| Regie | Romuald Karmakar |
| Kinostart | 20.09.2007 |
Ende der 90er Jahre wurde Mohammed Fazazi Imam der Al-Quds-Moschee in Hamburg. Im Januar 2000 hielt er in der Moschee mehrere so genannte Lektionen, bei denen die Anwesenden Fragen zu verschiedenen Aspekten des Lebens stellen konnten. Diese Sitzungen wurden von einer unbekannten Person auf Video aufgenommen und vertrieben. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde bekannt, dass drei der vier Selbstmordpiloten sowie Personen, die der "Hamburger Gruppe" zugerechnet werden, regelmäßig die Moschee besucht haben und in engem Kontakt zu Imam Fazazi standen. Auf der Grundlage des Videos rekonstruieren die HAMBURGER LEKTIONEN den vollständigen Wortlaut zweier Sitzungen vom Januar 2000 und geben damit die Möglichkeit, die Binnenlogik eines islamistischen Denkers und Predigers kennen zu lernen.
Die Grundlage des islamistischen Terrors sind Texte mit einer totalitären Binnenlogik. Verena Luekenunterhält sich darüber mit Regisseur Romuald Karmakar und über seine Dokumentation HAMBURGER LEKTIONEN.
Ganz ohne schreckliche Bilder, aber um so schockierender ist der Film für Eckhard Fuhr. "Nichts wie raus aus dem Kino, sagt die innere Stimme. Doch schnell entfaltet das minimalistische Arrangement seine bannende Wirkung. Nicht die extremen Bilder der täglichen Nachrichtenflut, sondern die Worte eines bedächtig sprechenden Mannes vor fast starrer Kamera öffnen den Kosmos des islamistischen Denkens, zeigen die Mentalität seiner Propagandisten und machen die Atmosphäre der Parallelwelt der Moscheen und Gebetshäuser spürbar. ... Diese Erkenntnis vermittelt Karmakars Film ohne jeden Investigations- und Enthüllungsgestus. Er zeigt nicht verborgene Verbindungen und Machenschaften, sondern was offen zutage liegt, wenn man es bloß übersetzt."
Laut Christian Esch hat der Regisseur die geradezu welthistorische Bedeutung dieses Dokuments erkannt. Der Film "ist nichts als eine von allem überflüssigen Reiz, aller Schönheit und Hässlichkeit befreite, auf das reine Wort konzentrierte Version der Videokassette "Lektionen von Scheich Fazazi II" - Karmakar hat das Dokument des radikalen Islamismus sozusagen mit salafitischer Bilderfeindlichkeit aufs Wesentliche zurückführen wollen. ... Ist es nun Karmakars Film, der den Schrecken bewirkt, oder der bloße Text? Anders gefragt: Braucht man diesen Film, um die Unglaublichkeit des Textes zu erfassen? Das bleibt unklar. Die Verführungskraft des Predigers hätte man doch gern auch in jenen Videoaufnahmen gesehen, die dem Zuschauer nun vorenthalten sind. Aber der Schrecken ist auch so groß genug."
Stefan Reinecke spricht mit Regisseur Romuald Karmakar darüber, mit welchen Utopien ein islamistischer Extremist Terror rechtfertigt.
Die dokumentarische Rekonstruktion einer Hasspredigt hat Christiane Peitz beeindruckt. "Trotz aller Abnutzungsgefahr der fast identischen, minimalistisch-strengen Inszenierung (mit DAS HIMMLER-PROJEKT) ist es ein unbedingt lohnendes Experiment. Weil es eine unerhörte Nähe ermöglicht, die doch der Identitätsfalle entgeht, der versuchsweisen komplizenhaften Identifikation mit den Tätern. ... Nicht die Dämonie, auch nicht die Banalität des Bösen kehrt Karmakar hervor, sondern dessen innere Logik."
Die Kamera vernebelt nichts. Dennoch ist und bleibt da für Daniel Kothenschulte eine unüberwindliche Distanz. "Läse Zapatka live vor Publikum, hätte dies eine Interaktion mit den Hörern zur Folge, aber genau darum kann es nicht gehen. Hier erlebt man einen toten Text, ein Stück nicht mehr korrigierbarer Unheilsgeschichte. Mohammed Atta und die Attentäter des 11. September besuchten um die fragliche Zeit im Jahre 2000 dieselbe Hamburger Moschee. Und Video, das ein lebloses, irreales Medium sein kann, weil es nicht zittert und pulsiert wie Zelluloid, macht diesen Text in zweifachem Sinne zu einem Dokument des Todes."
"HAMBURGER LEKTIONEN zeigt die fließenden Übergänge zwischen der berechtigten Kritik an den Verhältnissen, unter denen Migranten in Deutschland leben müssen, und der jihadistischen Vernichtungsfantasie. Dem Film gelingt dies, weil Karmakar auf eine explizite politische Einordnung oder moralische Wertung verzichtet.", stellt Tobias Ebbrecht fest. "Der Film löst die Reden aus ihrem Ursprungskontext heraus und macht gerade dadurch die immanente Logik des Wahns in einem neuen Bezugsrahmen sicht- und nachvollziehbar. So wird deutlich, wie sie in weiten Teilen dem multikulturellen Denken linker Veranstaltungen und postkolonialer Seminare folgen. Sie zeigen, dass die islamistische Ideologie Versatzstücke linken Denkens integriert hat."
Der Regisseur lässt die Psychologie der Täter beiseite und schaut stattdessen auf das ideologische Angebot, das die Prediger des Dschihad jungen Männern unterbreiten, meint Jörg Lau. "Es ist irreführend, die HAMBURGER LEKTIONEN als Film über einen "Hassprediger" zu bezeichnen. Wer sich den zwei fesselnden Stunden dieses Films aussetzt, wird schnell bemerken, dass Karmakar sich nicht für die aufpeitschende, emotionale Seite der Predigten des Mannes namens Mohammed Fazazi interessiert ... Er ist kein Ultraorthodoxer, der das Gesetz besonders streng auslegt. Im altmodischen Gewand des Konservativen vertritt er in Wahrheit eine revolutionäre Botschaft. Er will seine Leute moralisch entsichern. Sie sollen nicht bloß hassen, sie sollen handeln."
Laut Joachim Kurz kann der Zuschauer hier die Logik des radikalen Islamismus verstehen. "Es geht [dem Regisseur], wie er es selbst nennt, um die "Rekonkretisierung eines Dokuments mit radikalen Strukturen unserer Zeit", um die Auseinandersetzung damit, was Menschen fasziniert, sie radikalisiert und sie zu Taten von unglaublicher, unmenschlicher Tragweite anstiftet. Zugegeben, es ist nicht einfach, den Gedanken des Hasspredigers zu folgen, doch wer den Lektionen folgt, erhält hier einen Einblick in die Dogmen radikaler Muslime, der alle Talkshows und Expertenrunden zu diesem Thema mühelos in den Schatten stellt."
Das Wort "Hassprediger" ist völlig verfehlt, konstatiert Maurice Lahde: Beängstigend an Fazazis Ausführungen ist gerade, wie kühl kalkuliert und in sich schlüssig sie sind. "Trotz des extremen Minimalismus ist der Film mehr als nur eine abgefilmte Lesung. Der Kinosaal als Rezeptionsort und Suggestionsraum ist unverzichtbarer Teil des Projekts. Dort, wo man für gewöhnlich visuell überwältigt wird, übersetzt man einen Text in andere Bilder als bei einem Live-Vortrag. Karmakar weiß schon, warum er Zapatka nicht einfach auf eine Lesereise geschickt hat. ... Das Erstaunliche an dieser Methode ist, dass sie zugleich suggestiv und analytisch ist. Sie ruft beklemmende Bilder hervor, und gleichzeitig untersucht sie Struktur und Wirkungsmechanismen von Fazazis Vortrag."
Wie Verena Lueken feststellt, ist der Entspannungswert des Films gering, der Erkenntnisgewinn umso größer. "Man muss sich, um zu verstehen, was in diesen Predigten vor sich geht, einhören in das, was gesagt wird, den Girlanden folgen, den Abschweifungen und sophistischen Wendungen. Ausschnitte, deftige Passagen, besonders deutliche Aufrufe zum Bruch der Gesetze in Deutschland, ließen sich zwar herauslösen, zerstörten aber, worum es hier eigentlich geht: dass wir verstehen lernen, was eine Hasspredigt ist. Dass wir die Binnenstruktur eines Denkens erkennen, das darum kreist, uns zu vernichten."
Es dominiert die kaltherzige Logik eines fundamentalistischen Denkens, meint Josef Lederle. "Karmakars puristische Methode, unter Ausblendung aller Details den Blick auf die Strukturen dieses Denkens zu lenken, funktioniert hier aufs Neue, auch wenn diese Spielart des Islam wesentlich fremder erscheint und vielleicht auch schwerer zugänglich ist als Himmlers Posener Rede. Auch deshalb, so das Fazit der HAMBURGER LEKTIONEN, scheint eine intensivere öffentliche Beschäftigung mit dem Islam bitter nötig."
Mit Spannung hat Daniel Kothenschulte das Islamismus-Dokument erwartet. "Überzeugender noch als bei seinem Himmler-Projekt wird ein historischer Agitationstext durch die zurückhaltende Interpretation eines Schauspielers erfahrbar gemacht und transparent. Zapatka liest auch die erklärenden Fußnoten mit, ergänzt die arabischen Termini und schafft dadurch eine zusätzliche Distanz. ... Karmakars Film ist nie spekulativ, aber ein Spektakel ist er doch. Denn natürlich könnte man das alles auch lesen, aber gerade die Rückübertragung in ein Auditorium stellt eine Transparenz her, die tatsächlich eine künstlerische Erfahrung ist."
Hanns-Georg Rodek vergleicht den Film mit der anderen filmischen Lesung DAS HIMMLER-PROJEKT. "Beide Filme versuchen, der Attraktivität dieses Fanatismus auf den Grund zu gehen. Karmakars Methode besteht darin, sein Untersuchungsobjekt so lange unverwandt anzusehen, bis man ihm Löcher in den Pelz gestarrt hat, aus denen dann die Wahrheitsbrühe trieft. Beide Filme zeigen Täter bei der intellektuellen Rechtfertigung einer Tat. Karmakar hat von jeher Streifen aus der Perspektive von Tätern gedreht. Er hat dabei nicht gerichtet, er hat nie sympathisiert, aber auch niemals die Faszination verhehlt, welche von seinen Forschungsobjekten auf ihn und unsere Gesellschaft ausstrahlt."
Bert Rebhandl entdeckt den blinden Fleck des Films: "Hätte man die Originalaufnahmen von Mohammed Fazazi untertitelt und zugänglich gemacht, wäre es mit den Projektionen sofort losgegangen: physiognomische und phonetische Wahrnehmung wirken tief im Unbewussten. Karmakar hingegen wollten ganz offensichtlich alles Latente manifest machen, der in die eigene Sprache übersetzte und auf diese reduzierte Diskurs ist für ihn der Königsweg. Dass dies ein zutiefst den Einseitigkeiten der europäischen, neuzeitlichen Rationalität (der Moderne!) verpflichtetes Konzept ist, ist der blinde Fleck der HAMBURGER LEKTIONEN."
Ebenso reduziert wie DAS HIMMLER PROJEKT funktioniert laut Philipp Lichterbeck auch diese Dokumentation. "Karmakars Film ist der erste nachvollziehbare Blick in die hermetische Geisteswelt radikaler Muslime in Deutschland. Doch Karmakar behauptet nicht, den Islam zu zeigen. Er führt die HAMBURGER LEKTIONEN vielmehr als historisches Dokument vor; alle darüber hinaus gehenden Assoziationen ereignen sich im Kopf der Zuschauer."