| Regie | Marc Forster |
| Kinostart | 17.01.2008 |
Andreas Borcholte sah ein rührseliges Dramolett geschaffen, das zwischen Polit-Thriller und Kitsch-Kino schwankt. Er erfüllt "seine Funktion als Geschichts-Schaukasten nahezu perfekt. Kabul wird, zumindest zu Beginn des Films, als das gezeigt, was es einmal war: Ein Hort der Toleranz und Liberalität; zugleich wird Afghanistans Schönheit mit opulenten Landschaftsbildern betont. Die rührselige Geschichte geht ans Herz, und ganz nebenbei bekommen die bildungsbeflissenen und politisch interessierten Bürger des westlichen Kulturkreises eine garantiert leichte Dosis Afghanistan-Konflikt, die das Bewusstsein für die Krise am Hindukusch schafft, ohne allzu sehr mit Realismus zu verstören. Mehr kann Hollywood nicht, mehr will es meistens nicht."
Die NZZ führt ein Gespräch mit Marc Forster über die Produktion von DRACHENLÄUFER.
Die Schlüsselepisoden des Dramas um Amir und Hassan sind alle präsent, aber ein richtiger Erzählfluss mag in diesen etwas bruchstückhaften Eingangsszenen nicht aufkommen, kritisiert Michel Bodmer. "Auch wer wissen will, wie das Leben der Elite Afghanistans vor der sowjetischen Besatzung und der Machtübernahme der Taliban war, erfährt deutlich mehr aus dem Roman. Von solchen Verknappungen abgesehen, wird der Film seiner Vorlage jedoch durchaus gerecht und mildert manche ihrer Schwächen. Da und dort allerdings wird die nüchterne Inszenierung mit zu viel Musik von Almodóvars Hauskomponisten Alberto Iglesias übertüncht."
Die Versuchung ist groß, den Film allein vor dem Hintergrund politischer Aktualität zu lesen, stellt Ulrich Ladurner fest. "Marc Forster hat dieses untergegangene Kabul in schönen, unaufdringlichen Bildern eingefangen. Manchmal glaubt man sogar, diese Stadt hat gar nicht anders sein können, so leichtfüßig und gleichzeitig von lyrischer Kraft wird sie uns präsentiert. Es gibt dafür kein besseres Symbol als die Flugdrachen, die hoch über den Dächern Kabuls gegeneinander kämpfen, getragen von der Leidenschaft, den Träumen und dem Siegeswillen der Jungen Kabuls."
Poetisch, sensibel und plastisch ist der erste Teil des Films, lobt Julia Teichmann. "Gerade im Vergleich dazu wirkt Amirs Leben als Erwachsener in San Francisco ein wenig blass - auch wenn diese Blässe natürlich Teil seiner durch die Schuld beeinträchtigten Persönlichkeit ist und in Form von Grautönen auch Eingang in die Bildgestaltung findet. Es fehlt im Film die Zeit, alle Beziehungen, Ereignisse, Verflechtungen in epischer Breite zu erzählen. Schließlich wechselt DRACHENLÄUFER fast das Genre: Amirs Reise nach Pakistan und von dort aus mit angeklebtem Bart ins hermetisch abgeriegelte Afghanistan unter der Schreckensherrschaft der Taliban entwickelt sich zum spannenden Actionfilm."
Für Rüdiger Schaper wurde die Verfilmung zu einem Politikum: Die Hauptdarsteller mussten das Land verlassen. "Ob dies der Rücksicht auf die afghanischen Darsteller und die Ehrbegriffe des Landes geschuldet ist oder ob da Überlegungen hinsichtlich der Vermarktungsmöglichkeiten des Films eine Rolle spielten, lässt sich nicht beantworten. Aber die Filmleute hätten wissen müssen, was für ein Minenfeld man hier betritt, bei all der Sorgfalt, die die Produktion bei der Auswahl der Kinderdarsteller in Kabul sowie der Drehorte walten ließ."
Für Pia Horlacher haben die Filmemacher den Roman weitgehend von den Kolportage-Elementen entschlackt. "Zwar ist die Gestalt des Bösen noch immer unzulässig individualisiert in einem Übeltäter, die einem Bond-Spektakel besser anstünde als den Komplexitäten eines real existierenden Faschismus im religiösen Gewand. Und die gefährliche Mission der Rettung eines Kindes aus den Klauen der Taliban hat auch im Film noch zu viele märchenhafte Züge. Doch handhabt Forster diese konventionellen Spannungsmuster zurückhaltender als Hosseini, dessen Plot sich zunehmend darin verflacht."
Michael Meyns ist begeistert von der großen Zurückhaltung und dem Einfühlungsvermögen, mit dem der Regisseur diese Geschichte erzählt. "Ohne sich in Details zu verlieren, ohne viele Erklärungen zu geben, entwirft er ein breites Panorama afghanischer Geschichte. Von den internen Problemen und Missständen, bis zur Tragik der Exilgemeinde in Amerika, die zwischen Tradition und Moderne schwebt. Allein die Tatsache, das sich hier ein westlicher Film einem Land und einem Volk annimmt, das nicht erst in den letzten Jahren hinter Klischees und Vorurteilen zu verschwinden droht, wäre aller Ehren wert. Dass er es mit solch einem Maß an Einfühlungsvermögen tut, mit einem Blick, der weder beschönigend, noch dramatisierend ist, macht die wahre Klasse von DRACHENLÄUFER aus."