| Regie | Anja Salomonowitz |
| Kinostart | 24.05.2007 |
Ein Maximum an Authentizität hat Verena Friederike Hasel wahrgenommen. "Es gibt Momente, da glaubt man, nun habe sich das filmische Experiment erschöpft, doch dann trifft es einen erneut, mit seltsamen Parallelen. "Ich will einen richtigen Job finden", sagt der Bordellkellner, der einer Nackttänzerin seine Stimme leiht, und ein paar Bilder später schleppt er besudelte Bettwäsche zur Waschmaschine. Zum Ende hin zerfleddert das Filmkonzept, da wird der Taxifahrer, Protagonist der fünften und letzten Episode, schon vorher eingeführt – ein Vorgriff, den es nicht gebraucht hätte. Aber das ist nur ein kleiner Schönheitsfehler in einem Film, der auf außergewöhnliche Weise Licht ins Dunkel bringt."
Die Regisseurin betreibt eine filmisch höchst facettenreiche Gratwanderung zwischen Faktenvermittlung und "Spiel" mit aufklärenden Brechungen und Verfremdungen, meint Horst Peter Koll. "Gelegentlich obsiegt dabei das Artifizielle über das Aufklärerische, wenn einen der detailreiche, souverän und virtuos gehandhabte Umgang mit Ton und Musik, Kamera und Schnitt nur noch staunen lässt. Doch immer wieder versachlicht der Film seine Kunstfertigkeit und findet zur erkenntnisreichen Reflexion zurück: über das Hereinbrechen der Realität in unseren Alltag. Das ist mal unheimlich, mal verstörend, und stets so spannend wie ein Kriminalfilm."
Dominik Kamalzadeh unterhält sich mit Anja Salomonowitz über ihren Film KURZ DAVOR IST ES PASSIERT, für den sie die Leidensberichte von Frauen, die zu Opfern von Menschenhandel wurden, künstlerisch bearbeitet hat.
"Intelligent strukturiert verbindet Anja Salomonowitz' Dokumentarfilm über Frauenhandel und illegale Migrantinnen doppelbödig inszenierte Realität zu einer spannend-erhellenden Analyse gesellschaftlicher Missstände. Dabei verwischt der Film auch die Grenzen zwischen den sozialen Schichten der Protagonisten und verlangt so vom Betrachter, eine eigene Position einzunehmen. Der sowohl eigenwillige wie spielerische Blick der Regisseurin provoziert die Neugierde des Zuschauers, der durch die inszenatorische Konfrontation mit authentischen Schicksalen nachhaltig berührt das Kino verlässt."
Claudia Lenssen lobt die experimentelle Filmsprache, die die Regisseurin gefunden hat: Sie bringt die Text- und die Bildebene in ein gebrochenes Spiegelverhältnis zueinander. "Die verallgemeinernde Filmsprache betont jedoch, dass es sich nicht um biografische Resümees handeln soll, sondern dass hier ein genereller Zustand, ein permanentes Tabu verhandelt wird. Dieser Film macht die Nabelschnur zwischen Kriminellen und Profiteuren, zwischen "fremdem" Trafficking und einheimischen Nutznießern und Nutznießerinnen bewusst."
Alexandra Seitz ist von der experimentellen Struktur des Films angetan: "Dieser Akt der Vermittlung im doppelten Wortsinn führt zu erstaunlichen Überlagerungen und Widersprüchen. Der Alltag derjenigen, die erzählen, und derjenigen, von denen erzählt wird, steht in einem scharfen Kontrast zueinander - und doch handeln beide in derselben Lebenswirklichkeit. Es ist nur eine Stimme, die die Gleichgültigen und ihre Opfer haben - und sie macht hinter der formalen Abstraktion eine gesellschaftliche Struktur sichtbar."
Datenblatt des Films.