| Regie | Rolf de Heer |
| Kinostart | 09.08.2007 |
Vor langer Zeit lebte das Volk der Ramingining ungestört in den Sümpfen im Norden Australiens. Der junge Dayindi, der mit seinem Stamm zum ersten Mal auf Enteneierjagd geht, begehrt die jüngste der drei Frauen seines älteren Bruders. Um ihn auf den richtigen Weg zu führen, wird ihm eine Geschichte erzählt, die sich in uralten, mythischen Zeiten zugetragen hat - eine Geschichte über eine fehlgeleitete Liebe, über Kidnapping, Hexerei und Rache.
Birte Lüdeking hat jede Menge Unbekanntes und Aufschlussreiches gelernt. In den Film "bilden die Aborigines und die Natur eine untrennbare, symbiotische Einheit, noch gänzlich unberührt von städtischer Zivilisation oder von späteren Diskriminierungen weißer Ausbeuter und Unterdrücker. In 10 KANUS, 150 SPEERE UND DREI FRAUEN sind Australiens Ureinwohner einmal nicht Opfer äußerer Einflüsse, sondern allein für sich eine Geschichte wert. Die ist gleichermaßen poetisch und vielschichtig, erfordert von einem Zuschauer mit beschleunigteren Sehgewohnheiten allerdings ein wenig Sitzfleisch und Geduld."
Laut Marli Feldvoss entwirft der Film "keinen Garten Eden, kein mythisches Paradies, in dem sich splitternackte Eingeborene tummeln. Er huldigt auch nicht dem edlen Wilden, man ist ganz einfach zu Gast in einer fremdartigen und doch ähnlichen Welt, in der man sich mit den gleichen Nöten herumschlägt, in der das Geschlechtergeplänkel an erster Stelle steht und die Frauen ihren eigenen Kopf haben. ur der wohlbeleibte Birrinbirrin fällt aus der Rolle, denn ihm geht seine Leidenschaft für Honig über alles. Ein Running Gag nach Slapstickart, der dann doch noch ein Stück kinematografische Erzähllogik in den Mythos schmuggelt."
Birgit Glombitza sah keinen Ethno-Kitsch. "10 KANUS, 150 SPEERE UND DREI FRAUEN ist kein ethnologischer Versuch über eine archaische Saga geworden, sondern eine bewusst distanziert bleibende Begegnung mit der Oral History eines fremden Volkes. Eine Begegnung voller unvertrauter Klänge, in der selbst die Namen der Protagonisten lautmalerisch auf der Tonspur schwingen. "Das war meine Geschichte. Nicht Ihre Geschichte", weist uns Gulpilil am Ende noch einmal in die Schranken unseres Verstehens. "Und dennoch ist es eine gute Geschichte.""
Eine mythische Geschichte um Eifersucht und Begehren, Zauberer, Krieger, Mord und Tod sah Daniela Sannwald. "Eine gewisse Faszination dieses Films besteht in den weiten Totalen unbekannter Landschaften und in den zu Tableaus arrangierten Personengruppen, die den historischen Fotografien Thomsons nachempfunden sind. Ansonsten: schöne Wilde, alberne Wilde, finstere Wilde, Anal- und Fäkalwitze. Man mag darin Authentizität, lebendiges kulturelles Erbe, gar ästhetischen Widerstand gegen Hollywood entdecken – oder aber prätentiöses Kunstgewerbe, Exploitationkino gar, das ein kulturelles Erbe auf gefällige Versatzstücke reduziert."
Der Zuschauer darf daran teilhaben, wie Mythen aus dem Alltag entstehen, kann zuschauen, wie Überlieferung funktioniert, meint Gerhard Midding. "Mit gediegenem Raffinement verschachtelt de Heer die Zeitebenen, setzt sie mit einer redlich eingängigen Farbdramaturgie gegeneinander ab (die Gegenwart ist monochrom, die Vergangenheit farbig), ohne je den Eindruck einer Kontinuität des Erlebens zu zerstören. Die Erzählung ist in den Verlauf der Jagd eingebettet und voller hübsch verdrießlicher Pausen und Abschweifungen."
Martin Thomson sieht das Problem des Films darin, daß "es ihm nicht gelingt, die Variation seiner Erzählstränge in ein Gleichgewicht zu bekommen, daß sich alle Teile stimmig ineinander fügen. ... Problematisch ist vor allem, daß sich häufiger als gewünscht der unangenehme Effekt einstellt, es bei der vorgestellten Gruppe Eingeborener eher mit tumben Naturburschen als mit vielschichtigen Charakteren zu tun zu haben. Ein paar schöne Naturaufnahmen und ein Haufen lustiger Wilder können nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß sich ein Film solcher Art fast zwangsläufig in Klischees verlieren muß; ganz gleich, wie sehr er von ihnen abzulassen versucht."
Ermöglicht wurde der kulturelle Innenblick, meint Stefan Volk. "Kanuschnitzen und Enteneierjagd treten gleichberechtigt neben Gefühlsdramen, Racherituale und Totentänze. Jede Romantik wird lakonisch geerdet, über Sentimentalitäten verständnisvoll hinweggelacht. Statt sich in unmittelbarer Pseudo-Natürlichkeit à la Hollywood zu versuchen, feiert der Film lustvoll seine Fiktionalität. Die Charaktere blicken bei ihren ersten Auftritten breit grinsend in die Kamera, um sich dem Publikum vorzustellen. Ausgerechnet in diesem Gespinst aus Mythos und Moderne aber wird die Kultur der Aborigines so lebendig wie kaum je zuvor im Kino."
Der Film ist gewissermaßen eine Reflexion über organisches Erzählen, über Geschichten, die aus Land und Umgebung entstehen, aus dem Klang der Stimmen und Namen, schreibt Hans Schifferle. "Zwischen rustikalem Volksstück und großem Drama oszilliert die Geschichte, die Dayindi und uns Zuschauern erzählt wird. Man hat das Gefühl, als erlebe man den Alltag von Mythen mit. So erfahren wir nicht nur etwas von Mysterien und Besessenheit, von Rache, Mord und Erlösung. Wir erleben beispielsweise auch mit, wie ein Mann dick geworden ist durch seine Sucht nach Honig. Und wir sehen, wie man damals sein Geschäft verrichtete in freier Natur."