| Regie | Tamara Jenkins |
| Kinostart | 24.04.2008 |
Patrick Heidmann unterhält sich mit Schauspielerin Laura Linney über ihren neuen Film.
Jan Schulz-Ojala ist enttäuscht: Tamara Jenkins zimmert für "ihrem zweiten Spielfilm einen großen Rahmen – und traut sich dann doch nicht, ihn mit dem eigenen Drehbuch entsprechend auszufüllen. So bleibt Sohn Jon (unterfordert: Philip Seymour Hoffman) bloß die Karikatur eines akademischen Brecht-Experten, der am Steuer seines Altautos schon mal den Salomon-Song aus der Dreigroschenoper nachbrummt, und die teilzeitjobbende Wendy (angestrengt: Laura Linney) bemüht sich einigermaßen ermüdend hoffnungslos um die Erfüllung ihres Off-Off-Stückeschreiberinnentraums."
Die Autorin und Regisseurin Tamara Jenkins hat diesen Film geschrieben wie eine der ernsteren Woody-Allen-Komödien. Aber eine der besseren, lobt Daniel Kothenschulte. "Tamara Jenkins verklärt nichts, und sie gibt auch niemandem die Schuld. Alles, was sie anbietet, ist ein unerfreulicher Blick in den Spiegel. Es reicht, um eine winzige Lücke in der Filmgeschichte zu füllen: Einen Film zu drehen über das Alter UND über die Feiglinge."
Caroline M. Buck mag den schwarzen Humor der Regisseurin. "Tamara Jenkins inszenierte nach ihrem eigenen Drehbuch, Laura Linney spielt die rothaarige Wendy als alternde, aber weiterhin krampfhaft optimistische Lebenslügnerin mit mehr verschüttetem Potenzial als gelebtem Leben, Philip Seymour Hoffman den aufgedunsenen Schreibtischtäter Jon mit Nackenstarre und einigem Mut zu pathosfeindlichem Zynismus. Jenkins kennt sich aus mit Familien, die so ganz anders sind als das amerikanische Idealbild von der heilen Thanksgiving-Feierrunde."
Der Film handelt hauptsächlich von der Rivalität der Geschwister in Sachen Sarkasmus und dem bösen Pflegeheimalltag, stellt Tina Heldt fest. Der Film hat "einiges, was die amerikanischen Indie-Filme oft gut genug und wertvoll macht: Hervorragende Schauspieler, die nicht gezwungen werden, Quatsch zu veranstalten, Sorgfalt und Zurückhaltung, einen angenehm fiesen New-York-Humor und als Heldin eine Frau im mittleren Alter, die ausnahmsweise weder übermäßig alterslos glamourös noch eine Witzfigur ist."
Wenn schon Verfall, dann bitte klug und lustig, schreibt Rüdiger Suchsland. "DIE GESCHWISTER SAVAGE ist ganz und gar nicht das das Rührstück und Melodram, das man erwartet, wenn man nur hört, dass es hier um zwei Geschwister geht, deren alter Vater an Demenz im fortgeschrittenen Stadium erkrankt ist und auf die Hilfe seiner erwachsenen Kinder angewiesen. DIE GESCHWISTER SAVAGE ist vielmehr eine sarkastische Komödie im besten Sinn, schnell, treffend, vergnüglich - eben überaus unterhaltsam, und dabei immer erwachsen genug, ihren Gegenstand nicht für billige Gags zu opfern. Lachen am Abgrund."
Anke Westphal lobt die Regisseurin: Sie vertritt einen ungeschönten, ehrlichen, aber nicht tristen Realismus. "Ungewöhnlich ist auch die Art, wie Jenkins in ihrem neuen Film das so unpopuläre Thema des Alterns, Altseins, des letzten Verfalls und Sterbens angeht - sie macht keine schwarze Komödie daraus und auch kein Melodram. Sie erzählt in GESCHWISTER SAVAGE einfach nur eine ebenso kleine und leise wie garantiert alltägliche Geschichte über menschliche Fremdheit, Mühen und Selbsttäuschungen - und sie erzählt sie keineswegs so, dass man sich am Ende von einer Brücke stürzen möchte."
Thomas Volkmann lobt besonders die beiden Hauptdarsteller. "Gerade Hoffman ... zeigt wieder eine Facette seines Könnens, indem er in seiner Figur sowohl das eigene Scheitern wie auch die Bewusstwerdung eines ihm selber noch bevorstehenden Lebensabschnitts sichtbar macht. Trotz seines traurig stimmenden Themas und den unangenehmen Fragen über den Umgang mit dem Tod bleibt Jenkins leiser und berührender Film jedoch nicht ganz ohne Hoffnung. Dies auch, weil ihr mit immer wieder kleinen und gut beobachteten Momenten eine sehr menschliche Annäherung an das Leben gelungen ist."
Birte Lüdeking bescheinigt dem Film eine humorvolle Herangehensweise an ein ernstes Thema. "Jenkins Stärke liegt im Schreiben lebendiger, pointierter Dialoge und im Entwerfen greifbarer und vielschichtiger Charaktere, die hier von Philip Seymour Hoffmann und Laura Linney mitreißend verkörpert und mit liebenswerten Ecken und Kanten versehen werden. Zurückhaltende Gesten und Blicke, Situationskomik und Screwball-Anleihen, ergänzen sich zu einem komplexen, spannungsgeladenen und oftmals herrlich kindischen Bruder-Schwester-Verhältnis."