| Regie | Laurent Cantet |
| Kinostart | 15.01.2009 |
Selten hat sich ein Lehrer so entblößt, schreibt Christina Bylow. Die "Enge ist es vor allem, die der Regisseur Laurent Cantet in seinem Film DIE KLASSE (
) spürbar macht. Innerhalb des begrenzten Schauplatzes coupiert er die Bilder noch einmal. Es gibt keine Totale, keine Fluchten, kaum eine Gesamtansicht eines Darstellers. Es dominiert die Nähe der Körper mitsamt ihren Markierungen und Zurichtungen, den Piercings, den schlecht sitzenden Zahnspangen, den Tattoos, den Ticks. Drei Kameras haben den Lehrer, seinen jeweiligen Mitspieler und diverse Nebenhandlungen innerhalb der Klasse im Blick."
Ines Kappert lobt das lebendige Kammerspiel. Der Regisseur "widersetzt sich jeder Festlegung der ProtagonistInnen auf die Masterzuschreibung Migrantenkids. So erzählt der Film vom ganz normalen Wahnsinn, der im Klassenzimmer abläuft, von der Hilflosigkeit auf allen Seiten und von dem Ehrgeiz, sich von dem Elend nicht fertigmachen zu lassen. Auch der findet sich auf allen Seiten."
Dominik Kamalzadeh lobt die Transparenz. Sie "ist nicht zuletzt das Ergebnis einer Ästhetik, die dokumentarische Verfahren für den Spielfilm nützt - neben Matteo Garrones Camorra-Epos GOMORRHA (
) steht DIE KLASSE (
) so auch für eine neue Form von Verdichtung von filmischer Realität. Am Ende sagt ein Mädchen zu François, sie habe ein ganzes Jahr nichts gelernt. Als Zuschauer dieses beeindruckenden Films sieht die Sache ganz anders aus."
Die Lehrer sind wunderbar echt erfunden, findet Heike Kühn. "Ebenso ihr Bemühen, einen sinnvollen Umgang mit Strafen zu entwickeln, den "gefährlichen Eindruck von Straflosigkeit" zu vermeiden und jenen eine Chance zu lassen, die sich unter dem Druck ehrgeiziger, ahnungsloser oder des Französischen nicht mächtiger Eltern an ohnmächtige Rebellion verschwenden. "Ich glaube", so François Bégaudeau in einem Interview mit Phillipe Mangeot, "entsprechend einer Tradition im französischen Film gibt es in DIE KLASSE (
) keinen wirklich ganz Schuldigen.""
Gerhard Midding ist bewegt von so manchem Schicksal. "Es fällt schwer, Laurent Cantets Klasse nach zwei Stunden am Ende des Schuljahres zu verabschieden. Und es zerreißt einem fast das Herz, als eine bis dahin stille Schülerin Monsieur Marin gesteht, dass sie nicht glaubt, in diesem Schuljahr etwas gelernt zu haben. Er ist ratlos angesichts ihrer Niedergeschlagenheit. Aber sie hat keine Scheu mehr, ihrem Lehrer dieses Geständnis anzuvertrauen. Das Lernen ist ein rätselhafter, magischer Prozess in DIE KLASSE (
)."
Rüdiger Suchsland sah einen nüchternen, konzentrierten Film: "Spannendes Kino, das aber trotzdem Wünsche offen lässt: Es ist ... zwar ein guter, auch künstlerisch interessanter und mutiger Film, aber es ist der uninteressanteste von Laurent Cantet, der bisher auch filmisch ein Abenteurer war. ... Visuell fordert sein neuer Film nie wirklich heraus, gönnt sich auch wenig Ruhe, sondern mischt in quasidokumentarischer Manier in den Innenräumen bleibend Halbtotalen mit Nahaufnahmen. Die Bilder sind clean und könnten auch einem Fernsehfilm entstammen. Der Film gönnt sich keine Ruhe, kein Durchatmen. Das ist Konzept, um die fortwährende Anspannung zu zeigen, der Schule, Lehrer, Schüler ausgesetzt sind - die Klasse als Druckkammer."
Für Lukas Foerster ist der Film ein soziales Panorama des neuen Frankreichs. "Das Reißbrett, an dem das alles entworfen ist, verschwindet hinter den ausnahmslos fantastischen Schauspielleistungen der Jugendlichen und hinter elaborierten, vielschichtigen Dialogen, die authentisch aussehen und wirken, aber gleichzeitig noch jedes Mal auf einen dialektischen Mehrwert hinauslaufen. Doch es bleibt ein Reißbrett und vor allem die grundlegende Motivierung dieses Reißbretts als Gesellschaftsanalysator in einem pädagogisch-hierarchischen Versuchaufbau muss auch kritisch hinterfragt werden."
Der Regisseur inszeniert eine scheinbare Kunstlosigkeit, schreibt Knut Elstermann. "Die Zuschauer werden immer wieder vergessen, dass sie einen Spielfilm und keine Dokumentation sehen, die Inszenierung bleibt vollkommen unsichtbar. Die Schüler wurden in offenen Workshops ausgewählt. Wer das ganze Jahr über dabei blieb, schaffte es auch in den Film. In diesem Prozess wurden die Figuren konkreter, die Situationen schärfer, aber in jedem Fall wird hier gespielt, den jungen Leuten mögen die sozialen Hintergründe sehr vertraut sein, die Charaktere aber sind ihre bewundernswerten Schöpfungen."
Cantets Film stellt sich drängenden Fragen, ohne einfache Antworten bei der Hand zu haben, stellt Cristina Nord fest. "Cantets Film glückt etwas Besonderes. Während sich Regisseure wie Nicolas Philibert ("Etre et Avoir") oder Abdellatif Kechiche ("LEsquive") dem Ideal der republikanischen Schule verpflichten, demzufolge alle gleichermaßen Zugang zum französischen Bildungskanon und damit zur französischen Gesellschaft erhalten, stellt Cantet dieses Ideal sanft infrage. "Entre les Murs" lässt ahnen, wie sich das Ideal konkret am Analphabetentum der Elterngeneration stößt und abstrakt an der Gefahr, sich selbst absolut zu setzen."
Anke Westphal lobt den Film. "In diesem meist geschlossenen Raum verhandelt Laurent Cantet nicht allein brennende gesellschaftliche Fragen wie Rassismus, Zukunftsperspektiven oder Anpassungsdruck - er stellt auch das Bildungssystem als geschlossenen, sich selbst genügenden Kreislauf zur Diskussion."
Packend ist der Film für Jan Schulz-Ojala. "Der Trick: Alle Jugendlichen sind gecastet. Nur der Französischlehrer, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, ist echt: François Bégaudeau hat über seine Erfahrungen ein Buch geschrieben und spielt sie im Film selber vor. ... ENTRE LES MURS, am letzten Wettbewerbstag gezeigt, berichtet aus dem Kriegsgebiet des Heranwachsens an den sozialen Rändern – und wie ein junger, engagierter Lehrer sich darin imponierend unhierarchisch und manchmal auch nur verzweifelt behauptet."
Christoph Egger ist begeistert: Eine inszenierte Geschichte, "die gleicherweise an Frederick Wiseman wie an Mike Leigh erinnert. Vielmehr ist es François, der idealistisch gesinnte junge Lehrer, der so ziemlich alles falsch macht und die Klasse deswegen beinah in die Katastrophe schlittern lässt – der aber von ebenjenem François Bégaudeau verkörpert wird, der auch das gleichnamige Buch geschrieben hat. Ein Kino der Unmittelbarkeit."
Für Lars Olav Beier ist der Film ein Wunder. "Dem Schauspieler François Bégaudeau in der Hauptrolle und vielen Laien in den Nebenrollen gelingt es, den Zuschauer mitten hineinzuziehen in den kargen Klassenraum, in dem gut 80 Prozent aller Szenen spielen. Wir teilen die Lust und die Last an der Sprache, wir wechseln zwischen dem Lehrer und seinen Schülern ständig die Seiten. Nie passiert in ENTRE LES MURS etwas Spektakuläres, nie wirkt der Film falsch oder überzogen – und doch ist er ungemein amüsant und tief bewegend."