| Regie | Denis Dercourt |
| Kinostart | 03.05.2007 |
Gerhard Midding unterhält sich mit Regisseur Denis Dercourt über seinen Film.
In seinen besten Momenten verbindet Dercourts Film eine an Claude Chabrols Bourgeoisie-Studien erinnernde Beobachtungsgabe mit dem Thrillermotiv des Fremden, der in ein Leben eindringt, lobt Anke Leweke.
"Solange Denis Dercourts Film in der Schwebe bleibt, hält er seine Spannung. Zwischen Liebes- und Rachegeschichte, Zärtlichkeit und Sadismus, Psychodrama und Genrefilm. Leider fehlt ihm der Mut, diese Offenheit bis zuletzt durchzuhalten. Um in einem musikalischen Bild zu bleiben: Es ist ein wenig schade, dass sich am Ende ein großer klarer Schlussakkord über alle Ambivalenzen und Zwischentöne dieses Films legt."
Einen Psychothriller der besonderen Art sah Christina Tilmann. "Der klassenkritische Subtext – Metzgerstochter findet Zugang zu großbürgerlichen Kreisen – samt herrschaftlichem Landhaus, Tennislawn und Swimmingpool erinnert an Claude Chabrol, auch die unterschwellige Bosheit in der Charakterzeichnung. Doch um Klassenkritik scheint es Dercourt nicht zu gehen: Verständnisvoll genug haben die Metzgerseltern einst den Pianistentraum ihrer Tochter unterstützt, und ihr Scheitern hatte nichts mit kleinbürgerlicher Unsicherheit zu tun. So sind es weniger Lebensentwürfe oder gesellschaftliche Fragen, die der Film verhandelt, sondern eher psychologische – und kriminalistische."
Dieser Film wird zu etwas Besonderem, weil er nicht von seiner Formel abrückt, meint Daniel Kothenschulte. "Er hält sich mit der Disziplin eines Klavierschülers an seine Partitur - und interpretiert sie zugleich in kühler Perfektion. Sein Geheimnis ist, wie genau er diesen Weg beschreitet - und wie exakt er in den filmischen Ritualen seinem Gegenstand nahe kommt: Dem restriktiven Milieu, aber auch einem Gefühl, das nicht weniger zwanghaft ist, wenn man es ernst nimmt - der Rache. Wenn eine Formel derart exakt ausgeführt wird, dass sie eins wird mit dem künstlerischen Resultat, dann kann man getrost die letzten beiden Buchstaben weglassen. Dieser Film hat keine Formel mehr, er hat eine Form. Und die ist von bezwingender Perfektion."
Birte Lüdeking vergleicht den Film mit Arbeiten von Chabrol. "Während Chabrol allerdings selten seine leichte Schadenfreude an den Fassadenstürzen verbergen kann, erzeugt Dercourt trotz aller Konsequenz, mit der Ariane für ihre frühere Arroganz und Unbedachtsamkeit bestraft wird, mehr Mitgefühl für sein Opfer. Facetten ihrer Figur kommen zum Vorschein, die sie zunehmend menschlich und sympathisch erscheinen lassen und ihren unausweichlichen Fall damit umso härter. Der Film steuert ohne Zweifel und Umschweife auf diesen zu. Allein seine Tiefe offenbart sich erst ganz zum Schluss."
Thilo Wydra ist etwas enttäuscht: Inszenierung als auch Fotografie sind "sehr konventionell gehalten, was erst angesichts des sehr gediegenen Charakters des Films mitunter negativ zum Tragen kommt. So mag bei alledem ein latent schleichender Suspense-Thrill à la Hitchcock die Intention gewesen sein, doch war es hier des Schleichens leider etwas zu viel, und des Suspense etwas zu wenig."
Stefan Volk fühlte sich an DAS MÄDCHEN MIT DEM PERLENOHRRING erinnert. "Die berufliche Beziehung der beiden Frauen wird bald von einer fast greifbaren wechselseitigen körperlichen Anziehung überlagert. Stets schwingt dabei aber auch eine unterschwellige Aggression mit. Auf fesselnde, sinnliche Weise inszeniert Dercourt in DAS MÄDCHEN, DAS DIE SEITEN UMBLÄTTERT die schleichende Erotik der Bedrohung."