| Regie | Chris Weitz |
| Kinostart | 06.12.2007 |
Lyra Belacqua lebt am Jordan College in Oxford, gehört aber auch einer von vielen Parallelwelten an - unsichtbaren, unberührbaren Dimensionen, in denen sich die Menschheit unmerklich weiterentwickelt. Doch Lyras Welt verändert sich. Die alles beherrschende Verwaltung namens Magisterium unterjocht die Bevölkerung - im Zuge dunkler Machenschaften werden zahlreiche Kinder von den geheimnisvollen Gobblern gekidnappt. Auch die Kinder des Seefahrer-Volkes der Gypter werden entführt, und sie berichten von Gerüchten, dass die Kinder in ein Forschungslabor im Norden verschleppt und dort unaussprechlichen Experimenten ausgesetzt werden. Als Lyras bester Freund Roger verschwindet, schwört sie, ihn zu retten ...
Es zählt zu den Schwächen des Films, dass die Einführung der Charaktere nur als Nummernrevue vonstatten geht, kritisiert Thorsten Funke. "Die schiere Anzahl an Figuren zwingt zu einem dramaturgischen Patchwork, das zwischen den erstklassigen computergenerierten Aufnahmen – zu bewundern unter anderem am schimmernden Fell des Eisbären – den Spannungsaufbau erschwert. Dafür ist Chris Weitz hoch anzurechnen, dass er seinen digitalen Zauberkasten nicht dafür einsetzt, das Publikum ohne Sinn und Verstand visuell zu überwältigen."
Tilman Spreckelsen ist enttäuscht: "Konnte man den Film über noch hier und da beobachten, wie besonders drastische, ernste oder bittere Szenen zurückgenommen wurden, wie Ambivalenzen zugunsten einer klareren Scheidung zwischen Gut und Böse aufgelöst wurden, so wirkt dieses Ende, als erzählte man die Geschichte von Romeo und Julia nur bis zur Liebesnacht, als ersparte man Anna Karenina den letzten Gang zum Bahnhof oder beließe es bei Werthers und Lottes liebesseliger Gewitternacht. ... [Aber] die vielen animierten Gestalten kauft man dem Film ebenso ab wie die phantastischen Hintergründe, und weil auch die entfesselte Kamera die Dinge am liebsten entweder gleitend aus der Luft oder in direkter Nahaufnahme betrachtet, funktioniert diese Welt als Fiktion sehr gut, ohne dass man übertrieben Anteil an ihr nähme."
Fritz Göttler siedelt den Film zwischen schmuddeligen Intrigen und klarer Bergluft an. "Der Film ist konsequent in seinem Kontrast zwischen schmuddeligen Intrigen - in bourgeoisem, doppelzüngigem Milieu - und einer Sehnsucht nach Reinheit, einem Drang in die klare Polarregion. ... DER GOLDENE KOMPASS, der erste Teil der Trilogie, von New Line Cinema, der HERR DER RINGE-Firma, produziert, ist subtiler und kühner als die gewohnte Festtags-Fantasy, der Output der Potter-Maschine."
Auch wenn der Film etwas überladen wirkt, verspricht er zur Weihnachtszeit die Kinokassen zu füllen, glaubt Annette Reuther. "Wie es bei Verfilmungen epischer Fantasy-Werke so oft der Fall ist, musste gekürzt werden. Deshalb - und vermutlich um keinen Sturm der Entrüstung auszulösen - fielen auch Passagen aus Pullmans Trilogie heraus, die von Kritikern als antireligiös bezeichnet wurden. DER GOLDENE KOMPASS liefert dennoch vor allem für alle Fans von HARRY POTTER und HERR DER RINGE die Steilvorlage für einen zweiten und dritten Filmteil, in denen so manches Rätsel aufgeklärt werden kann."
Für David Kleingers mäandert der Film zu sehr zwischen Märchen, Materialschlacht und Metaphysik. Er scheitert "am Zwang zum großen Bilderbogen, der hier als beliebiges Sampling aus visuellen Genregemeinplätzen von Tolkien bis zum Zauberer von Oz daherkommt. DER GOLDENE KOMPASS will alles zugleich: Metaphysisches Märchen und Materialschlacht, kindertauglichen Eskapismus und harsche Kirchenkritik, Fantasygeschwurbel und Philosophieseminar. Nur, wer in so viele divergierende Richtungen strebt, kommt zwangsläufig vom Kurs ab."
Laut Michel Bodmer erzählt DER GOLDENE KOMPASS "ein spannendes Abenteuer mit zumeist gelungenen Spezialeffekten und tollen Darstellern, darunter die Neuentdeckung Dakota Blue Richards, ein kerniger Daniel Craig, eine kühl verführerische Nicole Kidman und allerhand britische Top-Schauspieler. Spürbar sind – knapp – einige von Pullmans Vorstellungen von unabhängigem Denken, Güte und Toleranz sowie seine Kritik an Repression und Dogmatismus, aufgelockert mit etwas willkommenem Humor."
Elmar Krekeler sagt es unumwunden: Der Film sieht "ein bisschen aus, wie sich das Parteiprogramm der CDU liest. Ziemlich mittig. So mittig, dass man sich fragen kann, wer - außer den Kinos, die in jedem Advent den der Gott kommen lässt Fantasyfilme und romantische Komödien brauchen - diesen filmgewordenen kleinen Nenner braucht. ... Es wird - von Dakota Blue Richards und Nicole Kidman - geradezu ideal gespielt. Eine durchaus stimmige neo-viktorianische Retro-Ästhetik hat das Ganze. Man könnte es postpostpostmodern nennen in seiner Zitathaftigkeit. Oder langweilig. Gefährlich aber garantiert nicht."
Einiges ist in der Verfilmung ganz schön verwässert worden, stellt Rüdiger Suchsland fest. "Vielleicht sind die Antworten, die Pullman gibt, nicht immer der Weisheit allerletzter Schluss, aber die Haltung ist es: Ein Drama voll Weltklugheit und Rebellion. Freiheitlich bis ins Mark und zum Platzen spannend erzählt, gefällt DER GOLDENE KOMPASS auch filmisch: Er ist voller Anspielungen auf die Film- und die Politische Geschichte ... Das Ergebnis ist eine aufregende Reise in fremde Welten, mit überzeugenden Darstellern - die US-Marketingmaschine hätte es gar nicht gebraucht, damit "dem" Kino-Weihnachtsereignis des Jahres nichts mehr im Weg steht."
Anke Westphal nennt den Film ein grausiges Fantasy-Spektakel zum Fest. Sie fragt sich, "für wen diese Kinoadaption eigentlich gedacht ist: Der zentrale Zweikampf zwischen Eisbären etwa ist für Kinder viel zu brutal, während Erwachsene im Film die Abgründigkeit der Buchvorlage vermissen werden. So muten die aufrechten Gypter hier an wie Hippies, wogegen die bösen Gobblers des Magisteriums der Übersichtlichkeit halber wie Nazis aussehen. Beim Produktionsdesign wurde allerdings nicht gespart ... schön anzusehen zwar, aber bedauerlicherweise ziemlich uninteressant."
Hollywood ist mit dieser herrlichen Vorlage so verfahren, wie leider Sebastian Handke erwartet hat. "DER GOLDENE KOMPASS wurde verharmlost. Nun wirkt er fast genauso banal und diffus wie all die andere Fantasy-Ware. Ganz misslungen ist DER GOLDENE KOMPASS aber nicht. Zwar hat Regisseur Chris Weitz (ABOUT A BOY) offenkundig mit Unternehmen dieser Größe keine Erfahrung, und so wirkt das Ergebnis ein wenig gehetzt. Die Bildwelten sind allerdings bezaubernd und die Darsteller in guter Form – allen voran Dakota Blue Richards in der Hauptrolle und Nicole Kidman als verführerisch-böse Mutterfigur."
Die Schönheiten dieses märchenhaft ausgestatteten Films überwiegen für Daniel Kothenschulte bei weitem. "Dazu zählt der betont britische Ton, angeschlagen nicht zuletzt von einer mit enorm selbstbewussten Charisma gesegneten 13-jährigen Hauptdarstellerin, die - gar nicht britisch - Dakota Blue Richards heißt. Von Eva Green als Hexe sieht man dafür leider so wenig, dass man bis zuletzt nicht recht weiß, ob man sich vor ihr hätte fürchten müssen. Aber so war das wohl gemeint mit Philip Pullmans Verweigerung an eindimensionale Fantasy-Charaktere: Bei Tolkiens Schurken empfand er nur gähnende Langeweile."
Philipp Bühler lobt den Hauptdarsteller. "Wäre es nicht Klaußner, man würde zweifeln. An wunderbaren, freilich auch wunderbar maroden Schauplätzen geht die Geschichte vor sich hin, so ziellos wie ihr Protagonist. Das Geschlechterspiel tut ihr nichts hinzu, verstärkt nur das allgemeine Unwohlsein. Keine dramatischen Fehler, aber etwas mehr Drama könnte der Herr Botschafter gut vertragen."
Die katholische Kirche läuft gegen den Film DER GOLDENE KOMPASS Sturm. Völlig zu Unrecht, schreibt Sven von Reden. "Die ganze Sorgfalt in der Inszenierung kann aber letztlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Geschichte ohne Pullmans philosophischen Unterbau austauschbar wirkt: Wie in so vielen Hollywoodproduktionen, von STAR WARS bis HERR DER RINGE, rettet ein scheinbar chancenloses Bündnis von Außenseitern die Welt vor einem übermächtigen Feind der Freiheit. Nicht nur von der Kirchenkritik ist nicht mehr viel übrig geblieben, sondern auch von Pullmans kindgerecht aufgearbeiteten Anspielungen auf die abendländische Kulturgeschichte von Sokrates bis Milton."