| Regie | Florian Gallenberger |
| Kinostart | 02.04.2009 |
Nanking 1937. Seit knapp 30 Jahren lebt der Hamburger Kaufmann John Rabe mit seiner Frau Dora in der damaligen chinesischen Hauptstadt. Er leitet die dortige Siemens-Niederlassung. Nun soll er nach Berlin zurückkehren. Das fällt ihm schwer, denn China ist dem Kaufmann ans Herz gewachsen. Während seines Abschiedsballs wird Nanking von Fliegern der japanischen Armee bombardiert, die kurz zuvor bereits Schanghai eingenommen hat. Panik bricht aus, und Rabe öffnet die Tore des Firmengeländes, um seine Arbeiter und ihre schutzsuchenden Familien in Sicherheit zu bringen ...
Der Film ist nicht handwerklich perfekt, meint Sascha Keilholz. "Das Ensemble, allen voran Ulrich Tukur in der Titelrolle, versucht aufopferungsvoll gegen die inszenatorischen Misstöne anzuspielen – ein hoffnungsloses Unterfangen. A propos Misstöne: Gäbe es eine goldene Himbeere für den schlechtesten Score des Jahres, wäre John Rabe hiermit nominiert. In den dramatischen Momenten schwillt die Orchestermusik regelmäßig an, hier wird mal mit Streichern, mal mit Pauken und Trompeten gearbeitet, nur garantiert nicht subtil. In den unangenehmsten Momenten wird von den Figuren "For he is a jolly good fellow" angestimmt."
Dietmar Kammerer fehlt das weitere Schicksal Rabes:" Dass Rabe nach seiner Rückkehr 1938 nach Deutschland von der Gestapo kurzzeitig als Kollaborateur der Chinesen verhaftet wurde und im Dritten Reich in Ungnade fiel, erwähnt der Film nur im Abspann. Weil Gallenberger sich entschieden hat, Rabes Leben als heroischen Schlachtenfilm zu erzählen, muss er sein weiteres Schicksal in seiner Heimat auslassen. So bleibt der Vergleich mit "Schindlers Liste" müßig, Gallenberger folgt eher der Dramaturgie von Nicholas Rays "55 Tage in Peking". Schindler musste mit den Nazis ein doppeltes Spiel spielen, Rabe konnte sich, im fernen China, den Glauben an Führer und Partei erhalten. Der eigentliche Konflikt im Leben John Rabes bleibt im Film ausgespart."
Erstaunlich stilsicher inszeniert ist der Film für Thomas Abeltshauser. "Doch Gallenbergers Epos ist nicht ohne Schwächen. Die Japaner werden als kaltblütige Tötungsmaschinen dargestellt, die Chinesen als unschuldige Opfer. Und Steve Buscemi, kurioserweise ebenfalls für einen Deutschen Filmpreis nominiert, gibt den amerikanischen Arzt als Witzfigur. Nur Rabe darf auch Privatmensch sein, der seine Frau liebt und nachts Klavier spielt."
Der Film hält nichts von dem, was das ganze Drumherum verspricht, stellt Matthias Dell fest. "Die Musik ist ärgerlich, weil ihrem Einsatz das Kalkül der Überwältigung anzumerken ist. Ratlos machen die Originalaufnahmen, die in solchem Ausmaß einfügt werden, dass man nicht weiß, ob damit nur Echtheit zertifiziert oder Zeit geschunden werden soll. Und Ulrich Tukurs Spiel lässt Rabe nur mehr sympathisch erscheinen und Seiten, die an der Figur vielleicht auch problematisch sind, verschwinden."
Für Georg Seeßlen ist "John Rabe" das klassische Beispiel für eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis: "John Rabe, der in dieser Woche ins Kino kommt, ist ein Musterbeispiel für das Genre des neueren deutschen Geschichtsfilms: opulente Ausstattung, konventionelles Handwerk, bewährte bis gute Schauspieler, Verknüpfung von Epos und Soap-Opera, von »wahrer Geschichte« und erfundener Liebes- oder Familiengeschichte, und ausgestattet mit einem naiven und beschwichtigenden Blick auf die, nun ja, finsteren Zeiten des Nationalsozialismus."
Stellen wir uns vor, wir wären Neonazis. Wie würde uns dieser Film gefallen?, fragt sich Jan Schulz-Ojala und spielt das Spiel durch. Es ist dem Regisseur hoch anzurechnen, "dass er gewisse Schwierigkeiten Rabes nach dessen Rückkehr ins Reich – er hetzte in Vorträgen gegen die Japaner und musste sich deshalb in Berlin vor der Gestapo verantworten – nur dezent im Abspann erwähnt, statt sie auszuwalzen und damit womöglich das Bild des Führers zu beschädigen. So bleibt auch das in dieser würdevoll gestalteten und mit manch vaterländischer Freiheit ausgeschmückten Filmerzählung entworfene Heldenbild Rabes intakt, das Heldenbild unseres Mannes, eines rechten Nazis in Nanking."
Inszenatorische und gedankliche Plumpheiten ziehen sich durch den Film, kritisiert Michael Kohler. "Geradezu albern wird es, wenn Rabe seine Ehefrau zum letzten Schiff nach Deutschland bringt und dann nicht mit an Bord geht. Eine Überraschung ist das allein für die Gemahlin, doch statt diesen privaten Moment auch als solchen zu inszenieren, bricht Florian Gallenberger mit der gesammelten Wucht des Kriegsmelodrams über ihn herein. Zu keinem Zeitpunkt findet der Drehbuchautor und Regisseur angemessene Antworten auf John Rabes widersprüchlichen Charakter: Er belässt es dabei, Rabe nach dem japanischen Bombardement als aufopferungsvollen Tatmenschen zu porträtieren. So wird aus der historischen Heldengeschichte eine Flucht in die Genre-Konventionen."
Rüdiger Suchsland ist enttäuscht. "Nun macht eine gute Geschichte aber noch lange keinen guten Film, wenn die Ideen fehlen und der Kopf des Regisseurs voll ist von den abgegriffenen Bildern des industriellen Geschichtskinos. Man müsste so einen Stoff mit Samthandschuhen anfassen und vorsichtig seine ganze Widersprüchlichkeit entfalten. Dazu fehlt Gallenberger aber der Mut. Dass der Film sich selbst nicht über den Weg traut, zeigt schon das Drehbuch, das an einigen bezeichnenden Stellen von der Wirklichkeit abweicht ... In seinen kleinen, ungebrochenen, sauberen Bildern, im Fehlen aller Brüche und Überraschungen ist dies dann doch stilistisch näher an schlechtem Fernsehen als an dem, was man gern auf der Kinoleinwand sähe."
Redlichkeit unterstellt Barbara Schweizerhof dem Film. "Doch der Moment, an dem die Zwiespältigkeit dieses stolzen deutschen Freundes der Chinesen in schöne Eindeutigkeit überführt wird, kommt recht bald. Denn was bedeutet schon das bisschen Herrenmenschenattitüde, wenn jemand sich dann, wenn es wirklich darauf ankommt, für diejenigen einsetzt, denen er sich überlegen fühlt? Als die Japaner die Stadt bombardieren, lässt Rabe die Werkstore öffnen und im Hof eine riesige Hakenkreuzfahne aufspannen, auf dass die Verbündeten ihre Bomben woanders platzieren. Das filmische Bild will es so, dass sich die chinesischen Flüchtlinge direkt unter die Fahne kauern – und dem Zuschauer fast die Tränen kommen ob dieses historischen Widerspruchs: ein Hakenkreuz, das Leben rettet. Diese Art Rührung bestimmt den ganzen Film."
Insgesamt kann sich der Film sehen lassen, meint Nana A.T. Rebhan. "Eine der beeindruckendsten und gleichzeitig verstörendsten Szenen des Films ist der Moment, als Hunderte von Chinesen unter einer riesigen, auf dem Fabrikgelände aufgespannten Hakenkreuzfahne Zuflucht suchen, die die Japaner aus Respekt vor den Nazis nicht bombardieren."
Der Film will stets auch Kino der großen Gefühle sein, schreibt Michael Ranze. "Die Beziehung zwischen Rabe und seiner Frau Dora nimmt entsprechend viel Raum ein. Dabei folgt sie den Konventionen eines Melodrams, das den Zuschauer abseits des politischen Hintergrunds packen und bewegen soll: Liebe, Verständnis, Trennung, Ungewissheit und am Schluss das Wiedersehen, das zu Tränen rührt. Unterlegt werden die dramatischen Versatzstücke mit einem unsensiblen, viel zu vordergründigen Score, der die Gefühle des Publikums mit schwellenden Streichern in die gewünschte Richtung lenkt. Insgesamt hinterlässt der Film einen zwiespältigen Eindruck."
Wie Margret Köhler findet, ist der Film Margret Köhler "nicht trocken und theoretisch, sondern lebendig und leidenschaftlich. Manchmal wirkt Rabe zwar zu fehlerlos und zu idealistisch, einige Brüche hätten dem Charakter nicht geschadet. Fast rührend seine Blauäugigkeit, als er total realitätsblind Hitler in einem Schreiben um Hilfe bittet. ... JOHN RABE (
) ist trotz einiger Schwächen - wie dem pathos-getränkten Score, der manchmal leise Szenen laut überdonnert - ein beeindruckender Film über einen beeindruckenden Menschen, der in einer Ausnahmesituation das Richtige tat und über sich selbst hinauswuchs."
Joachim Kurz hätte mehr erwartet. "Inszenatorisch ambitioniert und teilweise von erstaunlichem Niveau bei den Massenszenen, sind es vor allem die unangenehm dramatisierende Musik und die Sidekicks der Story, die unangenehm ins Gewicht fallen und dafür sorgen, dass der Film dann doch recht lang und ein wenig ermüdend wirkt. Die Liebesgeschichte zwischen dem Diplomaten Rosen und der Schülerin Langshu (Zhang Jingchu) ist vollkommen unnötig und hätte gut und gerne weggelassen werden können. Dem Film, der mit seinen 130 Minuten zu lang geraten ist, hätte dies mit Sicherheit keinen Abbruch getan – im Gegenteil. So aber verliert der Film immer wieder seinen Protagonisten aus den Augen und ist gefährlich nahe dran, zu einem schablonenhaften Epos zu werden, das zu sehr nach den großen Vorbildern aus den USA schielt."
Thomas Engel lobt die Hauptstütze des Films, "den Kameramann Jürgen Jürges mit beeindruckenden Bildern. Doch es gibt sozusagen noch eine Hauptstütze: Ulrich Tukur in der Titelrolle. Ruhig, gefasst, bestimmt, die Gefahr vor Augen eine große humanistische Tat leistend aber sich ihrer nicht rühmend, tritt er als John Rabe auf. Konzentriert auf diese Gestalt und ihre geschichtliche Aufgabe fällt alles übrige und übliche schauspielerische Beiwerk von ihm ab. Was zählt, ist die völlige Identifikation mit dem Vorbild. Eine eindrucksvolle und sehenswerte Vorstellung."
Peter Zander lobt den Hauptdarsteller. "In der Titelrolle: Ulrich Tukur als Mitläufer, der langsam über sich selbst hinauswächst und dabei auch die Nebenrollen (darunter Steve Buscemi, Dagmar Manzel und Daniel Brühl) zu erdrücken droht. JOHN RABE (
) ist großes Ausstattungskino mit stilsicher inszenierten Massenszenen, der ähnlich wie Florian Gallenbergers Indien-Film SCHATTEN DER ZEIT auch vor Gefühlskitsch nicht zurückscheut. Also so ziemlich das Gegenteil, das Anti-Modell zu dem realismusnahen, nicht auf Effekte zielenden Kino."
Für Peter Körte ist erstaunlich, dass ausgerechnet die Hakenkreuzfahne "Leben rettet, das hätte einer der kaum entwirrbaren Knoten in dieser eigentümlichen Biographie sein können, die der Film ansonsten jedoch in ambivalenzloser Heldenmalerei aufgehen lässt: in seinem pathetischen Tonfall und in den Einstellungen, die Rabe visuell noch einmal herauslösen aus der Gemeinschaft seiner internationalen Mitstreiter, von denen keiner seiner völkerpsychologischen Schablone entkommen darf; und auch in der phasenweise unerträglichen Musik, die dem Publikum Gefühle aufnötigen will, wo sich nichts rührt."
Für Anke Westphal erzählt der Film eine Heldengeschichte. "Doch mag man ihm nicht recht glauben. Vielschichtiger als in der Zeichnung seiner Hauptfigur ist Florian Gallenbergers Film immer dann, wenn sich hier die ideologischen Hoheitszonen überlagern. ... das alles sind Streiflichter in einem Film, der Action, ein wenig Pädagogik und vor allem große Gefühle inszenieren will. ... JOHN RABE (
) ist einer jener neuen deutschen Großproduktionen, die beweisen, dass man längst von Hollywood gelernt hat und das Gelernte anzuwenden entschlossen ist."
Datenblatt des Films.
Der Film will laut Peter Uehling John Rabe in Erinnerung bringen. "Er tut das im publikumswirksamen Genre des großen Historienschinkens, bietet üppiges Kolorit, donnernde Schlachtpanoramen, unmenschliche Militärs und warmherzige Frauen, den kaltschnäuzigen Nazi und die naive Unschuld, blutende Wunden und leinwandfüllende Händedrücke. Es ist erstaunlich, wie gut sich die geschichtlichen Ereignisse dieser durch und durch konventionellen Dramaturgie anbequemen lassen."