| Regie | Lucia Puenzo |
| Kinostart | 26.06.2008 |
Dank Ines Efron verzeiht Barbara Schweizerhof dem Film so manchen Drehbucheinfall. "So modern und aufgeklärt der Film einerseits ans heikle Thema herangeht, so düster-romantisierend sind die Bilder, in denen er erzählt. Die uruguayische Küste, die ihm als Kulisse dient, ist ein Ort von wilder, aber unwirtlicher Schönheit. Oft verhärten sich die Gesichter der Figuren zusätzlich im starken Gegenwind, die Sonne, wenn sie scheint, bringt kaum Farben hervor, sondern vertieft nur die Kontraste."
Philipp Bühler sah "ein starkes Plädoyer für die Wahlfreiheit des Einzelnen, gegen die Praxis der Zwangsoperation und die gesellschaftlich produzierte Angst vor dem eigenen Körper. Mit unglaublicher Präsenz, unmissverständlich verkörpert Inés Efron diesen Anspruch. Ihre Alex ist lasziv, ungehobelt, sexuell aggressiv. ... Aber jede Szene in diesem bitterernsten Film ist hochproblematisch, kann verletzen und ist darum so wichtig. Es fallen Worte und nicht immer die richtigen, ganz so wie in unserer Realität."
Jan Kedves findet es erstaunlich, dass dieser Film ausgerechnet aus Argentinien kommt, "das bislang wenig als Hort fortschrittlicher Geschlechterdiskurse bekannt war, ein Film kommt, der sich genau dieses Komplexes annimmt: XXY ist eine wunderbar unaufgeregt erzählte Coming-of-age-Geschichte, die in melancholischen Bildern die Selbstfindung der intersexuell veranlagten Alex begleitet. ... Nicht alles an XXY ist gelungen: Die Regisseurin Lucía Puenzo schießt in ihrem Drang, ein perfektes Setting für die Handlung zu finden, deutlich übers Ziel hinaus."
Inés Efron mit ihren graugrünen Augen und der wilden Lockenmähne ist das vor Kraft vibrierende Zentrum des Films, schreibt Nadine Lange. "Sie verkörpert Alex in einer intensiven Mischung aus Wildheit und Verletzlichkeit, wobei die Figur niemals ins Freakhafte driftet. Letzteres ist auch ein Verdienst von Lucía Puenzo. Der 1976 in Buenos Aires geborenen Romanautorin und Regisseurin gelingt es, in leicht verwaschen grau-blauen Bildern ein bewunderswert vielschichtiges und subtiles Porträt eines jungen Menschen auf der Suche nach sich selbst zu zeichnen. Ein ungewöhnliches Coming-of-Age."
Dieser kleine Film ruft nicht unbedingt nach einer großen Leinwand, meint Daniel Kothenschulte. "Dies ist nicht einfach ein Film über das Leben mit einem anomalen Chromosomensatz und ein Plädoyer für die Natürlichkeit der Zweigeschlechtlichkeit. Zunächst einmal ist es ein Film über eine erste Liebe und die Pubertät. Er führt uns zurück in eine Zeit, die jeder einmal zwischen zwei Identitäten verbracht hat, die ebenso wenig kompatibel erscheinen - die zwischen der kindlichen und der erwachsenen. Und indem ihm dies gelingt, in dem er uns an diesen fast vergessenen Zustand erinnert, in dem wir beides waren, Kinder und Erwachsene, versetzt er uns in die seltene Lage, Alex gleichsam unter die Haut zu blicken."
Dramaturgisch wirkt das von der argentinischen Regisseurin Lucía Puenzo verfaßte Drehbuch für Robert Best etwas lahmarschig. "Obwohl der von Inés Efron unwiderstehlich gespielten Alex sofort alle Herzen zufliegen, ist der Voyeurismus aller anderen tragender Blickwinkel des Films. Wenn der Betrachter seine eigenen Vorurteile und Sehgewohnheiten überprüfen soll, muß er erst mal hinterm Schlüsselloch bleiben dürfen. Oder im Kinosessel. An Alex’ Übergeschnapptheit – etwa wenn sie ihrem Freund Vando die Nase bricht – wird er sowieso seine Freude haben."
Laut der ZEIT stellt der Film viele medizinische Details falsch dar - fünf Antworten auf Fragen, die offen bleiben.
Wenn die Filmemacherin laut Michael Kienzl "verschiedene Standpunkte und Hintergrundinformationen in die Handlung einfügt, folgt der Film einer argumentativen Linie, an dessen Ende Alex’ Entscheidung für ihr weiteres Leben steht. An einigen Stellen, etwa wenn Alex’ Vater sich mit einem intersexuellen Tankwart trifft, der sich einer Operation unterzogen hat, geht der Film etwas belehrend mit seiner Thematik um, ohne jedoch konkrete Informationen zu liefern. Dass der Film nicht zum bloßen Träger einer humanistischen Botschaft wird, verhindert die prägnante filmische Sprache. Mit atmosphärischen, von Hell-Dunkel-Kontrasten bestimmten Bildern, die immer nah an den Figuren dran sind, entwickelt der Film eine langsame Sogwirkung."
Die Art und Weise, wie der Film von der Freiheit und vom Begehren erzählt, ist beeindruckend, lobt Joachim Kurz. "Leise und eindringlich, ohne Voyeurismus und mit größtmöglicher Sensibilität nähert sich Lucía Puenzo ihrer Figur an, fängt die Verwirrung von Alex genauso ein wie ihren jugendlichen Trotz und ihr pubertäres Aufbegehren. Die androgyn wirkende Inés Efron liefert zudem eine absolut bravouröse Leistung ab und spielt einen argentinischen Leinwandstar wie Ricardo Darín streckenweise richtiggehend an die Wand. Ein in allen Belangen sehenswerter und sehr intensiver Film zu einem spannenden Thema."
Fern einem dokumentarisch ermüdenden Erzählstil und ebenso fern einer medizinisch fundierten Diagnose, gelingt es laut Gary Rohweder der Regisseurin, "eine Geschichte über die Angst vor dem Anderssein und die Selbstbestimmung über den eigenen Körper, als ein eindrucksvolles Plädoyer für Toleranz und Freiheit zu inszenieren. Ihre Hauptfigur Alex, die von der androgynen Schauspielerin Inés Efron auf sehr eindringliche Weise verkörpert wird, ist im Film dem latent vorhandenen Voyeurismus ausgesetzt. Dies vermittelt der Film, ohne selbst dabei voyeuristisch zu sein. Das Anderssein wird hier zur Selbstverständlichkeit und ohne sperrige Tabus erzählt. Ein außergewöhnlicher Film, den man nicht so schnell vergisst."
Thomas Engel ist des Lobes voll. "Behutsam, diskret, menschlich nachempfunden und filmisch durchaus interessant werden die Besonderheit des Problems, die gedrückte Stimmung, der lang anhaltende Entscheidungsprozeß, die allseitige psychische Belastung deutlich gemacht. Der Film als solcher ist also sicherlich beachtenswert, Interesse für das Thema muss man allerdings schon mitbringen."
Kathrin Häger lobt den Film. "Dass der argentinischen Drehbuchautorin und Regisseurin beim Balanceakt zwischen Komik und Tragik nie das Gefühl für den richtigen Ton abhanden kommt, ist eine der zahlreichen Qualitäten dieses einfühlsam unvoyeuristischen Debütfilms, der die gängige Praxis der operativen "Normalisierung" als das beschreibt, was sie ist: Eine Kastration des Körpers, die einer Amputation jeglicher Individualität gleicht. ... Natürlich darf man solch eine besondere Geschichte erzählen – und zu einem außergewöhnlichen Film verarbeiten, auch oder gerade wenn dieser mit seiner risikofreudigen Grenzüberschreitung auf Berührungsängste stoßen könnte."