| Regie | Fatih Akin |
| Kinostart | 27.09.2007 |
Als der Witwer Ali die Prostituierte Yeter überredet, bei ihm einzuziehen, ist sein Sohn Nejat irritiert. Nejat taut erst auf, als er erfährt, dass sie ihrer Tochter Ayten regelmäßig Geld für ihr Studium schickt. Nach Yeters plötzlichem Tod reist Nejat in die Türkei, um Ayten zu suchen. Die politische Aktivistin Ayten ist jedoch vor der türkischen Polizei nach Deutschland geflüchtet und bei einer jungen Frau, Lotte, untergetaucht. Als sie von der Polizei aufgegriffen und in die Türkei zurückgeschickt wird, macht sich Lotte auf die Suche nach der Freundin.
Der Film hat Alexandra Stäheli dazu verführt, in der Dunkelheit des Kinosaals ein paar Spuren von Gedanken an Zufall und Schicksal, Schuld und Vergebung, Begegnung und Verpassen zu legen. "Dass die hochkonzentrierte Dramatik des Geschehens dabei ihren Spannungsbogen ungebrochen halten kann und niemals in billige Sentimentalität abgleitet, verdankt sich dem von Akin selbst verfassten, klug konstruierten Drehbuch: Es ist gerade die überbetonte, jederzeit sichtbare (und zuweilen auch jeglicher Wahrscheinlichkeit spottende) Struktur der Geschichte, die ein ruhiges Nachdenken über den Tod überhaupt zu ermöglichen scheint."
Für Ingo Arend entdeckt Fatih Akin den Blues der Erinnerung. Ihm "gelingt es in seinem Film die abstrakte Frage, ob die Türkei zu Europa gehört und umgekehrt, in die konkreten Schicksale von Menschen aufzulösen. Und zwar solche, die die Perspektiven öffnen. Migration ist in seinem Film keine Einbahnstraße. ... Akin versteht sich auf packende Geschichten, die keinen kalt lassen. Sie sind simpel strukturiert, aber hochexplosiv. In diesem Fall fächern sie noch ein ganzes Kompendium menschlicher Beziehungen auf."
Lars-Olav Beier und Matthias Matussek sprechen mit Fatih Akin über sein Verhältnis zu Rainer Werner Fassbinder, türkische Gefängnisse und seine Liebe zu Istanbul.
Peter Körte stellt fest: Fatih Akin erzählt seine Geschichte wie Fatih Akin. "Mit diesem Selbstbewusstsein kann er auch die vertrackte Konstruktion, unter der andere Filme zusammenbrächen, anstrengungslos handhaben - kein Charakter ist wichtiger als der andere, jeder ist ihm gleich nah, und aus dem scheinbar zufälligen Gewirr der Lebenslinien entsteht mit der Zeit ein plausibles Muster. ... Vor allem aber geht es um den Tod, auch weil Akin seinen Film als Mittelteil einer Trilogie "Liebe, Tod und Teufel" angelegt hat. Wer ohne die Großbegriffe nicht denken kann, darf auch Motive wie Schuld, Sühne oder Versöhnung herausbuchstabieren, doch Akin ist ein viel zu guter Beobachter der kleinsten Dinge, die seinen Charakteren ihre Wahrhaftigkeit verleihen, als dass solche Begriffe eine Rolle spielten."
Heimatlosigkeit, die Suche nach Verwurzelung wird Akins Thema bleiben, meint Susan Vahabzadeh. "AUF DER ANDEREN SEITE ist ein trauriger, berührender Film, voll leiser Traurigkeit und von konzentrierter Ruhe. Und er wird immer wieder politisch, ohne ins platte Parabelhafte zu verfallen, er wird nur von der Zeit gestreift, die Umstände berühren das Leben der Figuren."
Harald Jähner erzählt er einiges über türkische Männer, den Tod und seinen Film AUF DER ANDEREN SEITE.
Für Daniel Kothenschulte widersteht Fatih Akin "der Versuchung, mit schneller Nadel einen episodischen Einheitsteppich à la Alejandro González Inárritus BABEL zu knoten. ... Das Imponierendste an diesem Film ist in der Tat der Verzicht auf modische Erzähltricks, auf das Anreißen und Zappen, das sich gerade im zeitkritischen Drama als Allheilmittel empfohlen hat gegen eine unterstellte Konzentrationsschwäche des Publikums. Dabei gibt es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Fatalismus eines Melodrams und der unverstellten Gradlinigkeit eines Erzählstranges. Es ist mutig, heute diesen steinigen Weg zu gehen."
Deutschland oder Türkei ist hier die falsche Frage, stellt Robert Best fest. "Nur folgerichtig scheint es da, wenn Akin die Frage eines Landmannes nach der Premiere nicht versteht, 'auf welcher Seite' er denn stehe. Der Fragesteller präzisiert für den verwirrten Filmemacher: 'Deutschland oder Türkei?' Akin antwortet: 'Weder noch. Ich bin immer in Bewegung. Wie die Figuren im Film. Die suchen keine verlorene Identität wie einen Schatz und freuen sich, wenn sie ihn gefunden haben. Sie ändern sich ständig und bewegen sich. Das ist ihre Identität. Und meine.'"
Einen hellen Film über den Tod sah Katja Nicodemus. "Erstaunlich ist, wie all diese gewichtigen Themen den Film in keiner Weise beschweren. Im Gegenteil, während er im langsamen Rhythmus fortschreitet, weitere Figuren, Orte und Schicksale in sich aufnimmt, scheint er immer leichter zu werden. Man könnte auch von einem lichten Requiem sprechen. Einem Requiem, das nach vorne weist und voller kleiner Utopien steckt. Im Grunde ist Auf der anderen Seite also ein hoffnungsfroher Film. Weil er vorführt, dass das Leben ein großes Aneinandervorbei ist, bei dem sich manchmal eben doch genau die Richtigen treffen."
Eva-Maria Senftleben hat eine Matinee mit dem Regisseur besucht.
Für Christian Buß steht AUF DER ANDEREN SEITE für ein globalisiertes Kino, das über die Kategorien des Nationalen erhaben ist. "So entwickelt Regisseur Akin aus einer klassischen Roadmovie-Konstellation eine eigentümlich unaufgeregte Meditation zu den Begriffen "Heimat" und "Fremde", die über simple topographische Kategorien erhaben ist. ... AUF DER ANDEREN SEITE ist natürlich auch der Versuch des Künstlers, sich der bekannten medialen Verortung zu entziehen. Akin will nicht länger den plietschen Streetboy aus Hamburg-Altona geben, sondern exponiert sich mit seinem neuen Werk als Vertreter eines Weltkinos, das die Wirkung der kleinsten Bewegung im entlegensten Winkel auf das große Schwingen der Welt nachzeichnet. Und umgekehrt, natürlich."
Einen Film über den Tod sah Harald Jähner. "Akins Film handelt vom Suchen und Aneinandervorbeilaufen, vom Nicht-Erkennen in vielen Facetten. Das raffinierte Drehbuch lässt sechs Menschen eine schicksalhafte Bedeutung füreinander erlangen mit einem Minimum an Kreuzungspunkten. Dreimal wird die Geschichte aus anderem Blickwinkel von vorn begonnen und wiederholt sich spiegelbildlich. Der Film unterschlägt dabei nicht, wie konstruiert er ist. Für seine Qualität spricht, dass man die freimütig präsentierte Konstruiertheit gleich wieder vergisst und gebannt dem Naturalismus folgt, den das wunderbare Schauspielerensemble erzeugt."
Birgit Glombitza spricht mit dem Regisseur die Ironie eines Drehbuchpreises, des Totenfest in Mexiko und Wäsche im Gefängnisfenster.
Zentrales Thema des Films ist laut Daniela Sannwald der Generationenkonflikt. "Beinahe hat Fatih Akin zu viel in seinen Film gepackt: türkische Geschichte, Europa, Migranten, türkisches Rechtssystem, Generationenkonflikte, eine lesbische Beziehung, Prostitution, Tod – was kann er da noch drehen?"
Fatih Akin arbeitet sich in den inneren Zirkel der europäischen Autorenfilmer vor, meint Rainer Gansera. "Akins Genie ist seine Schauspielerführung, die herausfordert, antreibt, hervorlockt und Entfaltungsraum schenkt. Seine Vorliebe für das Melodramatische kann er hier zügeln und auf intimere, subtilere Gesten konzentrieren. Immer schon waren seine Filme dort am stärksten, wo sie Autobiografisches spiegelten. Das weit aufgespannte Schicksalsgeflecht von Auf der anderen Seite ist davon durchdrungen, erzählt aber nicht nur inhaltlich von Reifungsprozessen, sondern bezeugt sie auch stilistisch-inszenatorisch."
Für Hanns-Georg Rodek ist AUF DER ANDEREN SEITE eine leise Aufforderung zu Toleranz und Mitgefühl. "Es sind Telegramme, aber oft übermitteln sie statt der nackten Tatsache lieber deren emotionalen Nachhall. Das ist eine Art des Erzählens, die sich nur sehr wenige, sehr gute Regisseure trauen. Sie verwandeln einen Mangel in eine Tugend, denn im Zuschauer wecken sie produktive Gedanken ... Akin ignoriert die Konfliktherde nicht, und es wehen gar viele türkisch-nationalistische Fahnen in seinem Film. Vor allem jedoch setzt Akin Signale des Vertrauens in einer von Misstrauen vergifteten Welt."
Im Interview mit André Müller spricht Hanna Schygulla über Fassbinders Schweigen bis zu seinem Tod, Filmemacher, die sie nicht lachen lassen, Furcht vor Hässlichkeit im Alter und die eigene Totenmaske.
Wie kaum einem zweiten Autor-Regisseur in Deutschland gelingt Fatih Akin eine fesselnde Balance aus Realismus und Künstlichkeit, die sich in den Dialogen ebenso niederschlägt wie in der Dramaturgie, lobt Oliver Rahayel. "Seine Geschichten sind dem Leben entnommen, aber eindeutig zu Kunst geworden. In kurzen Sätzen umreißen die Figuren im Film ihre Lebenssituation, die sich im nächsten Moment bereits ändern kann – in Sätzen, die sowohl nach persönlich Erlebtem wie nach tiefer Wahrheit klingen. Jede einzelne der Episoden ist ebenso brilliant entworfen wie das dramaturgische Netz, das sie insgesamt bilden."
Bettina Aust unterhält sich mit Hanna Schygulla ganz offen über Drogen, Rainer Werner Fassbinder und ihre Rolle als Sexsymbol.
Katrin Knauth begreift den Film als Wechselspiel und Bewegung zwischen den Kulturen, die verschiedenen Blickwinkel. "AUF DER ANDEREN SEITE ist auf jeden Fall eines der Kino-Highlights in diesem Jahr und sollte auf keinen Fall verpasst werden: Sensationelles Erzählkino mit brillanten Schauspielern von einem Regisseur, der nur wie wenige andere Filmemacher den aktuellen deutschen Film so überzeugend vertritt. Wer nah am Wasser gebaut ist, sollte unbedingt eine Packung Taschentücher griffbereit halten."
Hanns-Georg Rodek unterhält sich mit Fatih Akin über seinen neuen Film AUF DER ANDEREN SEITE.
Frédéric Jaeger sah einen Kunstfilm, der aus der Distanz zu erzählen weiß. "In vielen Totalen, weiten Landschaftspanoramen und sparsam aber treffsicher eingesetzten Nahaufnahmen entfaltet Fatih Akin vielschichtige Bilder der Milieus, der türkisch(-deutsch)en Mittelschicht und eines angeblich weltoffenen deutschen intellektuellen Bürgertums. Die Kraft dieser Darstellungen ist umso überzeugender, als sie zu keinem Zeitpunkt Allgemeingültigkeit beanspruchen, vielmehr im Hintergrund die soziale Relevanz der Einzelfälle durchschimmern lassen."
Für Sascha Rettig ist es schwierig, den Plot nach zu erzählen. Die Geschichte wirkt "sehr überladen und kompliziert. Es sind schließlich viele Zufälle, die die Figuren zusammen führen und manchmal wird auch die Mechanik von Akins mutigen Plotkonstruktionen erkennbar. Umso überraschender scheint es da, dass er von der Jury bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes den Preis für das beste Drehbuch zugedacht bekam. Doch es liegt an Akins Inszenierung, seinem überaus sensiblen und glaubwürdigen Darstellerensemble und seinem klaren Blick auf die Geschehnisse, dass der Film dabei nie unaufgeräumt oder in der Vielzahl seiner angerissenen Themen überambitioniert wirkt."
Als starkes Plädoyer für ein europäisches Zusammenwachsen über den Bosporus hinaus bezeichnet Andreas Borcholte den Film. "Tatsächlich ist AUF DER ANDEREN SEITE der zweite Teil einer auf drei Filme angelegten Reihe, die Akin "Liebe, Tod und Teufel" nennt. Die Liebe war das Thema des erhitzten, rebellischen GEGEN DIE WAND; der Tod spielt eine übergeordnete Rolle in Akins neuem Film. So ist es nur logisch, dass die Stimmung des Films eine andere ist als vor vier Jahren: Ruhig, langsam und melancholisch erzählt der in drei Episoden unterteilte Film von sechs Schicksalen zwischen Istanbul, Bremen und Hamburg, die über zwei tragische Todesfälle miteinander verwoben werden."
Michael Althen bescheinigt dem Regisseur ein besonderes Talent für plastisches Erzählen. "Dem Film geht alles Behäbige ab. Akin hat es nicht eilig, aber er hält sich auch nirgends länger auf als nötig. ... allein schon die Art und Weise, wie Akin den Mann auf seinem Weg entlang der Regale zeigt, ist von einer ergreifenden Einfachheit, dass man gleich weiß, dass der junge Professor hier eine Heimat gefunden hat. Schon am Anfang hat er seinem sichtlich unbelesenen Vater ein Buch von Selim Özdogan gereicht, das solle er mal lesen, und es sind genau solche einfachen, fast beiläufigen Gesten, in denen man eine Zugeneigtheit zu den Dingen und Menschen spürt, um die sich andere Filmemacher vergeblich bemühen."
Matthias Schmidt ist begeistert. "Seine präzis beschriebenen Figuren, die unaufgeregte Inszenierung, die nicht immer alles erklären muss, machen AUF DER ANDEREN SEITE zu einem sehr viel reiferen Film als der jugendliche Überschwung des genauso großartigen GEGEN DIE WAND."
Hanns-Georg Rodek kommt nach dem Film zu der Erkenntnis: Vielleicht kann man sich auch an zwei Orten daheim fühle. "In den Händen eines schlechten Regisseurs hätte sich dieses gehäufte Drama verselbstständigt. Akin jedoch – gerade erst 34 Jahre alt – hat schon eine Art des Understatements (oder des Fatalismus oder der Abgeklärtheit) gefunden, welche ihn selbst dieses Vielfachdrama ganz ruhig erzählen lässt: Spreche lieber mit leiser Stimme von großen Ereignissen anstatt Nebensächlichkeiten lauthals aufzublasen."
Einen reifen, schmerzlichen und humorvollen, intimen und politischen Film sah Anke Westphal. "Das hat eine lyrische bis transzendentale Qualität und dabei doch eine Kraft, immer wieder die Wucht von Wut und Trauer - manchmal ist es mehr, als man ertragen kann, und doch geht man gestärkt aus diesem Film, in dem so oft Grenzen überwunden und Seiten gewechselt werden. Das Darstellerensemble ist wunderbar, Hanna Schygulla feiert ihre würdige Rückkehr auf die Leinwand."
Laut Cristina Nord schwankt der Film zwischen Konstruktionsanstrengung und inszenatorischer Kraft. "In AUF DER ANDEREN SEITE geschieht viel, und vieles davon nur, weil es zur Motivation des Folgenden benötigt wird. Durch je mehr Handlung der Film hindurchmuss, desto weniger konzentriert er sich auf die Empfindungen der Figuren, auf ihre Trauer, auf das, was sie innerlich bewältigen, wenn sie mit Tod, Verlust und anderen einschneidenden Ereignissen konfrontiert sind. Manchmal ist das, als verliere Akin beim Ausbreiten seiner Erzählfäden das Wesentliche aus dem Blick, als ließe der aufwändige Plot der Mise en Scène keine Luft zum Atmen."
Daniel Kothenschulte schreibt über Stärken und Schwächen des Films. "Das größte Problem des Film ist, dass es nicht gelingt, das Impressionistische einzufangen, das jeder interkulturellen Reise eigen ist. Allerdings ist er - anders als es seine Aussage vermuten lässt - auch frei von Pathos. Die Stärken jedoch sind klar zu benennen in drei überragenden Darstellerleistungen:"
bei allem Ernst und Facettenreichtum des Stoffes, bei aller Härte, mit der er erzählt ist, ist AUF DER ANDEREN SEITE ein federleichter, überaus klarer Film geworden, lobt Rüdiger Suchsland. Der Regisseur findet "für diese Story über Widerstand und Grenzüberschreitung eine schöne, ruhige Bildsprache - mit AUF DER ANDEREN SEITE ist dieser Regisseur offenkundig dort angekommen, wo er als Filmemacher hinwollte: Im Wettbewerb von Cannes und in der idealen Position eines Mittlers zwischen den Kulturen, der nie moralisiert und in Cannes gleichermaßen an genuin deutscher und genuin türkischer Regisseur wahrgenommen wird."
Tiefer als je zuvor setzt sich der Regisseur mit philosophischen und politischen Themen auseinander, meint Tobias Kniebe. "Auf dem Papier, in der Nacherzählung, klingt diese Beschwörung eines gemeinsamen christlichen-islamischen Erbes und universaler Familiengefühle vielleicht schwer, beinah überambitioniert. Aber Fatih Akin, der nach dem Triumph von "Gegen die Wand" mächtig unter Druck stand und sich auch selbst unter Druck gesetzt hat, findet hier genau jene Qualität wieder, die ihn als Regisseur auszeichnet: eine beinah kindliche Unschuld des Blicks."