| Regie | David Cronenberg |
| Kinostart | 27.12.2007 |
Bei einer Geburt in einem Londoner Krankenhaus stirbt die russische Mutter in den Armen der Hebamme Anna. Da die Identität der Toten, einer offenbar illegalen osteuropäischen Prostituierten, unbekannt ist, setzt Anna alles daran, die Angehörigen des Säuglings zu finden. Hinweise sind ein in russisch geschriebenes Tagebuch und ein Streichholzbriefchen mit dem Namen eines russischen Restaurants. Anna folgt der Spur und trifft dabei auf Nikolai. Der arbeitet für den zwielichtigen Restaurant-Besitzer und Patriarchen Semyon. Als Anna entdeckt, dass das Tagebuch Beweise enthält, die Semyon und seinen Sohn Kirill für viele Jahre hinter Gitter bringen könnten, schwebt sie schon längst in höchster Gefahr...
Daniel Kothenschulte unterhält sich mit Regisseur David Cronenberg, der nicht Alfred Hitchcock sein will.
Bert Rebhandl sah ein präzises, atmosphärisch dichtes Porträt der russischen Unterwelt in London - und ein Meisterwerk der Reduktion. "Viggo Mortensen, der das Image des leuchtenden Helden aus der HERR DER RINGE-Trilogie offensichtlich ablegen will, spielt Nikolai wie die perfekte Verkörperung eines "eiskalten Engels" – in einer Szene, die zu den härtesten des aktuellen Kinojahres zählt, muss er sich in einem Badehaus splitternackt und unbewaffnet gegen zwei Killer zur Wehr setzen. Die Gewalt, zu der Nikolai in der Lage ist, deutet er ansonsten nur an – mit einer winzigen Drohgebärde verschafft er sich mehr Respekt als andere Gangster mit einem Waffenarsenal."
Anke Westphal entdeckt eine Familien-Konstruktion in dem Film: "Der alpha-maskuline, undurchschaubare Viggo Mortensen und die elfenhafte Naomi Watts sind ein so unwahrscheinliches Paar, dass wohl nur ein Schreckensmeister wie Cronenberg darauf verfallen konnte. Die Idee der Familie ist das Zentrum von TÖDLICHE VERSPRECHEN, sie wird hinreißend variantenreich und intelligent präsentiert: als biologischer Bund, als ethnische Gruppe im Exil, als kriminelle Gemeinschaft, als ödipales Verhängnis oder auch als Wahlverwandtschaft; und immer hat so eine Familie ja auch Ärger mit ihren Außenseitern."
Rüdiger Suchsland spricht mit Regisseur David Cronenberg über Gewalt, das neue Russland und Tätowierungen.
Cristina Nord fragt den Regisseur einiges zum russischen Akzent, zu Stalin-Tätowierungen und multikulturelle Träumen.
Jan Schulz-Ojala interviewt David Cronenberg zum Thema Körper und Seele im Kino – und den Tätowierungen russischer Gefängnisinsassen.
Ahnungslos und unaufhaltsam wird der Zuschauer in die Sache reingezogen, meint Julian Hanich. "David Cronenbergs TÖDLICHE VERSPRECHEN strotzt nicht vor Vitalität wie AMERICAN GANGSTER, der andere große Verbrecherfilm dieses Jahres. Stattdessen verbreitet er eine Atmosphäre paralysierender Stille. Manchmal sind es nur ein paar fast unmerkliche Töne, die Unheil verkünden, wie das Knirschen der Lederjacken zweier tschetschenischer Schergen. Unterstützt von der Musik Howard Shores, der die Violine wehmütig wimmern lässt, entführt Cronenberg den Zuschauer in eine Unterwelt, in der die schwarze Grundierung mit roten Tupfern gesprenkelt ist: die Farbe des Borschtsch, des samtenen Restaurantinterieurs – und der klaffenden Wunden."
Einen brillanten Krimi sah Marion Pietrzok. "Die Wirkkraft der Leinwandgeschichte entwickelt sich nicht nur dank des hervorragenden Drehbuchs, das über das Russen-Mafia-Thema hinaus ein Bild über komplexe Charaktere in psychologischer Tiefschichtigkeit zeichnet. Unter der exzellenten Regie des kanadischen Filmemachers David Cronenberg geben die Haupt- und Nebendarsteller schauspielerisch ihr Bestes. Vincent Cassel verkörpert den schwarzledernen Kirill in seiner Herrschsucht und Gefährlichkeit, die seiner Unterlegenheit unter seinen mächtigen Vater entspringt, der Sprunghaftigkeit seiner Stimmungen und der völligen Zügel- und Morallosigkeit mit dem von ihm zu erwartenden hohen Können."
Ein neuer Film von David Cronenberg ist immer ein Fest, freut sich Peer Schmitt. "TÖDLICHE VERSPRECHEN ist nicht unbedingt der stärkste Cronenberg-Film der letzten Jahre. Es liegt vielleicht am Widerspruch zwischen Steve Knights Drehbuch, das vermutlich die Menschenrechtsthematik der Zwangsprostitution stärker betonen wollte und andererseits Cronenbergs kaltem, gewissermaßen szientifistischem Ansatz, Soziales als quasi maschinellen Ablauf zu zeigen und dabei besonderes Augenmerk auf einschlägig bizarre Zeichenkomplexe (die elaborierten Tätowierungen) zu legen. Oder schlicht an der Tatsache, daß alle russischen Charaktere in dem Film von Nichtrussen gespielt werden."
Als seltsam gutbürgerlichen Thriller bezeichnet Alexandra Stäheli den Film. "Ob abgeschwächt oder nicht – bizarr ist die Geschichte allemal, die uns Knight und der kanadische Regisseur David Cronenberg nun auftischen, brutal, nicht sehr glaubwürdig, in der Klischeetunke wie in einem Topf voller Borschtsch rührend – und dennoch faszinierend in seiner sorgfältig kalkulierten Erzählweise."
Ronald Bluhm hat den kanadischen Regisseur zum Gespräch über sein Drama TÖDLICHE VERSPRECHEN getroffen.
Für Ronald Bluhm ist der Film buchstäbliches nacktes Überleben. "Es ist ein Cronenberg-Film ganz ohne doppelten Boden. Natürlich lässt sich dieser Umstand aber auch positiv deuten. Als David Cronenbergs vielleicht ja ganz bewusst gewählte Annäherung an den Mainstream: Insgesamt drei "Golden Globe"-Nominierungen dürften den Erfolg eines solchen Manövers - aber sicher auch die Effizienz seines Films als eher einfachen und gradlinigen Thriller dann durchaus bestätigen."
Mit TÖDLICHE VERSPRECHEN ist Cronenberg ein weiteres Mal das Kunststück gelungen, einen spannenden Film zu drehen, ohne die gängigen Techniken der Spannungserzeugung einzusetzen, lobt Harald Peters. "Dessen Handlung sich im Grunde mit ein, zwei Sätzen skizzieren ließe, der aber letztlich völlig undurchsichtig ist und gerade dadurch im Gedächtnis haften bleibt. Der mehr Fragen aufwirft, als Antworten gibt. Der ohne eine Liebesgeschichte auskommt, aber mit einer vollends erotisierten Bildsprache arbeitet, die schließlich ihren Höhepunkt findet, als Viggo Mortensen in den engeren Kreis der Mafiafamilie aufgenommen wird, und zu diesem Zweck auf seinem ohnehin bereits reichlich tätowierten Körper noch weiter verziert wird."
Fritz Göttler entdeckt in David Cronenberg einen Dandy der Inszenierung. "In seinem neuen Film TÖDLICHE VERSPRECHEN ist das erneut zu beobachten, und die Stadt, wo er spielt, das dekadente London, tut das Ihre dazu, mit regnerischen Nächten, schlecht ausgeleuchteten Straßen, verwitterten Mauern und Einbahngassen, die plötzlich in ein paar Stufen auslaufen in die Themse hinein. Die Auswüchse, die Cronenberg oft den Menschen auf den Leib inszenierte, filmt er nun am siechen Körper der Stadt London."
Sehenswert nennt Joachim Kurz das Gangsterepos. "Mit TÖDLICHE VERSPRECHEN findet das Kinojahr einen ebenso schockierenden wie versöhnlichen Ausklang – ein ebenso reduzierter wie kühn konstruierter und kühl gefilmter Thriller, der zeigt, dass Cronenberg nichts von seiner alten Klasse eingebüsst hat. Und wer weiß – vielleicht gelingt es ihm nun sogar noch einmal, neue breitere Zuschauerschichten zu erschließen. Verdient hätte er es allemal. Und dieser knallharte und atemberaubende Film erst recht."
Für Lukas Foerster haben die Filme des Regisseur seit EXISTENZ etwas verloren. "Einerseits zwar ist TÖDLICHE VERSPRECHEN nicht nur ein äußerst gut funktionierender Thriller, sondern auch ein komplexer und intelligenter Film über Funktion und Struktur familiärer und ethnischer Identität. ... Zwischen den späten siebziger und frühen neunziger Jahren besaßen Cronenbergs Filme in ihrer Exzessivität und radikalen Körperlichkeit stets ein utopisches, Grenzen überschreitendes Moment, das herkömmliche Gesellschaftsmodelle in Frage stellte. Gewichen ist dieses Moment einem ohne Zweifel souveränen, jedoch oft etwas opportunistischen Spiel mit diversen Genre- und Diskurselementen, die selten über sich selbst hinausweisen."
Oliver Forst ist fasziniert von David Cronenberg: "TÖDLICHES VERSPRECHEN wirkt erneut leichter verdaulich als Cronenbergs Frühwerk, macht es dem Mainstreampublikum jedoch wiederholt schwer, indem er die Handlung eher nebenbei erzählt und vorsätzlich auf einen strikten Spannungsaufbau zugunsten von präzisen Charakterzeichnungen verzichtet. Und wie schon bei A HISTORY OF VIOLENCE ist die Gewaltdarstellung explizit, schmerzhaft und unverzichtbar, da sie fester Bestandteil des Protagonisten ist und auf diese Weise die Zerrissenheit auch für den Rezipienten physisch fühlbar macht."