| Regie | Walter Salles |
Im Jahr 1952, noch als Studenten, unternehmen Che Guevara und Alberto Granado eine neunmonatige Reise durch halb Lateinamerika: Zuerst auf einem alten Norton-500 Motorrad, dann, als dieses seinen Geist aufgibt, zu Fuß, per Amazonas-Dampfer und auf den Ladeflächen unzähliger klappriger Lastwagen. Aus den unbesorgten Jünglingen, die sorglos in den Tag hineinleben und mit fantasievollen Abenteuergeschichten die lokalen Dorfschönheiten bezirzen, werden im Laufe der Reise nachdenkliche Männer, die am eigenen Leib die wahren Tragödien Lateinamerikas erfahren. Eine endlose Geschichte von Armut und Reichtum, Stolz und Tradition, Temperament und Lebensfreude, Unterdrückung und Ungerechtigkeit ...
Aleida Guevara, Tochter von Che Guevara, macht Anmerkungen zu den verfilmten "Motorrad-Tagebüchern" ihres Vaters.
Oliver Hüttmann bringt es auf den Punkt: "Das wunderbar fotografierte Epos scheut keinen Romantizismus, zementiert das Bild eines Heiligen und findet dennoch zu einer mitreißenden Wahrhaftigkeit. ... DIE REISE DES JUNGEN CHE ist keine intellektuelle Auseinandersetzung mit Guevara oder der kubanischen Revolution, sondern reines, großes und auch großartiges Gefühlskino. Denn so sehr Salles zwar einfach, aber unmissverständlich das Elend der Einheimischen und vor allem der Indios zeigt, verortet er den Kreuzweg im Leben des jungen Ché doch in der Liebe."
Mathias Heybrock findet den Film freundlich. "Die überraschend spritzige Inszenierung präsentiert uns junge Kerle, die sich auf ihrem Gefährt übermütig in jede Kurve legen und so manches Mal auf die Nase fallen. Die an jedem Halt den Dorfschönheiten hinterher pfeifen und sich dabei manchen Ärger einhandeln. Die Reise des jungen Che ist ein klassisches Roadmovie, dass sich an den Abenteuern seiner Helden berauscht; das in den prächtigen Landschaften schwelgt, die durchquert werden: Die endlosen Weiten Argentiniens, die schneebedeckten Anden, die Ruinen der Inkastädte in Peru, die glühende Atacama-Wüste Chiles."
Für Sascha Westphal hätte der brasilianische Filmemacher eine Idee von Ches Leben haben müssen, um die Pop-Ikone zu demontieren. "Der eigentlich unvermeidlichen Spannung zwischen Ideal und Realität weicht Salles jedoch aus. Die Wirklichkeit dringt zwar gelegentlich in Form frontaler Großaufnahmen in den Film ein, die die vom Leben gezeichneten Indio-Gesichter zeigen, doch diese Ausflüge in eine von fern an den Neorealismus erinnernde Ästhetik bleiben reine Kosmetik. Sie wirken wie lästige Fremdkörper im ansonsten perfekten Fluss der schönen, auf Hollywood-Hochglanz polierten Bilder dieser antiimperialistischen Version von Saulus' Reise nach Damaskus."
Überzeugend bebildertder Film die Wandlung Ches, meint Nick Brauns. "Die Schauspieler Rodrigo de la Serna und Gael Garcia Bernal überzeugen in den Rollen des draufgängerischen Alberto und des eher in sich gekehrten Ernesto. Drehbuchautor José Rivera ist es gelungen, den Mythos zu erden. ... Der Film vermeidet plumpe Birth-of-a-Hero-Propaganda. Vielmehr erlebt man zwei junge Männer, die wie Tausende andere Studenten vor Beginn des Berufslebens noch einmal das große Abenteuer suchen."
Andreas Busche hat über die Leerstellen der politischen Geschichte nachgedacht. Der Film vermag diese nicht zu füllen. Trotzdem gelingt dem Regisseur "die Schilderung einer politischen Begriffsbildung. Unscharf und unbewusst ist dieser Begriff zunächst, bis er am Ende einer beschwerlichen Reise artikulierbar geworden ist: 'unser Amerika'. ... Vielleicht spricht aus Salles Film, aus seiner Weigerung einer kritischen Positionierung und aus der naiven Sentimentalität in den Gesten Gael García Bernals auch nur Godards totzitierte Forderung, keine politischen Filme, sondern Filme politisch zu machen."
Ute Hermanns führt ein Gespräch mit dem brasilianischen Regisseur über Identitätsfindung, politisches Kino, über Inkas und Phönizier.
Einen zwiespätligen Eindruck hat der Film bei Eberhard Panitz hinterlassen. Wenig Sorgfalt hat der Regisseur "auf Atmosphäre und Dramaturgie gelegt, die hier - bis zum etwas überraschendend lustlos-abrupten Ende - weitgehend der Chronologie der Ereignisse folgt. Was mit dem Abstand von gut fünf Jahrzehnten fehlt, ist allerdings ein Gespür für das Lebensgefühl der 50er Jahre. Angefangen von der Musik bis über die Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse atmet diese REISE DES JUNGEN CHE eher den Charme des Pittoresken. Das gilt gleichermaßen für die Zeichnung der Moralvorstellungen in der Provinz, die hier einfach nicht der Realität der frühen 50er entspricht."
Vor allem tolle Landschaften hat Diedrich Diederichsen gesehen. "In diesem dünnen Film geht es nämlich wirklich um nichts, nicht einmal um Abenteuer. Er bleibt an der Beiläufigkeit von Reiseerinnerungen hängen und kann sie nur sehr selten und dann ungeschickt mit einer im Nachhinein erworbenen 'historischen Dimension' verknüpfen. Offensichtlich hatten der Regisseur und sein prominenter Coproduzent Robert Redford vor Geschichte und Politik große Angst."
Für Ulrich Seidel funktioniert der Film wie eine Bildungsreise, genauer: "als Persönlichkeitsbildungsreise, und noch genauer: als Revolutionsführerpersönlichkeitsbildungsreise - mit opulenten Landschaftsaufnahmen und opulenter Menschlichkeit. Die sozialistische Revolution stellt man sich als eine Wohlfahrtsveranstaltung im Urlaubsparadies vor. ... Der Film lässt seinen Protagonisten, den Revolutionär mit dem goldenen Herzen, im Rückblick auf sein Leben die Frage stellen, ob er nicht zu konsequente Schlüsse aus seinen Erlebnissen gezogen habe. 'Vielleicht' haucht er sich im Off, das man sich als himmlisches Jenseits denken darf, als Antwort zu."
Hanns-Georg Rodek hat etwas Sozialromantik und viel Road Movie gesehen. Der Regisseur "instrumentalisiert die Bilder von Ausbeutung, Armut und Krankheit nicht. Sie kommen bei ihm eher am Rande vor, wie sie auch in den Aufzeichnungen Guevaras und Granados eine Nebenrolle spielen. Die Reisenden sind primär mit sich selbst beschäftigt ... So sind die "Motorcycle Diaries" (so der Originaltitel) weniger zu einem Agitations- denn zu einem Road Movie geraten, ausgezeichnet gespielt, komisch und bewegend in den genau richtigen Dosen, schwerelos dahinschwebend, sich die frische Luft um die Nase wehen lassend. Indem Salles jedoch die einschneidenden Reiseerfahrungen Guevaras mit einem gewissen Weichzeichner überzieht, macht er es uns auch schwerer, die Erweckung des sozialen Gewissens bei ihm nachzuvollziehen."
Hanns-Peter Rodnick porträtiert zudem den Schauspieler Gael García Bernal und spricht mit ihm.
Kerstin Decker deckt das für sie Schlimmste an dem Film auf, zum Beispiel die viele Symbolik. "Der junge Gael Garcia Bernal spielt diesen Ernesto sensibel, asthmatisch und mit jener Unbeirrbarkeit, die sympathisch ist und tief irritierend zugleich. Bernal, könnte man denken, hat nur einen Fehler. Er sieht nicht aus wie Che Guevara. Falsch. Denn auf den frühen Fünfzigerjahre-Fotos sieht Che Guevara auch nicht aus wie er selbst. Eher wie Bernal."
Andreas Kilb hat die doppelte Perspektive des Films wahrgenommen: "DIE REISE DES JUNGEN CHE spricht mit Guevaras Stimme, aber sie folgt Granados Blick. ... In Wahrheit geht es in der DIE REISE DES JUNGEN CHE weder um Che Guevara noch um seine revolutionären Träume. Es geht um die Welt, in der die Revolution bis heute nicht stattfand und auch nicht stattfinden wird, die Welt des südamerikanischen Subkontinents. Viel deutlicher als jede plakative These sprechen die Bilder dieses Films von den Beschränkungen, denen jeglicher zivilisatorischer Fortschritt in Südamerika unterworfen ist. ... Selten hat ein Roadmovie menschliches Elend und landschaftliche Schönheit so unvermittelt nebeneinandergestellt, das Sterben der Armen und die Steine der Inkas, die Schwären der Leprakranken und das Leuchten der Sonnenuntergänge am Amazonas."
Für Fritz Göttler bekennt sich der Regisseur "zum Erbe des Neorealismus, der die Kameras aus den Studios holte und näher an die Gesichter auf den Straßen brachte, und der übers brasilianische Cinema Novo seine Generation beeinflusst. ... Aber die Aura von Che schließt den Film hermetisch ab, stumpft seine Bilder ab, setzt diffuse Solidarität mit den Unterdrückten, Ausgebeuteten, Kranken an die Stelle risikobereiter Freundschaft. Die groteske Verrücktheit der Jugend vermisst man."
Für Adriano Sack erzählt DIE REISE DES JUNGEN CHE davon, wie man Revolutionär wird. "Die Reise durchs Land ist ihm nicht nur Metapher der Selbsterkundung seiner Protagonisten, sondern auch Marketinginstrument für Südamerika. Das Reisereportagehafte seiner Bilder scheint durchaus beabsichtigt: Salles will den Zuschauer im altmodischen Sinne überwältigen, verführen, läutern. Das gelingt ihm auch mit der REISE DES JUNGEN CHE. Ernesto Guevara, ein angehender Mediziner, und sein bester Freund Alberto Granada (Rodrigo de la Serna) machen sich auf, um Land, Leute - vor allem die weiblichen - zu erkunden. Das ist manchmal lustig, oft mühsam, und natürlich werden sie dabei, so will es das Filmgenre, ein bißchen erwachsen."
Mariam Schaghaghi führt ein Interview mit dem Schauspieler Gael García Bernal über Guevara, Hollywood und Tollwut.
Rüdiger Suchsland schreibt ein Porträt über den Schauspieler Gael García Bernal.