4 MONATE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE

film-zeit Film: 4 MONATE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE
Regie Cristian Mungiu
Kinostart 22.11.2007

Inhalt • 4 MONATE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE

Bukarest 1987: Die Geschichte zweier Frauen, wobei sich eine von ihnen zu eine Abtreibung entscheidet. Sie lässt sich auf einen professionellen Engelmacher ein, der sich aber als gewalttätiger Erpresser erweist.

Kritiken • 4 MONATE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE

22. November 2007 | Kritik • Die Tageszeitung

Für Anke Leweke ist der Film nicht einfach nur die Abrechnung mit einer untergegangenen Ideologie und Epoche. "Es ist ein Film, den man nicht mehr los wird, weil seine Bilder sich in unser Gedächtnis senken. Gerade in seiner Sachlichkeit und Nüchternheit entwickelt er eine emotionale Wucht, die den Zuschauer weder überwältigt noch überrollt, sondern nur gebannt auf die Leinwand starren lässt. ... [Er] stellt sich seinem Thema bis zur letzten Konsequenz und führt es in all seinen Facetten aus. Dabei überlässt er dem Zuschauer Bilder und Szenen, die er ganz allein, ohne moralische oder emotionale Gebrauchsanweisung mit aus dem Kino nehmen muss."

22. November 2007 | Kritik • Frankfurter Rundschau

Heimlich, still und leise hat sich Rumänien zu einem der interessantesten europäischen Filmländer entwickelt, meint Michael Kohler. Die Handlung "wirkt dabei mitunter wie eine Studie über darstellerische Wahrhaftigkeit. Stets bleibt die Kamera auf Distanz, meistens rückt sie die Figuren aus gleichbleibender Perspektive und in langen Einstellungen ins Bild. ... Schon lange hat sich kein Filmregisseur mehr derart gekonnt der Intensität eines ästhetisch ausgefeilten Dokumentarismus bedient. In langen Proben ließ Mungiú den Text verfeinern, danach entwickelte er mit dem brillanten Kameramann Oleg Mutu ein Konzept, das den Schauspielern möglichst viele Freiheiten gibt und dabei trotzdem genuin filmisch erscheint."

22. November 2007 | Kritik • Neues Deutschland

Die Poesie des Mitwissens hat Gunnar Decker überzeugt. "Ein dunkler Film über ein Land in Agonie, aber ohne jeden anklagenden Gestus, ohne dass über Politik überhaupt je gesprochen würde. Ein Film schließlich über die stille Widerstandskraft aus Lebensklugheit von Menschen, die sich weder vom System brechen ließen noch zu bloßen Mitläufern oder gar Mittätern wurden. Mungiu zeigt auf eine großartige Weise, wie man auch über Geschichte sprechen kann – und wie es auf poetische Weise fruchtbar wird, wenn man auf jeden vordergründig anklagenden Gestus verzichtet. Davon sind deutsch-deutsche Geschichtsbilder noch Welten entfernt."

22. November 2007 | Kritik • Junge Welt

Beklemmend ist der Film für Peer Schmitt. "Die Beklemmung vermittelt Mungiu mit einem ziemlich weit getriebenen Purismus. Sein Film besteht aus einer Reihung von Plansequenzen, ausschließlich an Originalschauplätzen gedreht. Dabei kein Raum für Improvisation, jedes Detail geplant, durchgesetzt und bedeutungsgebend (herausragend die Tonmischung, zumindest in der Originalversion). ... Verzicht erzeugt den besten Effekt. Verzicht übrigens auch auf melodramatische Zuspitzungen. Eine "kalte" Inszenierung der Brutalität existentieller Gefährdung als Alltag."

22. November 2007 | Kritik • Berliner Morgenpost

Der Film handelt von Abtreibung, ist aber kein Abtreibungsfilm, stellt Hanns-Georg Rodek fest. "4 MONATE benutzt eine Handkamera, aber die hüpft nicht dogmahaft umher, sondern schwankt leicht, ein unterbewusstes Gefühl der Desorientierung vermittelnd. Mungius Kamera missachtet die alten Kinogebote, dass man den Sprechenden stets im Bild zeigen soll und keine Körperstümpfe ins Bild ragen dürfen - alles Teil einer wohlkalkulierten Strategie, den Zuschauer aus der Sehroutine zu drängen, zwischen Politfilm, Thriller und Horrorstück hin- und her zu zerren."

22. November 2007 | Kritik • artechock.de

Laut Rüdiger Suchsland mag der Film motwendig sein, "auch moralisch sympathisch, weil Mungiu immer die Partei der beiden Frauen - von Anamaria Marinca und Laura Vasiliu hervorragend gespielt - ergreift; auch wenn seine Position in der Abtreibungsfrage überaus unklar ist, und man seinen Film wahlweise als Pamphlet gegen jedwede Abtreibung wie als Traktat für ihre Legalisierung und mehr Hygiene interpretieren kann. Aber man möchte doch wetten, dass ein identischer Film, käme er aus Deutschland, Spanien oder Dänemark, im Mai in Cannes keine Goldene Palme gewonnen hätte. Bei Depressionskino gilt der Osteuropa-Bonus."

21. November 2007 | Kritik • Berliner Zeitung

Anke Westphal sah einen "großen Film über den Terror - den Terror derjenigen, die überwachen oder etwas zu vergeben haben. Es ist ein schockierender Film auch über das Ausmaß, in dem der Einzelne totalitären Verhältnissen ausgeliefert ist. ... Ja, Mungiu zeigt auch die vergrauten Neubauviertel, die Menschenschlangen vor halbleeren Geschäften, die Unfreundlichkeit und den Terror des Mangels. Aber das tut er auf intensive Weise beiläufig - er zeigt es als Bestandteil eines Gesellschaftssystems, das nicht verglichen wird mit einem anderen, komfortableren und schon gar nicht ausgestellt wie in einem Museum."

21. November 2007 | Kritik • Frankfurter Allgemeine Zeitung

Immer wieder weigert sich der Film, sentimental zu werden, schreibt Andreas Kilb. "Ohne Gefuchtel und Geschwenke, mit beweglicher, aber niemals zitternder Kamera hält er den Opfergang der beiden Studentinnen fest, die Demütigung des erpressten Beischlafs, die Panik im Gesicht der Schwangeren, die hektische Betriebsamkeit ihrer Freundin. Hätte Mungiu die madonnenhafte Gabita zur Hauptfigur seiner Geschichte gemacht, wäre aus 4 MONATE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE vermutlich eines jener Rührstücke geworden, deren Pathos immer ein wenig nach Backmischung riecht. Aber er hat sich für Otilia entschieden, die Ältere, Reifere der beiden, die Zeugin und Mittäterin."

20. November 2007 | Kritik • Der Tagesspiegel

Jan Schulz-Ojala sah ein kleines Filmwunder. "Das Zusammensuchen der Sachen im Wohnheim, die Suche nach dem Hotelzimmer, wobei die Rezeptionsdamen grausam perfekt den sozialistischen Nicht-Service verkörpern, die ersten kühlen Gespräche mit dem Abtreiber im Auto, die zunächst leise und sich in einem Kurzgebrüll entladende Verhandlung, irgendwann Otilias letzter Freundschaftsdienst mit der hastigen Beseitigung des Fötus in der Nacht: All dies ist in wenige prägnante Szenen aufgelöst, wobei der stativlosen Kamera, selbst wenn sie lange verharrt, allenfalls ein minimales Beben gestattet ist. Aber es ist ein Beben, von Anfang an."

12. November 2007 | Kritik • Neue Züricher Zeitung

Mitfühlender, genauer, nüchterner und packender ist in diesem Jahr im Kino kaum erzählt worden, schreibt Martin Walder. "4 MONATE ... ist eine Art Thriller und darin herausragend, wie er äussere Dramatik unterläuft. Vielmehr sperrte der Autor die Gefühle filmisch in oft minutenlangen, statischen, zentralperspektivischen Einstellungen wie unter dem Mikroskop ein. So wird Spannung aufgebaut und das seelische und körperliche Dilemma der jungen Frauen in messerscharfen Dialogen zugespitzt. Bis die Emotionen doch auch physisch durchbrechen und die Kamera sich der keuchend durch die nächtliche Stadt irrenden Protagonistin an die Fersen heftet: Ein rudimentäres Leben wird entsorgt. Doch wir Zuschauer mögen uns nicht abwenden, im Gegenteil, weil das Dilemma politischer, sozialer und moralischer Natur ist."

25. September 2007 | Kritik • critic.de

Von der fast dokumentarischen Beschreibung des Alltags hat sich Michael Kienzl einfangen lassen. "Neben der Behandlung der Rolle junger Frauen unter Ceausescu schafft es 4 MONATE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE vor allem auf unaufdringliche Weise dem Zuschauer die repressive Stimmung des Staates zu vermitteln. Anstatt die Gefahr für die beiden Frauen durch bestimmte Personen zu konkretisieren, bleibt die Bedrohung des Staates unsichtbar und zeigt sich auf subtile Weise, etwa wenn Otilia sich auf der Straße immer wieder ängstlich umblickt. Gerade diese unscheinbare Art, ein politisches Regime spürbar zu machen, ohne es mit Hilfe von Plattitüden zu zeigen, macht den Film zu einer Besonderheit."

20. September 2007 | Kritik • programmkino.de

David Siems ist verstört und aufgewühlt aus dem Kino gekommen, aber dennoch von der großen emotionalen und erzählerischen Kraft des Filmes überzeugt. "Die persönliche Hölle, durch die Otilia und Gâbita gehen müssen, inszeniert Christian Mungiu in größtmöglicher Intimität, mit der Handkamera ist er so nah an seinen Figuren, dass man die Beklemmung und die Angst selber zu spüren bekommt. Von der Schulter gefilmt und in langen Plansequenzen gedreht, gelingt es Mingiu tatsächlich, ohne falsches Pathos, platte moralische Schuldzuweisungen oder hysterische Überspitzungen auszukommen."

28. Mai 2007 | Kritik • Die Welt

Für Hanns-Georg Rodek stellt der Film als Gewinner der Goldenen Palme die Festival-Regeln auf den Kopf. "Letztendlich steht im Zentrum von Mungius Film die Angst, die vor dem Kinderkriegen, vor der Familie, vor dem Abtreibungshandwerker, vor dem Staat, vor dem Tod. Selten hat in den vergangenen Jahren – trotz aller Horrorfilme – das Kino den Zustand der Angst so greifbar gemacht wie 4 MONATE, und das so völlig unspektakulär ohne spritzendes Blut, Gewalttätigkeit oder hässliche Monster. Es ist auch – und darin liegt seine politische Komponente – eine Aneinanderreihung von Demütigungen, die das damalige System seinen Bürgern auferlegte."

24. Mai 2007 | Kritik • Die Zeit

Von Anfang an erzeugen seine Bilder eine fast physisch erfahrbare Gegenwart des sozialistischen Alltags, schreibt Katja Nicodemus. "Der Film stellt sich seinem Thema bis zur letzten Konsequenz. In einer etwa zehnsekündigen Aufnahme ist der Fötus zu sehen, halb eingewickelt, auf den Fliesen des Hotelbadezimmers. Es ist, wenn es so etwas gibt, eine objektive Kameraeinstellung. Sie überlässt dem Zuschauer ein Bild, das er ganz allein, ohne moralische oder emotionale Gebrauchsanweisung aus dem Kino mitnehmen muss."

20. Mai 2007 | Kritik • artechock.de

Übliches Depressionskino sah Rüdiger Suchsland: "Man sieht dreckige häßliche Menschen an dreckigen hässlichen Schauplätzen dreckige hässliche Dinge tun ... Ein Film, der nichts zu sagen hat, außer wie scheiße es den Leuten dort geht, und dass sie doch auch irgendwie Menschen sind. Leider stimmt beides. Das Schlimmste daran ist nicht die kaum versteckte Pädagogik und der unverhüllte Moralismus des Ganzen, sondern dass er so perfekt unsere Erwartungen bedient."

19. Mai 2007 | Kritik • Der Spiegel

Wer weich wird und Schwäche zeigt, der ist verloren, davon handelt der Film, meint Wolfgang Höbel. "Die Kunst von Mungius Film besteht in seiner Klarheit und erzählerischen Nonchalance. ... [Er] klagt niemand an, auch wenn gegen Ende das Mädchen Otilia noch ausspricht, dass gedankenlose, maulfaule Männer junge Frauen in derart furchtbare Situationen bringen. Im wesentlichen aber vertraut Mungiu auf die Geschichte und die Gesichter seiner Darstellerinnen Laura Vasilia und Anamaria Marinca, und das macht diesen Film ohne Fisimatenten und große Kunstanstrengungen zum bisherigen Kritikerliebling im noch ziemlich am Anfang stehenden Wettbewerb um die Goldene Palme."

19. Mai 2007 | Kritik • Frankfurter Rundschau

Für Daniel Kothenschulte führt dieser Film auf die Höhen eines durchdachten Realismus zurück. "Eine einzige, tragikomische Einstellung fängt das schon unter weniger dramatischen Umständen quälende Amüsement solcher Veranstaltungen ein. Die stets unbewegte Kamera hat sie in den Mittelpunkt eines beklemmenden Abendmahls gerückt. Man muss diesen unvergesslichen Augenblick jedem dänischen Wackelkamera-Realismus entgegen halten. Hier kehrt das Kino zurück zu einer humanistischen Qualität, zu einem Respekt vor der Würde einer im Leid erstarkten Protagonistin."

18. Mai 2007 | Kritik • Die Welt

Jede Minuten fand Hanns-Georg Rodek elektrisierend. "Dies ist kein Film über die Gewissensfrage der Abtreibung, aber über alles damit Verbundene. Er ist ein beklemmendes Porträt der Dämmerjahre der Ceausescu-Diktatur, wo die Menschen gleichgültig geworden sind, wo überall Misstrauen und Kontrolle herrschen und wo eine ganze Stadt den Eindruck erweckt, sie könnte im nächsten Moment zerfallen. Er geht um eine Frauenfreundschaft, die aufs Äußerste belastet wird. Er handelt von Männern, die Situationen nicht verstehen oder sie rücksichtslos ausnützen."

18. Mai 2007 | Kritik • Berliner Zeitung

Schockierend ist für Anke Westphal das Ausmaß, in dem der Einzelne hier offiziell gepriesenen Verhältnissen ausgeliefert ist. "Doch Cristian Mungiu erzählt das ganz ohne Hysterie und falsche Dramatik, nämlich auch als Studie einer Freundschaft und des Alltags im Land. Das osteuropäische, zumal das rumänische Kino leistet seit einiger Zeit die unbestechlichste und spannendste Aufarbeitung der sozialistischen Ära. Es wird ja auch nicht unentwegt, wie das in Deutschland der Fall ist, von Politikerforderungen nach bruchlosem Zusammenwachsen behindert."

18. Mai 2007 | Kritik • Der Tagesspiegel

Spannend, anrührend und aufrührend nennt Jan Schulz-Ojala den Film. "Wie grausig das Vorhaben gelingt und zugleich scheitert, welche Risse es zwischen Menschen reißt und doch wieder kittet, welches Opfer gebracht wird und welches Schweigen, all das inszeniert Mungiu völlig unspekulativ. Immer wieder führen spektakuläre Details auf Fährten, die sich als segensreich falsch herausstellen, und dann kann ein einziger Satz, leise dahingesagt, ein Sprengsatz sein."

17. Mai 2007 | Kritik • Frankfurter Allgemeine Zeitung

Verena Lueken sah eine magenerschütternde Geschichte, deren Ende sie enttäuscht hat. Wäre das nicht gewesen, hätte sie "einfach für annährend zwei sehr intensive, teilweise sehr dunkle und von der Handkamera in ungemütliche Bewegung versetzte Stunden den beiden Frauen zugeschaut, wie sie unter unmöglichen Bedingungen etwas tun, über das sie nie wieder sprechen wollen. So aber scheinen wir am Ende doch auf eine Moral getrimmt zu werden, die einerseits etwas billig ist, andererseits den Figuren, wie wir sie erlebt haben, nicht gerecht wird.

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