| Regie | Matteo Garrone |
| Kinostart | 11.09.2008 |
Macht, Geld, Blut. Damit werden die Einwohner der Provinzen von Neapel und Caserta tagtäglich konfrontiert. Nur eine privilegierte Minderheit kann überhaupt daran denken, ein "normales" Leben zu führen. Die süditalienische Mafiaorganisation Camorra mischt mit im internationalen Drogenhandel, verschiebt riesige Mengen Giftmüll, macht gewaltige Geschäfte mit der Herstellung von Designermode, hat praktisch das Monopol auf den Handel mit Zement – und Geschäftsbeziehungen, die von Deutschland bis nach China reichen.
Der Film hat Claudia Lenssen wie aus einem ausweglosen Höllenkreis der Erbärmlichkeit, Gewalt und Geschäftemacherei entlassen. "Welch unermessliche Profite die Camorra aus den illegalen Branchenmonopolen abschöpft, wie sie sich zum Krebsgeschwür der internationalen Wirtschaft entwickelt und welche Macht die Chefs anhäufen - diese Zusammenhänge beschreibt der Roman. Das Filmskript, das Saviano mit dem Regisseur verfasste, konzentriert sich auf das untere Ende der Hierarchie. Gomorrha ist entsprechend der biblischen Titelmetapher das Sittenbild einer Welt, in der die Unterscheidung von Recht und Unrecht nicht existiert."
Als kühle Mafia-Studie bezeichnet Christian Buß den Film. "Verwaltung, Politik und freie Wirtschaft, all die Gesellschaftszweige, die auf die eine oder andere Weise involviert sind in die Geschäfte der Camorra, kommen kaum vor. Diese Beschränkung der Sicht ist Schwäche und Stärke des Filmes zugleich: So zaghaft angedeutet die gesellschaftspolitischen Zusammenhänge und die globalen ökonomischen Verstrickungen bleiben, so schonungslos folgt Regisseur Matteo Garrone den Kraft- und Kapitalströmen innerhalb des Camorra-Kosmos selbst."
GOMORRHA ist laut Andreas Kilb "kein Dokument, sondern eine Kinofiktion mit allen Einschränkungen, die sich daraus ergeben. An den wahren Horror reicht kein Film heran ... Als GOMORRHA in Cannes den Großen Preis der Jury gewann, sprachen manche Kritiker von der Geburt eines neuen Neorealismus. Aber die Bewegung, an der Rossellini, De Sica und zuletzt auch Pasolini teilhatten, war historisch einmalig. Seit den sechziger Jahren sind es stets nur noch einzelne Filme, in denen die Kraft des realistischen Nachkriegskinos wiederaufersteht. Zu ihnen gehört Matteo Garrones GOMORRHA."
Mit der Mafia-Romantik von DER PATE und GOODFELLAS hat Matteo Garrones Spielfilm GOMORRHA nichts zu tun, stellt Sophie Albers fest. Der Film "kommt ohne den üblichen Mobster-Kino-Weichzeichner aus. Regisseur Matteo Garrone erzählt vom Alltag in Scampia, einem Vorort Neapels, wo die Camorra ganz real und völlig unkontrolliert herrscht. Die Geschichte ist zwar fiktional, doch bleibt Garrone hart an den Fakten."
Hanns-Georg Rodek erzählt der Regisseur, wie es sich anfühlte, in einem Gebiet des permanenten Kriegszustandes zu arbeiten.
Barbara Schweizerhof ist begeistert: "Die Stärke des Films macht aus, dass es Regisseur Matteo Garrone gelungen ist, diesen Atem der Vorlage zu bewahren, jenes Hinschauen wollen, es genau wissen wollen. Obwohl er nur einen Bruchteil des Buches in Bilder umsetzt, steht der Film in der Liebe zum Detail dem Buch in nichts nach. ... Die große Falle für Filme über die Mafia war immer die, dass sie ihre Antihelden glorifizieren. Von Don Corleone bis zu Tony Montana. Nichts davon gibt es in diesem Film."
Keine Helden, kein Camp, kein Glamour, keine Ironie, schreibt Ambros Waibel. "Im Film ist die Vielschichtigkeit der Erzählung und der Analyse der Vorlage nicht herzustellen. Garrone versucht es erst gar nicht. Was ihm hervorragend gelingt, ist, dem Zuschauer über mehr als zwei Stunden eben das Gefühl zu vermitteln, an der falschen Bushaltestelle ausgestiegen, am undechiffrierbaren Ort alleingelassen, ein chancenloser Eindringling zu sein."
Gerhard Midding spricht mit dem Regisseur.
Anke Leweke spricht mit dem Regisseur über Mafia-Filme.
Zornig und poetisch nennt Martina Knoben den Film. "Wut treibt nun auch Matteo Garrones grandiose Verfilmung des Bestsellers an, die als Musterbeispiel dafür gelten kann, wie sich das Dokumentarische und die Fiktion im Weltkino gerade so aufregend aufeinanderzubewegen. Der Regisseur selbst, der in Cannes für GOMORRHA den Großen Preis der Jury bekommen hat, vergleicht seine Arbeitsweise mit dem Prozess der Ölmalerei. Auf einer Graugrundierung - dem Dokumentarischen - leuchtet, um im Bild zu bleiben, das Blutrot seines Filmes um so greller."
Petra Reski hat den Regisseur in Rom getroffen, bei dem er von seinem Blick auf die Verbrecher und den Wünschen seiner Darsteller erzählt.
Anke Westphal sah mit GOMORRHA den besten und eindringlichsten Mafia-Film seit Jahren. "Das alles ist ganz unspektakulär gefilmt, in einem pseudodokumentarischen, veristischen Stil, was jene Glaubwürdigkeit noch erhöht, die der Film bereits durch seine Buchvorlage, die Drehorte und Mitwirkenden gewinnt. Darüber hinaus aber ist GOMORRHA auch eine zornige Klage über die unfassbare Verschwendung von Leben, denn Jugendliche bilden so etwas wie das Zentrum dieses in seinem Figuren- und Episodenreichtum totalen, aber nicht zwanghaft um Geschlossenheit bemühten Films."
Atemberaubend, roh und kompromisslos nennt Heike Kühn den Film. "Jede Szene, jeder Schauplatz ist so reich an überwältigenden Bildern, die aus phänomenologischer Distanz ins Poetische und Metaphorische wachsen, dass für den Film ein neues Genre erfunden werden müsste. Ein Mafia-Film ist das nicht, dazu ist die Kritik an der populären Verherrlichung der Film-Paten zu beißend. ... Ist das nun semidokumentarisch, wenn aus gegebenen Fundstücken ruinierter Landschaften und Lebensweisen gleichzeitig Inbilder zerrütteter Seelen aufsteigen? Eher schon ist das visionär zu nennen."
Obwohl das Hauptaugenmerk des Films eindeutig auf den Figuren liegt, lässt sich der Regisseur laut Michael Kienzl "nie zu kitschiger Empathie oder eindimensionalen Psychologisierungen hinreißen. Selbst wenn es um die Gewissenskonflikte einzelner Figuren geht, ... registriert der Film die Zweifel seiner Figuren weiterhin distanziert, ohne moralisch zu werten. Indem Garrone den Figuren nie zu nahe kommt, bleiben sie auch nicht auf ihre Funktion für die Handlung beschränkt. So haftet ihnen stets etwas Geheimnisvolles und schwer Greifbares an, was nicht zuletzt auch ihre realistische Anmutung ausmacht."
Peter von Becker sah eine grandiose Literaturverfilmung. "Matteo Garrones mitreißende GOMORRHA-Höllenfahrt entfacht jedoch nicht nur den Spannungssog eines Thrillers. Sie macht bei allem Erschrecken auch wunderlich mitfühlend. Die Hölle sind weder wir noch einfach die anderen. Aber die Teufel sind leibhaftige Menschen, und ihr Dämon ist eine elementare Mischung aus Not und Gier, geboren in sozialen Slums, wo das legale Überleben hart und die Wohlstandsverlockung durch Drogen, Mord, Betrug so verführerisch süß ist wie Blut. Und genauso schmierig, schaurig, selbstmörderisch."
Gerhard Midding schaut auf italiensche Mafiafilme.
Joachim Kurz bezeichnet GOMORRA als "verwirrendes, kaleidoskopartiges Puzzle, ein fragmentarisierter Flickensteppich aus Gewalt, Korruption und tiefster moralischer Verkommenheit, mitten in Europa. Das ganze Ausmaß des Bösen, auch das zeigt der Film in seiner zerstückelten Struktur, können wir sowieso niemals begreifen. ... Nach dem mehr als zweistündigen Film fühlt man sich trotz insgesamt recht großer emotionaler Distanz zum Geschehen wie erschlagen ob der Wucht der Geschehnisse, der Undurchschaubarkeit der Beziehungsgeflechte und der Allgegenwärtigkeit von Gewalt, Abhängigkeit und Tod."
Für Michael Meyns entsteht "das Bild einer fast völlig korrupten Gesellschaft, eben das titelgebende Gomorrha. Ein Sündenpfuhl, in dem eine Hand die andere wäscht und ein Menschenleben nicht viel zählt. Natürlich ist, was Garrone hier erzählt, prinzipiell nichts neues, aber die Art und Weise wie er es erzählt, auf welch nüchterne, distanzierte Weise, macht GOMORRA zu einem überaus eindrucksvollen Film. Dass er den Zuschauer emotional vollkommen isoliert, ihm kaum eine Gelegenheit gibt, sich einer der Figuren oder ihrem Schicksal Nahe zu fühlen, muss man dabei in Kauf nehmen, zumal man angesichts der hier gezeigten Welt auch nur schwer von Sympathieträgern sprechen kann."
Der Film hat nicht viel Humor, entdeckt Sven von Reden. "In schmerzhaft realistischen Bildern wird der Alltag des Fußvolks der neapolitanischen Camorra beschrieben. In den verfallenen Sozialbausiedlungen der Stadt ist die Mafia nicht nur Arbeitgeber, sondern auch Rentenversicherung, Sozialamt und Justiz. Ein Staat im Staat, der Illoyalität mit dem Tod bestraft."
Für Christoph Egger wurde allmählich die Verästelungen eines Systems erahnbar, "das in sämtliche Lebensbereiche eingesickert scheint. Vermutlich hat noch keiner der zahllosen Mafiafilme Organisation und Funktionen des organisierten Verbrechens so minuziös auf den untersten Stufen dargestellt, wie es in diesen fünf nebeneinanderher laufenden, unverbundenen Geschichten nach Roberto Savianos Buch auf beeindruckende Weise geschieht."
Einen neuartigen Mafia-Film sah Katja Nicodemus. "Riesige Wohnsilos, stillgelegte Tankstellen und verwitterte Strandanlagen sind die Schauplätze eines Films, der dem Organisierten Verbrechen keine Dramaturgie, nicht einmal Hauptfiguren abtrotzt, sondern seine armselige, kalte, blutverklebte Phänomenologie erkundet. Garrones fast dokumentarisch agierende Kamera fährt ganz nah heran an die Handgriffe des Dealens, Verscherbelns und Geldzählens. Ohne Partei zu ergreifen, erforscht sie die Mechanismen des Verbrechens."
Als gänzlich missraten bezeichnet Jan Schulz-Ojala das ehrgeizige Werk. "In einem Halbdutzend wacklig verschränkter Spielhandlungen türmt er, von der Initiation der Jugendlichen in das Gewaltsystem über den Drogenhandel bis zur Innenansicht der lokalen Paten-Familien, alle Klischees des Mafiafilms aufeinander. Schlimmer noch, schließlich zeigt er sich selber wie berauscht von der Gewalt, die er anklagen wollte. Und erinnert unfreiwillig an die Halbwüchsigen in seinem Film, die nach einem Waffenfund minutenlang lustvoll mit Maschinenpistolen rumballern."
Für Anke Westphal hat die Mafia hier "keinerlei Glanz: Es gibt keinen Codex; dickliche Männer in Shorts und Badelatschen töten einfach, weil sie Geld brauchen. In nüchternen Bildern und ohne psychologische Deutungen erzählt der Regisseur, das verleiht seinem Film Wucht: Hier ist ein Verrat eine Entscheidung mit tödlichen Konsequenzen, kein Therapieproblem."
Cristina Nord sah keinen Film der lauten Empörung, sondern des kalten Registrierens. "In mehreren, miteinander verzahnten Erzählsträngen entwirft Garrone ein breit gefächertes Bild davon, wie sich das organisierte Verbrechen gestaltet, in welche Bereiche es eindringt und wie es sich die Menschen gefügig hält. ... Am frappierendsten an GOMORRA ist, wie wenig Empathie in der Parallelwelt der Camorra möglich ist."