| Regie | Robert Rodriguez |
| Quentin Tarantino | |
| Frank Miller | |
| Kinostart | 11.08.2005 |
Willkommen in Sin City! Der Stadt der Hartgesottenen, der Korrupten, der gebrochenen Herzen. Manche nennen diese Stadt düster.Dann gibt es andere, die sie ihr Zuhause nennen. Korrupte Cops. Sexy Huren. Verzweifelte Spitzel. Die einen suchen Rache. Die anderen dürsten nach Erlösung. Und dann gibt es noch solche,die ein bisschen von beidem haben wollen. Ein Universum voller unwahrscheinlicher und zögerlicher Helden, die immer noch das Richtige tun wollen - in einer Stadt, in der die Grenzen zwischen gut und böse verschwinden...
Rüdiger Sturm spricht mit Mickey Rourke über die Gründe für sein Karrieretief, sein zwiespältiges Verhältnis zu Hollywood und die Undurchschaubarkeit Gottes.
SIN CITY ist keine Comicverfilmung, sondern die Fortsetzung des Comics mit anderen Mitteln, schreibt Sebastian Handke. "Es sind blutdurstige Rachestücke aus Terror, Sehnsucht, Wahnsinn und Humor, dargeboten in einem eleganten visuellen Stil - mit einigen Farbtupfern, vorzugsweise Dunkelrot. Das Ergebnis: ein ausgelassenes Schlachtfest, pulp fiction in der schwärzesten Form. Doch, anders als Tarantinos zynisches Zitatkino, bleibt SIN CITY eine schlichte, tiefromantische Moritat, der die Todessehnsucht ihrer einsamen Helden aus allen Bildern tropft. Manchmal blutrot. Meist aber weiß wie Schnee."
Mariam Schaghaghi spricht mit Filmstar Mickey Rourke über Monster, Masken und seine Rolle als Marv.
Tobias Kniebe spricht mit Amerikas einflussreichster Comiczeichner Frank Miller über Hollywood, Hinterhöfe und die Verfilmung seines Schlüsselwerks SIN CITY.
Für Fritz Göttler zieht der Film los von Anfang an, er hat die Dynamik eines Expresszugs. Was die Geschichte angeht, die er erzählt, die Inszenierung, die Entstehung. "Keine Chance, irgendwann abzuspringen bei dieser Expresszugdynamik. Wenn man Frank Miller verfilmt, den King der modernen urbanen Comics, gibt es kein Entweder-Oder. Es bleibt einem nichts, als sein Ding so auf die Leinwand zu bringen, wie es auf dem Papier vorgezeichnet ist. Die volle Härte, schwarzweiß (mit ein paar monochrom flackernden Farbmomenten), in brutalen, die Zeit zerfetzenden Einstellungen. Morituri total, eine grandiose Mischung aus Sadismus und Masochismus, dazu Spuren der Perversion, von Kannibalismus bis Pädophilie."
Im Vergleich zu SIN CITY sehen alle Comic-Verfilmungen plötzlich nach Kindergeburtstag aus, findet Volker Mazassek. "Wie die meisten genialen Ideen ist auch Robert Rodriguez' Grundüberlegung denkbar einfach. Er nimmt die Comic-Ästhetik mit ihren Farben, ihrem Tempo, ihren Überzeichnungen ernst und übersetzt sie in bewegte Bilder. [ ] Der Film ist ein Schauspiel aus Licht und Schatten, scharfen Konturen, stolpernden, schnellen Rhythmen - und ausgeklügelten Farbwertigkeiten. Farbe wirkt hier wie eine scharfe Waffe oder ein süßes Gift, je nachdem. Auf der inhaltlichen Ebene findet die Optik ihre Entsprechung in den tiefen Emotionen, die den Figuren eigen sind. Miller hat die starke emotionale Prägung des Film Noir in seinen Geschichten auf die Spitze getrieben. Gewalt, Niedertracht und sexuelle Begierde sind der Motor der Stadt ohne Gnade, aber auch Einsamkeit, Verlorenheit und Sehnsucht."
Andreas Platthaus prophezeit, daß es in diesem Jahr keinen anderen Film in den deutschen Kinos geben wird, der in der Drastik der Darstellung weiter geht. "Dieses Kino nimmt seine Stoffe aus den Groschenheften, den B-Movies, den Comics, aus allen populären Quellen, die man sich denken kann, und es erzählt diese Geschichten auf eine so ausgefuchste Weise, daß nur ignorante oder bösartige Betrachter die Virtuosität der Regisseure übersehen können oder wollen. ... Manche Szenen sind quasi eins zu eins aus den Heften übernommen, bis hin zur Mimik. Wo Miller auf Hintergründe verzichtet, tut es auch der Film, was seine Helden sprechen, sagen nun die Schauspieler, und der aus dem film noir entlehnte Off-Kommentar durch die Protagonisten paßt dabei perfekt. Es wird nichts, aber auch keine Linie hinzuerfunden in SIN CITY, und dennoch wirkt der Film wie aus einem Guß. Besser kann man Comics nicht verfilmen."
Als Albtraum im Retrodesign bezeichnet Harald Jähner den Film. "Das Besondere an SIN CITY liegt nicht in diesen schon hundertfach variierten Geschichten. Eindrucksvoll ist vielmehr die Technik: Erstmals wurde hier ein Comic vorlagengetreu Bild für Bild umgesetzt. Die Schauspieler agierten vor einem green screen, einem neutralen Hintergrund, in den die Stadträume und Spelunkenwände später digital eingezeichnet wurden. Mit Frank Millers Hilfe, der hier als Co-Regisseur arbeitete, wurde der harte Zeichenstil in das bewegte Medium übernommen. So entsteht ein Mix aus filmisch-naturalistischen und wie mit Tusche und Stift gezeichneten Bildelementen."
Andreas Busche hat schlechte Manieren und die Neigung zum Sadismus in dieser etwas humorlosen und sklavischen Verfilmung ausgemacht. "SIN CITY ist Rodriguez' Verbeugung vor zwei Genres, in denen Mann noch Mann sein konnte: dem Film Noir der Vierzigerjahre, in dem die Geschlechterrollen so klar verteilt waren wie danach nie wieder, und so genannten "Postwar Pulps", speziell auf eine männliche Leserschaft zugeschnittene "Abenteuer"-Romane. ... Doch Rodriguez Obsession, Millers Vorlage bis ins kleinste Detail gerecht zu werden, schnürt SIN CITY spätestens ab der Hälfte die Luft ab. Die notorische Humorlosigkeit dieses Pulp-Universums (es ist vor allem das kehlige Lachen des Folterknechts, das aus SIN CITY zu vernehmen ist) kann keinen Lustgewinn verschaffen. Mag das Genre Comicverfilmung mit SIN CITY auch zu seltener formaler Reife gefunden haben, so droht die Form mit dem Inhalt auch schon wieder zu regredieren."
Für Hanns-Georg Rodek ist SIN CITY ein aufregendes Gemeinschaftswerk. Der Film steht für "die komplette Dominanz von Stil über Substanz, die Weiterentwicklung der Filmsprache mit rein technischen Mitteln sowie die Verabreichung von Gewalt als Genußmittel. In diesen drei Disziplinen jedoch setzt SIN CITY Meilensteine. ... Gewalt in Comics ist durch die Abstraktion der Zeichnung stets gemildert worden, aber dieses Hybrid aus Comic, Animation und Realhandlung verwischt alle Grenzen. SIN CITY funktioniert anders als TOM UND JERRY, ist ein Körper einmal zerfetzt, bleibt er in Fetzen. So werden die Schrauben von Zynismus, Nihilismus und öffentlicher Brutalität weiter angezogen. Nicht nur um eine Drehung. Um mehrere."
Holger Kreitling schreibt einiges über den Comic von Frank Miller.
Frank Geissler ist begeistert: "SIN CITY zeigt in Vollendung, was die Technik zu bieten hat. Rodriguez und Miller ließen ihre Akteure vor 'Green Screens' agieren und die düster-dreckige Großstadtkulisse erst hinterher am Computer entstehen. Das Ergebnis ist überwältigend, denn zum ersten Mal wirkt eine Comicverfilmung tatsächlich so, als seien die einzelnen Bilder des Comics zu einem zweistündigen Daumenkino zusammengebastelt und dann auf Leinwandgröße aufgeblasen worden. ... Die blutrünstige Story mit (ganz) leisem melancholischen Unterton, die auf drei von Millers Geschichten basiert, muss man nicht lieben. Aber der Look des Films, die vom Wetter gegerbten und vom Leben gezeichneten Stargesichter vor prasselnden und wie hingepinselt wirkenden Regenmassen - all das brennt sich unauslöschlich in die Netzhaut ein."
Jenni Zylka schreibt einiges über die Hintergründe zu dem Film.
Andreas Borcholte ist überaus angetan: den Regisseuren ist die perfekte Comicverfilmung gelungen - und eine digitale Hommage an den Film noir. SIN CITY ist "in seiner episodischen Struktur, seiner bis ins Absurde stilisierten Gewalt und seinem haarsträubendem Humor 'Pulp Fiction' in Vollendung - ein grandioses Stilexperiment von Cineasten für Cineasten. Alles, ob Action, Horror oder Gewalt, hat hier nur einen einzigen Zweck: sich selbst zu zelebrieren. Echter Schmerz, spürbares Leid finden sich nur in jenen vereinzelten Farbtupfern wieder: Manchmal dürfen die harten Kerle auch rotes Blut vergießen. Kein Subtext und keine Moral verbergen sich unter dieser ebenso brillanten wie oberflächlichen Inszenierung. Alles ist eins zu eins an SIN CITY, die Botschaft ist das Bild."
Einen Jahrmarkt der Perversionen, absurd, ultrabrutal - und wunderschön hat Ralf Sander in diesem visuellen Meisterwerk mit Starbesetzung ausgemacht. "Die kompromisslose Treue des Regieduos zu den Comics beschert dem Zuschauer außerdem heftigste Gewaltdarstellungen, die jedem Splatter-Film zur Ehre gereichen würden. Wirklich alles, was an Männerkörpern abgetrennt werden kann, verliert in SIN CITY früher oder später den Anschluss. Bei den Gewaltexzessen wird allerdings maßlos übertrieben, und die allgegenwärtige Künstlichkeit des Films nimmt diesen Szenen viel von ihrem Schrecken. Wer sich darauf einlässt, den erwartet ein wildes Kinoerlebnis."
Andreas Renner spricht mit dem Autor und Zeichner Frank Miller über die originalgetreue Verfilmung seiner "Sin City"-Bücher, Gewalt- und Lustphantasien und seine Jugend als Außenseiter.
Die Verfilmung des Comics ist so nostalgisch wie visionär, meint Adriano Sack. SIN CITY ist "ein ästhetisches Experiment, eine sadistische Schwelgerei, ein Triumph des Künstlers Frank Miller, der nicht nur die Vorlage erfand und zeichnete, sondern neben Robert Rodriguez als Co-Regisseur wirkte. ... Der Film wurde in Robert Rodriguez' Studio im texanischen Austin gedreht, die düsteren, kontrastreichen Bilder digital komponiert, einige Sequenzen sind nur noch animierte Schattenrisse. So verschmelzen die Genres klassischer Thriller, blutrünstiger Splatter und Autorenkino."
Marcus Rothe spricht mit Mickey Rourke über sein Comeback.
Frank Mehring sieht viele Anklänge an den klassischen film noir. Außerdem erhält der Regisseur erstmals "vollkommene Kontrolle über sein Kunstwerk - ein Vorrecht, das bis dato nur Malern und Schriftstellern vorbehalten war. ... Ein postmoderner Mix aus Straßenkreuzern der 1950er-Jahre und zeitgenössischen Mercedes oder Ferraris, aus Femmes fatales der klassischen Tonfilm-Ära und fetischistischen Dominas der britischen Punkszene, aus Samurai-Schwertern und hochmodernen Handfeuerwaffen kennzeichnen das Filmgebilde als Rhapsodie der entfesselten Fantasie. So entsteht mit Mitteln der digitalen Videoproduktion ein großer Kinofilm, der die Grenzen zwischen Pulp, Pop und Pop Art verwischt. Das Ergebnis zeugt von Mut, Eigenständigkeit und dem Willen, Erzählstrukturen jenseits der Konventionen auszutesten. Mit seiner Transferleistung vom Comic zum Film avanciert Rodriguez quasi zum Roy Lichtenstein der Filmkunst."
Als ein visuelles Meisterwerk mit vielen Stars betitelt Margret Köhler SIN CITY. "Die Balladen aus dem düsteren Herz der Stadt sind fantastisch anzusehen, ein visuelles Meisterwerk. Die Brutalität wirkt in schwarz-weiß weniger exzessiv, nur manchmal lockern grelle Farbtupfer die Optik auf. Blutrote Lippen, blutrote Kleider knallen ins Auge des Betrachters - Kunstgewerbe auf hohem Niveau. Man mag viel herumreden von großer amerikanischer Popkultur-Tradition der Pulp-Geschichten und die Werte des "Film Noir" beschwören. Das alles trifft nur in Maßen zu. SIN CITY ist ein Ort extremer Kontraste, bewohnt von Unverbesserlichen, Unberechenbaren und Unersättlichen. Die Figuren bleiben comic-ähnlich und ohne Tiefe. Wer sich an stilisierter Ästhetik erfreuen mag, ist hier gut aufgehoben."
Andreas Borcholte hat der Film in eine schwarzweiße Welt voller Gewalt und moralischer Abgründe geführt. Mickey Rourke feiert ein grandioses Comeback. "In SIN CITY fließt so absurd viel Blut, dass man sich am Ende nicht mehr wundert, dass die Figuren ganze Kugelsalven wegstecken können, bevor sie überhaupt nur eine Grimasse ziehen. Abgerissene Gliedmaßen, sprechende Leichen, durchbohrte Köpfe und Straßennutten, die wie Amazonen über ihr Revier wachen, gehören zur Ausstattung des Comics, das Robert Rodriguez nun auf die Kinoleinwand gebannt hat. ... Das Resultat ist so nah am Original wie bisher keine Comicverfilmung zuvor und erschafft eine gänzlich neue Visualität: In seine gestochen scharfe Schwarzweiß-Welt tupft Rodriguez immer wieder kleine Farbakzente. ... Aber so faszinierend und aufreizend die visuelle Wucht dieses Films auch sein mag, am Ende hat man lediglich das Gefühl, eine besonders große (aber auch eine teuflisch leckere) Portion Popcorn verdrückt zu haben."
Suzan Vahabzadeh fragt sich, warum in diesem Cannes-Jahrgang die Grenze zwischen Mensch und Monster so leicht überschritten wird. "Das ist auf jeden Fall sehr kunstvoll gemacht, und die Bilder bleiben in der Erinnerung noch graphischer haften, als sie tatsächlich gewesen sind. Elijah Wood als irrer Prostituiertenkannibale und Bruce Willis als Schlächter im Namen der Gerechtigkeit, eine von Tarantino als Gast inszenierte Sequenz mit Benicio Del Toro als gesprächiger Leiche sind tatsächlich so absurd, als dass die Szenen als Alptraummaterial taugen könnten - vorausgesetzt, man hat ein ausreichend abgehärtetes Hirn."
Wie in einem kapitalen Drogenrausch fühlte sich Bernd Teichmann. "Handwerklich und ästhetisch ohne Zweifel die brillanteste, innovativste Comic-Adaption, die bisher im Kino zu sehen war, taucht der Film hinab in die düsteren Schluchten von Basin City, einer schwarzweißen, verregneten Hölle, bevölkert von kannibalistischen Psychopathen, korrupten Polizisten, pädophilen Politikersöhnen, schießwütigen Latex-Nutten und hartgesottenen Kerlen, die auch die dichtesten Bleikugel-Hagelstürme überleben. ... Die eigene Phantasie hatte jedenfalls 123 Minuten keine Chance, was ein akutes Schädel-Vakuum zur Folge hatte. Menschen ohne Comic-Affinität könnten das Ganze auch albern nennen."
Daniel Kothenschulte ist skeptisch, ob dieser Film Cannes-Kunstweihen verdient. "Bruce Willis spielt den einen guten Polizisten in einem Neo-Noir-Ambiente, dem die Tonspur pausenloses Sinnieren über eine schlecht erfundene Welt abverlangt. Dabei sind immerhin echte Wahrheiten, wie die Beobachtung, moderne Autos sähen aus wie Elektrorasierer. Was für ein toller Bogart könnte der so würdig vergammelnde Willis heute sein, aber nicht nur SIN CITY ist eine verkehrte Welt ... Immerhin hat SIN CITY ein schönes Design in hartem Schwarzweiß, hergestellt auf hochauflösendem Video. Das Blut wurde extra koloriert."