| Regie | Joe Wright |
| Kinostart | 08.11.2007 |
An der Schwelle zum Erwachsenwerden beobachtet die 13-jährige Briony den leidenschaftlichen Flirt zwischen ihrer älteren Schwester Cecilia und dem Gärtnersohn Robbie. Herausgerissen aus ihrer kindlichen Phantasiewelt und verunsichert lässt sie kurz darauf ganz bewusst zu, dass Robbie für ein Verbrechen beschuldigt wird, das er nicht begangen hat. Die Folgen der Ereignisse dieses Sommers 1935 lassen keinen der drei mehr los und führen sie auf unterschiedlichen Wegen durch die Schrecken des 2. Weltkriegs.
Mariam Schaghaghi unterhält sich mit Schauspielerin Keira Knightley über den Film ABBITTE und die Schattenseiten des Ruhms.
Mit zunehmender Dauer verliert der Film immer mehr an Kraft, kritisiert Andreas Kilb. "Es geht, wie bei Goethe und Orson Welles, um Dichtung und Wahrheit, um das „Rosebud“ einer alternden Autorin, aber der Film kann diese Spannung nicht halten, weil er viel zu sehr mit der Rekonstruktion jener Wirklichkeiten beschäftigt ist, die das Buch am Ende als Erfindungen Brionys entlarvt. Er malt den Rahmen, den der Roman vorgibt, gehorsam aus, aber es entsteht kein Bild, nur ein Puzzle aus hübschen Einzelteilen."
Anke Westphal unterhält sich mit Vanessa Redgrave über ihren neuen Film ABBITTE und Schauspieler als Radarsysteme.
Der Krieg ist ein zu großes Theman für den Film, meint Christina Tilmann. "Und doch gewinnt Joe Wright, gewinnt auch die inzwischen gealterte Briony am Ende ihre Deutungsmacht zurück. Mit der Behauptung, dass Literatur stärker sei als das Leben, hat Autor Ian McEwan einen überraschenden Clou für sein Buch geschaffen. Im Film ist es das Gesicht von Vanessa Redgrave, der als greise Briony die zentrale Szene anvertraut ist: eine Sternstunde, ein Beweis, dass die Magie des Kinos mindestens so stark ist wie die der Worte. Viel mehr braucht es kaum als diese Stimme, diese durchdringenden Augen, dieses weise Gesicht, um unseren Glauben noch einmal grundlegend zu erschüttern."
Susanne Ostwald lobt den jungen Regisseur, dem "mit dieser kongenialen Adaption ein grosser Wurf gelungen. Er hat es nicht zuletzt geschafft, seine Darsteller zu Höchstleistungen zu führen, darunter auch Vanessa Redgrave, die die gealterte Briony spielt. Und hatte McAvoy schon in DER LETZTE KÖNIG VON SCHOTTLAND zu überzeugen gewusst, so scheint Knightley mit der Rolle der Cecilia nun zu einer ernsthaften Schauspielerin gereift zu sein, die das pubertär-trotzige Chargieren endlich abgelegt hat."
Joe Wright verpilchert Ian McEwans ABBITTE endgültig, schreibt Elmar Krekeler erbost. "Dabei hatte Wright, um die Gefühligkeit der Geschichte zu übertünchen und nicht routiniert literarisch zu erzählen, tief hinein gegriffen in die dramaturgische Trickkiste. Er wechselt permanent Perspektiven. Zeitebenen werden aufgehoben. Geschichten werden mehrfach gespiegelt, neu erzählt. ... Und spätestens wenn am Ende Cecilia und Robbie am Strand von Pilcherland tanzen, wünschen wir sie uns tatsächlich. Die ZDF-Abendunterhaltung. Die ist wenigstens ehrlich."
Die großartige Verfilmung schwankt zwischen Traum und Albtraum, schreibt Rainer Gansera. Der Film "dekliniert alle Facetten, vom unschuldigen Wunschtraum über das erotische Delirium bis zur apokalyptischen Vision. Die Bilder zeigen den Glanz, den Sog und das Schockhafte von Traumerscheinungen, sie blenden oder verstören, changieren zwischen "wirklich" und "phantasiert", und die Einteilung des Films in zwei große Erzählkapitel macht das Doppelgesicht des "Erträumten" zur überwältigenden Erfahrung von Schuld und dem vergeblichen Versuch, Abbitte zu leisten."
Eindringlich, melodramatisch, packend nennt Anna Molidor den Film. "Über Höhen und Tiefen des menschlichen Wesens, zwischen Schuld und Erkenntnis und durch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts hindurch spannt sich ein bewegendes Drama. ABBITTE ist ein intensiv erzählter Film, der durch glaubhafte Charaktere auch über eine Länge von mehr als zwei Stunden hinweg spannend bleibt."
Ganz offensichtlich soll der Zuschauer mit dem verhinderten Liebespaar leiden, schreibt Michael Kohler. "Doch es führt kein Weg aus dem sommerlichen Anwesen heraus, die Figuren bleiben Behauptung, weil sich ihre ästhetische Bestimmung dort bereits erfüllt hat. Gleiches gilt für die gereifte Briony, die das Unglück, das sie über die Älteren brachte, auf ihre Weise sühnen will. Am Ende versteht man wohl, was die Geschichte antreibt, aber man sieht und fühlt es nicht. McEwan ging es um das Paradox, mit den Mitteln der Fiktion ungeschehen machen zu wollen, was in Wirklichkeit passiert ist; Wright teilt diesen Ehrgeiz nicht, und so ist sein Film im Grunde bereits nach der Hälfte der Zeit vorbei."
Große Gefühle für ein großes Publikum will der Film laut Sascha Keilholz produzieren: "Natürlich kann es einer Romanadaption schnell passieren, als "zu literarisch" zu gelten. Will wohl heißen, der Text drängt sich in den Vordergrund und das Erzählte findet keine filmische Form. Joe Wright bekämpft diese Gefahr mit allen nur denkbaren Mitteln – und dies sind in diesem Falle die audiovisuellen Gestaltungsmöglichkeiten."
Marcus Wessel hat genau das bekommen, was er erwartet hat: "Schauspielerische Glanzleistungen und eine große, tragische Liebesgeschichte vor der Kulisse des Weltkriegsgeschehens. Mit seiner zeitlich verschachtelten Struktur, seinem Vor- und Zurückspringen in der Chronologie der Ereignisse, wartet auch die Erzählstruktur immer wieder mit interessanten Brüchen und Lücken auf, die entweder nachträglich gefüllt oder zu Gänze frei gelassen werden. ... Genau so fühlt sich großes Gefühlskino an."
Als gewohnt nichtsnutzigen Eröffnungsfilm bezeichnet Daniel Kothenschulte ABBITTE.
Susan Vahabzadeh sah ein handwerklich beeindruckenden Werk, das trotz seiner Schönheit nicht zeigt, was es meint. "Worum es eigentlich in "Abbitte" geht, hat Wright wohl begriffen, aber er schwimmt immer nur an der Oberfläche. Was bei einer Verfilmung zwangsläufig verloren geht, ist der Reiz des inneren Monologs. Die eigentliche Abbitte ist bei McEwan ein solcher Monolog, bei Wright findet das in Interviewform statt. Es ist aber nun mal etwas anderes, ob ein - fiktiver - Autor in einem inneren Kampf die Fiktion als Abbitte an sich selbst richtet oder ob man ein dahingeplappertes Fernsehinterview draus macht."
Protzige Kinokonfektionsware zu sein, beischeinigt Peter Zander dem Film. "Mit Soundtrack-Auslegeware und Hochglanzpostkartenbildern. Selbst die Bomber spiegeln sich noch malerisch im Bach vor Dünkirchen. Eigentlich eine Rosamunde-Pilcher-TV-Schmonzette. Aber Vorsicht: Derartige Spiegelungen wiederholen sich, der Film springt immer wieder zurück, und dann sollte man auch nicht das penetrante Schreibmaschinengetippe in der Filmmusik überhören."
Es ist die Art von Film, die von Festivalausrichtern gern "ganz großes Kino" genannt wird, stellt Anke Westphal fest. "Wer die Schönheit angeschaut mit Augen / ist dem Tode schon anheim gegeben, hat der Dichter August von Platen einst geschrieben: Keira Knightley als Cecilia, Romola Garai als 18-Jährige sowie Vanessa Redgrave als alte Briony hätten ihm ausnehmend gut gefallen, so schön, so veredelt stehen sie im Tumult der Gefühle. ATONEMENT hat seine Aufgabe vorzüglich erfüllt: Mit Glanz und Gefühl, untadeligen schauspielerischen Leistungen und nicht ohne Intelligenz hat dieses Melodram am Mittwochabend die Filmfestspiele von Venedig eröffnet."
Laut Cristina Nord versucht sich der Eröffnungsfilm als eierlegende Wollmilchsau. "Er will verführerisch sein, indem er die Reize Keira Knightleys auskostet, er will Intrigen spinnen und dabei die Gefühlsabgründe einer Familie ausleuchten, er will historische Bedeutsamkeit gewinnen, indem er die Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs abschreitet, er will ein bisschen Action, und er will mit aller Macht in tragischer Verwicklung schwelgen. Mit dem Ergebnis, dass nichts zu seinem Recht kommt."
Jan Schulz-Ojala ist nicht gerade ein Kostümfilm-Fan und schreibt deshalb folgendes: "In ihrer ersten Hälfte, der Schilderung eines heißen Sommertags 1935 auf einem prächtigen englischen Landgut, ist die Literaturverfilmung adäquat prächtig gelungen. Dann kommen die episch großen Linien der (Kriegs-)Geschichte ins Spiel – und der Film wird, angesichts nur scheinbar kunstvoll gesetzter Zeitsprünge sowie anschwellender Lockgesänge von Piano und Geigen, kleiner und kleiner. ... Hätte alles so breit auserzählt werden müssen, dass – zumindest im feinen Ansatz – der Verdacht auf "weichlich hirnlosen Blockbuster" entsteht?"
Gelungen nennt Rüdiger Suchsland die Inszenierung: "Doppelt, in Wiederholungen und Neuansätzen, zunächst scheinbar wie ein schlechter, sich ständig ins Wort fallender Erzähler, tatsächlich aber hin und her wechselnd zwischen der verzerrenden und dramatisierenden Sicht eines Kindes mit zuviel Phantasie, und der ernüchterten aus der der Erwachsenen. Der zweite Teil des Films ... ist filmisch konventioneller und insgesamt weniger gelungen. Plötzlich fällt der ständige kommentierende Einsatz von Musik auf, und es stört eine veränderte Erzählstruktur, die nur noch unnötig kompliziert, aber nicht mehr multiperspektivisch wirkt. Doch weiterhin gefallen ungewöhnliche Bilder und eine herausragende Kamera."
Als Verwurstung des Romans bezeichnet Wolfgang Höbel den Film. Er "schwelgt in den Kostümen und Dekors der britischen Upper Class der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, bis der Krieg dann hereinbricht und Regisseur Wright in einer aberwitzig langen, kunsthandwerklich spektakulären Einstellung die zerfetzten Leiber und Mord- und Totschlagsgräuel der Schlacht um Dünkirchen zeigt. Die Story des Films, die um Standesdünkel und eine schlimme Lüge kreist, versinkt in diesem glorreichen Apokalypse-Kitsch auf Nimmerwiedersehen."
Etwas überambitioniert findet Michael Althen den Film. "Geschickt verquickt der Film in der sommerlichen Abgeschiedenheit eines englischen Landsitzes am Vorabend des Krieges die unterschiedlichen Wahrnehmungen der Handelnden, die McEwans Buch auszeichnen. Was das überspannte Mädchen gesehen oder nicht gesehen hat, wird in verschiedenen Anläufen von mehreren Seiten beleuchtet, und manchmal muss man dabei fast an Antonionis BLOW-UP denken. ... Wo aber schon der Roman in zwei Teile zerfiel, da geht auch Wright der Zusammenhalt verloren."
Der Regisseur ist laut Marli Feldvoss um filmisches Erzählen bemüht. "Aber da reibt sich das zum Realismus drängende Kino am Versuch, literarische Methoden wie Perspektivewechsel oder Zeitsprünge glaubhaft auf die Leinwand zu bannen. Der schwerfälligere zweite Teil kreiert beim Fiasko der britischen Landung in Nordfrankreich 1939 nur eine abgefackelte Kirmesstimmung, die viel zu kurze Koda, die bereits dem Roman angekreidet wurde, wird in der Filmversion in Form eines 1999 aufgezeichneten Fernsehinterviews mit dem schmalen Altersgesicht von Vanessa Redgrave geadelt, ein erhabener, nicht unbedingt gelungener Abgang."