schneegestöber, animierte Computerspielfiguren im Realfilm, eine Figur, die Tag für Tag neue Perücken trägt, weil an ihrem Körper kein einziges Haar wächst, Sprünge in der Zeit und durch den Raum, sich bedeutungsvoll gerierende Dialoge mit einem greisen Massenmörder, der keine Reue zeigen will, dazu, en passant erzählt, eine Niedergangsgeschichte der österreichischen Sozialdemokratie. DAS VATERSPIEL (
) fällt auseinander."
Datenblatt der Berlinale.