| Regie | Ang Lee |
| Kinostart | 18.10.2007 |
Daniel Kothenschulte unterhält sich mit Hauptdarsteller Tony Leung über den Niedergang der Filmstadt Hongkong und Ang Lees neues Meisterwerk.
Susanne Ostwald sah eine meisterliche Studie über Liebe und Macht. "In dramaturgisch ausgeklügelter Weise verschränkt Lee die verschiedenen Zeitebenen der spannungsgeladenen Geschichte, so dass sich erst nach und nach ein komplexes Bild der Motive und Hintergründe ergibt. Er erweist sich erneut als ein immens einfühlsamer Filmemacher, der es versteht, das Dilemma widerstreitender Gefühle zu ergründen und in die Seelen seiner Figuren zu schauen, ohne sie blosszustellen. Dabei wird er unterstützt durch die exzellente Arbeit des preisgekrönten Kameramanns Rodrigo Prieto."
Nur wenige Regisseure inszenieren ihre Filme so präzise und konzentriert wie Ang Lee, lobt Hannes Brühwiler. "Keine Einstellung wirkt überflüssig, mittels Einzelheiten schafft er es, wichtige Informationen zu vermitteln. ... Am deutlichsten tritt Lees Inszenierungs-Gabe jedoch bei den zahlreichen Mahjong-Spielrunden auf. Die Art und Weise wie die Frauen sich unterhalten und gleichzeitig spielen, wird wie ein fortwährendes Duell in Szene gesetzt. Die Kamera nimmt eine geradezu omnipräsente Funktion ein, der nichts zu entgehen scheint, weder die scharfen Blicke der Frauen, noch die zahlreichen Spielzüge."
Gar nicht bewegt ging Thomas Winkler aus dem Kino. "So kommt es, dass weder die visuellen Überwältigungs-Strategien des Star-Kinos noch seine übergroßen Gefühle und Gesten, so souverän Ang Lee mit ihnen auch hantiert, diesmal wirklich funktionieren wollen. Von den seltsam entleerten Stadtansichten über den sonderbar ungebrochenen Idealismus der jugendlichen Patrioten bis zur weitgehend unerklärlichen Anziehung der beiden tragisch miteinander verstrickten Protagonisten bleibt GEFAHR UND BEGIERDE - ganz im Gegensatz zu dem Gefühlschaos, das er darzustellen versucht - blass und blutleer."
Einmal mehr versteht es Ang Lee, eine allgemeingültige Geschichte historisch und geografisch fest zu verankern, lobt Daniela Sannwald. "Ein laszives Spiel um Verführung und Verrat beginnt, um Liebe, Sex, Gewalt. Ang Lee inszeniert das Doppelgesicht der Besatzer – die hinter der Fassade bourgeoiser Wohlanständigkeit foltern und morden – ebenso wie das Doppelspiel der jungen Rebellen als Choreografie von Blicken: ungeschützte und heimliche Blicke, gewagte Blicke, Seitenblicke. ... Sorgfältig protokolliert Ang Lee soziale Gefüge und die sie definierenden Rituale. Und doch belässt er der Liebe auch diesmal jenes Moment von Geheimnis, das nicht einmal die Liebenden selbst durchschauen."
Regisseur Ang Lee spricht mit Rüdiger Sturm über die Enttäuschung in der Oscar-Nacht von 2006 und berichtet vom schwierigen Dreh der Sex-Szenen in GEFAHR UND BEGIERDE.
Marli Feldvoss sah ein Melodram um Widerstand, Liebe und Verrat. Sie "spürt den langen Atem von Oshimas REICH DER SINNE, den der Taiwaner Lee erstmals als Filmstudent in New York sah. Das verstörende Erlebnis von damals scheint auch den Spionagethriller GEFAHR UND BEGIERDE voranzutreiben, der seinen politischen Hintergrund von Anfang an betont. Als Erstes kommt ein Wachposten mit Schäferhund ins Bild. Endlose Schlangen vor der Essensausgabe in den Strassen – das darbende Schanghai unter japanischer Besatzung. Es war eine Zeit der Demütigung, über die man in China bis heute nicht spricht."
Formal ist GEFAHR UND BEGIERDE für Rüdiger Suchsland nicht sonderlich gewagt, aber dicht und nuancenreich inszeniert. "Ein üppig ausgestatteter Historienfilm mit Anklängen an romantische Spionagethriller, den ein Hauch von Doppelspiel und Verschwörung durchzieht. Lees Zeitreise ins mondäne Shanghai der 1930er- und 1940er-Jahre beschwört damit den Mythos vom "New York des Fernen Ostens", der im chinesischen Film schon seit den 1930er-Jahren ein eigenes Subgenre bildete, und verbindet diesen mit einem exakten historischen Porträt; faszinierend ist die computergestützte Rekonstruktion von Shanghai und Hongkong während des Krieges."
Dem Regisseur gelingt es laut David Siems seine Geschichte in permanenter Spannung und voller Todesangst zu erzählen. "Zweieinhalb Stunden dauert Ang Lees neues Meisterwerk, das zwischen Film noir und Thriller pendelt und wieder einmal unterstreicht, dass der Taiwanese zu den großartigsten und vor allem vielseitigsten Regisseuren der Welt gehört."
Sehenswert an Ang Lees neuem Film ist vieles, findet Joachim Kurz. "Die Eleganz der Kameraführung, die Opulenz und sepiagetönte Patina seiner Bilder, die erlesene Erotik, die oftmals erregend, aber nie vulgär wirkt, die Darsteller, die Musik, einfach alles. Vor allem aber ist es ungeheuer faszinierend zu beobachten, wie der Regisseur auch in seinem neuen Film seinem Hauptthema, der Liebe, nachspürt, wie er ihr immer wieder neue Facetten abgewinnt, wie jeder seiner Filme ein ums andere Mal eine neue Variante entdeckt."
Für Marli Feldvoss versteht sich der Regisseur "als Aufklärer über eine wichtige, heute vernachlässigte Periode chinesischer Geschichte. In die Erinnerung brennen sich jedoch vor allem die Bilder der Amour fou aus der zweiten Hälfte des Films ein, die mit nervenzehrender, expliziter Sexualität an Nagisa Oshimas REICH DER SINNE erinnern. Sie durchbrechen auch die verschattete Film-noir-Attitüde des Films, der auf den üblichen Geschlechterantagonismus und die 'böse Frau' verzichtet, sich stattdessen ganz der allerdings hochstilisierten Verzückung der Körper hingibt und seine innere Spannung in der stetig wachsenden, von den Protagonisten selbst bis zuletzt geleugneten Innigkeit sucht und findet."
Anke Westphal ist enttäuscht. Der Film bietet viel Anlass "zu ausgiebiger Lakengymnastik - was ein gelenkiger Körper nicht alles zustande bringt! Doch Thrills wie Erotik fallen schnell der eleganten Kälte zum Opfer, mit der Ang Lee hier eine sadomasochistische Beziehung erforschen will."
Ang Lee inszeniert die Verführung durch das in weit tieferem Sinne Schamlose mit der ihm eigenen Mischung aus Feingefühl und Deutlichkeit, meint Daniel Kothenschulte. "Man mag diese vor einem Resistance-Hintergrund ausgebreitete, fatalistische amour fou für überorchestriert halten, doch wie immer bei diesem Regisseur ist kein falscher Ton darin zu finden. Wie bei seinem Löwengewinner BROKEBACK MOUNTAIN, hat es Lee mit einem existenziellen emotionalen Phänomen zu tun, einer Saite, die jeder Liebende schon mal gehört hat."
Wieder erzählt der Regisseur laut Cristina Nord "mit großem Raffinement eine Geschichte über Gefühle, deren Instrumentalisierung und deren Einhegung durch gesellschaftliche Zwänge und politische Ideale. ... Dazu kommt die Subtilität, mit der Lee Tangomusik, die Abdrücke von Lippenstift an Tassen und Gläsern, das Close-Up eines Wachhunds, ein Gespräch über Diamanten oder ein weißes Bettlaken so arrangiert, dass der Film eine den Plot flankierende, zweite, dichte Ebene erhält. Zugleich scheut LUST, CAUTION vor Härte und brutalen Szenen nicht zurück."
Vielleicht fehlt diesem großartig instrumentierten Melodram die allerletzte Kraft, um den Zuschauer wirklich in Bann zu schlagen, meint Wolfgang Höbel. "Es sieht toll aus, wie der chinesische Großstar Tony Leung hier in delikaten Bildern den Schurken spielen darf; es ist herzzerreißend, wie die Schauspielerin Tang Wei ein Mädchen spielt, dass im Dienst der guten Sache ganz und gar lieblos von einem Mitverschwörer entjungfert wird; und es ist harte Kost, wenn die jungen Leute zum ersten Mal einen ihrer Feinde umbringen und gefühlte zehn Minuten metzeln, bis der Mann endlich tot ist."