| Regie | Martin Scorsese |
| Kinostart | 07.12.2006 |
Der junge Undercover-Cop Billy Costigan bekommt den Auftrag, sich in das Syndikat des Unterweltbosses Costello einzuschleusen. Während Billy schnell Costellos Vertrauen gewinnt, hat sich der Kriminelle Colin Sullivan, der ebenfalls aus South Boston stammt, seinerseits bei der Polizei eingeschleust, um für Costello zu spionieren. Er erarbeitet sich in der Ermittlungsspezialeinheit eine Machtposition und gehört zu der Handvoll Elite-Cops, die Costello dingfest machen sollen. Natürlich wissen Colins Vorgesetzte nicht, dass er für Costello arbeitet - der Unterweltboss ist der Polizei immer einen Schritt voraus. Beiden Männern steigt dieses Doppelleben zu Kopf...
Hanns-Georg Rodek spricht mit Kameramann Michael Ballhaus über Jack Nicholson, Oscar-Chancen und den rechten Zeitpunkt aufzuhören.
Unironisch findet Barbara Schweizerhof den Film; der Regisseur meint es ernst. "Die Konstruktion der Geschichte hat etwas von der beeindruckenden Statik eines Sakralbaus: Da gibt es die einfache Grundform: zwei gegenläufige Spitzel, der eine unterwandert die Polizei, der andere die Unterwelt. Aus diesen zwei Handlungsträgern entfaltet sich ein ganzes Geflecht an Themen rund um Identität und Selbsterkenntnis, denn bald werden sie auf sich selbst und aufeinander angesetzt. Zwangsläufig kulminiert das Ganze schließlich in der Begegnung der beiden Kontrahenten."
Exzellent nennt Andreas Borcholte den Thriller. "Mit seiner überraschenden Rückkehr in das Gangster-Genre greift der Altmeister des New-Hollywood-Kinos noch einmal virtuos alle Motive auf, die seine früheren Werke durchzogen: Die Rituale der Männlichkeit, den Katholizismus, den großen Verrat, die Explosion der Gewalt und die Verzweiflung der Protagonisten, ihrem scheinbar vorherbestimmten Schicksalen zu entrinnen, hinaus aus dem Einwanderer-Ghetto, hinein in eine nur vordergründig bessere Welt. ... Abgespeckter, befreiter von unnötigem Bilder- und Plotballast, war lange kein Scorsese-Werk. Die Kamera von Michael Ballhaus scheint an den Hauptfiguren zu kleben, die Einstellungen sind kurz und effizient und erzeugen so ein Gefühl der Dringlichkeit, das am Ende von einem erschreckend brutalen Finale bestätigt wird."
Ein faszinierendes Vexierspiel um einen Undercover-Cop und einen Undercover-Mafioso sah Stefan Grissemann. "In Scorseses hochverdichtender Inszenierung wird jedes Ereignis in gewagten Parallelmontagen kurz gefasst, auf seine Essenz verknappt; darin passt Thelma Schoonmakers artistischer Schnitt auch zu den knochentrocken geführten Dialogen des Films. ... Die schwelende Gewalt der Hierarchiekämpfe, die auf beiden Seiten, unter Verbrechern und Exekutivbeamten, geführt werden, koppelt Scorsese mit einer besonderen Form der akustischen Aggression: Sogar die Mobiltelefone, die in seinem Film unaufhörlich zum Einsatz kommen, werden mit dem Geräusch der Klinge eines Springmessers auf- und zugeklappt."
Jens Jessen umreißt die Botschaft des Films: Das Böse kommt durch das Böse um, nicht durch das Gute, "wenn sich nicht die Geschichte in ihrer irrsinnigen Dialektik noch zweimal umkehren würde, bis alles wieder aus dem beziehungsweise im Lot ist. Das sophistisch Verzwickte der Story ist ein Erbteil des chinesischen Originals, dem Scorsese sogar noch eine Drehung hinzufügt, allerdings auch den Pessimismus raubt. ... Die Rücksichtslosigkeit, mit der Scorsese den entliehenen Stoff seinem eigenen Gedankenkosmos einverleibt, hat manchmal etwas Kurioses, aber auch die Entspanntheit eines Altersstils, der für umständliche Herleitungen keine Geduld mehr hat."
Verena Lueken glaubt, daß der Regisseur jetzt endlich seinen Oscar bekommt. Er hat "wieder einen Film gedreht, der alles hat, was wir an ihm lieben - nur eine große Seele wurde von einigen amerikanischen Kritikern vermißt, aber schließlich handelt es sich um einen Film über die Mafia, und wo säße da die Seele? Vielleicht meinten sie den religiösen Subtext, die katholischen Vergebungsdeals und Auferstehungsträume, die Scorsese, anders als früher, hier links liegenläßt. Er bleibt im Genre, in dem es keine Rettung gibt."
Marcus Rothe spricht mit dem Regisseur über Kindheitsängste in Little Italy, das zwiespältige Verhältnis zum Hollywood-System und seinen Abschied von der Oscar-Hoffnung.
Gerhard Midding ist nicht ganz überzeugt: "Eigentlich hätte sich in Departed eine Geschichte über verfehlte Vater-Sohn-Beziehungen entfalten können. Aber Scorsese kann sie nie recht als bedrohlichen moralischen Resonanzraum abstecken, da Nicholson in seinen Szenen vorzugsweise sich selbst Gesellschaft leistet. Er will Costello den mythischen Rang eines Patriarchen ohne Dynastie erspielen, verdoppelt dabei aber nurmehr das Ausschweifende seiner Figur. Costello kostet seine grelle, vulgäre Gangsterexistenz aus im stolzen Wissen um ihre moralischen und kultivierteren Alternativen."
Voll ausgelebte Aggression und Sexualität nahm Tobias Kniebe in dem großartigen Gangsterepos wahr. "Martin Scorsese, präzise und gelassen wie lange nicht mehr, wirft sich in diesen überbreiten Strom an Menschen- und Geschichtenmaterial und lässt den Dingen oft ihren freien Lauf. Man muss schon aufpassen, um die speziellen Tupfer zu sehen, mit denen er diesem Riesenfresko seine Handschrift einprägt und gleichzeitig seine Meisterschaft untermauert ... Da weiß man, dass man noch längst nicht alles gesehen hat, was es hier zu sehen gäbe - und dass dieser Film mit jedem Betrachten weiter wachsen wird."
Tobias Kniebe schreibt ein Porträt über den Filmemacher: Er ist ein Ausnahme-Regisseur mit explosivem Temperament.
Als spannend und illusionslos bezeichnet Anke Westphal den Film. "Es gibt hier keine allgemein gültige Moral und keinen Trost. Es gibt nur unsichere Identitäten und Grenzerweiterungen. Wer Leonardo DiCaprio erst seit seinem brillanten Spiel in Scorseses AVIATOR gelten lassen kann, wird jetzt alle Vorbehalte sausen lassen. Mit Billy Costigan ist DiCaprio endgültig erwachsen geworden. Die geduckte Verbohrtheit, mit der er durch DEPARTED schleicht wie ein kranker Leopard, hat man so noch nicht gesehen. Jack Nicholson lässt nur die Sau raus - ungehemmter als je zuvor. Und Matt Damon war schon immer ein guter Bösewicht."
Leonardo DiCaprio und Matt Damon spielen hervorragend, Jack Nicholson ist sowieso eine Klasse für sich, meint Hanns-Georg Rodek. "DEPARTED bleibt sich, bei aller Neuerung, der Traditionen bewusst bleibt, in denen er steht. Es ist ja nicht so, dass Scorseses Film bloß eine Reflektion seines Hongkong-Vorgängers wäre. Der Hongkong-Meister John Woo widmete einst sein THE KILLER Martin Scorsese, und der wiederum platziert in DEPARTED so auffällig viele X wie Howard Hawks vor 70 Jahren in seinem Gangster-Klassiker SCARFACE. Das Problem an Hollywoods grassierender Lust am Zitat ist, dass alle Reflexionen im Spiegel nur noch auf sich selbst treffen. Scorsese schafft das Kunststück, im Spiegelkabinett zu stehen und doch hinaus zu blicken."
Die WELT schreibt über Martin Scorsese und die Mafia.
Für Jan Schulz-Ojala kehrt der Regisseur zu seinen Wurzeln zurück. Der Film "ist eisern symmetrisch gebaut, im Psychologischen, im Dramaturgischen, auch im Personal. ... Diese Formelhaftigkeit aber entschlüsselt sich erst hinterher. Das Geschehen treibt, von zwingendem Zufall zu eben noch vereitelter Katastrophe, aufregend und zügig voran, bis hin in Exekutionen, die sowohl der Augenblickslogik als auch der höheren Fügung einer moralisch ergiebigen Kettenreaktion folgen. Das Happyend aber nach geradezu shakespeare’schem Gemetzel: fast eine Nicholson-Fratze."
Daniel Kothenschulte ist voll des Lobes: Mit DEPARTED veredelt Amerikas bedeutender Filmemacher einen Polizeifilm aus Hongkong zur Gangsteroper. "DEPARTED hat zu viele Löcher, um ein Meisterwerk zu sein, aber auch zu viele Höhepunkte für einen gewöhnlichen Film. Besonderen Spaß macht der Soundtrack, der Aufnahmen der Rolling Stones und italienischer Opern kombiniert. Und ein Genuss, der auch alle inszenatorische Nachlässigkeit überlebt, ist Michael Ballhaus' glasklare Kamera: Sie liefert gestochen scharfe Breitbandbilder, klassisch komponiert und von unaufdringlicher Eleganz."
Verdienten Applaus für den falschen Film gab es laut Thomas Binotto. "Niemand ist das, was er vorgibt zu sein. Und niemand erhält eine Chance, das zu sein, was er sein möchte. Dass daraus keine lineare Erzählstruktur werden kann, leuchtet ein. Dass man allerdings als Zuschauer die Orientierung zeitweise völlig verliert, scheint nicht das Resultat einer Überkonstruktion zu sein, in der sich die Autoren selbst verrannt haben. Darunter leidet vor allem die Figurenzeichnung. Die Charaktere bleiben blass und eindimensional und das irische Milieu in Boston eine Behauptung. Lediglich Leonardo DiCaprio schafft es, sich aus diesem Konstrukt zu lösen."
Rüdiger Sturm unterhält sich mit Regisseur Martin Scorsese über Katholizismus, die Oscars und Malerei.
Bei Ulrich Kriest hat der Film einen ambivalenten Eindruck hinterlassen. "Einerseits suggeriert er den epischen Atem von CASINO, lässt aber dessen historisch-politische Dimension vermissen. Meisterlich sind dagegen einmal mehr die Montage von Thelma Schoonmaker und der immer auch mit einer Kommentarfunktion versehene Soundtrack. ... Die Darstellerleistungen sind ohne Abstriche superb. Was den Film zusammengenommen zu einem der Höhepunkte des Kinojahres macht, bekommt durch die Grimmigkeit und Wut, die in jeder Szene zu spüren ist, indes einen unangenehmen Beigeschmack. Die Vehemenz, mit der ein soziales Chaos voller Lug und Betrug, voller Identitätsinkonsistenzen und politischer Verschwörungen ausgemalt wird, zeugt von einer Menschenverachtung, die derjenigen von Frank Costello gar nicht so unähnlich ist."
Laut Andreas Hartmann ist dem Regisseur ein packender Cop-Thriller gelungen. "Scorseses Film führt in ein Police Department, in dem die offiziellen Machtstrukturen nur noch Schein sind und wo längst ganz andere, unbekannte Kräfte hinter allem lauern – ein aus den Fugen geratener Staat. Die Kommunikation innerhalb des Systems ist völlig gestört, man fühlt sich an das Kompetenz-Durcheinander erinnert, das zwischen den verschiedenen amerikanischen Geheimdiensten geherrscht haben muss vor den Anschlägen auf das World Trade Center und das die Weitergabe von Informationen über die terroristischen Aktivitäten blockierte."
Barbara Schweizerhof schreibt über Martin Scorsese, der in Rom seinen neuen Film THE DEPARTED vorstellt und Werbung für seine Film Foundation macht, die Filme restaurieren will. "THE DEPARTED ist ein Film mit dem Gefühl von Zeitschach: Zug folgt auf Zug unter ständigem Druck der innerlich tickenden Uhr. Die Geschichte nimmt so viele Wendungen, dass die 150 Minuten wie im Flug vergehen."
Die Europa-Premiere in Rom war laut Christina Tilmann ein Heimspiel. "Immer wieder explodieren Gewehrschüsse wie Granaten – überhaupt findet Gewalt in diesem nach CASINO wohl gewalttätigsten Scorsese-Film vor allem auf der Tonspur statt. Alles dreht sich um den Paten, den Übervater Frank Costello. Jack Nicholson, so wenig outriert wie lange nicht mehr, gibt den Leitwolf, rücksichtslos, grausam und vor allem: einsam. ... Ausbrechen aus der vorbestimmten Welt: Scorsese hat die Lektion seiner Großeltern gelernt, die als Einwanderer in die Kämpfe zwischen Iren und Italienern gerieten. Den perfekten Plot mag er von der Vorlage übernommen haben. Die emotionale Kraft seines Films kommt woanders her."
Laut Peter Zander ist der Film ein zynischer Kommentar auf die Gesellschaft von heute. "Wenn Scorsese nun im römischen Blitzlichtgewitter behauptet, THE DEPARTED sei kein Remake, man habe sich lediglich davon inspirieren lassen, ist das gelinde gesagt ein wenig unkorrekt. Scorsese folgt INFERNAL AFFAIRS bis in einzelne Einstellungen getreulich nach; selbst Details wie ein Dudelsackpfeifen zur Beerdigung, das schon im längst nicht mehr zur Kronkolonie zählenden Hongkong befremdete, wird liebevoll variiert. Scorsese reichert das Epos lediglich um noch mehr Sex und noch mehr Crime an. Und er öffnet die stringente Spannungsdramaturgie, reichert sie um weitere Figuren an und lässt seinem stargespickten Ensemble reichlich Raum, um nach Herzen zu improvisieren."