TULPAN

film-zeit Film: TULPAN
Regie Sergey Dvortsevoy
Kinostart 03.12.2009
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Inhalt • TULPAN

Nach langer Zeit auf hoher See kehrt der Matrose Asa zurück in die kasachische Steppe, wo seine Schwester Samal und sein Schwager Ondas ihre Kinder großziehen und Schafe züchten. Da Asa ledig und die Nomadenfamilie nicht reich ist, muss er verheiratet werden. Doch in der Steppe gibt es nur noch ein heiratsfähiges Mädchen: Tulpan. Ondas und Asa nehmen die Verhandlungen auf. Asa erzählt von seinen Abenteuern mit Seeungeheuern, Ondas lobt die zwei Medaillen seines Schwagers, bietet zehn Schafe und einen kitschigen Lüster. Als alle sich endlich handelseinig sind, macht ihnen Tulpan einen Strich durch die Rechnung...

Pressespiegel • TULPAN

13. Oktober 2009 | critic.de Partner von film-zeit

Gegen das Romantisieren eines ursprünglichen Lebens in der Steppe setzt TULPAN laut Michael Kienzl "eine sehr nüchterne Darstellung, die sich nicht nur auf die dokumentarische Machart zurückführen lässt, sondern auch auf die Geschichte. Stellvertretend dafür steht jenes Mädchen, das dem Film seinen Titel leiht, sich aber weder dem Zuschauer noch Asa selbst zeigt. Bereits der ausschlaggebende Grund für die geplante Heirat ist ein rein ökonomischer: Ohne Frau bekommt Asa keine eigene Schafherde und Tulpan ist das einzige heiratsfähige Mädchen in der Gegend. Wenn sich Asa mit der Zeit dann doch in das Mädchen verliebt, dann nur, weil die sich stets verbergende TULPAN eine dankbare Projektionsfläche für Asas Wunschträume bietet."

04. Dezember 2009 | Die Süddeutsche Zeitung

Als Anti-BORAT bezeichnet Susan Vahabzadeh TULPAN. Der Film ist manchmal komisch und manchmal herzerweichend realistisch. "Seine Steppenbewohner sind ein seltsames, lebhaftes Völkchen, der modernen Gegenwart ein wenig entrückt, aber nicht fremd. Dieses Niemandsland zwischen Zukunft und Vergangenheit können sie sich, vielleicht ist das der Reiz, nach Herzenslust einrichten. Boni, der Steppenclown, der gerne mit seinem Wüstenmobil herumrast und zu "The Rivers of Babylon" rockt, wird wegen der billigen Pornobildchen hinterm Fahrersitz zurechtgewiesen von Asas Schwager. Das, antwortet Boni im Brustton der Überzeugung, ist Kunst. Und wer wollte ihm hier draußen widersprechen?"

04. Dezember 2009 | Die Zeit

Anke Leweke ist begeistert. "Die größte Freiheit, die sich dieser Film lässt, liegt in der Tatsache, dass er für seine Haupt- und Nebengeschichten einen unorthodoxen Ausgang erfindet. Ohnehin steuert TULPAN nirgendwo zielstrebig hin. Eher ermuntert er Figuren wie Betrachter mit seiner erzählerischen Offenheit, angesichts vermeintlich vorgeschriebener Lebenswege und Kinodramaturgien eine eigene Form des Glücks zu finden."

03. Dezember 2009 | Berliner Zeitung

Ralf Schenk sah eine Legende über ungestillte Sehnsüchte und die Umwege, die dann doch, vielleicht, zum Glück führen können. "Mit sanfter erzählerischer Geduld und einem untrüglichen Sinn für die Schönheiten einer rauen Landschaft zelebriert Sergey Dvortsevoy seine Hommage an das Leben am Fuß der blauen Berge. Als erfahrener Dokumentarist, dem wir unter anderem die wunderbare Dorfstudie BROTTAG (1998) verdanken, blickt er auf den Alltag von Mensch und Tier. Mitunter lässt seine Kamerafrau Jolanta Dylewska die Bilder stehen, auch wenn die eigentliche Handlung, mit der die kleine Geschichte vorangebracht wird, schon beendet scheint. Auf diese Weise kommen Naturstimmungen ins Spiel."

03. Dezember 2009 | Die Tageszeitung

Bert Rebhandl nennt TULPAN erfahrungsgesättigt. "Die Skepsis, auf die ein Film wie TULPAN zuerst einmal stoßen müsste, weil er doch eine autochthone Lebensform zum Attraktionsmaterial im internationalen Festival- und Arthousekino macht, ist konkret schwer durchzuhalten. Man mag sich täuschen, vielleicht ist das eine Geschichte aus einer potemkinschen Jurte, aber es sieht fast alles nach dem Gegenteil aus: nach einem erfahrungsgesättigten Film, der Hirten, Schafe, Kamele zu Helden einer elementaren, häufig auch elementar komischen Geschichte macht."

03. Dezember 2009 | Frankfurter Rundschau

Für Daniel Kothenschulte entwickelt TULPAN einen eigentümlichen Sog. "Der Film ist mit der Handkamera gedreht - aber nicht mit der Wackelkamera. So wie man ein Baby ja auch in der Hand hält und nicht absichtsvoll dabei wackelt. Merkwürdig, dass man das im Kino heute immer dazu sagen muss. Und er ist auf Film gedreht und nicht auf Video, weil man Babies ja auch keine Dosenmilch zu trinken gibt. Manchmal erfasst die geniale Kamerafrau Jolanta Dylewska gleich mehrere Stimmungswechsel in einer Einstellung, etwa wenn sie den jungen Bauern auf seiner Flucht aus dem Zelt begleitet, in dem die Frauen schon mal ein Volkslied zuviel singen. Der Mann hört lieber Boney M., wofür man ihn nicht bewundern muss, wohl aber für seine Leistung als unvorbereiteter Geburtshelfer."

03. Dezember 2009 | Berliner Morgenpost

Leni Höllerer lobt den Regisseur. "Er zeigt den Staub und die Leere, den Familienalltag in den Zelten, besonders aber immer wieder die Tiere, die die Lebensgrundlage der Nomaden bilden. [Er] beobachtet mehr als dass er erzählt, er beschränkt sich auf eine fragmentarisch-lose Dramaturgie und lässt dafür seinem Kameramann Jola Dylewska den Raum, in nahezu kontemplativ langen Einstellungen viele wunderbare Details einzufangen ... So verliert sich der Film immer wieder in den Bildern und Geräuschen, und die Handlung gerät schnell zur Nebensache. Aber das macht nichts, im Gegenteil: Die Dialoge wirken da fast unangenehm zerstreuend in Anbetracht der urwüchsigen Intensität und der unsentimentalen Zärtlichkeit dieser so malerischen wie authentischen kasachischen Steppen-Impressionen."

03. Dezember 2009 | perlentaucher.de

Eigentümlich ist die Art und Weise, in der Regisseur Sergey Dvortsevoy nicht nur seine Figuren, sondern auch uns, die wir ihnen zusehen, in die Steppe versetzt, meint Ekkehard Knörer. "Er hat gewartet und gewartet, bis er den Tornado und das Unwetter und den Sturm mit der Kamera festhalten konnte. Daraus, wie in TULPAN das Nichtinszenierbare, als Wetter, als Natur, als Schaf auftritt - aber gerade, ohne dass er Auftritte daraus machte, es sind das Wetter, die Natur, die Kamele und Schafe vielmehr einfach nur da und vorhanden -, bezieht der Film Kraft und Ruhe. Das Ausgesetztsein, das Widrige, das Klein-Sein-des-Menschen in einer Welt, in der der Horizont immer wieder im Staub untergeht, ist nicht nur Behauptung. Der Film bezeugt, indem er sein Sich-Aussetzen sichtbar macht, alles selbst."

03. Dezember 2009 | schnitt.de

Hier erhalten die Bilder ihre volle Geltung, schreibt Alexander Scholz. "Wenn sich die Figuren in ihrer Jurte aufhalten, werden die Bewegungen der Kamera manchmal etwas hektisch, weil Sergey Dvortsevoy die Authentizität jedes Augenblicks bewahren will und das Instrument des Schnitts ihm dabei offenbar hinderlich erscheint. Diese Entscheidung beschert dem Zuschauer viele kontemplative Momente, verlangt von ihm aber auch ein besonderes Maß an Geduld. Doch selbst das Motiv der Langmut steht nicht für sich, sondern wird durch die Figur des Protagonisten inhaltlich aufgenommen."

02. Dezember 2009 | br-online.de

Eine gelungene Mischung aus Poesie und Opulenz sah Margret Koehler. "Es ist der naive Charme und die opulente Bilderwelt, die den Reiz dieser "exotischen" Reise ins Nirgendwo ausmachen. Der "Jurtenfilm" zwischen Dokumentation und Fiktion, ausgezeichnet als Bester Film der Sektion "Certain Regard" in Cannes 2008 und mit Preisen u.a. in Montreal und Reykjavik, Zürich, London und Tokio überschüttet, entführt in eine Welt von verblüffend funktionierender Einfachheit. Er ist zugleich eine gelungene Mischung aus Naturalismus und Poesie. Das Personal ist liebenswert-skurril und schwankt je nach Alter zwischen modernen "Boney M."-Rythmen und traditionellen Volksliedern, zwischen der Neugier auf die 500 km entfernte Großstadt mit ihren noch unbekannten Vergnügungen und dem treuen Hang zur Familie und trauter Gemeinsamkeit."

30. November 2009 | br-online.de

Tamara Danicic lobt die ungeschminkten Bilder. "Dabei sind es absolut ungeschönte Momentaufnahmen eines entbehrungsreichen, genügsamen Nomadenlebens. Nie versucht der Film, die Exotikkarte auszuspielen, nie geraten die Figuren in die Nähe von Abziehbildern, nie wirken die Orte wie hindrapierte Szenerien für herzergreifende Geschichten aus der großen, weiten Welt. Stattdessen wohnt den klaren Bildern stets auch ein Rest Rauheit inne. Unterdessen rufen einem auf der Tonspur die über die Steppe peitschenden Stürme immer wieder ins Gedächtnis, dass es sich hier um eine ungezähmte Natur handelt."

25. Mai 2008 | telepolis.de

Der Film ist laut Rüdiger Suchsland am Beginn ein Klischeebeispiel poetisierenden Ethno-Kinos. "Es gibt gegen diesen Film eigentlich nicht wirklich etwas zu sagen. Aber neben dem Mainstream, den wir alle kennen, gibt es auch Arthouse-Mainstream. Und wenn man bedenkt, dass dieser Film vermutlich größere Chancen hat, in Deutschland einen Verleih zu bekommen, als Desplechins wunderbarer UN CONTE DE NOEL aus dem Wettbewerb ... dann beginnt man auf Filme wie TULPAN, die mit ihrer Anbiederungsattitüde unsere Kinos verstopfen und die wirkliche Filmkunst verdrängen, auch ein bisschen wütend zu sein."

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