Jeder der beteiligten Regisseure interpretiert seine persönliche Wahrnehmung und eigene filmische Sicht auf das heutige Deutschland, abstrakt oder konkret, frei in der Wahl des Formates und des Inhaltes. Die einzelnen Beiträge konnten Kurzspielfilme, Dokumentarfilme, essayistisch oder experimentell sein.
Thomas Assheuer entdeckt die alte Unübersichtlichkeit. "Liegt es an den Regisseuren – oder doch an dem Land, das sie beschreiben? Tatsächlich zählt der Berichts- und Empfindungszeitraum von DEUTSCHLAND 09 zu den aufregendsten Epochen der Bundesrepublik ... Aber es ist merkwürdig. Im filmischen Rückblick scheint diese Ära von synthetischer Glätte, Spott und Häme der Regisseure perlen ab."
Dann doch lieber Mario Barth, meint Christian Buß. Er sah einen Film voll Banalität, Eitelkeit und Retro-Gags. "Man arbeitet mit den gleichen Techniken, die man zu kritisieren vorgibt. Subversion sucht der Zuschauer vergeblich: Opas Kino ist zurück, es wurde allerdings teuer einparfümiert. Überhaupt haben fast all die Etüden eine viel zu edle Optik - so sehen Semesterarbeiten besonders strebsamer Filmhochschüler aus."
Der Tagesspiegel findet 13. Liebesgründe für dieses Land.
Dietrich Kuhlbrodt kann der ganzen Sache nicht abgewinnen.
Daniel Kothenschulte sieht in dem Film ein bleibendes Zeugnis dieser filmhistorisch wohl einmaligen Opulenz. "Das Argument, mit sattem Magen ließe sich schwer über soziale Gerechtigkeit sinnieren, greift freilich kaum: Denn so etwas wie soziale Not findet in diesem Film-Deutschland des Jahres 2009 allenfalls als kuriose Randerscheinung statt. ... Ein grundsätzliches Missverständnis gegenüber dem Kurzfilm liegt diesem Programm zu Grunde. Nicht nur in Oberhausen, auf den meisten deutschen Spezialfestivals für kurze Filme könnte man mit verbundenen Augen bessere, aktuellere und kunstvollere Episodenfilme über die deutsche Wirklichkeit zusammenstellen."
Dumm und dümmer titel Andreas Hartmann seine Kritik. "Wenn man es genau bedenkt, lässt sich feststellen, dass DEUTSCHLAND 09 auch großartig ist. Diese "Deutschland-Rolle" behauptet ja, Nabelschau und Spiegel der Nation gleichzeitig zu sein. Nachdenken über Deutschland, um so etwas soll es gehen, und in der Krise denkt ja jeder ganz gerne über Deutschland nach. Man wird also trotz all der Warnungen, die bereits ausgesprochen wurden, fleißig in die Kinos rennen. Und es wird ein Stöhnen und Wehklagen einsetzen."
Peter Zander sieht nur wenig Qualität. "Die Größen unseres hiesigen Kinos, sie liefern hier Produkte ab, die manchmal eher an Studentenulks oder überambitionierte Abschlussfilme erinnern und dem Untertitel, der ideellen Klammer des Projekts selten gerecht werden. Freilich: Die große Finanzkrise hat den Film überrollt, das deutsche Schicksalsjahr, das derzeit gern beschworen wird, lässt sich darin noch nicht wiederfinden. Vielleicht wird das noch kommen: Mit-Initiator Tom Tykwer hofft, dies könne der Anfang einer ganzen Reihe sein."
Dreizehn Filmemacher - das bedeutet nicht unbedingt dreizehn Handschriften, stellt Christina Bylow fest. "Bei aller Heterogenität ist sämtlichen Filmen eins gemeinsam: die Aura von Einsamkeit, die ihre Figuren umgibt. Sie sind einsame Täter, einsame Kinder, einsame Mütter, einsame Berufsmenschen. Bei Angela Schanelecs ERSTER TAG bleibt nur die Einsamkeit der morgendlichen Landschaften und Straßenkreuzungen. Unser Leben ohne uns - was ist das für ein romantisches Deutschland-Bild."
Rudolf Worschech entdeckt Stärken und Schwächen. "Man vergleicht ganz unwillkürlich DEUTSCHLAND 09 mit einem anderen, berühmten Omnibusfilm, mit Deutschland im Herbst, mit dem der Neue Deutsche Film auf den sogenannten "Deutschen Herbst" des Jahres 1977 reagierte, auf die Schleyer-Ermordung, den Tod der RAF-Terroristen in Stammheim, aber auch auf die Hysterie der Staatsorgane in dieser Zeit. Auf eine solche konkrete politische Situation und ihren ungeheuren Druck können und müssen die Filmemacher heute nicht mehr reagieren, und einen roten Faden wie damals gibt es auch nicht mehr. Auch das ist Stärke und Schwäche zugleich. Ein umfassender Bericht zur Lage der Nation oder zumindest zur aktuellen Stimmung ergibt sich in DEUTSCHLAND 09 auch nach 151 Minuten daraus jedenfalls nicht. Aber vielleicht brauchen wir den auch gar nicht."
Claudius Seidl ist völlig entsetzt. "Wenn das, was man, nur zum Beispiel, in Hans Weingartners Kopf vermuten muss, politisches und historisches Bewusstsein ist, dann ist Volker Schlöndorff ein Klassiker, der Filmkunst und der Theorie. ... Das Problem dieses Films ist nicht, dass er wütend, sondern dass er dumm ist: so (um mal in der Heimatsprache Bierbichlers zu sprechen) saudumm und unreflektiert, dass man, angesichts der schönen, zarten oder rätselhaften Momente, die es natürlich auch gibt ... leider trotzdem sagen muss, dass es anscheinend keinen richtigen Film in diesem falschen gibt."
Daniel Haas würde gern Abwrackprämien für Filme vergeben. "Wirklich neu sind allerdings auch diese Ideen nicht. Dass der Bürger die Sublimierungszwänge auf säuische Weise umgeht und der Angestellte zwischen Laptop, Handy und Videokonferenz ein Stück Persönlichkeit einbüßt, zieht keinen kulturkritischen Fisch vom Teller. Die restlichen Episoden aber sind von derart ideologischer Verstocktheit, dass man sich lieber zehnmal DEUTSCHLAND IM HERBST, das Vorbild von 1978, ansehen wollte, als dieses Agitpropkino durchzusitzen."
Laut Verena Lueken kommt der Film "künstlerisch nicht zusammen. Das ist unter Episodenfilmen kein Einzelschicksal und hat vor allem damit zu tun, dass es kein Gemeinsames gibt, weder ästhetisch noch gedanklich, auf das sich alle bezögen. Dafür ist in Deutschland im Jahr 09 für alle Platz, für die Melancholiker wie die Optimisten, die Spinner wie die Verschwörungsgläubigen. Und das ist dann doch eine gute Nachricht."
Hier wird laut Christiane Peitz im Paradies gejammert. "Deutschland Null Nix, möchte man seufzen. Eine triste Momentaufnahme ist es geworden und dazu ein seltsame Zeitreise zurück in eine Ära, als der Autorenfilm seine Protestnoten gegen den Weltenlauf noch angestrengt und unbeholfen formulierte. Da tröstet höchstens der Gedanke, dass eine Nation, die so belanglose, beliebige Ansichten produziert, unglaublich saturiert sein muss. Wer das Unbehagen am eigenen Land derart krampfhaft artikuliert, der hat wohl keine ernsthaften Probleme."
Der Film trägt schwer am Bedeutungswillen, kritisiert Stefan Reinecke. "Vieles wirkt ausgedacht, weniges erlebt. Der totale Absturz in aufgeplusterte Wichtigkeit geht auf das Konto von Wolfgang Becker, der Deutschland als verrottetes Krankenhaus zeigt. Aber verrottet sind hier nur die Scherze. Chirurgen operieren Patienten mit Sozialinfarkt und amputieren "Lohnnebenhöhlen". Aua! DEUTSCHLAND 09 zeigt Leute, die politisch engagiert und etwas langweilig sind. Sie sind ein bisschen anarchisch und haben mit Humor ein ernstes Problem. Mit der Seele sind sie noch immer im 19. Jahrhundert zu Hause."
"Gemischtes Vergnügen", nicht Omnibus-Film, sollte von Rechts wegen die Genre-Bezeichnung lauten, schlägt Ekkehard Knörer vor. "Die Idee: 13 RegisseurInnen bringen in 13 Filmen deutsche Gegenwart auf die Leinwand. Das Ergebnis fällt verdammt unterschiedlich aus. Nicht einmal so sehr in der, sagen wir es so verschnarcht, wie es denn auch ist: Grundbefindlichkeit. Gesellschaftskritik, im Zweifel von links, wird fast durchweg geübt, mal ernsthaft, mal komisch, in aller Regel aber doch: eher schlicht im Gemüt."
Gunnar Decker kann dem nicht viel abgewinnen. "13 Regisseure zeigen in sehr persönlichen Kurzfilmen ihre Sicht auf dieses Land. Gut zehn Minuten für jeden, rauscht DEUTSCHLAND 09 dann in 140 Minuten vorbei. Was bleibt, sind einige grelle Bilder und das Gefühl, dass sich das Verhältnis von Gelungenem und Misslungenen immer wieder auf gleiche Weise herstellt. Ist es überhaupt sinnvoll, 13 Kurzfilme unter eine Überschrift zu stellen?"
Hanns-Georg Rodek lobt das Ganze: Es "ist außerordentlich, uneinheitlich, brillant, banal, parteiisch, überraschend, das Schaufenster einer extrem talentierten Regiegeneration, bis Dani Levys herrlicher Psychiater-Neonazi-Spezialeffekt-Merkel-Psychopharmaka-Melange. Und am Schluss, wenn wir so viele deutsche Facetten gesehen haben, dass wir noch weniger eine Definition wagen würden als davor, macht Christoph Hochhäuslers "Séance" etwas sehr Kluges: Er verwandelt den festen Begriff in eine Sehnsucht, die jeder für sich selbst füllen kann."
AAuch wenn der Film nicht in jeder Episode funktioniert, wenn nicht alles den Geschmack des Publikums treffen dürfte – laut Joachim Kurz sit er "ein selbstbewusstes Statement einer Generation, die einerseits die Filmemacher, die einst Deutschland im Herbst drehten, schätzt, andererseits aber auch genau weiß, die sie einen ganz anderen Zugang zu der Auseinandersetzung mit der eigenen Heimat finden muss und finden will. Und vielleicht ist es eben mit Deutschland genauso wie mit diesem Film: Manches mag man eben und anderes nicht."
Christiane Peitz spricht mit einigen Regisseuren des Omnbius-Films.