| Regie | Asghar Farhadi |
| Kinostart | 06.01.2010 |
Ein wenig irritierend ist für Ciprian David "die minutiöse Vorgehensweise in der Erzeugung der Dramaturgie. Fast mechanisch wirkt der Film in dieser Hinsicht, in seinem fortwährenden Beibehalten zweier nebeneinander existierende dramaturgische Fäden. So wird im ersten Teil im Vordergrund die Romanze aufgebaut, während im Hintergrund über kurze Einstellungen oder Inszenierung im Bildhintergrund zunächst auf das mögliche Ertrinken der Kinder aufmerksam gemacht wird, dann über Obskurität und metaphorische Verweise in den Dialogen auf Ellys mögliches Verschwinden vorausgedeutet wird."
Oliver Heilwagen stellt fest: "Der Iran einmal nicht als Jammertal voller Unterdrückung und Hass, sondern als Heimat großstädtischer Mittelklasse-Menschen: Allein dieser Ansatz macht ELLY (
) sehenswert. Zumal Regisseur Ashgar Farhadi alle Schablonen beiseite lässt und seine Schar sehr differenziert zeichnet: Ihre weltläufige Lässigkeit bei der Anreise, ihre unbeschwerte Lebenslust am ersten Abend und die allmähliche Verdüsterung der Atmosphäre, als Probleme auftauchen."
Asghar Farhadi ringt laut Andreas Busche "sichtlich um gesellschaftliche Relevanz, was seinen Film einerseits zugute kommt, weil es den Blick für die soziale Konditionierung schärft. Er schildert, wie eine vermeintlich weltoffene Gemeinschaft im Ausnahmezustand wieder in vormodernen Strukturen zurückfällt. Andererseits ist es schade zu sehen, wie ELLY (
) allmählich an Offenheit und Drive verliert. Man würde Farhadis Figuren gerne länger beim zwanglosen Miteinander zusehen, in ihr soziales Spannungsfeld eintauchen, wie es Asghar Farhadi in der ersten halben Stunde so phänomenal gelingt."
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Es liegt für Jens Balzer daher nahe, den Film auch als politisch gemeinten Film zu betrachten. "Bei dem Versuch, das Verschwinden und die sich anbahnende Katastrophe zu bewältigen und zu verstehen, verstrickt sich die anfangs so heitere Reisegesellschaft in Lügen, Streit und schlechter Laune. Unter der modernen Fassade treten Kälte, Borniertheit und atavistische Ehrbegriffe zu Tage; keiner von den Beteiligten scheint in der Lage, ehrlich und aufrichtig zu reden."
Ein dichtes, manchmal aber etwas zähes Beinahe-Kammerspiel, sah Joachim Kurz. "Regisseur Asghar Farhadi will den Film zwar – vielleicht auch aus Schutz vor möglichen Zensurmaßnahmen – nicht als Bestandsaufnahme der iranischen Gesellschaft verstanden wissen. Doch die rigiden Moralvorstellungen, die sehr subtil immer wieder an die Oberfläche drängen, und die Selbstverständlichkeit, mit der Frauen im Extremfall für alles verantwortlich gemacht werden, spricht Bände und zeichnet sehr wohl ein stimmiges Bild des Iran als zutiefst gespaltenes Land zwischen Tradition und westlichem Lebensstil."
Es ist laut Wolfgang Höbel "ein bisschen langatmig, wie ELLY (
) nun ein paar Lebenslügen der Titelheldin aufdeckt, wie man der Feriengesellschaft beim Schreien, Weinen und moralisch Daherwispern zuschauen muss. Man versteht nicht ganz, welche merkwürdigen Maßstäbe für weibliche Untadeligkeit in der von Mullahs überwachten iranischen Gesellschaft gelten und ob der Regisseur diese Maßstäbe nun kritisiert oder gutheißt; aber man sieht und spürt die Qual der plötzlich gar nicht mehr so schönen Menschen, die sich mit kleinen und großen Lügen das Leben zur Hölle machen."
Jan Schulz-Ojala macht die gewaltigen Themen Wahrheit und Lüge, Schuld und Scham aus. "Ein Urlaubsfilm offenbar, Zelte unter Bäumen, großfamiliäre Picknicks neben dem Station Wagon oder dem gepflegten knallroten BMW, Sonne und Meer. Nein, der Iran, das scheinen uns diese Bilder zu sagen, ist nicht nur Düsterschlagzeile, Erdöl, Ahmadinedschad, dumpfer islamischer Fundamentalismus, der zudem im Kino als geografische Entsprechung offenbar nur die immerselben kargen Bergwüsten zulässt. Nein, hier ist Moderne, nur anderswo. ... Fast wie ein früher Dogma-Film, so schmucklos energisch verfolgt er sein Drama, kommt ELLY (
) daher, und gerade so düster geht er aus. Modern ist diese Gesellschaft nur zum Schein."
Ekkehard Knörer ist enttäuscht. "Mehr als ein "well made play" ist das nicht. Das Verschwinden und Verschwundenbleiben von Elly fungiert dramaturgisch als Spannungseffekt, aber auf Dauer nimmt man gerade diesen gekonnten Einsatz der Mittel doch etwas übel. Zumal sich das Karussell der aufbrechenden Konflikte und Leidenschaften doch insgesamt eher gemächlich dreht. Und am Ende, wenn die Mittel erschöpft sind, ist man's als Zuschauer auch."
Konzentriert und stilsicher nennt Markus Zinsmaier den Film. "Mit Ellys Verschwinden verliert auch der Film an Farbe, nicht aber an Intensität. Erst nach und nach werden die einzelnen Facetten der Geschichte sichtbar: Die lebenslustige Sepideh (Golshifteh Farahani) hat die Kindergärtnerin als potenzielle Heiratskandidatin für einen Studienkollegen ihres Mannes eingeladen."
Datenblatt des Films.