| Regie | Oskar Roehler |
| Kinostart | 23.02.2006 |
Michael und Bruno sind Halbbrüder. Ihre Mutter führte ein unbekümmertes Leben - ihre Söhne wuchsen getrennt voneinander bei den Großmüttern auf. Während der introvertierte Molekularbiologe Michael sich lieber um Genforschungen als um Frauen kümmert, drücken sich Brunos "Kontakte" zum anderen Geschlecht mehr im Kopf oder im Bordell aus. Schließlich aber begegnen beide der Liebe ihres Lebens: Michael trifft seine Schulfreundin Annabelle wieder, mit der ihn eine scheue Zuneigung verbindet. Bruno lernt in einem Urlaubscamp Christiane kennen, mit der er seine sexuellen Obsessionen ausleben kann. Doch das Glück scheint von kurzer Dauer – beide Frauen erkranken schwer...
Marcus Rothe führt ein Gespräch mit Regisseur Oskar Roehler über Sex, Tabus, Nihilismus, Houellebecq und seinen Film ELEMENTARTEILCHEN.
Weichgespült hat Oskar Roehler die Vorlage, meint Elmar Krekeler. "Prinzipiell hat Roehler es schon richtig gemacht. Alles überbordende Theoretisieren, alle Ausschweifungen, alles Weinerliche, alles Unverfilmbare hat er mutig auf den Mist geworfen und die Geschichte auf ihren kalten Kern reduziert. ... Das hat mit Houellebecq nichts mehr zu tun, aber Eichinger bestimmt gefreut. Dem Film fehlt es an Konsequenz, an Härte, ihm wurde auch noch die letzte Ecke abgeschmirgelt, mit der sich das Publikum an ihm stoßen könnte. Statt dessen schwelgt das melancholische Melodram in schönen Bildern. Alles wirkt wie durch Sepia gezogen. Roehler fährt selbst für Minutenauftritte an deutschen Stars auf, was nur einigermaßen abkömmlich war."
Ein pathetisch verlängertes Pubertätsdrama sah Kathrin Bettina Müller. Vom "Schizophrenien des Romans bleibt in der Verfilmung nicht viel. Nur die emotionale Gemengelage der Gefühle, das gleichzeitige Angezogen- und Abgestoßenwerden von den Figuren und ihren Bedürfnissen, transportiert der Film, nicht die intellektuellen Konflikte, nicht das Kokettieren mit einem Wettrennen zwischen Kunst und Pornografie. Von seinem gesellschaftskritischen Potenzial sind nur die Hiebe auf Bewegungen der Vergangenheit, Hippietum, Emanzipation der Frauen und Geist der 68er übrig geblieben, aber nicht das keineswegs beruhigendere Protokoll des Zynismus der Gegenwart."
Wäre das Ganze wenigstens skandalös, schreibt Verena Lueken. "Doch Roehler erzählt mit einer Betulichkeit, die die hundertfünf Filmminuten wie eine kleine lebenszeitvernichtende Ewigkeit erscheinen lassen. ... Bekanntlich sind Kulturleistungen das Ergebnis von Triebsublimierung, und vielleicht liegt hier der Grund dafür, daß Oskar Roehler künstlerisch im Nirgendwo landet. Mit Bruno bleibt er im Stadium der Nicht- bis Halbsublimierung stecken, was bei Bruno exzessive Onanie, beim Film eine spürbare Aufgeregtheit zur Folge hat. Die männliche Sexualität: ein großes Drama ohne Ausweg außer der Flucht in den Wahn."
Die durch alles hindurch schimmernde Gesellschaftskritik an den Achtundsechzigern und der frühen Frauenbewegung ist für Kirsten Liese unübersehbar, aber der Film hat die Kritikerin nicht überzeugt. "Es liegt an der Machart: Produziert von Bernd Eichinger ist der Film zu sehr dem Mainstream verpflichtet. Regisseur und Produzent haben einfach zu viele Stars versammelt, von denen sie einige wie Jasmin Tabatabai, Uwe Ochsenknecht oder Herbert Knaup nur kurz ins Bild rücken in Szenen, die letztlich verzichtbar sind, und sie überziehen die subtilen Liebesgeschichten mit einem kitschigen Soundtrack."
Katharina Dockhorn spricht mit dem Regisseur.
Kein Klischee, keine Karikatur, kein Witz: Das ist der - in gewisser Weise: unroehlerhafte - Ton, der in ELEMENTARTEILCHEN herrscht, meint Matthias Dell. "Eine leichte Ernsthaftigkeit, eine zärtliche Verzweiflung, die am Ende des Films zu seinem Mangel wird. Es passiert nichts mehr: Christian Ulmen setzt, trotz späten Glücks mit der Jugendliebe (Franka Potente), sein unbeteiligt-scheues Grinsen nicht ab, und der furiose Moritz Bleibtreu braucht absichtsvoll zu lange, um sich zu der Behinderung seiner neu entdeckten Zuneigung (Martina Gedeck) zu bekennen. Der gereifte Roehler hat den krakehligen Houellebecq befriedet, aber das ein wenig zu sehr."
Margret Köhler empfiehlt, ELEMENTARTEILCHEN in seiner filmischen Eigenständigkeit zu betrachten. "Beim unmittelbaren Vergleich mit der im Prinzip unverfilmbaren literarischen Vorlage muss er notgedrungen den Kürzeren ziehen. Roehler erzählt primär vom Werdegang der beiden Halbbrüder, plakatiert Sex und männliche Unfähigkeit zur Liebe und entwickelt in der zweiten Hälfte dann eine hohe suggestive Kraft – dies nicht zuletzt aufgrund der komplexen weiblichen Charaktere. Insgesamt beeindruckt der konventionell inszenierte Film vor allem durch das Schauspiel-Ensemble."
Martin Wolf bescheinigt ELEMENTARTEILCHEN, eine tragische Sexklamotte zu sein. "Statt sarkastischem Weltekel präsentiert Roehler dem Publikum also die herzige Geschichte zweier Männer, denen das Schicksal übel mitspielt ... Houellebecq, der Zyniker, zog sein Klischee-Personal lustvoll in den Abgrund; Regisseur Roehler, eigentlich ein Romantiker, hat dagegen Mitleid mit diesen Figuren. An diesem Widerspruch arbeitet sich der Film hingebungsvoll ab; das Ergebnis dürfte ein eigenes Genre bilden: die tragische Sexklamotte. Dem Zuschauer bleibt die Erkenntnis, dass man ELEMENTARTEILCHEN nicht verfilmen kann."
Für Susan Vahabzadeh war das Filmprojekt eigentlich wie ein Laborexperiment, bei dem man immer damit rechnen muss, dass einem alles um die Ohren fliegt. "Roehler hat Houellebecq entbittert und mit Emotionen angefüllt, das Gedankengerüst hergenommen und ein verdammt gutes Kinostück daraus gemacht. Für einen Roehler-Film fühlt sich ELEMENTARTEILCHEN ein wenig glatt an, was zur Abwechslung in Ordnung ist; auch wenn man sich vielleicht insgeheim wünscht, er habe sich seinen Querkopf nicht für alle Zeiten richten lassen."
Jens Balzer findet den Film "tatsächlich so weinerlich, frauenfeindlich, reaktionär, gedankenarm und arschlangweilig wie die literarische Vorlage ist. Was im Buch an, sagen wir mal, philosophischen Thesen enthalten war, wurde im Film rundweg getilgt, übrig bleibt die bewegungslose Beziehungsgeschichte und der besinnungslose Hass auf die 68er-Generation. Weder Regie noch Schauspieler lassen freilich die leiseste Idee davon erkennen, was sie an Beziehungsgeschichte und Hass interessierte und warum sie beides überhaupt zu verfilmen gedachten."
Peter Zander ist enttäuscht. "Das fleischliche Verlangen, die traurigen Versuche, ihm auf Sex-Camps oder auf Swinger-Abenden zu genügen, es zu befriedigen, werden recht brav, fast bieder ins Bild gesetzt. Jedenfalls mit einer Zurückhaltung, wie man sie von einem Oskar Roehler durchaus nicht gewohnt ist. Überdies gießt er über die im Grunde gefühllos erzählte Geschichte eine kitschige Musiksoße, die den provokanten Ton radikal in eine andere Richtung biegt, hin zum Melodram. ... Schade, daß ELEMENTARTEILCHEN zu berechnend auf große Namen setzt; angefangen vom Autoren der Vorlage bis hin zu winzigen Gastauftritten."
Daniel Kothenschulte bekam nicht das Drama, welches er erwartet hat, sondern eine Nummernrevue. "Als solche hat Roehlers Film einen eigenen Unterhaltungswert, den man nicht gering schätzen sollte, auch wenn er immer wieder mit allem kollidiert, was er sonst noch erreichen möchte. ... Die Verlegung des Stoffes in den deutschen Kulturraum ist dabei weit weniger problematisch als das Aufspalten in Kabinettstückchen ohne inneren Zusammenhalt. Wenn man Reohler etwas nicht vorwerfen kann, so ist es, dass er seine Figuren zu wenig liebte. Er verhätschelt sie geradezu. Die Stars lässt das mitunter zu Höchstleistungen aufblühen."
Irre lustig findet Alexander Reich den Film und macht sich über ihn lustig.
Dank seiner gesellschaftskritischen Handlung und einer glänzenden Besetzungsliste erntete Oskar Roehlers Film ELEMENTARTEILCHEN zwar viel Beachtung, aber geteilte Bewertungen, meint Kathrin Buchner. "Während die Abgründe der Hauptfiguren im Buch fatalistisch und drastisch beschrieben werden, bekommt der Film einen deutlich komödiantischeren Anstrich und ein versöhnlicheres Ende. Warum er die Brüder so glimpflich davon kommen lasse und die Radikalität zurück genommen habe? Ja, es sei richtig, dass es im Film humoriger zuginge, räumte Produzent Bernd Eichinger offen ein."
Oskar Roehler macht in seinen Filmen eigentlich immer alles falsch, und am Ende kommt für Michael Althen doch das Richtige heraus. "Als Verfilmung von Michel Houellebecqs Roman ist ELEMENTARTEILCHEN eigentlich eine Katastrophe, aber letztlich spielt das gar keine Rolle. Er nimmt, was er davon brauchen kann, und wirft den Rest auf den Müll. ... [Den Stars] merkt man eine große Lust an, sich Geschichten auszusetzen, die mit ihrer Verwandlungslust spielen und ihnen erlauben, am Käfig ihres Images zu rütteln. Und ihr Vergnügen vermittelt sich dem Zuschauer in jeder Szene. Wenn anderswo der Film der Star ist, dann sind hier die Stars der Film."
ELEMENTARTEILCHEN hat für Jan Schulz-Ojala soetwas wie Seele. "Erste Sensation: Oskar Roehler hat den unspektakulären Houellebecq nach eigenem Drehbuch äußerst sorgfältig, mithin unspektakulär ins Bild gesetzt. ... Roehler hat] diszipliniert gestrichen; wo wiederum sexuelle Schlüsselreize die Romanhandlung illustrieren, inszeniert er sie exakt, ohne sie visuell auszubeuten; und für die notwendigen Rückblenden des auf verschiedenen Zeitebenen hin und her springenden Geschehens findet er immer wieder hinreißende, fast auf Traumbilder reduzierte Szenen. Zweite Sensation: Der souveräne Umgang mit dem schwierigen Material bereitet den Boden für zwei der schönsten, melancholischsten, gebrochensten Skizzen der Liebe, die man seit langem im Kino hat sehen können."
Jens Balzer hat einige Fragen: "ELEMENTARTEILCHEN ist ein Buch, das viele Fragen aufwirft. Zum Beispiel diese: Welcher Teufel hat bloß Bernd Eichinger und Oskar Roehler geritten, diesen längst ausgekauten Schinken ein halbes Jahrzehnt nach dem Verlöschen des Houellebecq-Hypes noch mit viel Geld in die Kinos zu bringen? Ist das ein Abschreibungsprojekt? Oder glaubt Eichinger, dass er mit diesem Männerselbstfindungsdrama an den Erfolg seines Männerselbstfindungsdramas DER UNTERGANG anschließen kann? Aber wieso spielt Bruno Ganz dann nicht mit?"
Katrin Bettina Müller spricht mit Regisseur Oskar Roehler über die Erblast der 68er, Identifikation mit seinen Figuren, monströse Mütter und Sexszenen im Swinger-Club.
Deike Diening fragt, warum die Deutschen die trostlosen ELEMENTARTEILCHEN - Buch, Theaterstück, Film - mögen.
Peter Körte porträtiert Regisseur Oskar Roehler, den Elementarteilchenbeschleuniger. "Er hat sich gesträubt, er hat den Houellebecq aus Houellebecq auszutreiben, den Dogmatismus seiner Weltverfinsterungs- und Weltuntergangsformel aufzubrechen versucht: 'Ich habe mich durch diese analytische Phase, die mir gar nicht liegt, durchgekämpft.' Und dann sagt er einen Satz, der zunächst wie eine Floskel klingt und dann doch mitten ins Herz einer Geschichte trifft, die vom Klonen und von Reproduktion ohne Sex handelt: 'Es war eine schwere Geburt.'"
Als mutig bezeichnet Matthias Ehlert die Besetzung. "Statt tiefpessimistischer Zeitdiagnose hat Roehler seine Verfilmung von ELEMENTARTEILCHEN als melancholischen Liebesfilm angelegt. Im Zentrum steht nicht mehr die Abrechnung mit den hedonistisch-libertären Achtundsechzigern, sondern die Frage: Wie weit sind wir bereit für unsere Liebe zu gehen? ... Es ist nicht nur dieser ungewöhnlich moralische Tonfall, der überrascht. Roehler, bisher sichere Bank für verschwenderische Raserei, scheint wild entschlossen, mit diesem Film alle Erwartungen zu unterlaufen. Selbst die expliziten Sex-Szenen, ein Markenzeichen Houellebecqs, werden sich bei ihm nur auf das Allernotwendigste beschränken."