| Regie | Lars von Trier |
| Kinostart | 15.01.2009 |
Ravn, Eigentümer einer IT-Firma, gibt gegenüber seinen Angestellten die Existenz eines in Wirklichkeit von ihm erfundenen Chefs vor, den er für alle unpopulären Entscheidungen verantwortlich macht. Als die Firma an den isländischen Investor Finnur verkauft werden soll, besteht dieser darauf, "The Boss of It All" auch persönlich zu treffen. Daraufhin engagiert Ravn den Schauspieler Kristoffer. Doch der neigt zu einer besonders übertriebenen Darstellung seiner Rolle und gefährdet so Ravns Pläne.
Eine böse Psycho-Komödie sah Tobias Kniebe. "An der Oberfläche ist dies eine sarkastische Komödie über die Yes-We-Can-Mentalität von jungen Technologie-Startups, über Profitgier und moralischen Ausverkauf und die Qualen einer Folterdisziplin, die man "Mitarbeiterführung" nennt. Tatsächlich aber nimmt THE BOSS OF IT ALL (
) seine sogenannten Themen keineswegs ernst, nicht mal eine Sekunde lang. ... Der Boss von allem ist eben gerade nicht der Regisseur - gegen den halbgaren Theoriequatsch in den Köpfen seiner Akteure hat auch er am Ende keine Chance."
Für Bert Rebhandl ist der Film "nicht nur eine schöne Satire auf die "New Economy" seligen Andenkens, sondern auch ein ironisches Spiel mit der Macht des Regisseurs. Die Bildausschnitte wurden hier von einem Computerprogramm festgelegt, also ohne menschliche Entscheidungsgewalt. Und wie es im Büro ohne Chef weitergeht, so geht auch der Film mehr oder weniger so weiter, wie man es gewohnt ist. Die Bilder wechseln manchmal ein wenig ruckartig, doch es gibt nichts zu sehen, was man vom ohnehin zum Experimentellen neigenden dänischen Kino und zumal vom Kinozauberlehrling Lars von Trier nicht schon so ähnlich gesehen hätte."
Komisch findet Martin Schwickert die Filme des Regisseurs eigentlich nicht. "Die Radikalität, mit der Lars von Trier sonst sein Ziel verfolgt, fehlt seinem Ausflug in die Komödie. Der Humor ist stets mit einer guten Portion Bitterstoffen versetzt. Nur das versprochene harmlose Vergnügen – das war ein Witz."
Dies ist kein groß-wichtiger Von-Trier-Film, stellt Hanns-Georg Rodek fest. "Der Meister befindet sich in spielerischer Stimmung und probiert für sich (und an uns) eine neue Kameratechnik namens "Automavision" aus: Ein Computerprogramm verändert während der Szenen die Anfangskameraposition willkürlich, so dass sich die Schauspieler während des Spielens nie sicher sein können, mit welchem Ausschnitt sie im Bild sind, und ob überhaupt - was natürlich Auswirkungen auf ihre Spielweise hat. Ein hübsches, kleines Experiment."
Beglückend findet Ekkehard Knörer, wie hässlich der Film ist, "wie unansehnlich, wie krumm und schief und verwaschen und wirklich gar nicht schön anzusehen! Und wie großartig, wie schlau, wie lustig, wie durchgedreht! Hässlich ist der Film, weil die Wirklichkeit des Wirtschaftsalltags, die er schildert, selbst hässlich ist. Aber wie weit das in der Ausführung von allen Realismuskonzepten entfernt bleibt, wie viele Volten es schlägt, wie wenig es vor der Gemeinheit zurückschreckt und auch vorm Sadismus!"
Diedrich Diedrichsen "fühlt sich vielmehr ideal eingestimmt in Version 2.0 des alten skandinavischen Lieblingsthemas der Lebenslüge. Nur dass, anders als bei Ibsen, nicht mehr eine Wahrheit hinter der Lüge und ein echter Mensch hinter der Maske steckt, sondern immer wieder neue Bosse, die die handelnden Bosse dirigieren: eine endlose Befehlskette von unfähigen Regisseuren, Masken hinter Masken und am Ende ein Computer, der über Bildausschnitte entscheidet."
Für Felix Frieler funktioniert der Film vortrefflich als schwarze Komödie. "Doch weckt eben diese leichtfüßige Form, gepaart mit der ständigen expliziten Distanzierung des Regisseurs von jedwedem tieferen Sinn seines Films großes Misstrauen. Gerade indem Lars von Trier eine Reflexion des Stoffes eingangs so explizit nihiliert, zwingt er den Zuschauer förmlich zu einer Auseinandersetzung. Von Trier konfrontiert ihn mit seinen eigenen Erwartungen und deutet, damit er diese bis zum Schluss aufrecht erhält, gerade ausreichend Anknüpfungspunkte an. Am Ende bietet er jedoch keine Ebene für eine schlüssige Reflexion, sondern führt die Erzählung vollkommen ad absurdum. Würde Lars von Trier nicht nur aus dem Off zu hören sein, könnte man wahrscheinlich sein Schmunzeln sehen."
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Der Humor funktioniert durch das Aufeinanderprallen der extremen Gegensätze, schreibt David Siems. "Nach einem etwas zähflüssigen Anfang mausert sich die Geschichte zu einem ironischen und bissigen Statement zur anhaltenden Rationalisierungswelle in der Jobwelt. Gleichzeitig ist THE BOSS OF IT ALL (
) aber vor allem die sarkastische Bestandsaufnahme firmeninterner Psychologie unter Kollegen. Bevor Lars von Trier mit seinem Horrorthriller ANTICHRIST als nächstes wieder formidabel in die Magengrube seines Publikums hauen wird, wirkt dieser Ausflug ins Comedy-Genre wie ein beschaulicher und wunderbar peinlicher Betriebsbesuch."
Lars von Trier experimentiert mit dem Zufall und wird sogar etwas dogmatisch, meint Christoph Egger.
THE BOSS OF IT ALL (
) hat der Regisseur mit Hilfe eines Zufallsgenerators gedreht, weiß Rüdiger Suchsland zu berichten. "'Automavision' heißt das einfache, selbstentwickelte Verfahren, mit dem der Film gedreht ist: Nachdem Kamera, Licht und Ton auf herkömmliche Weise gesetzt wurden, werden sie vom Computer nach dem Zufallsprinzip wieder verschoben. Bewußt wird also die Perfektion gestört, das Kino kaputt gemacht - um es neu zu beleben. Auf der Leinwand wundert man sich manchmal über eine merkwürdige Einstellung oder über einen plötzlichen Bildsprung, aber sonst sieht THE BOSS OF IT ALL (
) eigentlich aus wie viele mit Handkamera gedrehte dänische Filme."