| Regie | Philip Gröning |
| Kinostart | 10.11.2005 |
Regisseur Philip Gröning hat sich sechs Monate lang in die Einsamkeit des legendenumwobenen Klosters LA GRANDE CHARTREUSE zurückgezogen, um das Leben der Karthäuser-Mönche zu dokumentieren, das vom strikten Gebot des Schweigens und weltlicher Abgeschiedenheit geprägt ist.
Großartig nennt Andreas Schäfer die Dokumentation. "Es gibt viele Figuren, aber die Hauptfigur dieses Films ist die Form selbst: Immer wieder der gleiche Tagesablauf. Immer wieder die gleichen Motive im Wandel der Jahreszeit: der Baum, mit und ohne Blätter, voller Schnee, tropfend nach dem Regen. Jeder gute Film kennt Momente des reinen Bildes. DIE GROßE STILLE besteht ausschließlich daraus."
Der Regisseur findet zum absoluten Film, behauptet Jan Brachmann. "Grönings Abschied vom Gerede macht den Weg frei zum absoluten Film, zur Befreiung der Bilder von der Illustration der Worte oder der Dokumentation von Sachverhalten. In den eingeschobenen Super-8-Sequenzen öffnen sich die Ränder der Dinge, ihre Gegenständlichkeit löst sich auf. Die Kreise, die ein Tropfen in stehendem Wasser wirft, verwandeln das Filmbild in bewegte, ganz abstrakte Grafik. ... Das meiste betäubt uns nur, statt uns zu erfüllen. Darauf kann man zwar auch ohne Philip Grönings Film kommen - mit ihm aber ist es schöner."
Kerstin Decker ist dem Regisseur begegnet. "Es ist ein Elementarfilm geworden. Er handelt vom Leben in der Grande Chartreuse, wo jeder allein ist und doch nicht allein, vom Wechsel der Jahreszeiten, den man intensiver spürt. Vor allem aber handelt Grönings DIE GROßE STILLE eben davon, wie Zeit Raum wird. Wahrscheinlich lassen sich alle unsere Probleme auf die Elementarrelation von Raum und Zeit zurückführen. Die ewige Sehnsucht der Seele geht zum Raum, wissen die Weisen aller Jahrhunderte. Und das Wesentliche kennt keine Entwicklung. Wir Modernen haben das nur vergessen. Bei uns heißt jedes zweite Wort Zeit, weil sie Geld ist."
Für Daniel Kothenschulte hat der Film Stärken und Schwächen. "Das Erstaunlichste am Ergebnis ist, dass aus all der auferlegten Beschränkung kein kleiner Film entstanden ist, sondern einer mit imposanten Kinobildern. Gröning füllt die Leinwand mit spektakulären Naturansichten. Die Außenwelt erscheint als erhabener Gegenpol zur Enge im Innern. ... Doch obwohl Gröning nicht mit dem Zeigefinger auf die Heiligkeit des Ganzen pocht, stellt er sie auch nicht in Frage. In ständiger Wiederholung der gefilmten Rituale bekräftigt er ihre Gültigkeit. Es ist ein Film wie nach einer alten Liturgie gefertigt. Für jedes Bild gibt es eine Entsprechung, der Anfang ist identisch mit dem Schluss. Die strenge Form wird übermächtig wie ein Ornament, und schließlich scheint es, als wolle Gröning seinen eigenen Bildern nicht mehr trauen."
Der Regisseur ist laut Bert Rebhandl fasziniert von "vom Himmel und von den Stimmungen des Lichts. Das liegt vielleicht daran, dass ihm das Sichtbare am Kartäuserleben nach einer Weile doch ein wenig zu profan erscheint. Gröning legt jedenfalls ständig nach. Er sucht nach Transzendenzzeichen in den alltäglichen Verrichtungen. Die Kamera maßt sich manchmal selbst den göttlichen Blick an ... Gröning zeigt nicht, er beschwört - und überlagert damit den Glauben der Kartäuser mit dem Aberglauben des Kinos."
Der ungewöhnlichste Film des Jahres ist DIE GROßE STILLE für Hanns-Georg Rodek. Der Regisseur "rafft die Klosterzeit und bremst die Kinozeit, bis beide synchron laufen. Die Suche nach Wahrheit bedingt eine Wahrhaftigkeit der Form. Was einem Mönch als erhebliche Beschleunigung erschiene, nimmt der Kinogewohnte als extreme Verlangsamung wahr. Das ist anfangs gewöhnungsbedürftig, stellt sich aber dann als große Gnade heraus. ... In solchen Momenten verschmelzen das dunkle Kirchenschiff und der dunkle Kinosaal zu gemeinsamem Empfinden. DIE GROßE STILLE hat ein großes Ziel, nämlich die Klostererfahrung in Kinogefühl zu übersetzen, und indem Gröning die Rhythmen und Frequenzen des Mönchdaseins in seiner Montage wiederholt, dupliziert er auch die Räume: Ein gutes Kino mit einem guten Publikum wird für 162 Minuten selbst zur Kartause."
Für Nana A. T. Rebhan ist der Film ein Kinoereignis. "Entstanden ist ein radikales Kinoereignis, das selbst für manchen Cineasten und manche Cineastin zu puristisch ausgefallen sein dürfte. Doch für diejenigen Zuschauenden, die bereit sind, sich darauf einzulassen, für die ist der Film eine großartige und bereichernde Erfahrung."
Jenseits von Kommerz und Knalleffekten inszeniert der Regisseur für Heidi Reutter das andächtige und meditative Klosterleben der Karthäusermönche. "Gröning findet viele poetische Bilder: Schneeflocken, die wie weicher Flaum vom Himmel fallen, rot leuchtende Grablichter, züngelnde Flammen, Regentropfen, die auf der Wasseroberfläche tänzeln. Die Kontemplation kann er so auch filmisch übersetzen. DIE GROßE STILLE ist so ein andächtiger, fast meditativer Film geworden, der sich Zeit nimmt, den Rhythmus des Klosterlebens auch auf die Leinwand transportiert. 162 Minuten mögen bei 120 Stunden Drehmaterial wie ein klitzekleiner Einblick erscheinen. Und doch hat der Film gewisse Längen, ist hier und da redundant."
Unbekanntes Terrain wartet auf den Zuschauer, schreibt Josef Lederle. "Die Auflagen der Mönche, kein Licht, keine Interviews, kein Kommentar und auch kein Film-Team, entsprachen dabei so sehr ihrer eigenen Wirklichkeit wie den Absichten des Filmemachers, der keinen Film über die Karthäuser machen, sondern die Essenz dieser extremen Lebensform filmisch vergegenwärtigen wollte. Durch die eindringliche Narration des primär aus Klängen, Kontrasten und fließenden Bewegungen montierten Erzählflusses vermittelt sich die auratische Lebensweise der Mönche als existenzielles Experiment, dessen inneres Zentrum sich freilich der Abbildung entzieht: die (Glaubens-)Überzeugung und die Theologien der Karthäuser bleiben (fast) ebenso unbeleuchtet wie ihre Biografien."
Infos, Links und Kommentare bei filmz.de.
Michael Althen sah einen kontemplativen Film. "Tatsächlich ist DIE GROßE STILLE mitunter zu wolkig, zu wenig an der Schilderung der Abläufe interessiert und zu sehr in die eigenen Impressionen verliebt. Der Film entwickelt ein schönes Gefühl für den Wechsel der Jahreszeiten, aber manchmal wünschte man sich die Aufnahmen eher länger und aufmerksamer, als sie ohnehin schon sind."
Als enttäuscht bezeichnet die SZ den Film. "164 lange Minuten fast ohne Dialoge, fast ohne Musik und fast ohne Handlungsstrang. Bei einer Pressevorführung verließen Kritiker reihenweise den Saal."
Peter Zander ist etwas enttäuscht. "Man erfährt nichts über die tausendjährige Geschichte des Ordens, auch nichts darüber, wie der sich eigentlich finanziert. Gröning zeigt dafür den einfachen, archaischen, asketischen Alltag. Das Schweigen als Lebensform. Kontemplative Meditation. Und verführt den Betrachter, desgleichen zu tun. Es ist dies die wohl größte Herausforderung in Venedig: eine zweieinhalbstündige Stecknadelprobe. Stille auf der Leinwand und Stille im Saal."
Laut Jan Schulz-Ojala haben nur wenige Zuschauer durchgehalten. "Zu sehr scheint der kommentar- und interviewfreie Dokumentarfilm geprägt von der Dankbarkeit, nach Jahrzehnten der Bittstellerei endlich in dem weltabgewandt geführten Kloster filmen zu dürfen, und das gleich monatelang; zu sehr bleibt folglich alles - wenn auch: schöne, beeindruckende - Oberfläche. ... Nichts erfahren wir Weltliche darüber, was den einen ins Kloster trieb. Wie der andere welche Zweifel überwindet. Stattdessen: Andacht pur. DIE GROßE STILLE sei kein Film über ein Kloster, sondern selber eines, sagt Gröning. Das ist sein Reiz. Und sein Risiko."
Außergewöhnlich findet Daniel Kothenschulte die Dokumentation. "Kein anderer deutscher Filmemacher kann seine Kamera selber so gut führen. Allerdings ist sein Impressionismus ebenso imposant wie affirmativ. Wenn Gröning liebevoll gesammelte Natureindrücke gegen rituelle Gesänge schneidet, bastelt er sich seinen eigenen Altar zusammen, an den ihn nur begleiten mag, wer von der Heiligkeit des Ganzen überzeugt sein will."