| Regie | Matt Reeves |
| Kinostart | 31.01.2008 |
Um zwölf Uhr nachts ist die Welt noch in Ordnung. Eine ausgelassene Abschiedsparty in Manhattan, Freunde unter sich, gute Laune und reichlich Drinks. Nur eine halbe Stunde später nähern sich Explosionen, und das Unheil zieht eine Schneise der Verwüstung durch Manhattan. Um ein Uhr morgens liegt die Welt in Trümmern. Etwas ist dem Meer entstiegen - etwas Großes, etwas Gefährliches hat der Freiheitsstatue den Kopf abgerissen und sich auf die Menschheit gestürzt.
Rochus Wolff lobt zwar einiges an dem Film, aber er ist kein großer Wurf. "Dafür fehlen die wirklich überzeugenden Charaktere – die Figuren sind allesamt eher nichtssagende New Yorker Yuppies – und auch die Bilder, die wirklich im Gedächtnis bleiben. Das vielleicht atemberaubendste – der Kopf der Freiheitsstatue liegt abgetrennt auf der Straße – ist noch dazu ein Motiv, das einem Werbeplakat für John Carpenters Science-Fiction-Dystopie DIE KLAPPERSCHLANGE (1981) entnommen ist."
Tatsache ist für Michael Althen, "dass der Film nicht halb so smart ist, wie er daherkommt, aber andererseits dann doch interessanter, als der Hype befürchten lässt. "Die Fernsehhalbgenies kapern mit ihren halbgaren Ideen Hollywood - und haben Erfolg. Andererseits: Das ist selbst im Scheitern noch interessanter als das, was die Hollywood-Vollgenies mit ihren endlosen Fortsetzungen zustande bringen. Oder wenigstens nicht schlechter. Denn die Effekte sehen wirklich sehr gut aus - gerade weil sie wirken, als hätte irgendein Leserreporter sie eingesandt und nicht Hollywood sie entworfen. That's entertainment!"
Hier wird die Grausamkeiten zu Anfang begangen - am Zuschauer, meint Burkhard Müller. Der Film "hat sich entschlossen, die Präsenz so vieler B-Darsteller mit nicht einem Star dazwischen als zentrales dramaturgisches Mittel zu nutzen. Dabei verfährt der Film völlig kaltschnäuzig; er gibt sich nicht die geringste Mühe, die Akteure dem Zuschauer auf dem Weg der Einfühlung und des Mitbangens nahezubringen. Dass es kein Happy-End gibt, hieße die Sache sehr schonend ausdrücken. Als wirklich stabil erweist sich nur die Festplatte der Handycam; diese wird jetzt - so die rahmende Fiktion - von offizieller Stelle ausgewertet."
Achim Fehrenbach warnt: CLOVERFIELD sollte nur anschauen, wer über einen halbwegs stabilen Magen verfügt. "Den Kino-Besucher erwarten 85 Minuten Wackel-Kamera mit chaotischen Schwenks, Filmrissen und unscharfen Bildern. In den USA, wo der Film bereits läuft, gab es vereinzelte Fälle von plötzlicher Magen-Entleerung. Wer sich auf CLOVERFIELD einlässt, wird mit einem intensiven Kino-Erlebnis belohnt. Denn im Gegensatz zu den üblichen Katastrophen-Filmen bleibt der Abrams-Streifen immer ganz nah bei seinen Protagonisten."
Als grell und geistreich bezeichnet Peter Uehling den Monsterfilm. Wer "an BLAIR WITCH PROJECT denkt, liegt falsch. Dieser Film demonstrierte das Sehen als Blindheit: Das, was eine Gruppe hier filmen will, die Blair-Hexe, bekommt sie nicht vor die Kamera. In CLOVERFIELD dagegen wird das Gesuchte auch gefunden: Kurz reckt das Monster seine Schnauze vor die Linse. Dann kommt der Schreck, stürzendes Licht, verschmierte Konturen, Abstraktion. Das sind die schönsten Momente dieses originellen, grellen, geistreichen Films."
Einen Film in Web 2.0-Bildern sah Dietmar Kammerer. "Die Idee, eine Geschichte mal nicht aus der Frontperspektive von entschlossenen Generälen und nerdigen Wissenschaftlern zu erzählen, sondern denen zu folgen, die einfach nur nicht unter die Räder kommen wollen, ist aber nur ein Teil der Frischzellentherapie, die "Lost"-Produzent J. J. Abrams und Regisseur Matt Reeves dem Genre verpassen. Auf eine Formel gebracht: BLAIR WITCH trifft GODZILLA. Die Bilder der Apokalypse erreichen uns als found footage, als Flaschenpost aus der Hölle."
Laut Daniel Kothenschulte hat der Regisseur das japanische Horrorkino besser verstanden als Roland Emmerich. "Subtilitäten gibt es durchaus, aber sie haben wenig zu tun mit smarten Dialogen oder nuancierter Darstellerführung. Wie stets im effektvollen Horror ergeben sie sich aus dem Verhältnis zwischen Gezeigtem und Unsichtbarem. Schlecht geführte Videokameras sind Meisterinnen in der Kunst des Unsichtbaren. Der Film ist reich an Szenen, in denen hysterisch durcheinander geschrieen wird, aber man erst einmal gar nichts sieht."
Ein Godzilla im Dogma-Stil ist CLOVERFIELD für Peter Zander. "Keine Panoramen und göttliche Perspektiven. Keine naseweisen Wissenschaftler, die uns irgendwas erklären. Nur kino-unverbrauchte Gesichter. Die mittendrin im Chaos stehen. Und einen Goliath konsequent aus der David-, ach was, der Krümel-Perspektive erleben. ... Bei CLOVERFIELD gibt's, keine Frage, mehr zu sehen als damals im düstern Wald. Aber die Idee ist ungefähr so neu, wie eine Riesenechse durch die Großstadt zu jagen. Es ist nur Godzilla im Dogma-Stil. Und am Ende weiß man nicht, was gruseliger ist: solch ein Monster, das man kaum zu sehen kriegt, oder das ständige Gewackle, das einen aus dem Kino taumeln lässt."
CLOVERFIELD löst aber nur teilweise ein, was die virale Marketing-Kampagne im Internet versprochen hatte, empört sich David Kleingers. "Mittendrin statt nur dabei ist das Versprechen dieses Films, der mit zerbröckelnden Wolkenkratzern und Brücken, klaustrophoben Hetzjagden durch U-Bahnschächte, Hubschrauberabstürzen und Kriegsgewitter so ziemlich alle potenten 9/11-Schrecken für die sicher im Kinosessel geparkte YouTube-Generation simuliert, um sich dann doch reichlich simpel aus der Debatte über das ultranaturalistische Grauen und seine realen Vorbilder zu stehlen. ... Wie das aufgeplusterte Agentenmärchen "Alias" und die pompöse Insel-Schnitzeljagd "Lost", so ist auch CLOVERFIELD eine technokratische Chimäre, die das effektvolle Abhaken möglichst verstiegener Plotpoints als innovatives Erzählkonzept verkauft."
Hier geht es um tumbe Zerstörung, sonst nichts, stellt Ulrike von Bülow fest. "Trotzdem muss man Mr. Abrams eines lassen: Die Spezialeffekte sehen so echt aus, dass man keine Sekunde das Gefühl hat, CLOVERFIELD sei am Computer entstanden. Vermutlich ist das der perfekte Film für Menschen, die gedankenlos und actiongeil ins Kino gehen. Und gewiss ist CLOVERFIELD ein Jungsfilm: Die Mädchen, die an diesem Abend aus dem Kino auf der Third Avenue kommen, gucken alle ziemlich sparsam. Die Knaben hingegen strahlen wie 80-Watt-Glühbirnen."