| Regie | Paul Greengrass |
Als ein hochrangiger chinesischer Politiker umgebracht wird, spricht alles dafür, dass Bourne der Attentäter ist. Beim CIA weiß man, dass dieser unschuldig unter Verdacht geraten ist. Es scheint, als ob Bournes Person benutzt wurde, um eine diplomatische Krise zwischen den USA und China zu provozieren. Doch zwischen den Fronten der internationalen Geheimdienste und auf der Suche nach seiner wahren Identität bleibt ihm wenig Zeit herauszufinden, wer hinter der Verschwörung steckt: Denn seine Gegner haben auch Freundin Marie ins Visier genommen ...
Fritz Göttler hat ein klassisches Ödipus-Stück gesehen. "der Junge, der sich gegen die Väter wendet, die Patriarchen der CIA. Und sich dabei der Mutter annähert, die ihm sein Geheimnis klären helfen soll. Pamela Landy, eine Spitzenkraft der CIA, organisiert die Suche nach Bourne in Berlin. Einmal hat, vom gegenüberliegenden Dach aus, Jason sie in seinem Visier, während er mit dem Handy mit ihr telefoniert. Sie schrickt zusammen, als sie von diesem Blick erfährt ... Es ist eine Liebesbeziehung, die sich hier entwickelt."
Für Hanns-Georg Rodek ist der Film trotz seiner "technologischen Atemlosigkeit so up-to-date wie nur vorstellbar. ... Der Brite Paul Greengrass - vor zwei Jahren Berlinale-Gewinner mit BLOODY SUNDAY - meistert die Herausforderung grandios, indem er jedes erzählerische Gramm Fett radikal abschmilzt. Es geht für Bourne einzig darum, am Leben zu bleiben, und dazu muß jeglicher Ballast abgeworfen werden, selbst Freundin Marie (Franka Potente); der Film könnte genauso gut "Jason rennt" heißen."
Daß Franka Potente nur drei Sätze sagen darf, findet Bodo Mrozek nicht schön. "DIE BOURNE VERSCHWÖRUNG kommt schnell zur Sache, rasanter und intelligenter als ihr erster Teil. Mit dem ging es einem ein bisschen wie seinem Protagonisten: irgendwie kam einem alles seltsam bekannt vor, man wusste nur nicht so genau woher. Wer aber über ein langes Gedächtnis oder eine gut sortierte Videothek verfügt, erinnerte sich."
Für Andreas Busche hängt die Hauptfigur seltsam zwischen den Epochen. "Jason Bourne wird in DIE BOURNE VERSCHWÖRUNG gleich zur doppelt tragischen Figur. Nach dem Verlust des Gedächtnisses muss er auch noch den Verlust seiner Freundin erleben. Bournes Tragik zieht jedoch keine politischen Konsequenzen nach sich. Die Chance einer kritischen Selbstreflexion umgeht der Film geschickt. Am Ende steckte nur ein anderer Maulwurf hinter der Verschwörung, und der Apparat hat sich erfolgreich selbst gereinigt."
Für Caroline M. Buck ist die CIA ein Privatverein. "Politische Stellungnahme ist in DIE BOURNE VERSCHWÖRUNG nur insoweit gefragt, als die US-amerikanische CIA als ein Geheimdienst voller Privatinteressen erscheint, mit der modernsten Technologie operierend, aber alles andere als effizient, wenn es darum geht, Eigenmächtigkeiten innerhalb der eigenen Reihen aufzuspüren. Was die Filme frei nach den Romanen von Robert Ludlum allerdings nicht daran hindert, CIA-Oberen unwidersprochenen Zugang zu Berliner und Moskauer Tatorten gleichermaßen einzuräumen."
Für Birgit Roschy ist fast der interessante Aspekt "die Wiedererkennbarkeit der meisten Schauplätze, da der Thriller größtenteils in Berlin gedreht wurde. Die breiten Ausfallstraßen Ostberlins mussten beim Showdown sogar als Moskau-Double herhalten. ... Regisseur Paul Greengrass filmt meist mit Handkamera, was vor allem bei den langen, erstklassigen Auto-Verfolgungsjagden eine Schwindel erregende und zugleich altmodische Spannung erzeugt; auch der atmosphärisch trübe Ost-Look von Berlin und Moskau erinnert an die Spionagethriller aus einer Zeit, in der noch Erwachsene ins Kino gingen."
Der heimliche Star in DIE BOURNE VERSCHWÖRUNG ist Berlin, meint Peter Zander. Ansonsten ist der Film ein "ein routinierter Agententhriller, der das Genre nicht neu erfindet. Aber er ist schnell und spannend. Und der letzte Film, der soviel Berlin zeigte, war vermutlich LOLA RENNT. Das ist nicht ohne Ironie, denn dessen Hauptdarstellerin Franka Potente spielt auch in diesem Film mit."
Für Andreas Kilb sieht der Regisseur die Stadt als Labyrinth: der Zeiten, der Stile, der Identitäten. "Was in den schachbrettartigen amerikanischen Städten unmöglich erscheint, wird in Berlin wieder filmisch plausibel: das Sichverirren, Sichverlieren am hellichten Tag. ... Wer die ersten Minuten des Films für einen Zufallstreffer der Regie gehalten hat, wird durch die Goa-Sequenz eines Besseren belehrt. Greengrass, der den Handkamerastil des Dogma-Kinos ebenso beherrscht wie die klassische Attraktionsmontage, zerstört die exotische Anmutung des Schauplatzes auf ebenso simple wie effektive Weise, indem er einfach alles wegläßt, was nach Ornament aussieht. Also keine Schlangenbeschwörer, keine zerwühlten Laken a la James Bond; statt dessen die wilde Flucht des Paares im Kleinwagen vor dem Killer mit Zielfernrohr, der am Ende doch die Oberhand behält."
Für Bert Rebhandl ist der Film "ein Reißer, in dem es nicht wirklich um etwas geht. Gute Agententhriller sind auf vertrackte Weise zeitgenössisch: Sie arbeiten eine Angst durch oder ein Unbehagen; in erster Linie ist jener Ort in der Gesellschaft herauszufinden, an dem es um etwas geht. DIE BOURNE VERSCHWÖRUNG hingegen ist ein Film ohne Unbewusstes; alles liegt plan zu Tage. Matt Damon ist ein Killer ohne entsprechenden Instinkt - ein Widerspruch, der Paul Greengrass nicht interessiert, weil er nur an der Choreografie arbeitet."
Für Martin Rosefeldt ist der Berliner Agenten-Thriller der 50er und 60er Jahre wiederauferstanden.
DIE BOURNE VERSCHWÖRUNG ist "eine sehr solide Aneinanderreihung von Verfolgungsszenen", meint Holger Römers. "Nicht nur in dieser aufwändigen Verfolgungssequenz sind Kamera und Montage technisch und ästhetisch ganz 'en vogue', wobei eine neue Apparatur eingesetzt wurde, die es der Kamera erlaubt, noch unbeschränkter ins furiose Geschehen einzutauchen. Diesen Effekt unterstreichen Stakkato- Schnitte, die mit erfreulichem Gespür für Rhythmus gesetzt sind. Trotzdem wünscht man sich, dass der Film auch formal in gewisser Hinsicht so altmodisch wäre, wie es sein Stoff punktuell ist. Dass eine Verfolgungsjagd filmästhetisch auf der Höhe der Zeit ist, heißt nämlich auch hier, dass die Filmemacher gar nicht mehr beabsichtigen, dem Publikum einen Überblick über den rasanten Ablauf zu vermitteln."