| Regie | Jiri Menzel |
| Kinostart | 21.08.2008 |
Jan Dítes Aufstieg vom Aushilfskellner zum Hotelier beginnt nahe der tschechisch-deutschen Grenze. Hier erhält er erste Eindrücke vom Leben im Wohlstand. Als er eine Stellung in einem Luxushotel in der Nähe Prags erhält, begegnet ihm die tschechische Crème de la Crème der 30er Jahre. Mit dem Münchner Abkommen ändert sich alles: Jan liebt die Sudentendeutsche Lisa. Als aber die Deutschen das Land besetzen, macht er Karriere...
Der Film jedenfalls ist ein ansehnliches Alterswerk geworden, lobt Ralf Schenk. "So war es nie, sagt der Film, und führt stattdessen eine Überlebensstrategie vor, die der Kleinbürger überall auf der Welt, aber eben auch in Böhmen und Mähren pflegt: Alles sehen, alles hören, nichts sagen und gezielt an das eigene Fortkommen denken. ... Das alles bündelt Menzel zu einer zärtlichen Farce, mit der er zugleich einen Parforceritt durch die Filmgeschichte unternimmt: Die frühesten Reminiszenzen Dites werden ohne Worte, mit Klavierbegleitung erzählt; später verbeugt sich Menzel unter anderem vor Fellinis AMARCORD, dessen ausufernde sinnliche Tableaus er nachzuempfinden sucht."
Barbara Schweizerhof lobt besonders die Hauptdarstellerin: "Die Auftritte von Julia Jentsch bilden den Höhepunkt des Films: Wunderbar stur, "natürlich" und Nazi-ideologisch von Kopf bis Fuß gibt sie das deutsche Madel mit all dem ambivalenten erotischen Liebreiz, den das Genre des Trashpornos schon lange für sich entdeckt hat. Mit ihr erreicht der Film jenen Grad an Ironie, Frechheit und ideologischer Unbekümmertheit, mit der Menzel vor 40 Jahren sein Publikum überraschte."
Menzel mag die Frauen, entdeckt Wilfried Hippen "und in seinem neuen Film versäumt er keine Gelegenheit, sie genüsslich vor der Kamera zu entblättern. Diese Altherren-Erotik wirkt manchmal schon ein wenig peinlich, doch dann passt sie doch wieder zu der durchgängig nostalgischen Stimmung des Films. Diese rückgewandte Sehnsucht ist auch das Gefühl, das Menzel selber beherrschte, sodass man den Film auch biografisch interpretieren kann. Denn Menzel musste ebenfalls mit allen Tricks arbeiten, als er nach dem kurzen Prager Frühling nicht wie sein Kollege Milos Forman im Westen Karriere machte, sondern sich daheim mit den Behörden herumschlagen musste."
Das Spätwerk des Regisseurs ist so virtuos wie in seinen besten Tagen, lobt Daniel Kothenschulte. "Menzels schwarze Komödie überführt Hrabals Farce streckenweise in die Ebene jener ureigenen Spielart des Surrealismus, wie er in Prag in den Sechziger Jahren seine weltweit wichtigste Zuflucht fand. Es war ein volkstümlicher und vor allem sinnlicher Surrealismus, der sich weit in Richtung der in Prag ebenfalls einflussreichen erotischer Kunst öffnete. So wagt ICH HABE DEN ENGLISCHEN KÖNIG BEDIENT sogar den Schlenker in die Sphäre der Sexklamotte - und kommt damit sogar durch."
Wie Peter Zander weiß, habe einige Kritiker "Menzel, bei der Premiere des Films auf der Berlinale 2007, eine gewisse Altersmilde vorgeworfen. Dabei arbeitet der heute 70-Jährige in diesem fulminanten Spätwerk bewusst mit veralteten Techniken, lässt seinen Hauptdarsteller Ivan Barnev wie eine (meistenteils sprachlose) Slapstickfigur aus alten Stummfilmen wirken. Selbst die penetrant bukolische Inszenierung nackter Brüste darf man hier nicht vorschnell (nur) als Altherrenfantasie abtun: es ist auch der melancholische Blick auf eine Unschuld, die diesem Land längst genommen wurde."
Der Film erklärt das Mitläufertum zum Prinzip des 20. Jahrhunderts, schreibt Jürgen Kiontke. "So ist nicht der Nationalsozialismus wirklich seine Ideologie, die er sogar relativ schnell durchschaut. Die heißt schlicht: Opportunismus, der sich irgendwann verselbständigt. Dies ist die zwiespältige Botschaft des Films. Zwiespältig ... Mit derselben Konsequenz sieht er die Figur der fanatischen Nationalsozialistin Liza. Sie sei ein Opfer der Nazi-Propaganda geworden, wie ihre Mitbürger. Und die jungen Tschechen seien nach dem Krieg – Prinzip Gehirnwäsche – eben alle zu begeisterten Kommunisten geworden. Leider, denkt man beim Zuschauen dieses so gestrickten Märchens, war die Geschichte nicht so einfach gestrickt."
Laut Jan Schulz-Ojala feiert der Film den Opportunismus. "Nein, dieser Film hält nirgends Kärtchen mit politischer Korrektheit hoch, trieft nicht vor Läuterungsschmalz, sondern reist mit seinem naiven Helden schwerelos durch Jahrzehnte reichlich schwerer tschechischer Geschichte. Andererseits verlegt er sich, auch im Humor eher melancholisch, keineswegs auf die Farce. Es sind Spiegel, nicht Zerrspiegel, in die dieser Jan immer wieder blickt. So denunziert Menzel seinen Luftikus auch dann nicht."
Der Regisseur jongliertlustvoll mit formalen Zitaten aus der Filmhistorie, lobt Ralf Schenk. "Wie in jenem Menzelschen Klassiker, so werden auch hier weibliche Verführungskünste und die Erotik des Essens genussvoll zelebriert. Insgesamt wirkt ICH HABE DEN ENGLISCHEN KÖNIG BEDIENT wie der schöne, vielleicht etwas altväterliche Abschluss eines meisterlichen Lebenswerks: zärtliche Farce mit bissigen Untertönen, skurrile Zeitreise, sinnliches Vergnügen."
Volker Mazassek ist etwas enttäuscht: "Die optische Opulenz lässt sich wie ein kühles Glas Champagner genießen. Doch wenn das Perlen nachlässt, bleibt nur eine recht harmlose Komödie übrig. Hrabal ging mit seinen Landsleuten heftig ins Gericht und auch Menzel äußerte sich deutlich, zum Beispiel über die Zeit der nationalsozialistischen Besatzung."
Laut Thomas Engel bedient sich der Film ständig der Burleske, der Satire, dem hintersinnigen verqueren Drama. "Manches ist übertrieben-überladen, manches kindisch-peinlich, das Ganze mangelt aber nie der Originalität. Die zuweilen wie eine Choreographie wirkende Regie ist präzise, die reiche Ausstattung der Handlungsepoche angepasst, der Stil insgesamt eigenwillig und aus dem Rahmen fallend, die Fülle der Ideen und Szenen beachtlich. Eindringlich wird die Geschichte Tschechiens berührt – und auch die Moral daraus, beispielsweise dass die Anführer sehr wohl die Vertreibung verdient hätten, nicht jedoch die Bevölkerung, weder zuerst die tschechische noch später die deutsche."
Der Film fährt durchgängig auf der sicheren und nach einer gewissen Strecke eingefahrenen und überraschungsarmen Schiene, kritisiert Birte Lüdeking. "Dass Himmlers Arierzuchtprojekt "Lebensborn" durch die naive Perspektive und die arglosen Voice-Over-Kommentare des tschechischen Simplicissimus zum sonnigen Freudenhotel mit Swimmingpool verzerrt wird, in dem später verkrüppelte Soldaten ihre Runden drehen, tut dann auch nicht weiter weh. Schließlich operiert fast die gesamte Inszenierung mit der rosaroten Brille des Protagonisten und dessen permanentes Putzigkeitsgehabe betäubt den Zuschauer schnell für alles potentiell Unangenehme. In ihrem Heimatland war Menzels Mitläufergroteske ein Publikums- und Kritikererfolg. Vielleicht braucht es ein tschechisches Naturell, um den Spaß zu verstehen."
Einen schwerelosen Tanz durch die Geschichte, über ein feingesponnenes Netz von eindrucksvollen Bildern, sah Elmar Krekeler. "So etwas hatte gefehlt im Wettbewerb: ein hellwacher, altmeisterlicher, alteuropäischer Film, weise, warm, witzig, geschichtsbewusst, geschichtenvoll."
Eine tolldreiste Vergangenheitsbewältigung sah Dietrich Kuhlbrodt. "Der Film springt zwischen den Zeiten, den Identitäten hin und her. Wenn in diesem Film reflektiert wird, dann ist das, bitte schön, wörtlich zu nehmen. Worte werden entbehrlich, na ja, für die Pointen taugen sie noch. Es ist Lust und Angst, sich darauf einzulassen. Dass man die Luft zwischen den Zähnen einziehen muss, wenn an Tabus gerührt wird, ist nichts anderes als körperliche Beteiligung am Film."
Verblüffend findet es Kerstin Decker, "wie Jiri Menzel die nicht gerade farblosen Situationen seines Lieblingsautors Bohumil Hrabal in die eigenen Bilder überträgt. Mit welcher kongenialen Zweit-Originalität. ... Der Mensch, wissen die Tschechen, ist grundsätzlich zu klein für sein Leben. Sogar ein Kellner. Ein Kollaborateur. Doch ein ganzer Hrabal-Roman ist wohl zu groß für einen einzigen Film, wenigstens dieser. Obwohl Menzel immer wieder das Ungeheure, das Schwerste in der Sprache des Leichten sagen kann."
Andreas Kilb kann diesem Film, der nichts als eine opulente Schwejkiade sein will, eben diese Opulenz nicht verzeihen. "Menzels Film, eine Adaption von Bohumil Hrabals Roman von 1980, ist eine der teuersten tschechischen Produktionen aller Zeiten, und das sieht man. Was man nicht sieht und nicht spürt, ist ein Motiv, das die Geschichte über das bloß Bilderbogenhafte hinaus in Schwung brächte, eine innere Bewegung, die der visuellen Pracht erst Substanz gäbe. Alles bleibt Stimmung, Pose, Arrangement in diesem Film, und das ist für die kinosatten Berlinale-Augen einfach zu wenig."
Datenblatt des Films.
Datenblatt des Films.