| Regie | Lars Kraume |
| Kinostart | 27.10.2005 |
Jan Wigger spricht mit dem Schauspieler Jürgen Vogel über das Risiko, einen ganzen Film zu improvisieren und sein Lampenfieber auf der Bühne.
Andreas Kurtz und Elmar Schütze waren bei der Premiere des Films im Berliner International.
Der Film hat Carmen Böker mit seinen ungeschliffenen, schier endlosen Diskussionen durchaus gequält, aber gerade deshalb auch so sehr berührt: Weil sie dem Leben abgelauscht sind. "Lars Kraume hat seine Versuchsanordnung um die drei glücklich risikofreudigen Hauptdarsteller Florian Lukas, Jürgen Vogel und Heike Makatsch herum gruppiert - es gab ein Drehbuch, aber es fand keine Anwendung. Stattdessen wurde drei Wochen lang improvisiert, bis 150 Stunden Material gedreht waren und ein Film sich sozusagen selbst geschrieben hatte. Rund 100 Minuten sind davon nach sieben Monaten Schnitt übrig geblieben: ein Destillat, das rau und traurig wirkt und zugleich so tröstlich vertraut ist wie eine Flasche Bier - das ist manchmal ja das Allerletzte, woran man sich noch festhalten kann in der Nacht."
Das Risiko des Regisseurs hat sich für Volker Mazassek gelohnt. "Spannend ist dieses Tourtape mit Liebeseinlage, weil die drei Schauspieler durch den Zwang zur Improvisation sehr präsent sind. Und weil sie dramaturgische und schauspielerische Tricks weglassen. Die Akteure wirken in ihrem Spiel so normal, dass man meint, zufällig den Ehestreit in der Nachbarwohnung mitzubekommen. Eine Erzählform, die schweren Eindruck macht."
Daniel Kothenschulte setzt sich mit dem deutschen Liebesfilm auseinander. Der Film kann für sich einnehmen, "wohl weil er nicht das letzte Exponat des Lebensgefühls der 1980er Jahre ist, sondern einer aktuellen, indes gar nicht unähnlichen Suche nach Gemüt- und Innerlichkeit. Keine Lieder ohne Liebe ist der Film zum neuen deutschen Popwunder. ... Pseudodokumentationen, zumal aus dem Popmilieu, gehen fast immer schief: Das Spontane wirkt gestellt, das Inszenierte aufgesetzt. Hier geht alles wunderbar zusammen, was nicht nur daran liegt, das mit der Filmband eine echte Tour veranstaltet wurde. Das Geheimnis dieses Films liegt darin, dass die so wortreich diskutierte Dreiecksgeschichte, in der jedes verzweifelte Argument zu hören ist, dass dabei üblicherweise nächtelang ausgetauscht wird, so gut harmoniert mit den Themen der gegenwärtigen deutschen Popmusik."
Für Christian Schröder wirkt alles sehr real. "Hier geht es um keine Magical Mystery Tour wie einst bei den Beatles, hier wird durch die wirkliche Welt getingelt. Wenn die Musiker im Bus dem nächsten Auftritt entgegenfahren, dann schwenkt die Handkamera immer wieder von ihren Köpfen auf herbstlich kahle Provinzlandschaften, die an den regennassen Fenstern vorbeifliegen: Da muss durch, wer in den Pop-Olymp möchte. ... KEINE LIEDER üBER LIEBE entstand ohne Drehbuch, die Darsteller sind drei Wochen lang miteinander unterwegs gewesen und haben ihre Rollen improvisiert. So wird von Anfang an viel geredet in diesem Film, die Protagonisten streiten miteinander, versöhnen sich und streiten dann wieder. Die Künstlichkeit, die dem Experiment dabei anfangs anhaftet, verliert sich schnell, bald glaubt man, reale Figuren vor sich zu haben."
1000-prozentig geglückt ist der Film laut Jenni Zylka. "KEINE LIEDER üBER LIEBE zeigt endlich mal, wie gut Schauspieler/innen sein können, wenn sie nicht nur Texte aufsagen müssen. Jürgen Vogel und Florian Lukas als Brüder Hansen und Heike Makatsch als Lukas' Freundin und Vogels Geliebte sind authentischer, als man sie je sah. Sie reden normal, sie streiten normal, sie saufen normal, sie benehmen sich so, wie sich Menschen benehmen und nicht Figuren. ... Regisseur Lars Kraume ist konsequent im dogmaesken Doku-Stil geblieben, bricht fast nie aus der pseudowahren Handlung aus, sondern lässt seine drei Protagonisten/innen ihre Geschichten ohne Drehbuch selber spinnen."
Durch die Hintertür wird der Film für Ulrich Kriest spannend. "Der Film hält zwar seinen durch die DigiCam authentifizierten dokumentarischen Gestus bei, doch erzählerisch hat die Kamera längst den Status eines auktorialen Erzählers erlangt, der genau weiß, was wann wo passiert, immer rechtzeitig vor Ort ist und manchmal auch die entscheidende Sekunde länger verweilt, weil eine vielsagende Nahaufnahme dabei herausspringt. Damit gibt der Film vor, entschieden mutiger zu sein, als er in Wirklichkeit ist. ... Was den prinzipiell sympathischen und frischen Film allerdings etwas beschädigt, ist sein kommerzielles Kalkül im Blick auf seine Zielgruppe."
Das Experiment ist für Margret Köhler gelungen. "In größtenteils improvisierten Szenen und spontanen Dialogen entstand dieses Drama, in dessen Verlauf der schwelende Konflikt ausbricht, es zu heftigen Auseinandersetzungen und heißen Diskussonen über Liebe, Treue und Betrug kommt. Existenzielle Fragen werden nicht einfach abgehandelt, sondern mit Herzblut und bis zur Selbstzerstörung debattiert. Kraume und Jürgen Vogel, der sich als Produzent "mit allem Drum und Dran" beteiligte, entwickelten das Projekt, inklusive der Gründung einer Band mit Mitgliedern der deutschen Bands Tomte und Kettcar. ... Zwar muss man sich an die bewegte Kamera, manchmal lose Gesprächsfragmente und neue Erzählform gewöhnen - aber die in nur vier Wochen gedrehte Geschichte übt Sogwirkung aus, trotz langer Busfahrten, Herumsitzen in verrauchten Backstage-Räumen, Übernachtungen in Billighotels und einem etwas herausgezogenen Ende."
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Ein klassisches Beziehungsdrama hat Helene Hecke gesehen. "Alle drei Protagonisten spielen großartig. Die Dialoge sind weitgehend improvisiert, Heike Makatsch weinte wirklich. Es geht einem nahe, was da passiert und ist nervenzerfetzend anstrengend. Wie im wirklichen Leben?! Jede ernstzunehmende Band hätte die nervige Hyäne mit ihrem Befindlichkeitsgenöle und ihren vielen Koffern sofort aus dem Bus geworfen. Für so etwas ist kein Platz. Für eine Filmcrew in der Regel auch nicht. Regisseur Lars Kraume verpaßte der Geschichte einen dokumentarischen Stil. Das funktioniert bei den tatsächlich dokumentarischen Parts wunderbar."
Zwei Brüder, ein Mädchen - eine alte Geschichte in einer sehenswerten neuen Erzählvariante, für die Jürgen Vogel mit Musikern von Tomte und Kettcar die "Hansen Band" gründete und auch tatsächlich auf Tour ging. Regisseur Lars Kraume schuf mit KEINE LIEDER ÜBER LIEBE einen improvisierten, quasi-dokumentarischen Film voller Schmerz und Komik.
Als Gruppentherapie am Rande des Wahnsinns bezeichnet Lars von Törne den Film. KEINE LIEDER ÜBER LIEBE "ist ein schneller, harter, halbdokumentarischer Spielfilm, bei dem die Grenzen zwischen Fiktion und Realität schon beim Drehen verschwommen sind ... Regisseur Lars Kraume habe seine drei Protagonisten aufeinander losgelassen mit der Maßgabe, die grob angedachte Geschichte in vier Wochen selbst zu entwickeln. Da es um eine Dreiecksbeziehung geht, habe sich im Team eine Dynamik 'wie in einer Psychotherapie' entwickelt."