| Regie | Niko von Glasow |
| Kinostart | 10.11.2005 |
Endlich ist der Film angelaufen, freut sich Dr. Seltsam. EDELWEISSPIRATEN ist "so wertvoll wie erfrischend. Die Frage, ob man Widerstand leisten will, ist hier kein Gegenstand langer Selbstbefragungen, sondern erscheint als einfache logische Konsequenz der proletarischen Lebensumstände."
Einen Dogmafilm über das Dritte Reich sah Philipp Bühler. "Die erzählte Geschichte ist nicht nur wahr, sie ist auch spannend und wird von Regisseur Niko von Glasow mit fiebriger Energie in Szene gesetzt. Die allgegenwärtige Verrohung, der Geist der Revolte und der kalte Atem der Macht verbinden sich zu blankem Hass. Einige schöne Schauspielleistungen sind zu bewundern. Und einen Dogmafilm über das "Dritte Reich", das hat es tatsächlich noch nie gegeben. Aber die nervöse Kamera, die uns so unmittelbar teilnehmen lässt, hat doch einen entscheidenden Nachteil: Kein Bild bleibt. Nur an den extra langen Folterszenen scheint sie wirklich Gefallen zu finden. Von Glasow will keine Helden produzieren, und schafft damit am Ende nur weitere Opfer."
Kerstin Decker weiß nicht so richtig, was sie von dem Film halten soll. "Der Film EDELWEISSPIRATEN hat eine Kameraführung, die auf akuten Schüttelfrost des Handkameramanns schließen lässt oder schwere Trunkenheit. Das ist ästhetisch oft nicht ganz reizlos, aber nie so gut in der Geschichte motiviert wie bei guten Wackelkamerafilmen. Es gibt denn auch eine mehr statische Erklärung dieser Eigenart: Niko von Glasow findet, dass die meisten Filme, die von der NS-Zeit handeln, deren Ästhetik verfallen. Um das auszuschließen, hat sich Glasow auch noch am deutschen Expressionismus orientiert und mit dessen Schreifarben seinen Film coloriert. Am Ende weiß man ein ganzes, wichtiges Stück mehr über deutsche Geschichte, nur nicht so richtig, was man von diesem Film halten soll."
Für Daniel Kothenschulte sucht der Film sein Heil in der Beschränkung. "Bei jedem absichtsvollen Wackeln wird uns die anachronistische Vorstellung suggeriert, jemand sei mit der Kamera dabei gewesen, doch Beteiligung stellt sich nicht ein. Auch fällt wenig Licht ins Dunkel der Geschichte, die frei aus den Erinnerungen von Überlebenden der Kölner Jugendgang destilliert wurde. ... Zweimal wurde der überwiegend mit russischen Schauspielern besetzte Film synchronisiert, die kölsche Fassung wurde durch eine hochdeutsche ersetzt. Ein Gefühl für das Milieu der Arbeiterjugend stellt sich so zu keinem Zeitpunkt ein. Man möchte die Rohheit des Films gern goutieren und kann doch der Künstlichkeit niemals entgehen, die gerade durch die ausgestellte Technizität von Kamera und Effektton noch betont wird."
Für Stefan Reinecke korrigiert der Film der Kölner Jugendlichen. "Er zeigt den Widerstand von unten, roh, spontan, kaum organisiert. In den Film führt die Off-Stimme von Jean Jülich, 76 Jahre alt und damals Mitglied der Edelweißpiraten. Die Hauptfigur Karl (Iwan Stebunov) ist sein Alter Ego. So wird der semidokumentarische Grundton von EDELWEISSPIRATEN angestimmt. Manche Figuren sind halb erfunden. Das meiste, zum Beispiel die öffentliche Hinrichtung von 13 Edelweißpiraten im November 1944, ist verbürgt."
Achim Fehrenbach hat den Regisseur interviewt.
Philipp Bühler fragt sich, wer die Edelweißpiraten eigentlich waren. "Dass es diesen Widerstand gab, dürfte viele überraschen. Die Edelweißpiraten wurden lange Zeit totgeschwiegen. Der erschütternde und dank einer Art Dogma-Ästhetik extrem authentisch wirkende Film will ihnen ein Denkmal setzen. Aber eine entscheidende Antwort bleibt Regisseur Niko von Glasow schuldig: Wer oder was waren die Edelweißpiraten eigentlich? ... Was bleibt, ist eine weitere Geschichte von Opfern. Mit extra langen Folterszenen. Aber ohne historischen Kontext. Zur Erinnerung an eine Gruppe, über die die Deutschen kaum etwas wissen, ist das zu wenig."
Georg Bönisch beschäftigt sich mit den jugendlichen Nazi-Gegner ohne politisches Programm, die vielfach als Kriminelle diskriminiert wurden.
Einen Film zur rechten Zeit sah Ulrich Kriest. "EDELWEISSPIRATEN sammelt mäandernd Episoden vom Überleben unter den Bedingungen des Nazi-Terrors und des alliierten Bombenkriegs, erzählt aber auch vom Abenteuerlichen, das aus dem allmählichen Zusammenbruch des Staates resultiert. ... Mit pointiertem Einsatz der Handkamera, Schwenks und Zooms und einer rasanten Montage verdoppelt der Film nicht nur die Unübersichtlichkeit des Geschehens, sondern auch den Bewusstseinstand seiner Protagonisten. ... Dass von Glasow jeden Anflug von Heroismus und Todeskult zugunsten eines eher instinktiven Handelns zum Zwecke des puren Überlebens vermeidet, ist noch das Geringste, was ihm zu danken ist."
Infos, Links und Kommentare bei filmz.de.
Harald Jähner schreibt über die Jugendbanden gegen Hitler und freut sich über die späte Ehrung für die Edelweißpiraten in Köln.
Peter Nowak spricht mit Regisseur Niko von Glasow über die Widerstandsgruppe "Edelweiß-Piraten" und seinen Film.
Für Stefan Ernsting ist der Film eine Urlaubreise wert. "Der Film hat ungeheure Wucht. Nichts wird ausgeblendet. Schonungslos, ohne technische Mätzchen oder romantisierende Elemente, erzählt von Glasow die Geschichte und vermittelt einen verstörenden Einblick in den Alltag der Nazidiktatur. Unruhige DV-Kamerabilder packen den Zuschauer am Kragen und lassen ihn nicht so schnell wieder los. Überlebende Edelweißpiraten betonen den Realismus des Films, der auf Erinnerungen des 75jährigen Jean Jülich basiert, der auch als Erzähler fungiert."