| Regie | Audrius Juzenas |
| Kinostart | 08.06.2006 |
Nur für einen Moment fühlte sich Marion Pietrzok von dem Film berührt. "Das Stilisieren kann in einem Spielfilm funktionieren – hier tut es das nicht, der Eindruck bleibt zwiespältig, da hilft auch nicht die hervorragende Bildgestaltung (Kamera Andreas Höfer). Zwar vermitteln sich dem Zuschauer Abscheu vor dem eitlen Gewalttäter Kittel und die verzweifelte Angst der ihm Ausgelieferten. Doch der Film konzentriert sich völlig auf das Darstellen des überraschenden Wechselns zwischen Kittels Gnadenserweisen und unsäglichen Grausamkeiten."
Es ist ein tragischer Konflikt, der hier ausgebreitet wird, schreibt Stephan Speicher und vergleicht den Film mit der Revue. "Aus der Revue ist wieder eine Tragödie geworden. Erika Maroszan ist die schöne, traurige Jüdin, Sebastian Hülk gibt (zweifellos eine große schauspielerische Leistung) den überlegenen, witzigen, grausamen SS-Kommandanten, auf dem nun das Hauptinteresse liegt. Geschichtspädagogisch ist das unbedenklich. Niemand wird das Kino verlassen und die deutschen Verbrechen an den Juden leugnen oder leichter nehmen als zuvor. Doch aus einem vielleicht nicht großen, aber eigenwilligen Kunstwerk ist unterdessen gut gemachte Konfektionsware geworden."
Befremdlich wirkt der Film auf Philipp Bühler. "Dem Film liegt ein Theaterstück zugrunde, das 1984 in Israel uraufgeführt wurde. Und als solches kann man sich GHETTO gut vorstellen. Die Übertragung zum Film ist allerdings misslungen. Die Idee, den Holocaust als S/M-Schocker nachzustellen, ist zwar nicht ohne weiteres abwegig. Aber die teils sehr schwachen Schauspielerleistungen und platte Dialoge ersticken jede Diskussion im Keim. In seiner brutalen Mixtur von Theater und Realität ist GHETTO ein zwar erschütternder, aber kein guter Film."
Andrea Mirbeth hat sich von GHETTO überzeugen lassen. "Der Film spielt an den Orten, an denen vor 65 Jahren Menschen ermordet wurden. Deshalb allein wird ein Film noch lange nicht bewegend und authentisch, aber in diesem Film ist die Gratwanderung von Authentizität und Emotion gelungen. Der Regisseur ist selbst in Vilna geboren und der Film ein Beitrag zum nationalen Litauischen Holocaust-Gedenkprogramm. Vielleicht wirkt er stellenweise deshalb etwas pädagogisch, etwas plakativ – aber dennoch rührt diese Geschichte um die Schauspielertruppe im GHETTO."
Heino Ferch in der Rolle des Gens ist für Alexandra Wach eine fatale Fehlbesetzung, die gleich zu Beginn die Ambivalenz der Figur gegen Null schrumpfen lässt. "Zudem funktioniert der Wechsel der Inszenierung zwischen komischen Farce-Momenten, Gesangsparts, Revue-Nummern und überzeichnetem Realismus nicht durchgehend. Das mag an der dramatischen Vorlage liegen, doch im Film reduziert sich die Monstrosität des gezeigten Leids schlicht zu einer allzu austauschbaren Einlage, um einen überzeugenden Meta-Diskurs über die Themen des Stücks, das Verhältnis von Kunstproduktion und Gewaltherrschaft, von moralischer Integrität und Zwang zur Mittäterschaft, liefern zu können."
Das Filmheft der Bundeszentrale für Politische Bildung.