| Regie | Joshua Marston |
| Kinostart | 21.04.2005 |
Peer Schmitt macht sich in einer Serie Gedanken über Frauenkörper und Grenze: Teil 1 behandelt den kolumbianischer Spielfilm MARIA VOLL DER GNADE.
Rüdiger Sturm spricht mit Catalina Sandino Moreno über ihre Blitzkarriere, den Alltag in ihrer Heimat und die Realität des amerikanischen Traums.
Christina Nord spricht mit dem Regisseur Joshua Marston über verlogene Antidrogenkampagnen, Recherchen in Gefängnissen und Zollbehörden und die Notwendigkeit des genauen Blicks.
Das Interesse des Regisseurs gilt den schwächsten Glieder in der Wertschöpfungskette, den Menschen, schreibt Andreas Busche. "Die Globalisierung erhält in diesem Film ein Gesicht - das der 23-jährigen Catalina Sandino Moreno. Die Schauspielerin ist schlicht ein Ereignis: traurig, ernst, stolz und schön, in einer Sekunde von entwaffnender Offenheit, in der nächsten überschattet von einer unnahbaren Ernsthaftigkeit, die die Seele der jungen Frau vor unseren neugierigen Blicken verschließt."
Daniela Pogade schreibt über Newcomerin mit Oscar-Nominierung, die Schauspielerin Catalina Sandino Moreno. "In der Rolle der Maria zeigt Catalina Sandino Moreno eine darstellerische Noblesse, die begeistert. Sie ist listig und ahnungslos, mutig und scheu, jung und reif zugleich, ohne dass ihr irgendeine Bemühung anzumerken wäre."
Keine Brutalitäten - jedenfalls keine des gängigen Formats, hat Daniela Pogade gesehen. "MARIA VOLL DER GNADE ist ein sehr sehenswertes Regiedebüt, auch wenn der Film keine unerforschten Wege beschreitet. Allerdings hat der noch wenig bekannte Regisseur Joshua Marston den Mut und die Stirn besessen, dem amerikanischen Markt eine Produktion mit ebenfalls unbekannten Schauspielern in spanischer Sprache anzubieten. Gemessen an den bisher errungenen Festivalpreisen und Premieren in der ganzen Welt - vor einem Jahr lief der Film auf der Berlinale, wo seine Hauptdarstellerin den Silbernen Bären erhielt - ist der Film ein überraschender Erfolg geworden."
Immer dicht an der Hauptfigur bleibt der Film, hat Julian Hanich entdeckt. MARIA VOLL DER GNADE ist ein ausgesprochen runder Film. "Das alles aber wäre nicht viel wert, hätte Regisseur Joshua Marston für seinen Erstlingsfilm nicht diese Maria entdeckt - gebenedeit mit einer Natürlichkeit von Elodie-Bouchez-artigen Ausmaßen. Die Novizin Catalina Sandino Moreno, in diesem Jahr für den Oscar nominiert, ist alles ohne Mühe: mal ängstlich, mal wütend, mal zögernd, mal schnippisch, mal charmant und dann wieder verkniffen. Und dann gibt es die Momente, in denen sie doch zu weinen beginnt. Bei diesen Szenen bekäme selbst der dreckigste Dirty Harry glasige Augen."
Das erzählerisches Geschick des Regisseurs liegt in der Dosierung, meint Gerhard Midding. "Moreno ist die treibende Kraft des Films, ihre Gesten und Handlungen sind der wesentliche Beweggrund der Kamera. Ihre Leinwandpräsenz verleiht dem Erstlingsfilm von Joshua Marston eine triftige Innenspannung. Er gibt sich den Gestus des Dokumentarischen, die Handkamera fingiert journalistische Neugier an den anthropologischen Details der Verstrickung von Armut, provinzieller Enge und Drogenhandel. Er erzählt mit einer vermeintlich kühlen Sachlichkeit, die angesichts der schon rein körperlich kaum erträglichen Umstände nicht moralisieren, sondern emphatisch erklären will."
Für Volker Mazassek erzählt der Regisseur die Geschichte ganz einfach - ohne Wertung und ohne Parteinahme. "Das riecht nach dem nicht falschen, aber auch einfachen Muster, dass Armut und Notlagen die Menschen in ungesetzliches Handeln treiben. Mit solch wohlfeilen Erklärungen gibt sich Marston in seinem sehr gelungenen Erstling nicht ab. ... Dinge passieren als Verkettung bestimmter Umstände, nichts weiter. Marston begeht nicht den Fehler, das komplexe Feld Drogen in Gänze zu beackern."
Ein ergreifendes fiktives Porträt - jenseits ethnischer Klischees und ganz ohne moralisierenden Dünkel lobt David Kleingers. "Viel ist bereits über den Symbolgehalt jener Szene geschrieben worden, in der Maria die Drogenpäckchen vor den Augen ihrer Auftraggeber schluckt. Die perverse Poesie dieses Bildes, das willkürlich an das Empfangen des heiligen Sakraments gemahnt, ist augenfällig. Aber trotz der Suggestivkraft einer schmutzigen Kommunion in Kolumbien und ungeachtet des religiösen Bezugs im Titel ist der ehemalige Journalist Marston als Filmemacher vor allem kritischer Materialist. Und es ist letztlich die erschreckende Banalität des gezeigten Menschen- und Warenhandels, die seinen kompromisslosen und wahrhaft unabhängigen Independentfilm so effektiv macht."
Der Film erzählt für Andreas Busche keine Passionsgeschichte. "Das Leben in Kolumbien schildert Marston mit dokumentarischer Zurückhaltung. Er zeigt die Armut der Menschen, erhebt sie darüber aber nicht zu Heiligen. Ihre Selbstachtung erfahren sie durch das, was sie schaffen. ... Am Ende ist Maria wirklich "full of grace". Die letzte Einstellung zeigt sie auf die Kamera zuschreitend, ihr altes Leben hinter sich lassend, auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft. Marston hält sie in Zeitlupe fest, aber das hat nichts Prätentiöses oder Gekünsteltes. Es ist vielleicht die einzige Möglichkeit, die Energien des Mädchens zu zügeln. In dieser langen Schlussminute, in der sich Maria stolzen Hauptes den Zuschauer/innen nähert, strahlt sie Selbstsicherheit und Kraft aus. Diesen Blick wird man so schnell nicht vergessen."
Als Kinodebüt in der Tradition der Sozialfilme von Ken Loach bezeichnet Kirsten Liese MARIA VOLL DER GNADE. "Schonungslos, authentisch, unpathetisch und ungemein packend erzählt der Kalifornier von miesen Jobs, skrupellosen fiesen Drogenbossen, Armut und unwürdigen Lebensbedingungen in den Elendsvierteln Kolumbiens. Seine Bilder sind frei von Künstlichkeit. Da muss kein Licht gedämpft sein, keine Kamera wackeln, damit sich der Zuschauer beteiligt fühlt. Es sind vielmehr die Details, die einen unruhig machen und mitreissen. Schritt auf Tritt folgt die Kamera der Heldin und beobachtet sie."
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Franz Everschor ist überaus angetan von diesem Erstlingswerk. "Trotz all seines Realismus ist MARIA VOLL DER GNADE weder ein Dokumentarfilm noch ein politischer Thesenfilm. Es ist eine ganz persönliche, aus der Sicht der 17-jährigen Hauptfigur gefilmte Geschichte, die allenfalls dadurch didaktische Züge annimmt, dass sich der Zuschauer vollkommen mit ihr identifiziert. ... Marston hat eine Menge gelernt von Vorbildern wie Ken Loach und Mike Leigh. Zum Beispiel, seine Darsteller viel improvisieren zu lassen und weite Teile der Handlung mit der Handkamera aufzunehmen. Beides verleiht der im Voraus bis ins Detail ausgearbeiteten Story jene Spontaneität, die Marias Schicksal erst so überzeugend und mitvollziehbar macht. Auch dass er den Mut aufbringt, entscheidende Fragen über die Zukunft seiner Charaktere unbeantwortet und moralische Werturteile außen vor zu lassen, demonstriert eine Selbstsicherheit, die bei Erstlingsfilmen selten anzutreffen ist."
Für Diedrich Diedrichsen zeigt der Filme die Chancen, die Migranten haben. Der Regisseur "verbündet sich mit der Migrantin, wenn er so akkurat wie liebevoll deren Entscheidungen im Angesicht totaler Perfidie nachvollzieht. Er nimmt die Perspektive des anderen, an der Koproduktion beteiligten Partners ein, wenn er den Weg zum Bleiben als fast darwinistische Selektion der Fittesten zeigt."
Für Daniela Sannwald hätte es ein "globalisierungskritischer Thesenfilm" werden können, aber der Regisseur macht es sich nicht einfach. Er differenziert. Der Film "zeigt im dokumentarisch-unterkühlten Stil, aber immer noch schmerzhaft eindrucksvoll genug, die professionellen Praktiken zweier Branchen, die sich, was Arbeitsbedingungen und Profitmargen betrifft, nicht prinzipiell unterscheiden".