| Regie | Sean Penn |
| Kinostart | 31.01.2008 |
Der 22-jährige Christopher McCandless hat gerade das College mit Auszeichnung abgeschlossen. Eine viel versprechende Zukunft liegt vor ihm. Aber zum Leidwesen seiner Eltern pfeift er auf das Jurastudium an der Harvard Universität. Stattdessen spendet Chris seine gesamten Ersparnisse, zerschneidet Kreditkarten und Sozialversicherungsausweis und macht sich auf, sein Leben für sich neu zu erfinden. Er trampt ohne einen Cent in der Tasche quer durch Nordamerika, Richtung Alaska, in die Wildnis. Unterwegs trifft er auf andere Aussteiger, erfährt menschliche Nähe, schließt Freundschaften. Doch es zieht ihn weiter, bis das Abenteuer in Alaska ein jähes Ende findet...
Frances Schönberger erzählt der Schauspieler Emile Hirsch von gesunder Einsamkeit und unartigen Kollegen.
Im Gespräch mit Rüdiger Sturm erklärt Regisseur Sean Penn seine Liebe zu Amerika - und warum er sich bei den Präsidentschaftswahlen keine Hoffnungen macht.
Leider verpasst der Regisseur laut Rochus Wolff dem Film von allem etwas zu viel: "Zu viel Pathos, zu viel tief empfundene Trauer, sogar zu viel Naturschönheit. Erst zum Ende dieser zweieinhalb Stunden währenden Selbstfindung, als Chris wieder zu Menschen zurückkehren will, zeigt die Natur, dass sie nicht immer nur eine Freundin des Menschen ist. Da hat sich der junge Mann, der sich auf seinen Reisen "Alexander Supertramp" nannte und in der Wildnis wohl nur überleben konnte, weil da ein Bus für ihn bereit stand, bereits in eine Situation manövriert, aus der es kein Entkommen für ihn mehr zu geben scheint."
Dass der Schauspieler und Regisseur Sean Penn sich für dieses Buch zuständig fühlte, überrascht Bert Rebhandl nicht. "Sean Penn entscheidet sich mit dem Film INTO THE WILD für die Feier dieser Unbedingtheit. Er lässt seinen Helden zunehmend mit der Natur identisch werden. Was an Geschichte fehlt, wird durch Atmosphäre und Panorama-Totalen wettgemacht. Anders hätte er Christopher McCandless vielleicht auch nicht gerecht werden können. ... Am Ende von INTO THE WILD erhebt sich die Kamera wie ein Vogel in die Lüfte - das letzte Bild des Films aber ist ein dokumentarisches, das lange nachwirkt und für beträchtliche Längen unterwegs entschädigt."
Daniel Kothenschulte hätte dem Film mehr Aufmerksamkeit bei den Oscars gewünscht. "Eine zerbrechliche und doch sich unverwundbar glaubende Aussteigerfigur wird darin lebendig. Ein junger Mann, der Hippies und Farmer, ein Mädchen und einen verbitterten Einsiedler durch seine Wesensart derart verändert, dass sie ihm Tränen nachweinen, als er weiter zieht. Darin liegt noch nichts Heldenhaftes, eher eine gewisse emotionale Unreife, wie sie der Western kultivierte und schließlich an gestandenen Männern glorifizierte."
Kompromisslos ist der Film für Hanns-Georg Rodek. "Penn lässt seiner Hauptfigur auf ihrer Odyssee verschiedenste Lebensentwürfe begegnen: die materialistischen Eltern, die ewigen Hippies, der Armee-Veteran, allesamt mehr oder weniger gescheitert. Auch McCandless zeichnet Penn nicht als Heilsfigur. Er ist kein Held und kein Anti-Held und kein romantischer Aussteiger in der Tradition von Kerouacs "On The Road". Er lässt sich nur mehr Zeit zur Selbstfindung, als diese Welt ihren Heranwachsenden zugesteht."
Michael Kohler kann einige Regieeinfälle "für gründlich misslungen halten, insbesondere wenn sich zur rebellischen Grußkarten-Weisheit die entsprechende Bildsprache gesellt. Vielleicht fühlte sich Penn vom energischen Idealismus seines Helden einfach zu sehr angezogen, um dessen Wegen nicht auch dann noch mit Hingabe zu folgen, wenn sie in die Irre führen. Auf diese Weise hält er den inspirierenden Funken der Romantik immerhin eine Weile am Leben. Das ist nicht wenig, aber es ist nicht genug."
Sean Penn vermeidet in seinem Film Mitleid ebenso wie Sentimentalität, lobt Markus Schneider. "Die Natur zeigt Penn grandios, rätselhaft und streng; immer wieder steht sie monumental, unbeseelt in Stein-, Gras-, Schnee- und Wasserfarben. Umgekehrt ist McCandless keineswegs ein einzelgängerischer Freak. Emile Hirsch spielt ihn in einer schillernden, seltsam entsexualisierten Mischung aus Arroganz, Offenheit und Weltvertrauen, der die meisten Leute verfallen, die ihn kennenlernen."
Bildmächtig und mit leiser Melancholie hat der Regisseur laut Andreas Borcholte die Geschichte eines Aussteigers verfilmt. Er "macht sich über weite Strecken seines Films gemein mit seinem Protagonisten: So naiv wie dieser die Wunder der amerikanischen Weiten bestaunt, so ungebrochen lässt Penn, zuweilen auch als Kameramann am Werk, die Farben leuchten, die Berge thronen und die Wälder rauschen, als drehte er eine Dokumentation für den Discovery Channel. Es ist diese naturalistische Herangehensweise an das Sujet, die den Film zu etwas Besonderem macht und an die beherzten Experimente des Siebziger-Jahre-Kinos erinnert."
Die ist der stärkste Film von Sean Penn, lobt Verena Lueken. Er "interessiert sich nicht für Psychologie. Er interessiert sich für Zustände, für Landschaften und für Bewegung, und die Dynamik, die ihn am meisten fasziniert, führt fort. Oder runter und raus, wenn man so will, denn Verlierer oder diejenigen, die von der Gesellschaft als solche angesehen werden, sind seine bevorzugten Helden. Als Schauspieler, aber auch als Regisseur. Und weil er, als Linker besonders in den vergangenen sieben Jahren, auch an seinem Land leidet, das er gleichzeitig so liebt, wie Fassbinder Deutschland geliebt hat, sind die Filme, die er als Regisseur dreht, immer von dieser Ambivalenz geprägt."
Großartig und bewegend nennt Tobias Kniebe den Film. "Es gibt keine Reinheit in diesem Film, seine Zeichen sind vielfach gebrochen, und schnell begreift man: Auch der Regisseur und Drehbuchautor Sean Penn, selbst ein ewiger Reisender und Getriebener, hat sich hier auf eine existenzielle Suche begeben. Aber anders als sein Held, dem nur die beneidenswerte Arroganz der Jugend eine falsche Gewissheit gibt, scheint er lange nicht einmal das Ziel zu kennen."
Birgit Roschy lobt den Hauptdarsteller: "Darsteller Emile Hirsch, der an Leonardo DiCaprio erinnert, verkörpert diese Getriebenheit mit sanfter Intensität und zieht einen bis zum Schluss in seinen Bann. Dabei lässt Sean Penn immer mal wieder die Luft raus aus diesem naiven Götterliebling, der am Ende dann doch ziemlich jämmerlich zugrunde geht. Mit Blick auf die trauernden Eltern, denen der Sohn keine einzige Nachricht zukommen ließ, betont er zum Beispiel die Rücksichtslosigkeit des hochgestimmten Aussteigers. Doch gerade Chris' Verstiegenheit und sein Idealismus, der Verbohrtheit ähnelt und von innerer Wut gespeist wird, macht die Figur so anziehend menschlich."
Für Daniela Sannwald hätte es vielleicht eines visionäreren Regisseurs bedurft, "um das meditative, grüblerische und im Kern gottessucherische Naturell dieses frühvollendeten Einsiedlers mit den Mitteln des Kinos zu durchdringen. Penns Inszenierung gerät stattdessen, was die imposanten Schauwerte eher listig bestätigen als dementieren, ins überwiegend seichte Fahrwasser der Naturmystik – Landschaftstotalen mal mit, mal ohne Sonnenuntergang im Breitwandformat, wohin das Auge blickt. Großzügig gedeutet, mag allerdings auch noch der weitgehende Verzicht aufs Erzählen als programmatisch durchgehen."
Martin Schwickert spricht mit dem Regisseur über seinen neuen Film und die Faszination, sein Leben zu ändern, um die Wahrhaftigkeit der Natur zu suchen.
Rüdiger Sturm befragt Sean Penn zur politischen Lage in den USA.
Georg Diez unterhält sich mit dem Regisseur Sean Penn über Außenseitertum, Wildnis und Freiheit.
Für Thomas Volkmann lässt der Regisseur "nie so tief blicken als dass man das Verhalten des mutigen, vielleicht auch etwas blauäugigen Idealisten und Freiheitssuchers gänzlich entschlüsseln könnte. Genau dies aber macht letztendlich auch den Reiz dieses Films aus, der mit seinen rockig-melancholischen Folksongs von Eddie Vedder (PEARL JAM) und den wie Postkartenmotiven wirkenden Landschaftsansichten von Eric Gautier (DIE REISE DES JUNGEN CHE) einen ersten filmischen Höhepunkt des Jahres 2008 markiert."