| Regie | David Lynch |
| Kinostart | 26.04.2007 |
Für Bert Rebhandl durchquert der Regisseur mentale Landschaften außerhalb der Realität. "Das Publikum gerät dabei notwendig in einen Widerspruch: Soll es sich dem Bewusstseinsstrom der Erzählung passiv überlassen, oder soll es sich dagegen als interpretierende Instanz in Stellung bringen? Die Filme von David Lynch bieten überreiches Material sowohl für Paranoiker wie für Analytiker, und sie sind dabei sehr häufig phantasmagorische Überbietungen der Illusionsmechanismen des klassischen amerikanischen Kinos. Dabei kehren viele Motive aus den früheren Werken des Regisseurs wieder."
Wirklicher als die Wirklichkeit und Schwärzer als Schwarz ist INLAND EMPIRE für Daniel Kothenschulte. "Was Lynchs Film mit herkömmlicher Kinoware verbindet, ist, dass er einen Anfang und ein Ende hat. Dazwischen aber herrscht ein - meisterlich dargebotenes - Chaos. "Film im Film" und filmische Wirklichkeit, Traum und Tagtraum blenden unerkennbar ineinander. Ebenso oft wechselt die oft unterschätzte Ausnahmeschauspielerin Laura Dern ihren Ausdruck. Das Erstaunliche an dieser Reise zum Boulevard der Dämmerung ist die Sicherheit, mit der Lynch den Zuschauer durch diese chaotischen Strukturen führt."
Einen unendlichen Film sah Tina Heldt. "David Lynch ist auch ein Obskurantist vor dem Herrn. INLAND EMPIRE ist entsprechend wirr. Aber nicht nur: Bestimmte Themen wie Filmmythologie und Prostitution; Bilder wie das eines Schraubenziehers, der im Unterleib einer Frau steckt und leitmotivische Sounds wie das Rauschen und Knacken einer Nadel in der Plattenrille und ein fernes Zugpfeifen tauchen regelmäßig auf. Und es gibt die Grundstruktur des Films im Film, der wiederum vorgeblich ein Remake eines Films ist, der aufgrund eines mysteriösen Fluches nie zu Ende gedreht wurde."
INLAND EMPIRE ist für Alexandra Stäheli eine Bilderorgie für Liebhaber. Der Film "wartet wieder mit den von Aficionados so heiss verteidigten, von Skeptikern als langatmige Paranoia diagnostizierten Lynch-Ingredienzien auf, als da wären: vom Regisseur für Mystery-Auftritte zurechtmodellierte Darsteller; Zeitschlaufen, erzähllogische Paradoxa und Persönlichkeitsspaltungen; Bildallegorien wie etwa verschachtelte, den Bewohnern entfremdete Häuser, die hauptsächlich aus roten Vorhängen und einem Arsenal an Türen und dunklen Räumen bestehen - sowie ein betörender, banaler Mythos der Schöpfung des Bösen (und des Unbewussten)."
Drei Wirklichkeiten in einem Kopf hat Merten Worthmann entdeckt. "Wer allerdings in INLAND EMPIRE wirklich den großen Zusammenhalt zu rekonstruieren versuchte, der bräuchte einen langen Atem. Vier Schleifen zur Initiation, fünf Volten zum Schluss, dazwischen ein verspiegeltes Labyrinth – noch nie gab es so viele Fährten und Falltüren, Zeitsprünge, Ortswechsel und getauschte Identitäten wie dieses Mal."
Diedrich Diedrichsen entdeckt in dem gezielt zerzauste Dreistünder Momente einer Frank-Castorf-Inszenierung. "Auch Lynch liebt diese von der Ununterscheidbarkeit von Rolle und Person zerfressenen Psychologien. An Castorf erinnern dann wieder nicht nur die zirkulären, sich hochschaukelnden Leere-Performances, sondern auch das gezielte Zerzausen aller Handlungsfäden, die aber trotzdem, ganz anders, als die Kritiker behaupten, keineswegs auf pure Sinnlosigkeit hinauslaufen, sondern meist auf gezielte Verrätselung oft sehr sinnvollen Sinns, teilweise geradezu ideologisch sinnvollen Sinns."
Rätselkunst für Fortgeschrittene ist INLAND EMPIRE für Marius Meller. "In INLAND EMPIRE nun untersucht Lynch die Wechselwirkung von altem Europa und neuem Amerika. Und verlegte deshalb einen Teil der Handlung, die mit Doppelgängermotiven und Identitätstausch arbeitet, nach Polen. Doch in diesem Film franst seine Bildsprache seltsam aus. Der Regisseur fungiert über weite Strecken selbst als Kameramann mit einer (veralteten) Digital-Handkamera. So faszinieren zwar einige Einstellungen ästhetisch – aber über der Aufkündigung der bewährten Arbeitsteilung zwischen Kamera und Regisseur geraten Form und Rhythmus aus den Fugen."
Ein beängstigendes Amalgam aus Hollywood-Reminiszenzen und düsterer Weltsicht sah Esther Buss. Sie "hat bei INLAND EMPIRE wirklich das Gefühl, Video sei gerade erfunden worden. Während Regisseure wie Michael Mann mit den allerneuesten und technisch ausgefeiltesten HD-Kameras arbeiten, hat sich Lynch für eine veraltete professionelle Kamera, eine Sony PD-150, entschieden. Die Bilder sind matschig und verpixelt, sie sehen billig aus und haben nichts von der opulenten Schönheit, die man an Lynchs Filmen so mag. Dennoch trägt die Ästhetik der harten Kontraste, der extremen Überbelichtungen, der harten Schatten und der immer sehr dunklen Dunkelheit maßgeblich zu der Atmosphäre des Unheimlichen bei."
Andreas Borcholte gibt einen Tipp für Sinnsucher: Dieser Film wird Sie verwirren - und enttäuschen. "Kognitive Erleichterung bietet auch die Flucht in die Inhaltsbeschreibung von INLAND EMPIRE kaum. Es gibt keine zusammenhängende Narration, sondern nur einen Plot in einem Plot in einem Plot. Durch ihn schleppt sich Hauptdarstellerin Laura Dern, als müsse sie Prüfungen absolvieren, um aus einem Alptraum aufzuwachen, die ein verrückter Professor in ihr Unterbewusstsein verpflanzt hat wie in ein Versuchskaninchen."
Stefan Grissemann führt mit Regisseur David Lynch ein Gespräch über Intuition und Hollywood.
Im Interview mit Lars-Olav Beier und Andreas Borcholte verrät der Regisseur David Lynch seinen persönlichen Pfad zur Erleuchtung.
David Lynch erhält in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk, sein neuer Film ist laut Jan Schulz-Ojala allerdings ein Flop. INLAND EMPIRE "ist der unverdauliche Ego-Trip eines unpässlichen Meisters: wirre Story, aleatorisches Assoziationsmaterial, matschige und grobverpixelte Digitalbilder, ein drehbuchloser Rohschnitt, als Kunstwerk verkauft. Feiner ausgedrückt: eine filmische écriture automatique mit Szenen, die laut Lynch "immer neue und wieder andere nach sich ziehen" .. Nein, INLAND EMPIRE ist nicht der schlechteste Film in Venedig. Aber ein unendlich schlechter Lynch, in den Himmel gehoben von einem Festival, das auch schon bessere Tage gekannt hat."
Der Anfang ist furios, lobt Daniel Kothenschulte. "Was Lynchs Film, den man wohl in dieser Fassung nie wieder wird sehen können, mit herkömmlicher Kinoware verbindet, ist, dass er - wie beschrieben - einen Anfang und ein Ende hat. Dazwischen aber herrscht ein - meisterlich dargebotenes - Chaos. "Film im Film" und filmische Wirklichkeit, Traum und Tagtraum blenden unerkennbar ineinander. Ebenso oft wechselt die oft unterschätzte Ausnahmeschauspielerin Laura Dern ihren Ausdruck. Das Erstaunliche an dieser Reise zum Boulevard der Dämmerung ist die Sicherheit, mit der Lynch den Zuschauer durch diese chaotischen Strukturen führt."
Daniel Sander fragt sich, was das alles zu bedeuten hat. "Zeit und Raum verschieben sich, die Nikki von heute trifft ihr gestriges Ich, die Realitäten verschwimmen, und immer wieder tauchen die drei seltsamen Riesen-Hasen auf, die unter eingespielten Lachern vom Band allerlei Rätselhaftes von sich geben. Zusammen gehalten wird das fragile Story-Gebilde von einer fantastischen Laura Dern, erfahrene Lynch-Veteranin und -Muse, die als Nikki und Sue das Zentrum des Films bildet und den Zuschauer in ihr Rollenspiel zwischen naiver Schönheit, kühler Femme Fatale und verzweifelter Hausfrau verwickelt."
Laut Anke Westphal ist der Kern des Films das Parapsychotische. "David Lynch macht es einem nicht so einfach; wo andere Regisseure mit ihren Filmen symbolische Integrationsarbeit zu leisten versuchen, geht es bei ihm gleich um multiple Formen von Aufspaltungen. So wohnen denn auch viele Geschöpfe in Nikki oder auch Sue: Mörderinnen, Ehefrauen, verlorene Mädchen, Huren - und eine sehr aparte Hasenfamilie. Wenn ein Mensch alle Erfahrungen gleichzeitig macht, dann ist das Wahnsinn im psychopathologischen Sinne des Wortes, also ein Fall für die Anstalt, so hieß es noch vor wenigen Jahren. Und auch diese Wahnerfahrung grundsätzlicher Entgrenzung ist, wie das INLAND EMPIRE Hollywood selbst, heikle Realität und Mythos zugleich."
Hier flattern die Sequenzen rätselhafter denn je, meint Cristina Nord. "Was der Film als Traum setzt, was als Film im Film und was als seine Realitätsebene, ist nach etwa einer halben Stunde nicht mehr voneinander zu unterscheiden. ... Lynchs liebster Traumraum ist der Flur. Oft gehen die Figuren durch Gänge, der Dunkelheit entgegen. So entsteht ein Irrgarten, der umso mehr verwirrt, als auch eine Kinoleinwand oder ein Fernsehbildschirm Pforten zu unbekanntem Terrain sein können."