| Regie | Nuri Bilge Ceylan |
| Kinostart | 27.09.2007 |
Der Archäologe Isa und die Fernsehproduzentin Bahar verbringen einen gemeinsamen Sommerurlaub. Doch auch die Hitze kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre Beziehung an einem Nullpunkt angekommen ist. Bei einem Abendessen mit Freunden provoziert Bahar einen Eklat, in der Trennung mündet. Zurück in Istanbul lässt Isa seine alte Affäre mit Serap wieder aufleben, und Bahar stürzt sich in die Arbeit. Für die Dreharbeiten zu einer Fernsehproduktion verlässt sie Istanbul für längere Zeit. Als Isa davon erfährt, lässt ihm diese Nachricht keine Ruhe, und kurzentschlossen reist er ihr hinterher. Er bereut seine Entscheidung und versucht seine Liebe retten ...
Philipp Bühler hat sich von den majestätischen, schmerzhaften Bildern überzeugen lassen. "Sein kühler Formalismus ist sicher nicht originell, wirkt aber auch nicht akademisch aufgesetzt, sondern erlaubt einen tiefen, mitleidsvollen Blick auf die leidenden Figuren. Warum die Liebe nicht endlos währen kann, verstehen wir hinterher genau so wenig wie sie; aber selten war man dieser immer gleichen Erkenntnis so schutzlos ausgesetzt wie hier. Mutig ist die Identität von Schauspieler und Filmemacher auch, weil Ceylans Selbstporträt als eitler Verführer und Lügner so wenig schmeichelhaft ausfällt."
Ein stilles Drama um eine ausglühende Liebe - und eine Liebeserklärung sah Dietmar Kammerer. "Seine Filme sind Übungen in Schweigsamkeit: Wir lügen andauernd im echten Leben, äußerte der Filmemacher einmal im Interview, welchen Wert sollten also Dialoge haben, wenn durch Gesten und Mimik so viel mehr ausgedrückt werden kann. ... So ist der Film nicht ohne eigentümlichen, trockenen Humor, er folgt der introvertierten Perspektive seines Antihelden und führt zugleich über sie hinaus. Schließlich wohnt dem Film ein Paradox inne: Die Beziehung scheitert, aber der Film endet, wie er begonnen hat, mit einer Großaufnahme auf das Gesicht von Bahar/Ebru Ceylan -mit einer Liebeserklärung des Regisseurs an seine Frau."
Für Jan Schulz-Ojala ist der Film stark, still, schmerzhaft, schön. "Mit Antonioni, Tarkowski und Kiarostami, den Übervätern des in die philosophische Reduktion treibenden Autorenfilms, wird Nuri Bilge Ceylan gerne verglichen – und entwirft doch ein völlig eigenes Universum. Mit realen Verwandten vor der Kamera (auch in JAHRESZEITEN haben die Eltern einen Kurzauftritt) dringt er so wach wie kühl zum Kern von Familien-, Liebes- und Lieblosigkeitsgeschichten vor. Diesmal gibt er selber mit seiner 17 Jahre jüngeren Ehefrau Ebru Ceylan, die in ihrem mimischen Minimalismus eine großartige Schauspielerin ist, das Paar, das sich trennt. Was für eine Liebe, die so gültig von der Auflösung der Liebe erzählen kann!"
Als Meisterstück des minimalistischen Erzählfilms bezeichnet Lukas Foerster den Film. "IKLIMLER hat ein sehr spielerisches Verhältnis zu seiner Narration und ist vielleicht auch deshalb, bei aller formalen Strenge, der bislang am leichtesten zugängliche Film Ceylans. Die sparsam, aber effektiv eingesetzte Filmmusik sorgt stets für eine dezente Distanzierung von der Handlung, und die Übergänge zwischen den einzelnen Szenen wie auch zwischen den Hauptschauplätzen – nach Kaş und Istanbul folgt noch der Nordosten der Türkei – sind unaufdringlich fantasievoll inszeniert."
Ebenso leblos und tiefgefroren wie die erstarrte Beziehung zwischen Bahar und Isa sind auch die Bilder und Szenen, die die Filmemacher für die ausweglose Situation der beiden finden, meint Joachim Kurz. "Das Gefühl der Entfremdung, der emotionalen Distanz, des unausweichlichen Endes einer Beziehung, es drückt sich aus in jeder Einstellung und in jedem Schweigen, in jeder noch so kleinen und beiläufigen Geste. Hier ist wirklich nichts dem Zufall überlassen, alles folgt dem Ziel und der Vision des Regisseurs, der ein bedrückende und beklemmende Welt geschaffen hat, die zugleich nah an den Realitäten und zugleich voller Poesie ist."
Thomas Engel ist es kalt den Rücken hinunterläuft. "Überhaupt ist der ganze Film so. Es passiert handlungsmäßig fast nichts – und doch so viel. In den Blicken, in den Gesten und insbesondere im naturgetreuen Rhythmus des Ablaufs der Dinge wird alles spürbar ... Der schmerzliche, tiefe Gehalt dieser Gefühle, die formale filmische Harmonie, die Einbeziehung der zuerst sommerlichen und später winterlichen Landschaft, aber auch das ruhige souveräne Spiel der beiden (verheirateten) türkischen Darsteller Ebru Ceylan (Bahar) und Nuri Bilge Ceylan (Isa – er ist auch der Regisseur) erheben JAHRESZEITEN zu einem Meisterstück."
Laut Anke Westphal hat der Regisseur etwas ignoriert: Es "es nicht klug ist, einen Kunstfilm damit beginnen zu lassen, dass seine Hauptdarstellerin ausdauernd in die Kamera gähnt. Aber der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan, der mit IKLIMLER im Wettbewerb konkurriert, hat das kontraproduktiv ignoriert und damit lauter kleine, verstreut im Vorführsaal operierende Kicherkollektive geschaffen."
Für Wolfgang Höbel hat der Regisseur schon mit seinem letzten Film "einen Preis als strebsamster Antonioni-Schüler weit und breit verdient, hier nun erzählt er in prächtigen langen Einstellungen und mit elegischer Wucht vom Freiheitsdrang und der späten Reue des Mannes. ... Manchmal nervt dieser Film, weil er es gar so sehr auf Kunst abgesehen hat, aber wenn die beiden dann mitten im anatolischen Schneetreiben in einem Kleinbus nebeneinander sitzen und sich die Augen der Frau röten, während er von einem gemeinsamen Kind und einem zukünftigen Leben redet, dann beweist der Regisseur sein Talent für große, ergreifende Momente."