| Regie | Robert De Niro |
| Kinostart | 15.02.2007 |
Marcus Rothe spricht mit Schauspieler und Regisseur Robert De Niro über Reisen nach Ostberlin und seinen Film.
Laut Wilfried Hippen gelingt es dem Regisseur, "den großen Spannungsbogen bis zum Ende des Films zu halten, weil er sich nicht verzettelt und nie den Fokus auf Edward Wilson verliert. Dass dieser, der sich als der oberste Hirte seines Landes sieht, seine eigene Familie nicht schützen kann, ist die tragische Ironie des Films. Dieses eine Mal ist es ein Vorteil, dass Matt Damon ein eher blasser Darsteller mit wenig Ausstrahlung ist, denn den freudlosen Angestellter gibt er viel überzeugender als den Superagent in den Bourne-Filmen. Nur Angelina Jolie ist als seine verhärmte Ehefrau mit grauen Haaren eine Fehlbesetzung."
In der Frankfurter Rundschau zeigt sich Robert De Niro beim Interview mit Marc Hairapetian ungemein gesprächig: Er spricht über sein Faible für Berlin, seine Vorliebe für Spione und seinen CIA-Film.
Eine fulminante Desillusionierung des CIA-Gründungsmythos sah Heike Kühn. "Die Verstrickungen der CIA in den Überfall auf Kuba, Intrigen, Verrat und Edwards eigener Sündenfall - er stimmt der Folterung eines vermeintlichen russischen Gegenspions zu -, all dies zeigt De Niro mit kritischer Distanz. Kommt es zu Actionszenen, sind sie als Unrecht ausgewiesen, als amerikanische Hybris im Umgang mit dem "Bösen". Der Mythos CIA implodiert in der Selbstunterdrückung seines immer bürokratischer und graugesichtiger werdenden Gewährsmanns. ... De Niro ist ein großer Film über den Wahn der (Selbst-)Kontrolle gelungen."
DER GUTE HIRTE nimmt sich ein amerikanisches Trauma vor, schreibt Marion Pietrzok: "das militärische und vor allem politische Scheitern der Invasion in der Schweinebucht am 17. April 1961, des militärischen Angriffs der USA auf Kuba mit Unterstützung der CIA. Der Film spannt den zeitlichen Bogen im Wesentlichen von der Kriegserklärung Großbritanniens an Deutschland und der Luftschlacht um England bis zur Entlassung des CIA-Chefs Allen Dulles 1961 durch John F. Kennedy. Es ist ein in jeder Hinsicht perfekt gemachter, eng an die historischen Fakten angelehnter, intelligenter Polit-Thriller. Mit inhaltlich und formal klug eingesetzten, die reale Ebene der Handlung bekräftigenden Dokumentaraufnahmen."
Laut Felicitas Kleiner versucht sich der Regisseur an einem "breit angelegten Blick auf amerikanische Befindlichkeiten, der die Ästhetik des Genrekinos nutzt, ohne sich in dessen Konventionen zu verlieren. Der verhaltene, epische Erzählduktus ist nicht zuletzt dem Drehbuch von Eric Roth zu verdanken, der nicht versucht, die Komplexität des Sujets durch simple Gut-Böse-Schemata zu glätten, und eine Hauptfigur präsentiert, die nicht recht zum Helden taugen will. Der von Matt Damon verkörperte Wilson hat ganz und gar nichts vom Glamour eines James Bond; eher wirkt er wie ein Versicherungsbeamter, wenn er mit Trenchcoat und Aktentasche ins Büro eilt: eine graue Maus, die sich geschickt im Räderwerk internationaler Beziehungen bewegt."
Susanne Lang schreibt über einen Berlinale-Ortstermin: Robert De Niro ist da. Der amerikanische Mythos, bereit zum Befragen und Ablichten.
DER GUTE HIRTE ist laut Anke Westphal einer der interessantesten Beiträge zum Thema Überwachen und Strafen, den sie sich vorstellen kann. "Der Held des Films ist ein farbloser und ganz in seiner Arbeit aufgehender Agent, womit die Ausrichtung auch gleich klar ist: Dem Regisseur De Niro geht es hier ganz und gar nicht darum, den amerikanischen Geheimdienst auch nur irgendwie attraktiv, also geheimnisvoll und mysteriös erscheinen zu lassen. Nein, ganz im Gegenteil: Die relative Ereignislosigkeit, die ebenso schmutzige wie glanzlose Routine des Angestelltenalltags in diesem Schattenimperium, das jeder Geheimdienst ist, stehen im Mittelpunkt von DER GUTE HIRTE."
Mit Martina Gedeck unterhält sich Christina Bylow über die Arbeit in New York, Starsein in Deutschland und die Lebensnotwendigkeit von Chaos und Demut.
Gelangweilt fühlte sich Stefan Grissemann: Thriller sehen anders aus. Der Film ist "ultrakonventionell gebaut, mit einem Antihelden, der zum Opfer kindlicher Traumata erklärt wird und ein übergroßes Pflichtbewusstsein hat. Wie bei allen neueren "Qualitätsdramen" Hollywoods wird diese schlichte Psychologisierung überzogen von melancholischen Piano- und Violinenklängen. Das Porträt eines über die Jahrzehnte wachsenden Selbsthasses, der sich in Damons Darstellung fallweise andeutet, findet in den erstickten Tonfällen dieser Inszenierung kaum Entfaltungsmöglichkeiten."
Lang und langsam findet Jan Schulz-Ojala den Film, auch etwas schwerfällig, aber dann, welche Höhe, welche Reichweite. Er "bewegt sich mit träger Eleganz und unverschämter Verspieltheit zwischen den Zeiten hin und her. Immerhin: Es gibt etwas Spannendes aufzuklären, und damit haben wir, wenn wir es nicht vor lauter Schmerz übersehen, die ganze Zeit zu tun. Dazwischen: Finten, Flüstern, fauler Frieden. Jemand wird buchstäblich um die Ecke gebracht, jemand schuldet jemandem – wunderschöne Ausnahmeszene ohne doppelten Boden – noch einen Tag am Strand, und kurz darauf wird jemand zugerichtet, als sei Abu Ghraib schon damals gang und gäbe gewesen."
Datenblatt des Films.