| Regie | Özer Kiziltan |
| Kinostart | 15.11.2007 |
Für Michaela Schlagenwerth ist der Film "alles andere als leichte Kost. Als düstere, zwingende Parabel haben Regisseur Kiltan und Drehbuchautor Cakar Muharrems die Geschichte angelegt. ... TAKVA ist ein Film, den man drehen und wenden kann, und der, je nach Perspektive des Betrachters, ganz unterschiedliche Fragen aufwirft. In der Türkei wurde er auch von streng gläubigen Muslimen sehr ernsthaft diskutiert. Denn obwohl seine Macher selbst ganz ausdrücklich nicht gläubig sind, diskreditiert TAKVA den Islam nicht."
So einfach diese Geschichte ist, so verwirrend ist leider ihre Umsetzung, kritisiert Ferda Ataman. "Fast scheint es, als hätte der Regisseur vergessen stringent zu erzählen, weil er sich allzu sehr auf seine Botschaften konzentriert hat. Genau genommen besteht der Film aus zwei Teilen: Der erste überzeugt mit einem detailverliebten Portrait des Protagonisten. Im zweiten Teil aber baut der Film ab. Die Entwicklung ist vorhersehbar, die Szenen wirken banal, durch hektische Bilder in Neonfarben und psychedelische Musik regelrecht anstrengend. Hier wird die simple Botschaft lieblos abgerissen: der Aufprall der Tradition auf die Moderne ist unheilvoll. Aha."
Antifundamentalistisch nennt Daniela Sannwald den Film. "Der großartige Schauspieler Erkan Can verdeutlicht die Persönlichkeitsveränderungen Muharrems bis in die Nuancen hinein. Und so lässt sich TAKVA, eine Entdeckung der letzten Berlinale, nicht nur als klassische Aufstieg- und Fall-Geschichte, sondern auch als kluge Analyse jeglicher fundamentalistischen Umtriebe lesen."
Für Heike Kühn fällen Regisseur Özer Kiziltan und Drehbuchautor Önder Çakar "weder ein Urteil über den Scheich, der die Bürde der finanziellen Finesse auf ein Gotteskind abwälzt, noch über den Märtyrer des Kapitalismus. Doch stellen sie äußerst unbequeme Fragen zur Kompatibilität von fundamentalistischem Glauben und westlicher Ertragssteigerung. Muharrem geht buchstäblich irre: Er verfällt dem Wahnsinn. Sein Zustand ist nicht weit von der Selbstverleugnung entfernt, die islamistische Selbstmordattentäter antreibt."
Religiöser Fanatiker zu sein ist auch nicht leicht, stellt Jürgen Kiontke fest. "Der Film zeigt es so auch nicht. Denn Muharrem wird weniger von Religion denn einer klassischen Double-Bind-Situation verwirrt: Er fühlt sich dem Orden zutiefst verpflichtet, gleichzeitig kann er seine Religiösität nicht integer ausleben. Zwei Dinge, die sich gegenseitig ausschließen, gleichzeitig zu wollen, ist mehr eine Bürde der Freiheit als eine des Glaubens. ... Auch wenn es nicht beabsichtigt war, der Film zeigt, dass man auch ganz ohne Religion bekloppt werden kann."
Die Koproduktion beleuchtet einen Gewissenskonflikt und verschenkt ihr Thema, kritisiert Hilal Sezgin. "Zugegeben, Soykut Turans Kamera fasst das spärliche Geschehen in wunderbare, gleichermaßen transparente wie realistische Bilder; ohne diese Kamera wäre der Film gar nicht auszuhalten. Aber sie allein vermag ihn eben auch nicht zu retten. Nicht auszudenken, wie viel Unentschiedenheit und Nichtentwicklung der Film in seiner dreistündigen Fassung einst bereithielt!"
Einen Fundamentalisten wider Willen hat Volker Mazassek in der Hauptfigur ausgemacht. "Die Tragödie wird nicht durch individuelles Fehlverhalten heraufbeschworen – der Scheich ist nicht bösartig, die Glaubensbrüder sind nicht radikalisiert -, sondern entsteht durch einen Systemfehler. Der Regisseur geht in der Entwicklung der Geschichte so geschickt vor, dass der Zuschauer eher versteht als verurteilt. Der Orden ist kein Ort des Grauens, sondern ein soziales Gefüge, das Geborgenheit und spirituelle Heimat bietet – also durchaus attraktiv ist."
Laut Ralf Schenk zeigt der Film die innere Spaltung der Türkei. "Mit TAKVA blickt Regisseur Özer Kiziltan hinter die sonst fest verschlossenen Türen der Strenggläubigen. Am stärksten ist sein Film, wenn er nahe am Dokumentarischen entlang inszeniert: Das Motiv der betenden Männer, die in der Moschee ihre Oberkörper kreisen lassen und sich mit verzücktem Blick in Trance singen, steht für eine massenhafte Weltflucht, die keinen Raum für das eigene Denken lässt, sondern nur den suggestiven Eingebungen durch die muslimische Obrigkeit vertraut. ... So macht TAKVA die Angst "einfacher", erzkonservativer Muslime vor der modernen Welt sichtbar und kritisiert die religiösen Führer, die aus dieser Angst Profit schlagen."
Der Regisseur erzählt eine universelle Geschichte, meint Daniela Sannwald. Den Filmemachern ist es gelungen, "eine trübe, geheimnisvolle Stimmung zu erzeugen, die nichts mit dem Istanbul-Bild zu tun hat, das etwa der Produzent des Films, Fatih Akin, in seiner quirligen Musikdokumentation CROSSING THE BRIDGE zeigte. In TAKVA hängt eine graue Wolkendecke über der Stadt, es regnet ständig, als ob der Himmel dazu beitragen wollte, Muharrem reinzuwaschen."
Datenblatt des Films.