| Regie | Robert Lepage |
| Kinostart | 29.06.2006 |
Philipp Bühler lobt den wunderbaren Bastelfilm. "Die Perfektion seiner visuellen Gimmicks wirkt nie steril, weil sie nicht von hohem Budget zeugt, sondern von einer wahnwitzigen Hingabe. So bunt und pfiffig das alles aussieht, ist es doch angenehm altmodisch. ... Seine Spezialeffekte, die er in seinem weltweit erfolgreichen Bühnenstück bereits einstudieren durfte, sind aber nie Selbstzweck. Notwendig dienen sie Philippes diversen Reisen in die kindliche Vergangenheit, in seine immer melancholischer wirkenden Phantasiewelten und schließlich auf die andere Seite des Mondes, deren Krater im interplanetaren Wettlauf ausschließlich nach sowjetischen Kosmonauten und Denkern benannt wurden."
Es braucht mal wieder einen solchen Bilderrausch, scheint der Film zu seiner eigenen Rechtfertigung sagen zu wollen, schreibt Dietmar Kammerer. "Während er auf Theaterbrettern mit schöner Kontinuität Erfolge feiert, fanden seine wenigen Kinofilme meist wenig Gnade: Kunstvoll fabrizierte, aber in ihrer freischwebenden Schönheit letztendlich leerlaufende Selbstbespiegelungen des Regisseurs-Egos, lauteten die gängigen Urteile über Lepages bisherige Leinwandversuche. In seinem jüngsten Film muss man demgegenüber seinen Willen zum hochfliegenden Effekt fast schon zurückhaltend nennen, so sehr ordnet er die Lust am assoziativen Fabulieren der anrührend erzählten Geschichte der Annäherung zweier Brüder unter."
Für Dietmar Kanthak ist DIE ANDERE SEITE DES MONDES eine metaphysische Beziehungsgeschichte: poetisch, verrätselt und verspielt. "Lepage geht es nicht allein darum, die unterschiedlichen Temperamente und Lebensperspektiven der Brüder miteinander zu kontrastieren. Er steigert das Persönliche ins Kosmische. DIE ANDERE SEITE DES MONDES ist ein im Wortsinn All-umfassender Film. Der Mensch ist hier Teil des Universums, eingebunden ins Große, Ganze. ... Die kosmische Energie, die in DIE ANDERE SEITE DES MONDES steckt, verflüchtigt sich spätestens nach der Hälfte der insgesamt 105 Minuten. Stärker wirken die bisweilen magisch arrangierten, stummen Beziehungsbilder: vor allem die zwischen Mutter und Sohn."
Eine philosophierende Komödie sah Ulrich Kriest, "die immer wieder zwischen den erkenntnistheoretischen Optionen der Induktion bzw. der Deduktion hin- und herspringt. Dass dies gelingt, ist auch ein Meisterstück der Montage, die sich weder um die Vermittlung der Zeitebenen noch um die Vermittlung von Realität und Traum schert, sondern "einfach" einen "Stream of Consciousness" produziert, dem man sich, wie einst bei Chris Marker, getrost überlassen kann. ... Lepages Film ist vielleicht nicht der filmisch geführte Gegenbeweis, aber ein luzides Beispiel dafür, dass es sich lohnt, weiter von der Überwindung der Schwerkraft zu träumen."
Traumhaft, wie dieser Film gemacht ist, lobt Jan Schulz-Ojala. "Die Waschmaschinentrommel alias das Raumschiffbullauge alias das Goldfischglas, die schon auf dem Theater als Illusionisten-Requisiten funktionierten, sind hier unwiderstehliche Überblendungsmittel, die - unterstützt von feinstjustierter Tonspur - schon früh den Eindruck eines gänzlich schnittlosen Films herstellen. Von einer Szene (Kamera: Ronald Plante) schwebt man in die nächste, ohne das Scharnier zu fühlen und nimmt, da hier wohl eine unendliche Trancefahrt durchs Leben avisiert ist, zwecks zartem Szenenwechsel bald auch die gute, alte Schwarz- oder Weißblende in Kauf."
Christina Bylow hat ein grandios gespieltes Doppelporträt gesehen. "Wie sich die gegensätzlichen Brüder wieder näher kommen und wie Philippe seine bequeme Erfolglosigkeit plötzlich hinter sich lässt, erzählt Lepage in einem wundersam ausbalancierten Werk. Vergangenheit und Gegenwart, Filmhandlung und Dokumentaraufnahmen, surreales und realistisches Kino sind darin spielerisch verwoben. Bei aller Tristesse, die Philippes Leben innewohnt, erspart Lepage seiner Figur jedes Mitleid. Er begleitet sie mit sanfter Ironie durch die Missgeschicke, die wie nach dem Gesetz der Serie in Philippes Leben aufeinander folgen."