| Regie | Dani Levy |
| Kinostart | 06.01.2005 |
Dem schlitzohrigen Zocker Jaeckie Zucker steht das Wasser bis zum Hals - seine Frau droht ihm mit der Scheidung, der Gerichtsvollzieher mit dem Knast. Letzte Hoffnung des Ex-DDR-Sportreporters: das Erbe seiner Mutter. Doch die verlangt in ihrem Testament, dass Jaeckie sich mit seinem Bruder Samuel versöhnt, einem orthodoxen Juden. Welten prallen aufeinander, als Samuel mit seinem ganzen Familienclan in Jaeckies chaotischem Haushalt anrückt - doch die beiden verfeindeten Sturköpfe haben keine Wahl: Sie müssen sich zusammenraufen...
Der Schauspieler Henry Hübchen, Hauptdarsteller in ALLES AUF ZUCKER, bekommt den Adolf Grimme-Preis. Gunnar Decker porträtiert den Schauspieler.
Alan Posener ist enttäuscht: "Man kann sich vorstellen, daß Hollywood aus dem Stoff einen hinreißenden Streifen gemacht hätte. Levy verschenkt ihn. Statt einen Mann zu porträtieren, dessen verdrängte Identität ihn einholt, veranstaltet er Klamauk. ... Bei soviel öffentlich-rechtlicher Anteilnahme gerät der Film ungefähr so frech wie die Woche der Brüderlichkeit, aber weniger komisch. Weil der Film vor lauter Zeigefinger-Angst die eigentlichen Probleme im Zusammenleben von Juden und Ariern verdrängt, verschaffen sie sich anderswo Luft."
Elmar Schütze schreibt über das erste gute Wochenende für ALLES AUF ZUCKER: Rund 75 000 Besucher wurden gezählt, jede der 67 Kopien, die deutschlandweit ausgegeben wurden, sahen durchschnittlich mehr als tausend Besucher.
Hanns-Georg Rodek führt ein Interview mit Paul Spiegel. Er findet es gut, daß Deutsche und Juden wieder miteinander lachen können.
Für Philip Bühler ist ALLES AUF ZUCKER "ein Film, der das jüdische Thema mit leichter Hand serviert und tatsächliche Probleme deutscher Juden in Deutschland außen vor bleiben lässt. ... Die wahre Show aber bieten Henry Hübchen, bekanntlich der schönste Junge vom Prenzlauer Berg, und Hannelore Elsner, die sich durch diesen Film berlinert, als hätte sie nie etwas anderes getan. Hin und her geht es zwischen Synagoge und Poolturnier, mittenmang durch alle Klischees, sei es nun Berliner Schlitzohrigkeit oder jüdisch-orthodoxe Frömmelei. Als Fundament dient eine solide Ost-West-Geschichte. Von Holocaust und Antisemitismus praktisch keine Rede. Diese Missachtung politdiskursiver Standards ist natürlich Konzept. Leicht sieht es aus, doch um hier das richtige Augenmaß zu wahren, braucht es Dani Levy."
Andreas Kurtz berichtet vorab von der kleinen Premiere in Berlin.
Bert Rebhandl sagt es eindeutig. ALLES AUF ZUCKER ist ein interessanter Kompromiss, aber keine gute Komödie. "Es ist die Figur von Jaeckie Zucker selbst, die das Gleichgewicht halbwegs wieder herstellt. Henry Hübchen spielt mit jener Widerspenstigkeit, die ihn aus der Schachbrettlogik des Films heraushebt. Er wirft immer wieder alles um und wirkt keineswegs antisemitisch, wenn er sagt, dass er mit dem "Club" des Judentums nichts mehr zu tun haben möchte. Er lebt praktisch vor, dass es neuer Orthodoxien nicht bedarf. Levy und Franke aber spielen gegen ihre Hauptfigur: Sie setzen auf die Attraktionen eines kulturellen Judentums, an dem sie den religiösen Kern nicht ernstnehmen wollen."
Die hinreißende Screwball-Comedy gedreht muß einen Vergleich mit Lubitsch nicht fürchten, meint Matthias Reichelt. "Äußerst sympathisch konfrontiert Levy DDR- und BRD-Geschichte, orthodoxes und säkulares Judentum, konterkariert - auch antisemitische - Klischeevorstellungen. Der treffsichere Witz der Dialoge und die hervorragende Besetzung bewahren den unglaublich beladenen Plot davor, als Klamotte zu enden. Levy hat sehr auf Tempo inszeniert. Die Handlung stürzt durch rasante Schnittfolgen über den Zuschauer herein."
Die rasante Beerdigungskomödie kommt zur rechten Zeit, findet Christiane Peitz. Sie hat sich die Augen gerieben "angesichts der heiteren Gelassenheit, mit der der schweizerische Wahlberliner Levy jenen bittersüßen (politisch unkorrekten) jüdischen Humor entwickelt, der seit Lubitsch und Wilder so gründlich aus Deutschland vertrieben wurde. Obendrein reizt er das komödiantische Potenzial seiner Schauspieler auf eine Weise aus, die manche Blockbuster-Komödie blass aussehen lässt. ... ein Film, der zwar mitunter ein wenig an Tempo verliert, aber die Billardtechnik unweigerlich ihrem Schicksal entgegenrollender Kugeln für die eigene Dramaturgie beherzigt. Rasante Kehrtwendungen, raffinierte Parallelmontagen, Haken schlagende Pointen - immer gilt: neues Spiel, neues Glück."
Die wunderbar respektlose Komödie ist koscher wie ein Schweinskotlett, findet Antje Schmelcher. "Der Film feiert eine kleine Versöhnungsorgie. Jeder wird hier mit jedem versöhnt, die Lesbe mit dem Schwiegervater, der Orthodoxe mit dem Gottlosen, der Arme mit dem Reichen, der Westen mit dem Osten und vor allem die Deutschen mit sich selbst. ... Man kann dem Film seine Klischees über den Osten, die Juden und die Deutschen an sich vorwerfen, doch davon lebt nun mal Komödie. Und nichts ist komischer als die zwangsweise Auferstehung gefallener Engel, wenn sie dabei fluchen wie Henry Hübchen."
Für Ulrike Rechel jongliert ALLES AUF ZUCKER mit großen Themen. "Es geht um vermeintliche Wendegewinner und -verlierer, um jüdisches Leben in einem von Rezession gezeichneten Deutschland, um jüdischen Witz und die geliebt-verhasste Mischpoke als solche. Das klingt nach ziemlich schwerem Gepäck für eine Komödie. Doch Levy nimmt seine bereits in früheren Filmen aufgegriffenen Lieblingsmotive auf die leichte Schulter - was ihnen gut bekommt. Letztlich erzählt er nichts weiter als eine verrückte Familiengeschichte um einen charismatischen Chaoten, der sich im Leben einige Male zu oft verzockt hat."
Der Verleih vermarktet ALLES AUF ZUCKER als erste deutsche Komödie mit typisch jüdischem Humor seit den glorreichen Zwanzigern, schreibt Caroline M. Buck. Es wurde Zeit für einen solchen Film. "Weil wenige nicht-jüdische Deutsche wirklich wissen, wie ein orthodoxer, wie ein liberaler oder atheistischer Jude so lebt, und weil es endlich Zeit wird, dem Bild vom leidenden Juden auch mal das eines Juden in Alltagssituationen entgegenzustellen, mit dem oder über den auch mal gelacht werden darf, war es Zeit für diesen Film."
Der Film ist voller befreiender Selbstironie. "Es fällt leicht, den Film zu mögen: Dialogstark und mit satirischem Zuckerguß zeigt Levy menschliche Neurosen, und aus einer unverkrampften Perspektive deutsch-jüdische Beziehungen ohne Berührungsängste."
Für Anke Sterneborg kommt ALLES AUF ZUCKER so entspannt und leicht daher wie kein anderer Film des Regisseurs. "Dabei hilft Levy der jüdische Mutterwitz, den er hier entfaltet, ebenso wie die Präsenz einer illustren Riege von Schauspielern, von Henry Hübchen, der in der Titelrolle auch seine eigene, nicht immer ganz leichte Wendegeschichte durchscheinen lässt, über Hannelore Elsner, die selten so erdig daherkam wie hier als resolut charmante Ehefrau und Mutter bis zu Udo Samel als Zuckers nach dem Fall der Mauer im Westen verbliebener, orthodox jüdischer Bruder."
Katharina Dockhorn führt ein Interview mit dem Regisseur Dani Levy.
Ulrich Kriest begrüßt die Kinoauswertung des Films, fragt aber, "inwieweit die Verbindung von Komödie und jüdischer Gegenwart glücklich gewählt ist, zumal die jüdische Gegenwart eigentlich ein blinder Fleck in der Komödienkonstruktion bleibt, die extrem von der Ausnahmesituation lebt. Mit Ausnahme von Jaeckie Zucker wirkt keine Figur ausgearbeitet, was dem Film eine blutleere Asymetrie verleiht ... So erscheint ein bis in die Nebenrollen hervorragendes Darstellerensemble letztlich durch das schwache Drehbuch unterfordert, das nie die vorgetäuschte dramatische Fallhöhe einlöst und sich um die zentrale Problematik herumdrückt."
Regine Sylvester führt ein ausführliches Interview mit dem Schauspieler Henry Hübchen.
Philipp Gessler spricht mit Drehbuchautor, Schauspieler und Regisseur Dani Levy über die komödiantische Seite von Nazimonstern, die lebensrettende Kraft des Humors, Scham, das Glück der Erde, Adventskerzen, seine jüdische Familie und Alfred Hitchcock und seinen neuen Film ALLES AUF ZUCKER.