| Regie | Paul Haggis |
| Kinostart | 09.03.2006 |
36 Stunden in L.A.: 36 Stunden im Leben einer Handvoll Menschen, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Und doch führt das Schicksal sie zusammen, lässt ihre Wege kreuzen und wieder auseinander gehen, ihre Leben für kurze Zeit in den gleichen Bahnen laufen. Sie sind Bewohner einer Megacity im ganz normalen Ausnahmezustand, hin und her gerissen zwischen Angst, Wut und Verzweiflung und der alles überwindenden Kraft der Hoffnung und des Glücks.
Schon lange bevor die diesjährigen Oscar-Preisträger gekürt wurden, hat sich der als bester Film ausgezeichnete Streifen L.A. CRASH als Gewinner der besonderen Art hervor getan. 182 Mal wird darin geflucht, mehr als in allen anderen nominierten Filmen. Stephan Mueller berichtet.
Jörg Taszman spricht mit dem Regisseur Paul Haggis über sein Regiedebüt L.A. CRASH und die Arbeit mit Clint Eastwood.
Zu wenig Zeit für die Geschichte läßt sich der Regisseur, meint Johannes von der Gathen. "Nicht nur Sandra Bullock als frustrierte Anwaltsgattin Jean Cabot hat viel zu wenig Gelegenheit, um die Charakterrolle mit Leben zu füllen. Vieles bleibt Stückwerk, Fragmente eines ehrgeizigen Episodenfilms, der viel besser hätte werden können. Stattdessen wird über Rassismus doziert, wir erfahren einiges über das marode Gesundheitssystem der USA, Korruption bei der Polizei wird thematisiert oder die Probleme des multikulturellen Miteinanders. L.A. CRASH packt jede Menge heiße Eisen an, um sie zu schnell wieder fallen zu lassen."
Der Film will einer rassistischen Gesellschaft den Spiegel vorhalten, ist aber letztlich nur starbesetztes Erbauungs- und Durchhaltekino, meint Daniel Haas. "Auf den ersten Blick scheint der Film ein komplexes Bild gesellschaftlicher Schuldzusammenhänge zu vermitteln, die der einzelne nicht überschauen kann; ein Panorama, in das der Zufall Menschen mal hierhin, mal dorthin dirigiert und sie wahlweise zu Rettern oder Mördern, Verfolgern oder Erlösern macht. Doch der extreme Realismus der Darstellung, die inszenatorische Härte sind nur ein Bluff: L.A. CRASH will nicht die neue Unübersichtlichkeit der Schmelztiegelgesellschaft und deren Gefährdungen aufzeigen, sondern eine Utopie bebildern. Die zeigt sich weniger auf der Inhaltsebene der einzelnen Episoden, die exzellent gespielt und in ihrem Naturalismus teilweise erschütternd sind, als in der Struktur des Films."
Als befreiend wie bedrückend schätzt Barbara Schweizerhof den Film ein. "Die längste Zeit hält der Film die Spannung des "erstens kommt es anders, zweitens als man denkt". Am Ende aber hinterlässt die Gesamtheit der überraschenden Wendungen einen schalen Geschmack. Man ist zwar geneigt, dem soziologischen "Situationalismus" des Drehbuchs Recht zu geben, aber wenn bestimmte Situationen aus Rassisten Gutmenschen werden lassen, andere wiederum aus Gutmenschen Rassisten - was bleibt da noch außer Fatalismus?"
Der Film ist nicht perfekt, aber einer der spannensten des Kinosommers, meint Verena Lueken. "Es ist die Art, in der Haggis eine Lebenswelt in Enklaven beschreibt und die Bewegungen der Menschen verfolgt, die diese sicheren Orte, an denen sie unter ihresgleichen sind, verlassen und sich in einer fremden wiederfinden. ... Daß die Komödie im Hin und Her von Gutmeinenden, Bösmeinenden, Rassisten, Grenzgängern und Opportunisten funktioniert und daß die Häufung der Koinzidenzen, die das Ganze zusammenhalten sollen, nicht allzu schematisch daherkommen, verdankt Haggis dem scharfen Witz seiner eigenen Dialoge ebenso wie seinen Darstellern."
In diesem Film wird laut Peter Zander der Grad der Hysterie, der Wut immer höher schraubt. " Erzählt wird das konsequent mit einer Dramaturgie des zweiten Blicks, in dem sich alles relativiert ... Das ist wohl die bitterste, provozierendste Pointe, die man in diesem Film schlucken muß: daß Fremdenhaß auch zu etwas gut, ja mehr noch - daß er lebensrettend sein kann. ... In seinem ausgeklügelt komponierten Plot, in dem die einzelnen Handlungsstränge über 36 Stunden wie Zahnräder ineinandergreifen, zwingt er uns zu dieser Auseinandersetzung und zu unbequemen Einsichten. Haggis hat dafür veritable Stars wie Sandra Bullock, Ryan Philippe, Don Cheadle, Jennifer Esposito und Brandon Fraser gewonnen. Aber keiner von ihnen wird herausgestellt, alle ordnen sich in diesem wunderbaren Ensemblefilm unter."
Für Peer Schmitt zeigt der Film wie Rassismus funktioniert. "Wie viele soziologisch ambitionierte Filme der jüngeren Vergangenheit ist L.A. CRASH ein Episodenfilm, der verschiedene, nicht von vornherein durch die Konventionen eines "stringenten" Plots miteinander verbundene Individuen/Gruppen scheinbar zufällig in Ausnahmesituationen wiederholt aufeinandertreffen läßt. Genaugenommen ist die Begegnung selbst bereits die Ausnahmesituation (der "crash"). Und wie es bereits die Geschichte der modernen Literatur vorgemacht hat, scheint seit geraumer Zeit auch im Film die Fragmentierung der Handlung eine Möglichkeit zu sein, etwas von der Totalität der in Interessengruppen bzw. "Minoritäten" gespaltenen spätkapitalistischen Kontrollgesellschaft zu erfassen. Die Begegnungen müssen daher mehr sein als sie selbst, sie müssen exemplarisch sein."
Der Vorhang der Political Correctness wird für Volker Mazassek immer wieder durchstoßen. Der Regisseur "leuchtet das Thema von allen Seiten aus, wobei eine glänzende Studie in den verschiedensten Grautönen entsteht. Immer wieder verschiebt er die Perspektive ein wenig, und in dieser kreisenden Bewegung kommen neue Facetten zum Vorschein, die das Antlitz einer neurotischen Stadtgesellschaft bestimmen. ... Auch die Menschen, die der Zufall zusammenführt, erscheinen immer wieder in einem anderen Licht. Niemand ist auf ein bestimmtes Handlungsschema festgelegt. Die Leute wirken wie der Spielball von Ereignissen, auf die sie mal ratlos, mal eruptiv, vor allem aber oft überraschend reagieren. Es gehört zu den Vorzügen des Films, dass er den Zuschauer immer wieder in die Falle der eigenen Urteile und Zuschreibungen tappen lässt."
Jörg Taszman spricht mit Regisseur Paul Haggis über seinen Debütfilm.
Alles ist anders als es sowohl das rassistische als auch das antirassistische Klischee will, schreibt Diedrich Diedrichsen. Der Regisseur will keine Stimmung machen, "die verschlungene, oft mit SHORT CUTS oder MAGNOLIA verglichene Erzählung baut als Gegenkategorie zu den Verdächtigungen der Rassisten und Rassismusbekämpfer das Wunder auf. Jenseits der vergifteten Diskurse nimmt menschenfreundliches oder nahe liegendes Verhalten den Ausnahmecharakter des Wunders an - ihm entspricht das filmisch-spektakuläre Mittel der Verblüffung. ... Was dem Film schadet und das gut gearbeitete Drehbuch unterminiert, ist die heilige Kamera, die den Ausdruck God's Eye wörtlich zu nehmen scheint - immer wieder schaut sie von oben und nach oben -, und vor allem Mark Ishams Musik."
Philipp Bühler hat ein berührendes Drama über den Rassismus gesehen. "Manchmal scheint der Film alle Fragen zum Thema Rassismus auf einmal beantworten zu wollen: woher er kommt; wo er hinführt, wie man ihn überwindet und warum das unter Umständen nichts mehr nützt. Aber, und das ist die Stärke des Films, am Ende bleibt doch vor allem Ratlosigkeit. ... Hier geht es eben nicht nebenbei um Rassismus. Es geht immer um Rassismus und um nichts anderes. Der Zwang jeder Episode und jeder Figur, bei aller Knappheit über sich hinauszuweisen, führt dann schon mal zu solchen Kitschgewittern wie jenem "reinigenden" Schneesturm, der deutlich an den berüchtigten Froschregen aus MAGNOLIA erinnert."
Als bewegenden Großstadtfilm bezeichnet Julian Hanich L.A. CRASH. "Auch dieser Los-Angeles-Film geht episodisch vor und verflicht die Erzählstränge miteinander. Diese demokratische Form des Erzählens - kein Einzelner wird herausgehoben, ins Bild rückt eine Gruppe - passt zum Schauplatz. Wie anders lässt sich von einer so heterogenen, sich in zahllosen Suburbias verlierenden Stadt wie Los Angeles erzählen, von dieser sonnig-düsteren Megalopolis, die nur durch ein Fadengewirr von Stadtautobahnen zusammengehalten wird? L.A. CRASH ist ein Film über Rassismus und Klassengegensätze - und zugleich eine Studie über Vereinsamung. Es ist die von Ressentiments geschürte Distanz, die die Einsamkeit von Haggis' Protagonisten provoziert."
Das Autorenkino mit seinen episodisch verschachtelten Erzählungen, seiner unheilschwangere Atmosphäre und dazu viele Stars, die ein Ensemble von gesellschaftlichen Stellvertretern bilden ist zurück, schreibt Michael Kohler. Für den Regisseur "ist Los Angeles eine Metapher des im Hollywood-Kino und in der amerikanischen Gesellschaft ausgeblendeten Teils der Wirklichkeit. Nicht von ungefähr beginnt sein Film mit einer bewusst gewählten Unschärfe. Man ist solange daran gewöhnt, die Umgebung von Hollywood als erweiterte Kulisse der Traumfabrik zu sehen, dass die Realität der Stadt ins Unwirkliche verschwimmt. Allerdings bringt Haggis' Schärfenregulierung nur eine eigene Spielart von Klischees hervor."
Als echtes Kinoerlebnis schätzt Margret Köhler diesen Film. Der Regisseur "mischt persönliche Erfahrungen, Ängste und Beobachtungen und garniert das Ganze mit einer Prise Klassen- und Rassenkampf, spricht schmerzhafte Wirklichkeiten an, die jeder gerne verdrängt. L.A. CRASH ist beileibe kein trocknes moralisches Elaborat, sondern eine witzige, traurige und zu Herzen gehende Tragikomödie, in der sich jeder wiederfinden kann - als Täter, Opfer oder beides, manchmal scheinen die Grenzen zwischen Gut und Böse marginal, fast eine Frage der Perspektive. In der Nahkampfzone Los Angeles kriegen sie alle ihre Blessuren ab."
Henning Kober hat mit L.A. CRASH einen großen Film über eine ausufernde Stadt gesehen. "Weiße, Schwarze, Latinos, Koreaner, Iraner, Cops und Kriminelle, Arme und Reiche, Mächtige und Machtlose sind seine Charaktere. Die Episoden verknüpfen sich manchmal laut (zwei Autos knallen ineinander), meist aber leise zu einem großen Ganzen. Schnell wird klar, alle sind Opfer und Täter ihrer Bilder. Bilder, die sie sich vom Gegenüber wegen dessen Herkunft machen. ... Haggis zeigt, unter dem Druck, den eine Stadt wie Los Angelese erzeugt, wachsen nur wenige über ihre Bilder hinaus. Diesem Film aber gelingt es."