| Regie | Ridley Scott |
| Kinostart | 20.11.2008 |
Er ist der beste Mann des US-Geheimdienstes, doch wenn Roger Ferris Tarnung einmal auffliegt, ist er ein Mann ohne Identität - dann hängt sein Leben von jener unpersönlichen Stimme ab, mit der er über eine abhörsichere Telefonleitung Kontakt hält. Der mit allen Wassern gewaschene CIA-Mann Ed Hoffman führt Krieg - per Laptop im Wohnzimmer seines Einfamilienhauses: Er dirigiert jede von Ferris Bewegungen selbst dann noch, wenn der beim Einsatz im Kugelhagel Deckung sucht.
Andreas Borcholte lobt den Regisseur: Ihm gelingt es, "Polit-Brisanz, Star-Besetzung und Action zusammenzubringen. Das ist sehenswert, auch wenn der Film an der Komplexität seines Sujets scheitert. ... Auf der Strecke bleibt bei aller Rasanz die emotionale Tiefe des Films. Ein politisches Strategiespiel bleibt eine kühle, rechnerische Angelegenheit, auch wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen. So dient eine viel zu oberflächlich inszenierte Liebesaffäre zwischen Ferris und der iranischen Krankenschwester Aisha (Golshifteh Farahani) ganz offensichtlich keinem anderen Zweck, als die zunehmende Verbundenheit des Agenten zu seinem Einsatzort zu symbolisieren."
Für Gerhard Midding vollzieht der Film "eine beachtliche dramaturgische und auch ideologische Bewegung, indem er Hani moralische Integrität und professionelle Souveränität zubilligt. Vertrauen und Ehre sind keine leeren Worte für ihn, statt auf Folter setzt er auf Bestrafung und Loyalität. So regt sich zaghaft eine ganz unamerikanische Ahnung in dem Film: dass die USA vielleicht nicht der alleinige Weltpolizist sein sollten. Die naiv angelegte Liebesgeschichte Ferris' mit einer muslimischen Krankenschwester rührt an die Angst, aber vielleicht auch die Hoffnung, die darin liegt, sich in der Ferne einer fremden Kultur anzuverwandeln."
Verrätselt nennt Claudius Seidl den Film. Die Schwächen dieses Films sind seine größten Stärken. "Ja, all jene Kritiker, die ihm bescheinigen, dass sein Drehbuch nicht ganz logisch sei und Scotts Inszenierung nicht so konzentriert wie in BLACK HAWK DOWN (der ein ähnliches Thema hat), haben recht. Man ist nicht gerade gefesselt von der Spannung, was man auch begreifen kann als die Freiheit, in diesem Film etwas anderes als die Bebilderung seines Drehbuchs zu sehen. Man möchte jedenfalls, kaum ist er vorbei, den Film noch einmal sehen. Und dann vierzig Tage in die Wüste gehen und darüber nachdenken."
Entscheidende Schwächen entdeckt Peter Zander. "Die Filmdramaturgie leidet unter derselben Schwäche wie schon Ridley Scotts letzter Thriller AMERICAN GANGSTER: dass er mit zwei hochkarätigen Stars operiert (damals mit Crowe und Denzel Washington), sie aber fast nie aufeinandertreffen lässt. Und wenn es dann doch noch passiert, ist es nicht das textliche und schauspielerische Herzstück des Films, das es eigentlich sein müsste. Das aber ist nicht das einzige Manko, unter dem der Film leidet. ... Viel zu spät kommt der Film zu seinem eigentlichen Thema, der sinistren Gegenintrige. Viel zu spät bekommt der Agent Gewissensbisse – und erkennt, dass er niemandem trauen kann, nicht mal seinem eigenen Chef."
Andreas Busche fragt, wie sich asymmetrische Kriege im Kino darstellen lassen. "Dass die Handlung von DER MANN, DER NIEMALS LEBTE trotz des Drehbuchs von Oscar-Preisträger William Monahan (THE DEPARTED) etwas unübersichtlich verläuft, kann man einem Film über asymmetrische Kriege vielleicht schlecht vorhalten. Es steckt im Material. Ärgerlicher sind da schon einige allzu konventionelle Wendungen im Drehbuch, die die zerfaserte Handlung mit ihren diversen Nebenschlachtfeldern unnötig überfrachtet. Sie unterminieren auch das wiederkehrende Thema von Scotts Film: dass die Terrorbekämpfung im "War against Terror" nur noch eine untergeordnete Rolle spielt."
Ridley Scott hatte gar keinen politischen Film im Sinn, meint Daniel Kothenschulte. "Wenn DiCaprio als ein zweiter Jason Bourne durch die Krisengebiete hetzt und dabei eine ständige Handyverbindung zu seinem Vorgesetzten beim CIA (Russell Crowe) unterhält, scheint die Macht der Überwachungstechnik grenzenlos. Nur, wenn denn diese Zukunft schon begonnen hat - warum läuft dann um alles in der Welt der echte Bin Laden noch immer frei herum? Wie entgeht er dem allsichtigen Satellitenauge im real gewordenen Computerspiel? Wie meist in seinen Filmen bleibt Scott die Antworten schuldig, starke Bilder jedoch nicht."
Susanne Ostwald sah einen besseren Bond, denn Ridley Scotts "Film geht nicht nur von der Wirklichkeit aus, sondern hat sich den Realismus auch zum obersten Stilprinzip gemacht. Die Schauplätze wirken weniger abziehbildartig als bei Bond, und die Actionszenen sind weitaus packender inszeniert. ... Das liegt vor allem an Scotts zügigem Drehstil, der für grösstmöglichen Fluss der Handlung und Bilder sorgt, indem er immer vier bis acht Kameras gleichzeitig einsetzt. Das setzt die Schauspieler unter eine Anspannung, die Scott sich nutzbar machen kann, und unterstützt die Wirkung der Unmittelbarkeit, welche der Oscar-prämierte Drehbuchautor William Monahan der Vorlage abgewonnen hat."
Fritz Göttler bezeichnet DER MANN, DER NIEMALS LEBTE als Nahostkonflikt-Komödie. "Eine grimmig schwarze Komödie, in der es um zynische Geheimdienstintrigen geht, um Erpressung und Folter und Mord. Um Menschen, die als "assets" behandelt werden, als Vermögenswerte, die man so lange pflegt, bis man sie braucht, mit denen man bedenkenlos operiert und handelt. ... Der Film liefert eine physische, eine körperliche Basis zur Ideologie des amerikanischen Kriegs gegen den Terror - auch in dieser Hinsicht ist DER MANN, DER NIEMALS LEBTE Ridley Scotts KINGDOM OF HEAVEN näher als den anderen amerikanischen Nahost-Filmen."
Über weite Strecken sah Michael Kienzl einen solide inszenierten Actionfilm, "der durch seinen geballten Handlungsverlauf keine Langeweile aufkommen lässt. Wenn Scott über zwei Stunden verschiedene internationale Schauplätze und Charaktere miteinander verbindet, wirkt der Film allerdings auch etwas unfokussiert. Statt sich näher auf die Beziehung zwischen den beiden Kontrahenten Ferris und Hoffman zu konzentrieren oder auf die Ermittlungsarbeit des Helden, bleibt zwischen der schnellen Abfolge der Ereignisse kein Platz, um einen bestimmten thematischen Aspekt zu vertiefen. Stattdessen fügt er in die sowohl genre- als auch kulturell bedingte Männerwelt seines Films, in der Frauen lediglich dekoratives Beiwerk sind, noch eine konstruiert wirkende Liebesgeschichte ein."
Ekkehard Knörer hat eine Lektion gelernt: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten im Osten. "Ästhetisch reißt das dann aber keiner mehr raus. Vielmehr tut William Monahan (den wir als Autor von Scorseses "Departed" zu fürchten gelernt haben) seine ostentativ maskulinen Dialoge und tut Marc Streitenfeld sein musikalisches Trommelfeuer dazu. Man darf sicher sein, dass die PR-Agenten des Films was von einer US-Nahostpolitik-kritischen Mission faseln werden. Stolz bläht sich dabei nur das Fähnchen im stimmungspolitischen Wind. Wie die meisten Filme von Scott, macht auch dieser rein optisch-akustisch was her. Guckt man genauer hin, ist aber wirklich nichts dran."
Holger Römers hat wenig über den Mann, auf den wohl der deutsche Filmtitel gemünzt ist, erfahren. "Die Hauptfigur bleibt letztlich von papierener Leblosigkeit. Dazu passt auch, dass Ferris’ Romanze mit einer iranisch-jordanischen Krankenschwester jede Glaubwürdigkeit fehlt. Unter diesen Umständen verdient sich eine Nebenfigur zunehmend die Aufmerksamkeit: Dem stets als perfekter Gentleman gekleideten Hani verleiht der britische Schauspieler Mark Strong nämlich eine genau dosierte Eleganz, die regelmäßig einen subtilen Schauer auslöst, weil sie in so augenfälligem Kontrast zu den Vorstellungen steht, die man sich vom Beruf der Figur macht."
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