| Regie | Clint Eastwood |
| Kinostart | 22.01.2009 |
Los Angeles, 1928: An einem Samstag Vormittag in einem Arbeiter-Vorort, Christine verabschiedet sich von ihrem Sohn, Walter, und geht arbeiten. Als sie nach Hause kommt, ist er verschwunden. Eine Suche nach ihm bleibt ergebnislos. Nach fünf Monaten präsentiert ihr die Polizei einen Sohn, aber sie weiß: Das ist nicht meiner. Er selbst behauptet es und alle anderen sind ebenfalls davon überzeugt. Christine gibt nicht auf und nun beginnt ihr Spießrutenlauf durch die Behörden.
Christian Buß sah eine perfekte Genremixtur aus Frauenmelodram und Polizeikrimi. Der Film "ist ein aufwühlender Beitrag zu aktuellen Debatten. Schon wie Clint Eastwood eine Hinrichtungsszene anlegt, wirft ein scharfes Licht auf die Todesstrafendiskussion in den USA. Irgendwann nämlich, und da ist der Film längst noch nicht zu Ende, wird der Serienmörder in San Quentin am Galgen aufgeknüpft; die Eltern seiner Opfer wohnen der akkurat vollzogenen Zeremonie bei. Clint Eastwood ist, wie übrigens auch Obama, Befürworter dieser Rechtspraxis."
Laut Peter Körte hat der Film nicht die Grautöne und die moralischen Ambivalenzen, die sich sonst in Clint Eastwood-Filmen finden. "Es gibt keine Zweifel, außer jenen der Mutter, die den Tod ihres Sohnes nicht wahrhaben will. Man schaut einer Horrorgeschichte aus der Vergangenheit zu, in der Gut und Böse zu keiner Sekunde changieren. Clint Eastwood hat diesen Effekt zwar gedämpft durch die eigensinnige Dramaturgie, die sich eher ans reale Verfahren hält als an die üblichen Drehbuchstandards, aber es ist dann doch, wenn man seine Arbeiten der letzten zehn Jahre betrachtet, nicht seine stärkste. Gut genug ist sie immer noch."
Dies ist Clint Eastwoods dunkelster Film, meint Jerome Charyn und mit einer eigenartigen Angelina Jolie. "Mit ihrem Bubikopf, dem topfartigen Hut und dem knallroten Lippenstift, der fast das ganze Gesicht dominiert, sieht sie aus wie eine Karikatur aus den zwanziger Jahren. Einige amerikanische Kritiker haben eingewendet, Angelina Jolies "Aura", ihre atemberaubende Schönheit, stehe ihrer Rolle im Weg. Das finde ich nicht. Ebenjene verblüffende Schönheit hat etwas Hypnotisierendes. Angelina Jolie ist Lara Croft, die in die Höhlen von L. A. eindringt, bewaffnet mit ihren rot geschminkten Lippen und ihrer aberwitzigen Power."
Beängstigend überraschend findet Tobias Kniebe den Film. "Wie sensibel und zugleich gnadenlos hier dem ewigen Schuldbewusstsein der berufstätigen oder auch nur lebenshungrigen Frau nachgespürt wird - da liegt plötzlich sogar der Fall Maddie ganz nah. ... In Windeseile also wechselt der Regisseur Clint Eastwood seine Stilmittel und Erzähltechniken, aber er lässt das alles völlig natürlich erscheinen, und er macht auch kein Aufhebens darum."
Laut Anke Westphal ist dies nicht der stärkste Film des Clint Eastwood, "aber doch ein famoser Thriller. Der Aufstand unbescholtener Bürger gegen schadhafte Institutionen war immer schon ein genuin US-amerikanischer Krimistoff und die Botschaft klar: Der Staat - das ist der Bürger. Was nun die dazugehörigen Heldengeschichten anbelangt, so ist Clint Eastwood hier einer der überzeugendsten Vertreter des Wertekonservatismus. Auch Christina Collins bleibt ja noch im Fall ihrer Zwangseinweisung eine unbeugsame Heldin, die an ihrem Glauben festhält und so ihre Autonomie bewahrt."
Christina Tilmann lobt Angelina Jolie, die als verzweifeltes Muttertier überzeugt. "Vielleicht gibt es etwas zu häufig Großaufnahmen mit tränenvollen Augen und bebenden Lippen, und die Musik dröhnt dazu fürchterlich, aber die Wandlung der selbstbewussten emanzipierten Frau zum kämpferischen Muttertier macht die erste Hälfte des Films zum atemberaubenden Erlebnis. Bleibt das Dilemma: Je verzweifelter, je emotionaler und einsamer sie agiert, desto mehr scheint sie die männlich-chauvinistischen Vorurteile zu bestätigen."
Laut Bert Rebhandl bietet sich für Clint Eastwood eine weitere Möglichkeit, ein Community-Drama wie MYSTIC RIVER zu erzählen. "Mit jeder neuen Wendung fügt DER FREMDE SOHN (
) neue Facetten hinzu. Und so bekommt dieser Film, der so intim begonnen hatte, unvermutet episches Format. Das einzige Moment der Ironie, das Clint Eastwood sich dabei gestattet, betrifft die erzählte Zeit, die sich über fast ein Jahrzehnt erstreckt und Mitte der 30er-Jahre ausgerechnet in den Tagen der ersten "Oscar"-Verleihung endet."
Wilfried Hippen vergleicht den Film mit Roman Polanski großem Klassiker CHINATOWN. "In zwei Dritteln des Films erreicht Clint Eastwood sogar eine ähnliche erzählerische Spannung, aber der dramaturgische Bogen ist im Grunde schon nach der Freilassung der Heldin aus der Psychiatrie und der Entlarvung des untergeschobenen Sohnes vollendet. Doch dann muss auch noch erzählt werden, was aus dem richtigen Sohn geworden ist, und dies ist eine fast ebenso packende Geschichte, die im Grunde genug Stoff für einen eigenen Film liefert. Aber durch diesen Bruch sackt der 140 Minuten lange Film am Ende ein wenig durch."
Hanns-Georg Rodek ist angetan. Clint Eastwood "mit seinem ökonomischen Erzählstil zwingt dies alles relativ harmonisch unter einen Hut, aber zuweilen beschleicht einen doch das Gefühl, dass man von Geschichten, die gewaltig sein könnten wie Eisberge, lediglich die Spitze zu sehen bekommt. ... Der verbindende Faktor der disparaten Elemente ist natürlich Angelina Jolie, die in Gatsby-esken Ensembles wie ein Filmstar daher kommt, obwohl ihre Figur eigentlich nur wie eine kleine Angestellte aussehen kann, die gern wie ein Filmstar aussähe (und das ist ein wesentlicher Unterschied). Sie lässt uns an ihrem Gefühlsbad ausgiebig teilnehmen, gibt uns Tränen überströmt, stoisch, zu Tode betrübt."
Isabella Reicher glaubt, es hätte dem Film gut getan, "überhaupt auf Stars wie Angelina Jolie oder den herzhaft outrierenden John Malkovich zu verzichten, deren überlebensgroße Persona sich nur bedingt in die Erzählung fügt. Stattdessen ziehen Idiosynkrasien und Äußerlichkeiten die Aufmerksamkeit auf sich. Da kann auch darstellerisches Vermögen, über das Angelina Jolie zweifellos verfügt, nichts dran ändern."
Angelina Jolie gibt in der Mutterrolle die beste Performance ihrer Karriere, lobt Daniel Kothenschulte. "Dass sie dennoch nicht ganz in dieses so vollkommen durchgearbeitete Zeitbild zu passen scheint, hat wohl weniger mit ihrer Kunst zu tun als unserem Bild von der Vergangenheit. Sie ist einfach nicht der Frauentyp, wie man ihn in Filmen der frühen dreißiger Jahren besetzt hätte, doch genau darin verbirgt sich möglicherweise auch Clint Eastwoods Genie: Wie so oft in seinen letzten Filmen erzählt er von Ausgrenzung, von unverdienter Einsamkeit."
Franz Everschor bescheinigt Clint Eastwood Anteilnahme für Charaktere und Situationen zu entwickeln, ohne sie emotional auszuplündern. "Dadurch bleiben gerade die undramatischsten Szenen am eindrücklichsten in Erinnerung. Wäre der ganze Film dem inszenatorischen Prinzip seiner ersten Stunde gefolgt, so hätte er vielleicht das Zeug zu einem großen Eastwood-Film besessen. So, wie er ist, muss man sich mit einem ungleichgewichtigen Film zufrieden geben, der trotz seiner Mängel immer noch mehr Respekt verdient als die meisten aktuellen Hollywood-Produkte, deren Macher es nicht einmal mehr verstehen, eine Geschichte glaubwürdig zu erzählen."
Trotz des melodramatischen Potenzials der Story gleiten weder die Bilder, noch die von Eastwood komponierte Musik oder das Schauspiel in Richtung Kitsch ab, lobt Sonja M. Schultz. "DER FREMDE SOHN (
) berührt spannende zeitpolitische, aber auch zeitlose Themen wie Machtmissbrauch der Staatsgewalt, unrechtmäßige psychiatrische Inhaftierung, überkommene Geschlechterrollen und Frauenemanzipation, zuletzt die Frage nach dem Sinn der Todesstrafe. Hinter jeder der einprägsam gespielten Nebenfiguren scheint eine eigene Geschichte zu stecken, die ebenfalls lohnend zu erzählen wäre ... Doch all diesen Teilen fehlt ein starkes Zentrum, und so bleibt das Werk des oscar-prämierten Altmeisters ohne Sog, ohne Feuer und Flamme."
Helmut Merker ist des Lobes voll über die Hauptdarstellerin. "Angelina Jolie als Christine Collins ist der Dreh- und Angelpunkt, das Herz des Films, in dem sich alle Emotionen des Zuschauers bündeln. Allein durch sie gewinnt der Film seine wahre Größe, durch Blicke, Gesten, Dialoge, Szenen, die eher nicht in den Gerichtsakten zu finden gewesen sind. ... Angelina Jolie mag dabei manchmal eher weinerlich als verzweifelt wirken, sie muss ein wenig zu oft die Hand im braunen Lederhandschuh vor den Mund pressen, um einen Schmerzensschrei zu unterdrücken."
Silvy Pommerenke braucht Angelina Jolie keine Angst wegen Vorwürfen zu haben. "Tatsächlich verschafft sie sich ein neues, seriöses Image durch die Darstellung der Christine Collins und erhielt dafür eine Nominierung als Beste Hauptdarstellerin beim Golden Globe Award. Dank der Lichtführung und der Konzentration auf Naheinstellungen der Schauspieler wird vieles in diesem Film nonverbal erzählt. So sind es die Gesichter – von der markanten Note Michael Kellys, dem leicht irren Blick Jason Butler Harners, der dezenten Ausstrahlung John Malkovichs, dem aalglatten Habitus Jeffrey Donovans bis hin zur kämpferischen, dabei aber auch zurückhaltenden Attitüde Angelina Jolies -, die ihre eigene Sprache sprechen."
Sascha Rettig ist etwas enttäuscht. Der Film wechselt "wiederholt seine Richtung und streift verschiedene Genres. Er startet mit einem Hauch von Mystery-Krimi mit der Übergabe des falschen Sohnes, wird dann zum Psychiatrie-Drama und hat einige Serien-Killer-Thriller-Momente, bevor letztlich wie in einem Gerichtsfilm für Gerechtigkeit gesorgt wird. Das Böse gibt es hier nicht nur in der Verkörperung des Kindermörders. Der bedrohliche Hauptgegner für Collins ist die Polizei von Los Angeles. Wer in diesem Geflecht zu den Guten und wer zu den Bösen gehört, ist stets eindeutig; Grauzonen bleiben da kaum. "
David Siems lobt Hauptdarstellerin Angelina Jolie, "die man zuallererst für ihre schauspielerische Wandlungsfähigkeit und nicht ihren privaten Fortpflanzungsdrang bewundern sollte, auch wenn die Inszenierung ihrerseits als Übermutter im Boulevard schlussendlich ihrer Rolle noch mehr Glaubhaftigkeit verleiht, ob man es sich eingestehen will oder nicht. Einziger Wehrmutstropfen in diesem packenden Mutter-Sohn-Drama bleibt die viel zu kleine Rolle von John Malkovich als aufklärerischer Pfarrer – sie gibt dem Film einen etwas schalen Beigeschmack an der verstaubten Dringlichkeit christlicher Gerechtigkeitssuche."
Eine mutige Frau kann ein korruptes Behördensystem zum Einsturz bringen, hat Thomas Engel aus dem Fim gelernt. "Stilistisch hat Regisseur Clint Eastwood die um Christines Kampf und um des Mörders Untaten kreisenden Handlungsstränge souverän gestaltet und dabei das Milieu so nüchtern gehalten wie einen Polizeibericht. Formal erstaunlich, wie realistisch in diesem Krimidrama die Zeit um 1930 nachgestaltet wurde."
Laut Daniel Kothenschulte variiert der Film nur eine simple Formel. "Doch es wird eine große Sinfonie daraus. Angelina Jolie spielt ihre beste Rolle in diesem historischen Entführungsfall, in dem die Polizei eine Mutter mit einem falschen Kind "entschädigt", um Ermittlungsfehler zu vertuschen. Es ist nicht der originellste Film der Welt, aber einer ohne jeden Tadel."
Für Susan Vahabzadeh ist Eastwoods Los Angeles "schmuddelig, nasskalt und unwirtlich, keine sonnige Stadt der Engel, in blassen Farben gehalten bis auf den roten Mund von Angelina Jolie; aber die Energie und der Widerstandsgeist, die hier entstehen, machen CHANGELING dann doch zum hoffnungsvollsten Film, den Eastwood seit langem gemacht hat. Eine Geschichte, die durchaus in die Gegenwart verweist - es ist die eines Staates, der seinen Bürgern ein X für ein U vormachen will, bis das filigrane Autoritätsgebilde zerbröselt, weil einer nicht mehr lügt und die anderen nicht mehr glauben."
Hier geht es um existentielle Themen wie Elternliebe, Gerechtigkeit und die Suche nach Wahrheit, schreibt Andreas Borcholte. "Clint Eastwood, der sein Alterswerk anscheinend ausschließlich mit historischen Dramen bestreiten will, entwirft in CHANGELING ein vielschichtiges Tableau unterschiedlichster Ebenen. Mittels clever eingesetzter CGI-Technik lässt er das L.A. der Zwanziger detailreich aufleben - und nutzt das hochemotionale Mutter- und Sohn-Drama als Leinwand für unverhüllte Kritik an dem damals von Korruption und Machtmissbrauch zerrütteten Polizei-Apparat der Westküsten-Metropole."
Für Hanns-Georg Rodek verdankt der Film "viel seinem (auf einem realen Fall beruhenden) Drehbuch, das souverän mehrere Höhepunkte verteilt und ein Ende zustande bringt, das weder Happyend noch Verzweiflung pur ist, sondern einen klugen, wahren Mittelweg findet. Eastwood, der auch für die jazzige Musik verantwortlich zeichnet, nimmt sich 140 Minuten Zeit, um seinen Stoff in aller Ruhe zu erzählen."
Laut Anke Westphal verhandelt der Film den Aufstand des unbescholtenen Bürgers gegen schadhafte Institutionen. "Filme dieser Art erzählen mehr oder weniger gebrochene Heldengeschichten, und so ist es auch hier. Pastor Gustav Briegleb (John Malkovich) und dessen Mitstreiter sichern die Demokratie und das Recht, wobei beides an die Religion gebunden ist. Als Christina Collins hat Angelina Jolie nicht viel mehr zu tun als leidend auszusehen; ausgezehrt, mit hungrigen Augen gibt sie die Löwenmutter. CHANGELING ist exzellent fotografiertes, sorgfältig ausgestattetes, solides und konservatives Erzählkino."
Jan Schulz-Ojala entdeckt Klischees. "Die Guten sind die Guten in Eastwoods Film, die Bösen die Bösen, und alle bleiben es auch. Dass das Gute über das Böse triumphiert, gehört zum Kern amerikanischen Selbstverständnisses und wird auch bei den Oscars immer wieder gern genommen. Cannes aber tickt im Ergebnis meist anders. CHANGELING ist ein elegant ausgepinseltes period piece, von den Telegrafenämtern jener Zeit bis in die Innere der Frauenirrenanstalten, auch ein Serienmörder findet seine gerechte Strafe (durch den Strang). So funktioniert der neue Eastwood noch am besten als Tränenzieher."
Dominik Kamalzadeh ist etwas enttäuscht. "Nichts gäbe es gegen Eastwoods detailgenaue Mise en scène und die patinierte Rekonstruktion dieser Ära zu sagen, gegen diesen visuellen Klassizismus, würde der Film nicht an etlichen Stellen merkwürdig überzogen, im Tonfall falsch wirken. Es mag an den Stars liegen, an deren Manierismen und Forciertheit, dass der Film bisweilen wie eine Parodie seiner selbst erscheint."
Datenblatt des Films beim 61. Filmfestival in Cannes.