| Regie | Paul Schrader |
THE WALKER ist ein Film, dessen intellektuelle Physiognomie betört und einen in die Handlung sachte hineinreißt, lobt Egon Günther. "Schraders Film, so wie er gemacht ist in seinem spürbaren Interesse weniger an der Story, der Fabel, sondern mehr und mehr an seinem Hauptdarsteller Woody Harrelson, veredelt das Festival doch sehr. Leider gibt es keinen Preis für das Geschick, einen Schauspieler im Cine-Format schicklich zu bewegen, und keinen Preis gibt es für den Erfinder des Anamorphoten, der mittels optischer Verengung und dann beim Vorführen durch Entzerrung aus 35 mm das breite Format sieghaft auftrumpfen lässt. Genug. Harrelson geht und steht und handelt, als sei Cine für ihn neu entdeckt worden."
Für Bert Rebhandl knüpft THE WALKER an AMERICAN GIGOLO an. "Bei Schrader geht es aber immer nur am Rande um die Lösung dieses Falls. In Wahrheit geht es um Erlösung, oder zumindest um die eine Geste, die erlösend wirkt. Der Kuss durch das Gefängnisgitter, oder die Hand, die dem unschuldig Schuldigen gereicht wird - diese Momente, die sich durch das ganze Werk von Schrader ziehen und häufig den Filmen von Robert Bresson entlehnt sind, gibt es auch in THE WALKER. ... Paul Schrader entspinnt eine große, politisch-sexuelle Intrige, die aber über weite Strecken seltsam unwirklich erscheint. Als führte in das Zentrum der Macht nur ein unruhiger Traum, aus dem uns erst die ebenso vertrauten wie trivialen Fernsehbilder erwachen lassen."
Laut Harald Fricke seziert der Regisseur gern, wie der Einzelne abstürzt. "Mit entsprechend präzisen Bildern nimmt er sich auch Carter vor: Immer wieder saugt sich die Kamera in Großaufnahmen an Harrelsons Gesicht fest, versucht dessen Enttäuschung und Orientierungslosigkeit sichtbar zu machen, als sich die feinen Damen von ihm abwenden. Gleichwohl ist der alerte Emporkömmling stets beherrscht, verbieten es ihm Stolz und Tradition, irgendein Gefühl angesichts der Schmähungen zu zeigen. Als Spiegel dieser Undurchdringlichkeit gleitet der Film an wunderbar ornamentierten Oberflächen entlang, kreiselt über kostbare Stofftapeten und delektiert sich an einem erlesenen Set aus Seidenkrawatten."
Der Film war für Kerstin Decker ein Ereignis. Sie ist "verblüfft, wie anders man sehr bald schon auf einen Menschen schaut, obwohl der immer noch aussieht wie vorher und kein bisschen anders spricht. Man kann das nicht unbedingt Entwicklung einer Figur nennen, denn man selbst ist es, der sich entwickelt. Oder nein, diesem Walker geschieht schon etwas. Ein Mordfall schleudert ihn heraus aus seiner durchaus befestigten indirekten Existenz, die so ist wie Carters Sprache und wie die Optik dieses Films: glatt, unbelangbar, leicht unterkühlt."
Daniel Haas befasst sich mit der Hauptfigur: "Woody Harrelson spielt die Figur als Quersumme aus Truman Capote und Oscar Wilde, als Snob mit großem Vermögen und noch größerem Herzen. Denn die Kehrseite all seiner Bonmots und Sentenzen, der delikaten Anekdoten und raffinierten Komplimente, mit der er seine Klientel unterhält, ist eine moralische Ritterlichkeit, die im Politdschungel von Washington keinen Platz zu haben scheint. "In diesem Anzug siehst du aus wie ein mittelalterlicher Ritter", sagt sein Liebhaber (Moritz Bleibtreu) einmal zu ihm. Und genau das ist er: ein Recke, attackiert von Karrieristen und Intriganten, der die Stellung hält im Namen der Courtoisie."
Tiziana Zugaro-Merimi fasst ihre Kritik kurz zusammen: "THE WALKER verbindet einen spannenden Plot mit einer überzeugenden persönlichen Entwicklung und spiegelt dabei ganz nebenbei und doch exakt die Stimmung in der politischen Gesellschaft der USA nach dem 11.September wider. Meister bleibt eben Meister."
Datenblatt des Films.