| Regie | David Fincher |
| Kinostart | 29.01.2009 |
Ein Mann kommt als über 80-jähriger Greis auf die Welt und wird immer jünger: Auch er kann die Zeit nicht anhalten. In New Orleans werden wir Zeugen seiner Lebensgeschichte, vom Ende des Ersten Weltkriegs 1918 bis ins 21. Jahrhundert...einer Lebensgeschichte, wie sie ungewöhnlicher gar nicht sein könnte...
Als geistigen Haferbrei bezeichnet Ekkehard Knörer den Film. "Er hat einen Story-Gimmick der auffälligen Art, weiß aber nicht, was er damit eigentlich will. Erzählt wird die Geschichte des Benjamin Button ausführlich und behäbig, im Glauben, es sei etwas ganz Großes und Episches daran, der sich an keiner Stelle bestätigt. Was man sieht, ist vielmehr ein recht beliebiges Leben und die Tragik gegeneinander laufender Zeitpfeile bleibt leere Behauptung. Zwischen dem retardierenden Greis und der progredierenden Balletteuse kommt es zu einer ganz handelsüblichen Liebesgeschichte, deren Scheitern gar keinen gimmick-spezifischen Eindruck macht. Sie sind einfach, scheint es, nicht füreinander bestimmt."
Birgit Glombitza entdeckt, worum es eigentlich geht: um bedrohte Männlichkeit. "Das würde jedenfalls die schläfrige, gelegentlich schon ins Kitschige kippende Melancholie erklären, die von Anfang an über diesem ersten romantischen Märchen im Werk von David Fincher liegt. Eine Geschichte über die Verklärung von Liebe, Schönheit und Jugend ist es geworden. Eine, die die unterschiedlichsten Maskierungen der Geschlechter und ihrer Lebensphasen konsequent in den Illusionstechniken des Kinos spiegelt."
Wahrhaft wundervoll ist der Film für Susanne Ostwald. "Vielleicht liegt gerade in seiner Resistenz gegen Sentimentalitäten die Fähigkeit zu wahrer Rührung begründet. Was er uns nun zeigt, ist nicht weniger als das eigentliche Drama des Lebens, dem das grossartige Drehbuch von Robin Swicord den Atem einhaucht, während es sich ausmalend recht weit von Fitzgeralds Erzählung entfernt. Der Kameramann und Beleuchtungsspezialist Claudio Miranda hat dazu nostalgische Bilder von berückender Schönheit geschaffen. Rückblenden sind als verknisterte Stummfilme gestaltet, und gezielt eingesetzte Lichtquellen geben dem verschatteten Szenenbild eine märchenhafte Anmutung."
Dies ist ein kleines Wunder für Daniel Kothenschulte. "Offensichtlich spielt dieser opulente Film bei aller Bilderfülle doch in einer Innenwelt. Die Zeitreise, die er dabei entwirft, meint nicht die Geschichte, sondern das Mysterium der Lebenszeit. Die erste große Sequenz liefert ein griffiges Bild für David Finchers Absicht und legt zugleich den Rhythmus fest. Ein Uhrenbauer erfährt während der Arbeit an seinem Meisterwerk für den Bahnhof von New Orleans, dass sein Sohn im Krieg gefallen ist. Als er die Uhr enthüllt, geht sie rückwärts: Auf dass, wie er erklärt, sich die Zeit zurückwende und die Toten wiederkehren könnten."
Zeit ist laut Andreas Busche der Schlüsselbegriff in dem Film. "Und doch kann David Fincher dem Thema in mehr als zweieinhalb Stunden nur wenig Substantielles abgewinnen. Vor allem sein mangelndes Geschichsverständnis ist angesichts des epischen Atems des Films frappant. ... Stattdessen flüchtet sich der Film immer wieder in Amélie-artige Märchenwelten, die sich auch gegen die sehr reale Tragödie der Katrina-Rahmenhandlung als resistent erweisen. David Fincher und Eric Roth blenden konsequent alles aus, was nur den Verdacht einer sozialen Wirklichkeit wecken könnte."
Wieder einmal wird für Bert Rebhandl deutlich, dass es im Kino kaum etwas Unnatürliches gibt, wenn es nur lange genug im Bild ist. Der Regisseur "ruft die ganze Fantasiewelt des Kinos auf den Plan; er lässt Cate Blanchett im Mondschein tanzen und Benjamin just dann vor Florida segeln, als von Cape Canaveral eine Rakete in den Himmel steigt. Aber der ganze Aufwand kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das emotionale Zentrum des Films leer ist."
Laut Susan Vahabzadeh hätte der Film jeden der 13 Oscar, für die er nominiert ist, verdient. Sie "hätte einen so schönen, rührenden, von allem Zynismus befreiten Film wohl weder von David Fincher noch von Eric Roth erwartet - David Finchers Filme waren von SIEBEN an nicht gerade von Menschlichkeit geprägt, und Eric Roths FORREST GUMP tut im Kern so, als wären die Menschen Herr über ihr Schicksal und im Zweifelsfall an ihrem Scheitern selber schuld. Vielleicht sind die beiden selbst nicht nur älter geworden, sondern weiser - und sehr viel warmherziger."
Als größte Kino-Romanze seit TITANIC bezeichnet Lars-Olav Beier den Film. Dies "ist einer der subtilsten und eindringlichsten Filme, die Hollywood je über die Ebenbürtigkeit der Geschlechter gedreht hat. Keinen Ort suchtDavid Fincher in seinem Film so oft auf wie die Treppe, auf der sich die Menschen Schritt für Schritt einander annähern können, bis sie sich schließlich auf Augenhöhe gegenüberstehen. In diesem Film ist es ein Alptraum, zum Rest der Menschheit aufblicken zu müssen, ein Fluch, sie von oben herab zu betrachten, und das reine Glück, einem anderen Menschen einfach in die Augen zu sehen."
Seltsam nennt Jan Schulz-Ojala den Film. "Dieser Film ist ganz Körper. Und in seine Körperlichkeit allein, in seine Oberfläche, pure Zweidimensionalität und das imposantes Herantragen von Bildern investiert er seine Kraft. Was ihm allerdings, ja, himmelschreiend fehlt, ist Seele. Angesichts eines Stoffs, der einen kurios auf den Kopf gestellten Lebensbogen verhandelt und von den ersten und letzten Dingen der Existenz erzählen will, ist das nachgerade unverzeihlich. Was bleibt? Das teigige Bad in dauersepiabraunen Bildern und jedweden Dialog unterspülender Filmmusik."
Dominik Kamalzadeh findet die ganze Sache sehr normal inszeniert. "Wie Button zunächst nur im Rollstuhl sitzt, dann die ersten Schritte beim Gottesdienst versucht und irgendwann auch die Haare wieder sprießen - das wirkt beinahe wie eine natürliche Entwicklung. Und das ist die zweite, noch viel effektivere Überraschung dieses außergewöhnlichen Films: Benjamin Buttons Leben erscheint einem gar nicht monströs. Da wächst kein sonderbarer Außenseiter heran, sondern nur ein Mann, der seine Erfahrungen zu anderen Lebenszeiten sammelt."
Verena Lueken "kann einiges bemängeln an diesem Film, vor allem am Drehbuch, die Rahmenhandlung mit ihrer schicksalhaften Überhöhung mittels der drohenden Verwüstung durch den Hurrikan, einen ziemlichen Durchhänger am Ende des ersten Teils der knapp drei Stunden Laufzeit, die für eine Weile enervierend manierierte Darstellungsweise von Cate Blanchett und einen United-in-Diversity-Moment am Schluss. Man kann sich auch vorstellen, dass einiges dem Regisseur, der als Perfektionist bekannt ist, selbst missfällt, und die Idee, in Augenblicken von Unwiederbringlichkeit einen Kolibri in den Himmel fliegen zu lassen, will man lieber nicht ihm zuschreiben. Das alles aber tritt in den Hintergrund, weil Fincher es wieder einmal fertigbringt, völlig mühelos die Beziehungen zwischen den Figuren vor unseren Augen zu entwickeln."
Gut geschminkt ist halb gewonnen, meint Harald Peters, der Film plätschert so dahin. "Der gesamte Film ist vollgestopft mit überflüssigen Figuren und Handlungssträngen, als wollte man ihn mit aller Macht auf knapp drei Stunden Spielzeit bringen. Wie ein Widergänger von Forrest Gump wird Benjamin Button durch die Zeitgeschichte geschickt, was nicht wundert, wenn man weiß, dass Eric Roth für beide Filme das Drehbuch schrieb. ... Andererseits bleibt er den gesamten Film über merkwürdig blass, was aber niemanden wundern sollte, denn Benjamin Button ist möglicherweise die langweiligste Person, die es gibt."
David Fincher hat gesagt, der Tod sei in jeder Einstellung des Films gegenwärtig. Gern nähme Gerhard Midding "ihn beim Wort. An der persönlichen Betroffenheit, die ihn und den Drehbuchautor Eric Roth über lange Jahre mit diesem Stoff verbunden hat, ist kein Zweifel: Der Autor verlor beim Schreiben der ersten Entwürfe seine Eltern, der Regisseur begleitete seinen Vater ein Jahr lang beim Sterben. Dem Film ist das nur passagenweise anzumerken. Er ist als qualliges, sentimentales Epos angelegt, in dessen Zentrum eine unerfüllte Liebe steht."
Handwerklich tadellos ist der Film für Gregor Wossilus, aber inhaltlich überzeugt er nicht. "Das liegt nicht daran, dass von der zugrunde liegenden Kurzgeschichte nicht viel übrig geblieben ist. Es geht in DER SELTSAME FALL DES BENJAMIN BUTTON (
) um nichts. Denn man weiß von vornherein, dass jede Liebesbeziehung der Hauptfigur, worauf sich der Film immer wieder konzentriert, zum Scheitern verurteilt ist. Auch in der Figur Benjamin Button selbst gibt es keinen erkennbaren Konflikt, der den Zuschauer wirklich bewegt. ... Letzten Endes versinkt der mit drei Stunden viel zu lange Film in Langeweile."
Vom ersten Bild an, wenn sich aus herabfallenden Knöpfen die Logos der Filmstudios bilden, ist der Film von außerordentlicher technischer Perfektion geprägt, lobt Michael Meyns. "Die kühle Perfektion mit der David Fincher inszeniert, die absolut lebensecht wirkenden Inkarnationen Benjamins, für den Brad Pitts im Computer gealtertes Gesicht mittels kompliziertester Technik auf Körper von dem jeweiligen Alter entsprechenden Männern gesetzt wurde, überschatten lange die Implikationen der Geschichte. Ein kaum aufzulösender Zwiespalt, denn ohne die Mittel modernster Technik wäre diese Geschichte im Kino kaum zu erzählen. Doch allein das Wagnis dieses Films, seine Perfektion nötigen Respekt ab."
Es geht um den Tod, stellt Thomas Engel fest. "Mit einer Fülle von Geschehnissen, Andeutungen und Parabeln überrascht dieser Film thematisch, nachdem man eine Weile gebraucht hat, sich in ihn hineinzuversetzen. Mit akribischster Sorgfalt sind alle Vorkommnisse, Epochen und Ausstattungsteile formal gestaltet. Regie, Kamera und virtuelle Technik haben da Gutes zustande gebracht. Nur muss man eben auf die Beschäftigung mit einem etwas abwegigen Stoff eingehen."
Michael Spiegel und Joachim Kurz sahen einen zutiefst beeindruckenden, berührenden Film, "der tief eintaucht in die Lebensgeschichte einer ungewöhnlichen Liebe und eines turbulenten Jahrhunderts. ... Auch wenn der Zuschauer von Anfang an weiß, dass die Liebe zwischen Daisy und Benjamin aufgrund der besonderen Umstände kaum gut ausgehen kann: Die Vielzahl an Puzzlestücken, Epochen, historischen Miniaturen und Querverweisen machen aus dem Film nicht nur ein großes Liebesdrama, sondern auch einen anregenden Ausgangspunkt für Überlegungen über Zeit und Vergänglichkeit, über die Liebe, das Schicksal und die Launenhaftigkeit des Glücks."
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